Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Dezember 2007
Der schwarze Mann
von Esther Schmidt

„Kreuzungen sind mächtige Orte.“ Das hat ihre Großmutter immer gesagt. „An einer Kreuzung treffen die Welten aufeinander, in der Dämmerung die Zeiten. Der Stoff der Wirklichkeit wird durchlässig.“ Ihre Großmutter hat viel über solche Dinge gewusst.
Irene rührt gedankenverloren in ihrem Kaffee und lässt das Geplapper von Gerda an sich abrinnen.
„Sieh es doch mal positiv. Jetzt bist du frei, kannst tun, wonach dir der Sinn steht, wann immer du Lust dazu hast. Niemand erwartet, dass um sechs das Abendessen auf dem Tisch steht oder dass du Morgens Kaffee kochst. Jetzt kannst du zu meinen Spieleabenden kommen. Oder besuche doch nächste Woche mit mir den Ikebana-Kurs!“
Irene kann nicht verhindern, dass Verachtung ihre Mundwinkel herabzieht, und hebt schnell die Tasse, um es zu verbergen. Gerda ist eine alte Jungfer und redet sich ein, gerne allein zu leben. Doch wozu soll man sich Ikebana-Gestecke ins Wohnzimmer stellen, wenn es niemanden gibt, der sie sieht?
„Du kannst nicht ewig darüber brüten, dass du die verlassene Ehefrau bist“, redet Gerda weiter. „Du musst dein Selbstmitleid überwinden und selbst etwas für dein Leben tun!“
Irene stellt klirrend die Tasse ab.
„ICH?“, sagt sie wütend. „Ich habe immer alles gemacht, was er von einer Ehefrau erwarten konnte. ER muss etwas tun! Er muss zu mir zurück kommen! Aber das kannst DU natürlich nicht verstehen. Dich hat ja ohnehin nie einer gewollt!“

„Kreuzungen sind mächtige Orte.“
Der Satz hallt immer noch in Irenes Kopf, während sie nach Hause fährt. Wie schön wäre es, wenn es das wirklich gäbe – Zauberorte, an denen man Haarsträhnen vergraben und magische Verse murmeln kann, wenn es nur ein paar Handgriffe bräuchte, um den Weg eines Menschen zu wenden. Der Gedanke hat sie immer fasziniert. Sie erinnert sich sogar noch an die fremd klingenden Worte in Althochdeutsch, die Ihre Großmutter ihr vorgesprochen hat.
Das Haus ist leer und stumm. Seit Phillip nicht mehr da ist, ist es außerdem kalt. Es lohnt sich nicht, mehr als das Wohnzimmer zu heizen. Sie muss sehen, wie sie mit dem Geld hinkommt. Zwar überweist er ihr jeden Monat Alimente, aber natürlich kommt das nicht an sein Gehalt heran, das ihnen früher zur Verfügung stand. Es wird noch so weit kommen, dass sie arbeiten gehen muss. In irgend einem Supermarkt an der Kasse sitzen – schrecklich, aber immernoch besser, als der Aushilfsjob im Altenheim, den Gerda ihr angeboten hat. Das wäre das letzte – seniles Menschengemüse waschen, das keine Kontrolle mehr über seine Ausscheidungen hat.
Tränen pressen sich ihr in die Augen, als sie an seinem Arbeitszimmer vorbei geht. „Die Möbel kannst du behalten“, hat er gesagt, als er seine Papiere und Unterlagen aus den Fächern holte. Seine Neue, die Irene für sich nur ‚die Schlampe’ nennt, besitzt selbst eine große Wohnung.
Gerda hat ihr geraten, die Einrichtung zu verkaufen, aber das bringt sie nicht über sich. Statt dessen wischt sie regelmäßig den Staub von den leeren Möbeln. Dreiundzwanzig Jahre Ehe kann man nicht so einfach fort wischen. Da ist immer noch die Hoffnung, dass er zurückkommt. Er muss doch einen Grund haben, warum er die Scheidung noch nicht eingereicht hat.
Im Fernsehen läuft Rosamunde Pilcher. Wie hat sie diese Schmonzetten früher genossen! Wenn abends seine Fußballübertragungen liefen, hat sie sich die Wiederholung am nächsten Vormittag angeschaut - statt der Talkshows. Jetzt schmerzt das Glück der Figuren nur noch. Als sie es nicht mehr ertragen kann, schaltet sie das Gerät ab, greift nach dem Mantel. Vor der Garderobe bleibt sie stehen und mustert sich kurz im Spiegel. Ja, sie ist älter geworden, aber die Schlampe ist auch nicht gerade jung.
In der Schublage liegt der Kamm, den er immer durch sein schütter gewordenes Haar gezogen hat, bevor er das Haus verließ. Zwischen den Zinken winden sich die grauen und braunen Fäden.
Einem plötzlichen Impuls folgend zupft sie die Haare ab und verfilzt sie zwischen den Handflächen zu einem Bällchen.

Zwei Straßen weiter beginnen die Äcker. Die Hände in die Jackentaschen vergraben, das Haarbällchen mit der Rechten umschlossen, stapft sie über die Feldwege, kreuz und quer, atmete die kalte Abendluft, marschiert weiter, um sich müde zu machen, die mahlenden Gedanken zu erschöpfen, damit sie später schlafen kann. Schließlich lässt sie sich auf einer Bank nieder. In der Talsenke liegt das Dorf. Ein Teerweg führt von dort zu ihr herauf, schneidet an der Bank den Feldweg und führt dann weiter über die Anhöhe zum Nachbarort. Ruhig ist es hier. Selbst die Vögel sind schon verstummt, kein Mensch ist unterwegs. Irene schaut zu, wie nach und nach die Lichter in den Fenstern angehen – dort sind Ehepaare, sind Familien beisammen. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn sie seinen Wunsch nach Kindern erfüllt hätte. Aber Kinder kosten Mühe und brauchen viel Aufmerksamkeit.
„Kreuzungen sind mächtige Orte.“
Sie dreht sich auf der Bank um und mustert den Pfahl, der mit bunten Plastikschildchen die anliegenden Wanderwege anzeigt. Dann steht sie auf und sucht einen Stock, mit dem sie eine Kuhle in das Erdreich unter dem Pfahl kratzt. Das Haarbällchen zittert sanft im Luftzug und während sie es mit Erde bedeckt murmelt sie Worte, deren Bedeutung ihr verschlossen bleiben, archaische Verse aus alter Zeit.
„Kann ich Ihnen helfen?“
Sie schreckt zusammen. Als sie sich umdreht sieht sie einen jungen Mann auf der Kreuzung stehen. Verwirrt fragt sie sich, wo er hergekommen ist.
Wie ertappt richtet sie sich auf und klopft die Erde von ihren Knien.
„Nein, ich wollte nur ... ich habe etwas gesucht.“
„Und? Haben Sie es gefunden?“
Es ist nicht zu sagen, wie alt er ist. Sein schwarzer Jogginganzug wirkt wie ein Teil der Dämmerung.
„Ich ... ich denke schon.“
Sein Lächeln verwirrt sie. Es ist anziehend, doch ohne jede Freundlichkeit.
„Sie DENKEN es?“
Er ist drahtig, wirkt stark und durchtrainiert. Ob er wohl den berühmten Sixpack auf dem Bauch ...?
Irene erschrickt über die Richtung, die ihre Gedanken nehmen, und errötet in der Dämmerung. Noch nie hat sie sich so gefühlt. Selbst Phillip hat sie nicht aus kindischer Verliebtheit geheiratet, sondern weil er eine gute Partie gewesen ist und ihr das Leben bieten konnte, das sie sich vorstellte. Aber dieser Fremde hat etwas dunkles, das sie gleichzeitig anzieht und beunruhigt.
„Mir schien es eher, als ob Sie etwas zurücklassen wollten.“
Zurücklassen? Der Gedanke erschreckt sie und sie schüttelt heftig den Kopf. Nein, aufgeben will sie Phillip nicht – niemals. Er gehört ihr, gehört zu ihrem Leben. Sie wird sich nicht einfach damit abfinden, dass er sie weggeworfen hat wie eine leere Konservenbüchse.
Der Fremde lehnt jetzt lässig gegen einen Zaunpfosten, die Arme vor der Brust verschränkt, und betrachtet sie mit interessiertem Blick, nickt leicht, obwohl sie gar nichts gesagt hat. Es sieht aus, als könne er hören, was sie denkt.
„Was wollen Sie also?“, fragt er.
Irene schweigt. Sie hat den absurden Gedanken, es könnte gefährlich sein, ihm zu antworten.
„Sind Sie nicht her gekommen, damit ich Sie das frage?“
Was für ein seltsamer Satz. Irene runzelt verwirrt die Stirn und zieht fröstelnd die Jacke enger um sich
„Wen kümmert schon, was ich möchte?“, fragt sie ausweichend. Aber ihre Gedanken formen schon den Satz, der ihr gleich darauf auf der Zunge brennt.
„Ich will, dass Phillip wieder bei mir ist und dass die Schlampe bekommt, was sie verdient.“
Hat sie das gesagt, oder hat sie es nur gedacht? Sie weiß es nicht. Ein paar Krähen fliegen zeternd auf.
Er nickt und stößt sich vom Zaunpfosten ab.
„Geben Sie mir den Ring.“
Seine hingestreckte Hand hat etwas zwingendes und ohne eine Frage streift sie den Ehering ab und legt ihn auf seine Handfläche. Seine Finger krümmen sich um den Reif, halten ihn sekundenlang umschlossen.
„Ein schöner Ring“, sagt er, ohne ihn betrachtet zu haben. Es ist eine Floskel, ein Satz, der Normalität vorgaukeln soll. Doch alles scheint unwirklich in der beginnenden Nacht. Er gibt ihn zurück, dann joggt er davon und die Dämmerung verschluckt ihn.
Verwirrt erhebt sich Irene, streckt die in der Kälte steif gewordenen Beine. Was für eine merkwürdige Begegnung!
Nachdenklich marschiert sie in das kalte Haus zurück und geht dabei im Geiste die Familien des Ortes durch. Er gehört zu keiner, die sie kennt. Ob er neu zugezogen ist? Wieder erinnert sie sich mit einem unwillkürlichen Schauder an die Geschichten ihrer Großmutter, in denen der „schwarze Mann“, den man an dämmrigen Kreuzungen traf, einen Pferdefuß hatte und nach Schwefel roch. Aber schnell wischt sie diesen Gedanken beiseite. Was für ein Unsinn! Er war einfach ein Jogger.
Sie kriecht ins Bett, nimmt den Fotorahmen vom Kissen neben sich und betrachtet Phillip – den lächelnden, fröhlichen Phillip aus besseren Tagen.
„Komm zurück zu mir!“, sagt sie beschwörend. Dann küsst sie das Glas und legt das Bild zurück.

Am Morgen reißt das Telefon sie aus dem Bett. Eine knappe Stunde später sitzt sie vor einem Professor der Uniklinik und hört seine Stimme wie aus weiter Ferne.
„Leider konnten wir nicht viel tun. Die Beifahrerin ist heute Nacht gestorben. Ihren Mann konnten wir stabilisieren, aber die Kopfverletzung beeinträchtigt die höheren Hirnfunktionen.“
Dann steht sie an seinem Krankenbett. Phillip, der fordernde, energische Phillip sieht aus wie eine zerbrochene Puppe. Die einst so lebhaften Augen starren leer und teilnahmslos gegen die Decke. Irene fühlt ein Würgen im Hals.
„Kann er mich hören?“ fragt sie zögernd.
„Wir wissen nicht, ob er überhaupt etwas wahrnimmt. Es tut mir leid, aber er wird nie wieder der Alte werden. Sie sollten sich nach einem Pflegeplatz umschauen.“
Irene berührt zögernd die leblose Hand.
„Ich werde ihn nach Hause bringen“, sagt sie. Sie kennt seine Versicherungen. Einen Pflegeplatz wird sie sich nicht leisten können.

Letzte Aktualisierung: 27.12.2007 - 18.55 Uhr
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