Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Oktober 2007
Der Wanderer
von Gerd Schmidinger

Nun war ich schon eine Woche unterwegs, ohne gefunden zu haben, wonach ich suchte. Dabei war ich am ersten Tag meiner Wanderung überglücklich gewesen. Ich hatte einfach Abstand zu meinem alltäglichen Leben gebraucht, zu meiner Freundin, zu meinem Job, zu meinen Freunden, die sich immer nur über ihren Job und ihre Freundin beklagten und im Grunde genauso kläglich versagten wie ich, obwohl oder gerade weil sie alle recht gut bezahlte Jobs in aussichtsreichen Positionen hatten.
Ich hatte die Einsamkeit gesucht, oder besser: ich hatte Erfüllung in der Einsamkeit gesucht. Die Einsamkeit hatte ich gefunden, schon am ersten Abend, als ich in einem verlassenen Heuschober nächtigte, hatte ich mich einsam gefühlt und eine warme weibliche Schulter vermisst und dabei nicht gewußt, welcher Frau sie gehören sollte. Erfüllend war die Einsamkeit nicht. Aber es war schön, durch die kleinen Dörfer des Schwarzwaldes zu wandern, durch raschelndes Laub zu gehen, den Kühen zuzugucken, wie sie gelangweilt durch mich hindurchblickten, Eichhörnchen, Krähen und Bussarde zu sehen und jeden Abend hundemüde einzuschlafen.
Dennoch erschien es mir wie eine Vision, als ich die hübsche blonde Reiterin entdeckte. Ich schlenderte gerade einen Feldweg im Nirgendwo entlang, überall nur Wälder und Wiesen und vereinzelte Höfe, da kam sie mir entgegen und lächelte. Unwillkürlich sprach ich sie an. Ich suchte noch ein Nachtlager, vielleicht wußte sie eins, und vielleicht – na ja, träumen wird man ja wohl noch dürfen, dachte ich mir und betrachtete verstohlen ihre ausladende Oberweite.
Ohne Umschweife bot sie mir an, bei ihr die Nacht zu verbringen; ihr Mann wäre gerade nicht da, also könnte ich auch gerne im Haus übernachten. Ich jubilierte. Einerseits freute ich mich tatsächlich auf die zivilisatorische Wärme eines Hauses, andererseits aber auch auf einen Abend, den ich offensichtlich mit einer überaus freundlichen und gut gebauten Mittvierzigerin verbringen würde. Ihr Hinweis auf die Abwesenheit ihres Mannes schürte verbotene Wünsche, die sich bei einem gemeinsamen Mahl noch verstärkten. Olga – so hieß die Schöne – dankte mir meine Anwesenheit mit einem schönen Kartoffelgratin, das sie bei Kerzenschein servierte. Als wir uns beim essensbegleitenden Gespräch etwas näher kennengelernt hatten, erinnerte sich Olga daran, daß sie für ihren Mann, der am nächsten Tag von einer Dienstreise zurückkehren würde, noch ein Blech Zimtsterne machen wollte. Offensichtlich liebte ihr Ehemann diese Köstlichkeit, eine Tatsache, die mich nicht weiter störte. Was mich allerdings ein wenig beunruhigte, war der Zeitpunkt, den sie dazu erwählte, an ihren Mann zu denken, schließlich hatte ich mich gerade dazu entschieden, meine sexuelle Treue für diesen Abend zu begraben und sie erst am nächsten Tage wieder auszuschaufeln. Ich glaube, die einwöchige Wanderschaft verstärkte mein Verlangen nach einer Frau, speziell einer ruhigen fülligen Schönheit wie Olga, die mir das Gefühl gab, an einem behüteten, sicheren Ort angekommen zu sein, an dem mir nichts geschehen konnte außer allen nur denkbaren körperlichen Wonnen.
Während die Zimtsterne im Ofen buken, kam unsere Konversation wieder in Gang; ich wollte Olgas Gedanken von ihrem Mann befreien und auf mich und meinen willigen Körper lenken. Und während ich mich ins Zeug legte, meine spannendsten Geschichten auspackte und Olga Komplimente machte, daß sie richtig rot wurde im Gesicht, merkte ich, daß langsam, aber stetig ein Gefühl des Hasses in mir zu wachsen begann. Zunächst wußte ich nicht, wem oder welchem Objekt dieser Haß galt, aber dann, als der Zimtduft immer stärker wurde, wußte ich es: ich haßte die Zimtsterne und alles, was sie bedeuteten. Aber gerade weil ich sie haßte, weil ich auf keinen Fall zulassen wollte, daß Olgas Mann neben dieser barocken gut riechenden Frau auch noch die ebenso wohlriechenden Zimtsterne bekommen würde, setzte ich mir zum Ziel, zumindest einige der Sterne aufzuessen. Ich weiß nicht, was in mich gefahren war, ein sonderbarer Unwille hatte mich ergriffen, ich wurde schnippisch und überhäufte Olga mit Vorwürfen, zu denen ich nicht im Mindesten das Recht hatte. Irgendwann war auch sie zornig, aber es war der Zorn einer liebenden Frau, sie drückte mich zu Boden und bedeckte meinen Mund mit verzweifelten Küssen und stöhnte immer wieder: „ach, du dummer, dummer Junge!“, und später dann, als wir nackt waren, „ach Gott, mein Mann!“, und ich säuselte, „er muß es ja nicht erfahren!“, während ich sanft ihre Brüste massierte und selbst nicht daran glaubte, daß das alles so einfach sein würde. Es roch nach warmer Haut und Zimt und ich nahm ein paar Sterne und legte sie auf ihren Bauch und meinen darauf, und Hitze war in uns und um uns und alles war verzweifelte Süße.
Am nächsten Morgen war Olga kalt, verschämt, aber ein Schimmer der Erinnerung lag noch in ihren Augen. Dennoch ging ich ohne Frühstück, dieser Tag gehörte ihrem Mann und den übriggebliebenen Zimtsternen. Einen einzigen hatte ich mitgenommen, und während ich weiter wanderte über Wiesen und Felder, an Autos und Kühen entlang, verblaßte Olgas Bild immer mehr. Den Abend verbrachte ich wieder in einer Scheune. Ich setzte mich aufs Heu, breitete meinen Schlafsack aus und holte den letzten Stern hervor. Er schmeckte schal und fade.

Letzte Aktualisierung: 16.10.2007 - 23.34 Uhr
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