Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Dezember 2007
Der letzte Tanz
von Christine Hettich

Ich habe keine Ahnung, wie ich zu dieser Kreuzung gelangt bin. Meine Sinne sind vernebelt. Der linke Weg führt in den Geisterwald. Ich nenne ihn so, weil er gespenstig aussieht. In letzter Zeit hat es mich oft in seiner Nähe gezogen. Eine regelrechte Faszination übt er auf mich aus. Bisher habe ich allerdings stets dagegen angekämpft.
Aus Angst!
Eine neue Richtung einschlagen! Davor habe ich mich schon immer gefürchtet. Wer weiß, was mich da erwarten würde?
Ich habe die Wahl. Nichts hindert mich daran, nach rechts zu gehen. Dieser Weg ist mir vertraut. Es ist der, der in die Stadt zurückführt, in das alte, bekannte Leben.
In den ewigen Kampf um das Über-Leben.
Wie alt und verbraucht, ich mich plötzlich fühle.
Kraftlos!
„Entscheide Dich Zenia“, sagt eine Stimme in mir.
Ob es einzig mein Wille ist, der mich letztendlich nach Links zieht, vermag ich nicht zu sagen. Ich verspüre ein diffuses Gefühl, als ob eine unsichtbare Kraft meine Schritte lenken würde.
Von weitem vernehme ich leise Töne.
Gesang!
Diese Musik! Sie lockt mich, zwingt mich ihr näher zu kommen, führt mich an den Rand einer Lichtung.
Das, was sich dort abspielt, sieht wie eine Zeremonie aus einer anderen Zeit aus. Ein Schauder der Angst durchfährt mich, doch dichte Büsche und ein Baumstamm bieten mir Schutz.
In der Mitte der Lichtung brennt ein gewaltiges Feuer. Gestalten in langen, weißen Gewänder umkreisen es. Sie tanzen um die Flammen und singen ihr trauriges Lied. Das ist mir unheimlich. Ich möchte fliehen, bin aber unfähig mich zu regen. Wie hypnotisiert verfolge ich diese Szene. Auf einem kleinen Hügel ist ein massiver Thron, aus bemoosten Felssteinen bebaut, errichtet. Der Mensch, der darauf sitzt hat etwas Majestätisches, Überlegenes. Woran ich das erkenne, vermag ich nicht zu sagen. Auf den ersten Blick gibt es nichts, das ihn von den Anderen unterscheidet. Auch er ist in ein weißes Gewand gehüllt. Die viel zu große Kapuze verdeckt sein Gesicht. Das Licht der Fackeln und des Feuers kommt nicht gegen die Dunkelheit an. Trotzdem scheint er von einer Aura der besonderen Art umgeben zu sein. Ich weiß das einfach. Aber was ist schon Wissen, in diesem Reich der sich zwischen Traum und Wirklichkeit zu bewegen scheint?

Plötzlich, wie ein Tier das Witterung aufgenommen hat, dreht er seinen Kopf in meine Richtung.
Mein Herz klopft so laut, dass ich meine, es durch den gesamten Wald hallen zu hören.
Langsam steht der Mensch auf und deutet mit dem Arm zu mir herüber.
Der Gesang der Druiden wird lauter und lauter. Er durchdringt mein gesamtes Wesen. Ein wütender Sturm braut sich in meinem Geist zusammen. Meine Emotionen erreichen eine unerträgliche Intensität. Alles vermischt sich, Trauer, Freude, Weiß, Schwarz, Liebe, Hass. Es ist schauderhaft und faszinierend zugleich. Ohne es mir erklären zu können, weiß ich was zu tun ist. Ich laufe zum Thron und knie demütig vor dem Priester nieder.
Die Musik verstummt.
„Willkommen Zenia.“
Erst jetzt wird mir bewusst, dass es sich um eine Frau handelt. Der weibliche Klang ihrer Stimme lässt keinen Zweifel daran.
„Du kennst meinen Namen?“
„Sicher, ich habe auf dich gewartet.“
Ich spüre, wie ich in eine andere, finstere Welt gleite. Ich empfinde mich als schwebend in einer unbekannten Dimension. Ein Grenzbereich zwischen Leben und Tod?
Ein Blick in das Innere meiner Seele wird mir gewährt und lässt mich eine tödliche Traurigkeit, Einsamkeit, sowie eine geheime Sehnsucht nach Halt erkennen. Ich sehe ein kleines, weinendes Mädchen, kann fühlen was es sagen will: „Mir ist kalt, nimm mich in den Arm.“
Ich überwinde meine Berührungsängste, drücke es fest an mich. Eine unbeschreibliche Wärme und Liebe steigt in mir auf und ich habe das Gefühl, etwas wieder gutzumachen. Wir spüren beide eine solch ergreifende Geborgenheit, dass unsere Wesen sich verbinden. Es ist, als würden sich alle Teile wieder zusammenfügen, wie bei einem Puzzle. Wir sind eins.
Wieder vernehme ich leise, klagende Töne. Die Gestalten um mich herum tanzen immer schneller und schneller. Ihre Bewegungen bleiben aber voller Harmonie. Ich spüre den Drang mich zu ihnen zu gesellen, wie sie, um das Feuer herum zu springen. Dazugehören! Ist es nicht das, wonach ich mich ein Leben lang gesehnt habe? Irgendwo dazu zu gehören?

Plötzlich erklingt erneut Musik. Die Priesterin bewegt sich, anmutig und leicht wie eine Feder. Eine Feder im Wind, ohne Grenzen, losgelöst von der Erde.
Die Druiden folgen ihr. Auch ich verspüre den Drang mich zu erheben. Es ist ein trauriger Tanz. Die ganze Verzweiflung des unabänderlichen Schicksals liegt in meinen Schritten. Und doch ist es eine Befreiung.
Losgelöst.
Ich weiß nicht mehr was Zeit ist, wahrscheinlich etwas, das es nie gegeben hat.

Schlagartig hört die Musik auf. Alle stehen still.
„Folge mir“, sagt die Druidin.
Ich gehorche. Wir kommen an einen Garten mit herrlichen Blumen. Zielstrebig pflückt sie eine davon und hält sie mir entgegen.
Die zarte Blüte weitet sich. Darin ruht ein Wassertropfen. Er schimmert im Licht der Fackel. Ich sehe Menschen darin.
Die Szene wird deutlicher. Ich erkenne einen weißen Raum. Vermummte Menschen schauen gebannt auf einen Monitor. Ich kann die Stimmung spüren: Sie ist angespannt.
Ein nackter Körper liegt auf einem Tisch. Die weißen Laken sind voller Blut.
„Wer ist das?“, frage ich meine Begleiterin.
Sie hält die Fackel näher an den Wassertropf. Ich fange an, zu zittern, aber nicht vor Kälte.
Nun kann ich Geräusche und Stimmen vernehmen. Einer der vermummten Männer schaltet den piepsenden Monitor ab.
„Exitus“, sagt er nur und verlässt den Raum.
Das Bild wird undeutlich aber ich habe genug gesehen.

Der leblose Körper, es ist meiner. Oder vielmehr: Er war es.
Übrig bleibt nichts als eine leere Hülle.

Ein leichter Wind kommt auf. Ich überlasse ihm die bereits welkende Blume. Ich weiß nicht wohin er sie tragen wird.

Letzte Aktualisierung: 11.12.2007 - 20.28 Uhr
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