Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Dezember 2007
Leise rieselt der Schnee
von Ingrid Gertz

„Leise rieselt der Schnee…“
Verflixtes Sauwetter! Erst dunkel wie im Affenarsch, dann dieses Schneetreiben!
Fernlicht? Fehlanzeige. Da ist ja gleich alles weiß. Die Scheibenwischer betätigen sich inzwischen als Schneeschieber.
Keine Fahrbahnmarkierung mehr zu sehen, auch keine Reifenspuren. Es ist niemand mehr unterwegs um die Zeit. Nur ich natürlich, gebe wieder mal den Deppen, während vernünftige Leute sich den Bauch mit Glühwein wärmen.
„Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum…“ –
Einer? Hunderte! Stehen da am Straßenrand und klatschen, vom Wintersturm animiert, eifrig Beifall zu meiner Dämlichkeit. Von zwei Seiten wedeln sie mir ihre Schneelast aufs Dach. Plopp, plopp.
Bremsprobe. Vorsichtig! Oh, oh! Da unterm Puderzuckerschnee versteckt sich was!
„So viel Heimlichkeit in der Weihnachtszeit…“ –
Blöder Sender, weiß ich jetzt auch, dass es drunter glatt ist. Da! Im sonst unberührten Weiß! Recht große Spuren kreuzen die Fahrbahn, aber sie schneien schon wieder zu. Kann nur wenige Minuten her sein.
„Rudolph the red nosed reindeer…“ –
Wie passend. So ein dicker Hirsch auf der Kühlerhaube, der fehlte mir jetzt gerade noch. Andererseits: Wildgulasch? Mit Klößen? Pawlow lässt grüßen. Irgendwann muss jetzt diese Kreuzung kommen… das sieht in Weiß und im Dunkeln alles so anders aus. Aah, da ist es! Links zum Biathlonzentrum, geradeaus zur Stadt und der rechte Abzweig, der ist meine. Was für ein schmales Sträßchen! Anscheinend gehts hier direkt in die Pampa. Kilometerweit nichts als Wald und der Schnee liegt inzwischen schon zentimeterdick auf der Fahrbahn.
„Lasst uns froh und munter sein…“ –
Munter, ja klar, aber froh ist was Anderes, wenn ich mir das seltsame Haus da vorne so anschaue. Kauert, spitzgiebelig und mit grauverwitterten Holzbrettern bekleidet, zwischen hoch aufragenden Felswänden. Ein richtiges Hexenhaus. Wo hat die Babajaga bloß das Hühnerbein versteckt?
„Lustig, lustig trallalalala…“ –
Das ist allenfalls einer der rotberockten Gesellen, die rings ums Haus an der Dachrinne und an den Fenstern baumeln. Der entlockt mir doch tatsächlich ein Schmunzeln, weil wenigstens die Drapierung des Guten echt gelungen ist. Pendelt, ein Bein im Geländer verfangen, kopfüber unter dem winzigen Balkon. Die Einsamkeit der Bewohner scheint hier merkwürdige Blüten zu treiben.
Aber nun Radio aus, Sack geschultert und auf gehts zur Bescherung!
Keine Klingel. Auf mein Klopfen öffnet ein altes, festlich herausgeputztes Weib und grinst mich freundlich an. „ Ach, der Weihnachtsmann! Da freu ich mich aber, dass der Weihnachtsmann an mich denkt!“ Seltsam diese Begrüßung, sie musste ja schließlich einen Weihnachtsmann gebucht haben. Nicht drüber nachdenken, sondern durchziehen das Ganze und dann ab durch die Mitte. „Ho, Ho, Ho! Von draußen, vom Walde, da komm…“ „Ja, ja, da kommst du her, aber komm doch erst mal rein, lieber Weihnachtsmann!“ Eine Ladung Bausteine und Puppen hätte ich hier abliefern sollen. „Wo sind denn die Enkelchen, gute Frau, denen sollte ich doch Geschenke bringen?“ „Ja, gleich, komm erst mal und stärk dich, war doch ziemlich weit hier raus.“ Sich fest auf ihren Stock stützend, weist sie mir einen Platz am Tisch zu. Der ist für zwei gedeckt und es duftet verführerisch nach Gebratenem. So gerne ich wenigstens gekostet hätte, ich muss doch weiter, werde sonst nicht fertig mit meiner Runde. Und die Alte will mir anscheinend ein Ohr abkauen. Während sie dampfende Bratenstückchen auf die Teller häuft und mir ein Glas Jagertee aufdrängelt, schwelgt sie wortreich und schwärmerisch in den Weihnachten längst vergangener Jahre. „Es tut mir leid, aber ich habe wirklich keine Zeit. Wo sind denn die Kinder, die ich bescheren soll?“
„Keine Zeit? Schade…Das Zimmer von Hans und Grete ist oben, dann schau halt hinauf, wenn es nicht anders geht.“ Sie ist enttäuscht darüber, dass ich keine Lust habe, den Gesellschafter zu spielen, das sehe ich ihr an. Ihre weichen, freundlichen Gesichtszüge sind einem harten Blick und zugekniffenen schmalen Lippen gewichen. Da steht nicht mehr das gutmütige alte Weiblein, das mich hereingebeten hat. Aber es hilft nichts. Ich kraxel die schmale Stiege hinauf und stehe in einem leeren Zimmer. Hier gibt es keine Kinder, die zu beschenken wären. Wie eigenartig ist das denn? Wenigstens bin ich im Balkonzimmer. Besser, ich steige gleich hier aus, dann muss ich nicht noch mal an der grilligen Alten vorbei. Man kann ja nie wissen… Besonders hoch ist der Balkon nicht. Das trau ich mir zu.
Und ich schaffe es nicht mal übers Geländer.
Kräftige Hände hat sie, die flink im Schlingenknüpfen sind.
Zwei rotberockte Gesellen hängen kopfüber vom Balkon. Für Vorbeikommende wohl ein ungewöhnlicher, ein lustiger Anblick...
Kalt ist es. Von Drinnen höre ich sanfte Zitherklänge: „Leise rieselt der Schnee…“ und ich bekomme auch den kleinen Fiat noch mit, der gerade vorm Haus hält. Der Fahrer trägt einen rot-weißen Mantel.

Letzte Aktualisierung: 27.12.2007 - 18.57 Uhr
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