Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Oktober 2007
Josie und der Brief
von Volker Bauer

„Da ist jemand an der Tür! Gehst du, Kindchen?“ Tante Ernas Stimme drang aus der Küche durch das Treppenhaus hoch bis in den dritten Stock. Fast gleichzeitig pochte der metallene Klopfer laut gegen die Eingangstüre. Erschrocken richtete sich Josie an ihrem Schreibtisch auf. Sie musste eingenickt sein. Eilig legte sie die eingetrocknete Schreibfeder neben das Tintenfass, hastete zum Fenster und warf einen Blick in den Hof hinunter. Sie sah ein paar Schneeflocken in den tief verschneiten und vom Vollmond beschienenen Hof hinuntertaumeln. Merkwürdig, dachte sie, es sind gar keine Fußspuren im Schnee zu sehen.
„Bin schon unterwegs! Moment!“ Sie sprang aus dem Zimmer in den Gang und mit riesigen Sätzen die Holztreppe hinunter. Obwohl die abgetretenen Stiegen aus Eichenholz frisch gebohnert waren, nahm sie immer zwei, drei Stufen auf einmal. Erneut donnerte der Klopfer an der Tür. „Komme ja schon!“ rief Josie leicht außer Atem.
„Fall mir bloß nicht die Treppe runter, mein Kind!“ Tante Ernas Stimme hatte Mühe sich über das laute Gurgeln des verkalkten Küchenwasserhahns hinwegzusetzen.
„Keine Sorge, Tante!“ Josie rutschte auf dem untersten Treppenabschnitt das Geländer hinunter und nach einem kurzen Spurt über den Flur, stand sie vor der mächtigen Eingangstür. Wieder krachte es auf der anderen Türseite gegen das Holz.
Wer könnte das sein, überlegte Josie. Sie atmete einmal tief durch und öffnete. Die kalte Winterluft, die augenblicklich zur Tür hereinzog, ließ Josie erschaudern.
„Hallo ...“ sagte sie und ein Strahl Mondlicht fiel durch die hohen Bäume, die das Haus am See wie eine Ehrengarde zu bewachen schienen, direkt auf ihr Antlitz. Vor ihr stand ein alter Mann, hager, mit langem Mantel und grauem Vollbart.
„Aha“, kam es rau über seine Lippen. Ein erkennendes Lächeln machte sich in seinem Gesicht breit und er sagte: „Du bist das also. Na endlich!“
„Ich?“ Josie kannte den Alten nicht, fast war sie versucht nach ihrer Tante zu rufen, die aber in der Küche vollauf mit dem Nachtessenkochen beschäftigt war.
„Du bist doch das Mädchen, das diesen Brief geschrieben hat?“ Der Alte zog nun einen vergilbten Brief aus seinem langen Mantel. Josie warf einen irritierten Blick darauf.
„Oh, natürlich ...“ Der Alte steckte den Brief wieder weg und durchsuchte seinen Mantel. Er schien eine Menge Briefe in seinen Taschen zu beherbergen. Schließlich zog er einen weiteren Brief hervor. „Das muss der Richtige sein.“
Josie erstarrte. Sie erkannte sofort, dass dies ein Brief war, den sie vor einiger Zeit geschrieben hatte – aber wie war das möglich?
„Ich habe den Brief nie abgeschickt“, sagte sie mit belegter Stimme. Solche Briefe schickte man nicht ab, sondern legte sie in ein passendes Kästchen.
„Gut möglich“, sagte der alte Mann, „aber wie kommt er dann in meine Tasche?“
Josie schluckte. Träumte sie etwa?
„Alles okay, Josie? Wer ist denn da an der Tür?“
„Der Postbote“, sagte der Alte leise mit einem Augenzwinkern.
„Der Postbote!“, rief Josie in die Küche zurück.
„Der Postbote?“, schallte es aus der Küche zurück. Einen Moment verstummte das Hantieren und Töpfeklappern. „Um diese Zeit?“
„Neujahrsonderpostzustellung“, raunte der Alte.
„Neujahrsonderpostzustellung!“, rief Josie.
„Ach ...“ Die Geräusche in der Küche nahmen wieder ihren gewohnten Rhythmus auf.
„Du wunderst dich, warum ich dir deinen eigenen Brief bringe, nicht wahr?“ Der alte Kauz schaute Josie jetzt tief in die Augen.
„Ja, eigentlich schon ...“, antwortete Josie leicht gebannt. Der Alte nickte, dann verdunkelte sich plötzlich sein Gesichtsausdruck.
„War gar nicht so einfach, dich zu finden. Gar nicht so einfach. Du solltest besser immer einen Absender auf deine Briefe schreiben.“ Er tippte mit dem Finger auf die Rückseite des Briefes, die leer war.
„Auch auf die Briefe, die ich gar nicht abschicke?“, wunderte sich Josie.
„Besonders auf die, glaube mir. Aber genug der Rede – kommen wir zur Sache. Willst du noch oder willst du nicht mehr?“
Josie hatte keine Ahnung, wovon der Alte sprach.
„Was denn?“
„Was denn? Na, Sternsinger werden vielleicht?“ Der Alte hob den Brief hoch. Außen stand mit schwarzer Tinte: 'An das liebe Universum'. Jetzt fiel es Josie wieder ein. In dem Brief hatte sie geschrieben, dass sie gerne Sternsingerin werden möchte.
„Meine Tante möchte nicht, dass ich das tue, sie ist evangelisch“, sagte Josie.
„Ja und du wärest noch zu klein und genau deshalb bin ich hier“, erklärte der Alte. „Weißt du überhaupt, was es heißt Sternsinger zu werden?“
„Ja, das haben wir in der Schule gelernt.“
„Papperlapapp! Ich zeige dir, wie das richtig geht. Komm mit!“ Er nahm Josie an die Hand und zog sie nach draußen in den Schnee.
„Siehst du den Stern da oben?“ Der Alte zeigte mit dem Finger in den klaren Nachthimmel.
„Den großen?“ Aus Josie's Mund dampfte es.
„Genau, das ist dein Stern. Jeder Mensch hat einen Stern, bloß wissen es die meisten nicht.“
„Verstehe ich nicht“, sagte Josie.
„Du musst für ihn singen, das macht ihn froh, ist doch sternenklar, oder?“ Im gleichen Moment fing der Alte so laut zu singen an - wenn man sein Gelärm singen nennen konnte -, dass Josie sich die Ohren zuhalten musste. Das Mondlicht blendete ihre Augen, so dass sie sie schließen musste. Ein Taumel ergriff sie und dann hörte sie eine laute Stimme wie von Ferne.
„Josie, gehst du jetzt bitte an die Tür und machst deinem Onkel auf? Er hat mal wieder den Schlüssel vergessen!“ Die Stimme von Tante Erna tönte durch das Treppenhaus. Josie schrak auf. Sie musste eingenickt sein. Sie rannte zum Fenster und sah in den Hof hinab. Die Fußspuren im Schnee waren deutlich zu sehen. Eilig hastete sie zur Treppe. Sie nahm immer zwei, drei Stufen auf einmal und das letzte Treppengeländer rutschte sie hinab. Schon stand sie an der Eingangstür.
„Macht mir vielleicht mal jemand auf, bevor ich erfroren bin?“ Die Stimme ihres Onkels drang durch die Tür.
„Bin schon da!“ Josie öffnete und die hereinströmende kalte Luft ließ sie erschaudern.
„Na welch ein Glück!“ Josie's Onkel trat ein. Ihm fiel ihr Gesichtsausdruck auf. „Stimmt etwas nicht?“
Josie hatte sich an den alten Mann erinnert. Fast war sie enttäuscht, dass ihr Onkel es war, der geklopft hatte. Sie hätte gerne für ihren Stern gesungen.
„Ach übrigens, schau, was ich gerade vor der Tür gefunden habe. Ein Brief. Lag vor der Türe im Schnee.“ Ihr Onkel hielt ihn ihr entgegenen.
„Ein Brief?“ Josie staunte. Er trug die Anschrift 'An das liebe Universum'.
„Das ist ja meiner ...“ Josie nahm ihn. „Wo lag er?“
Josie's Onkel zeigte auf eine Stelle im Schnee. Josie ging nach draußen. Sie hob den Kopf und sah in den Himmel. Da war er. Ihr Stern am Nachthimmel. Genau an der Stelle, wo der Alte es ihr gezeigt hatte.
„Josie – kommst du zum Nachtessen? Es ist fertig.“ Ihre Tante stand plötzlich in der Eingangstür.
„Ja, sofort ...“, antwortete Josie, ohne sich umzudrehen. Sie hörte Schritte im Schnee. Ihre Tante war neben sie getreten.
„Puh, ist das vielleicht kalt – was machst du hier draußen? Sterne beobachten?“
„Siehst du da oben? Das ist mein Stern.“ Josie deutet auf einen kleinen, hellen Punkt am sternenübersäten Firmament.
„Wirklich? Woher weißt du das?“
„Da war so ein alter Mann, der hat ihn mir gezeigt.“
„Soso. Apropos 'alter Mann', dein Onkel hat mit mir geredet. Er meinte, dass es ganz okay ist, wenn du dieses Jahr Sternsingerin wirst.“

Letzte Aktualisierung: 21.10.2007 - 20.00 Uhr
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