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Dezember 2007
Irrgarten
von Michael Rapp

„Warte, meine Aphrodite!“, rief Henri Geneviève hinterher, die leichtfüßig zwischen den Rosenbeeten entlang lief. Er hätte nicht geglaubt, dass ein Mädchen im Seidenrock so schnell fliehen konnte.
„Vergebt mir, Hoheit“, antwortete die Goldhaarige über ihre Schulter hinweg, schien aber nicht damit zu rechnen, tatsächlich entschuldigt zu werden, denn noch während sie sprach, streifte sie ihre Schuhe ab und flog nun noch schneller durch den Park.
Henri, der körperliche Anstrengung – außer Tanz – schon immer als unvereinbar mit seinem Stand angesehen hatte, war zu langsam, um sie zu erreichen. Schon war Geneviève am Wasserfall vorbei, vor dem steinerne Fabelwesen, halb Pferd, halb Fisch, aus dem aufgewühlten Nass stiegen, und bog in die Allee der Heldenbildnisse ein, an deren Ende die Terrasse begann und damit die Herrschaft höfischer Sitte.
„Schneidet ihr den Weg ab!“, rief Henri seinen Helfern zu. Diesmal würde er sie nicht so einfach entkommen lassen.
Paolo und Frédéric machten ihre Sache gut. Zufrieden sah Henri, wie Geneviève vom Schloss fort, tiefer in den Park gedrängt wurde.
Ein lächerliches Gerücht besagte, sie hätte Macht über ihn. Seine Berater hatten es Henri zugetragen und empfohlen, die Spötter eines Besseren zu belehren. Auch hatten sie argumentiert, dass der Hochmut der Madame de Lancour nicht länger hinzunehmen sei. Die Aufmerksamkeit und Zuneigung ihres Fürsten zu missachten, hatten sie mehr als nur undankbar genannt und auf Zwang gedrängt. Sicher – Henri hätte Geneviève befehlen können, doch so weit wollte er diesmal nicht gehen. Schuld hatte wohl jener Engländer mit seinem Schauspiel über Liebe, die bis in den Tod reichte. Die Tragödie hatte Henri tief berührt. Wenn selbst niederer italienischer Adel so zu fühlen verstand, um wie vieles reicher und wahrer musste dann die Liebe eines Prinzen von Frankreich sein?
Unter falschem Vorwand hatte Henri Geneviève in den Garten gebeten, um sie ohne die störende Einmischung ihrer Freundinnen für sich zu gewinnen. Ein Plan, der nun zu scheitern drohte. Zu spät erkannte er ihr neues Ziel: den Irrgarten.
„Lasst sie nicht hinein“, rief er, doch da verschwand sie schon zwischen den Buchsbäumen. Ärgerlich bedeutete Henri den Verfolgern, zu warten. „Gibt es noch weitere Ausgänge?“
„Nein, Hoheit“, antwortete Paolo.
„Lasst sie uns in die Enge treiben“, fügte Frédéric erregt hinzu. Seine Augen klebten gierig auf dem Durchgang.
Henri war angewidert. Bei Gelegenheit würde er sich eine Strafe für den Kerl einfallen lassen. „Ihr wartet hier!“, herrschte er Frédéric an. „Lasst Geneviève nicht heraus, sonst aber haltet euch fern von ihr!“
„Ja, Hoheit.“ Beide verbeugten sich.
Henri wandte sich von ihnen ab und durchschritt den Heckenbogen, der in das Innere des Irrgartens führte. Schon nach wenigen Metern fühlte er sich vom Grün umfangen. So massiv, wie die Mauern einer Zitadelle, wirkten die Hecken. Henri versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was er über das Labyrinth wusste. Man hatte ihm berichtet, dass es das größte der Welt sei. Zehntausende Buchsbäume waren speziell für diese Anpflanzung gezogen worden. Mehrere versteckte Orte gab es hier. Das eigentliche Ziel lag genau in der Mitte der Anlage: eine Laube mit Dionysosstatue und Bänken; ein Liebestempel, in dem Verschwiegenheit herrschte und die allzu frommen und strengen Gesetze von Tugend und Anstand vor antiker Kulisse ihre Gültigkeit verloren. Ein Freiraum, geschuldet der Gefühlstiefe adliger Herzen. Kein schlechter Ort, wenn er es recht überlegte, für ein Versteckspiel mit dem begehrten Mädchen.
Die Wege waren ihm fremd. Es gab ein Muster, an das er sich aber nicht mehr erinnerte. Eine Regel, nach der man immer zum Ziel und von dort zurück zum Ausgang fand. Doch das schien ihm bedeutungslos. Geneviève würde sich nicht lange verbergen können.
Die Sonne – er betrachtete sie als die größte Blume seines Gartens – sandte ihr Licht durch einen wolkenlosen Himmel. Von den Seiten strahlte es grün und lebendig. Obwohl er enge Räume sonst verabscheute und sich in ihnen unwohl fühlte, fand er Gefallen an dem Irrgarten. Mal langsam, mal schnell, gelegentlich innehaltend und horchend, bewegte er sich durch das Labyrinth der Gänge.
Zehn Minuten mochte er schon unterwegs gewesen sein, als sich der Pfad plötzlich weitete und er in einen offenen Raum trat. Doch fand er dort nicht den Tempel. Er sah es gleich: Es war ein falsches Ziel, das die Irrenden mit dem Bildnis eines betenden Mönches verspottete. Der in Stein gehauene Gottesmann gemahnte zu Mäßigung und galt fehlgegangenen Liebenden als schlechtes Ohmen. Henri errötete betroffen, aber auch zornig. Erst in der Woche zuvor hatte man sich bei Hofe darüber amüsiert, dass die Comtesse de la Châtre mit ihrem Verlobten an diesem Ort gesehen worden war. Eine zuverlässige Quelle hatte Henri zugetragen, dass die Verbindung ob des Spottes fast zerbrochen wäre. Doch, so beruhigte er sich, was galt ein solches Allerweltsohmen einem Prinzen? „Segne meine Suche, oder dein Kopf wird rollen“, flüsterte er dem Steinernen zu und eilte in einen Gang, der ihn, wie er hoffte, seiner Liebsten zuführen würde.
Henri hatte nun keine Freude mehr an dem Spiel. Ungeduldig stürmte er vorwärts, achtete nicht auf den Weg und ging so mehrfach fehl. Es war frustrierend. Seine Hände begannen zu zittern. „Die Gärtner sind Teufel“, murmelte er und dachte den Männern Schläge zu. Und auch der Haushofmeister hatte sich einen Tadel verdient. Der Lump hätte vorhersehen müssen, dass Henri eine Karte des Irrgartens benötigen würde.
Das Geräusch leichter Schritte riss ihn aus diesen Gedanken. Auf der anderen Seite der Hecke streifte etwas die Blätter.
„Geneviève!“, rief Henri und horchte auf eine Antwort.
Nach einem Moment meldete sich die Gesuchte. „Henri, ich bitte Euch als Freundin: Bedrängt mich nicht.“
„Welche Wahl lässt du mir? Du antwortest nicht auf meine Briefe, verschmähst meine Geschenke.“
„Ich habe Euch geschrieben. Ihr solltet diese Antwort akzeptieren.“ Sie klang ungeduldig.
Henri wollte zu ihr. Er griff in das dichte Buschwerk und versuchte eine Lücke zu bilden, doch hinter Blättern und Zweigen waren starke Äste verborgen. Hier gab es keinen Weg, nur aufdringliche Käfer. Angewidert wischt er über sein Gewand. „Warte, ich bin gleich da.“
„Was denkt Ihr Euch eigentlich?“, antwortete Geneviève ganz undamenhaft. „Haltet Ihr mich für ein Spielzeug oder eine Blume? Ich gehöre Euch nicht.“
„Ich lasse dich nicht gehen, bis du ...“
„Ihr seid ein Pfau!“ Ihre Schritte entfernten sich.
Sie hatte offenbar nicht die Absicht, zu warten. Henri fühlte Ärger, beinahe schon Wut. Die Julia des Engländers war wesentlich charmanter und vor allem nicht so grob zu ihrem Romeo. Wenn er sich an Genevièves Verhalten ein Beispiel nahm, könnte sie das bereuen.
Hastig lief er in die Richtung ihrer Schritte, und nun endlich war das Glück auf seiner Seite. Eine Öffnung zeigte sie ihm, wie sie um eine Ecke bog. Er meinte, die Stelle von seiner Suche her zu kennen. Wenn er nicht irrte, gab es dort nur Sackgassen. Der Gedanke beflügelte ihn.
Als Henri in den Weg einbog, sah er Geneviève an der Kreuzung stehen und ihn erwarten. Sie musste erkannt haben, dass keiner der Wege weiterführte. Ihre Augen wirkten entschlossen, aber auch traurig – wie schön dieses Mädchen war: ihre zarte Figur, die Anspannung, das schmutzige Kleid.
„Du fliehst nicht mehr? Gut. Nun komm.“ Er trat vor und hielt ihr galant die Hand hin.
Etwas glänzte. Erst jetzt bemerkte er den Dolch, den Geneviève umfasst hielt. Langsam hob sie die Klinge und setzte sie an ihre Brust. „Niemals. Lasst mich gehen, oder mein Blut klebt an Euren Händen.“
Sicher nur das Spiel eines eitlen Mädchens, dachte Henri und sagte überzeugt: „Das meinst du nicht so.“ Er trat vor, um gleich darauf zu erstarren. Ein roter Punkt spross wie eine Rosenknospe unter der Spitze der Waffe.
„Bleibt stehen.“ Ihr Blick war nun verzweifelt.
Henri hob beruhigend die Hände. „Dir geschieht nichts, Kind. Ich liebe dich doch. Es wird dir und deiner Familie immer gut gehen.“
Sie schüttelte nur den Kopf.
Henri verharrte, wusste nicht, ob er vor oder zurück sollte. Meinte sie es ernst oder spielte sie mit ihm? Er erinnerte sich an die Worte seiner Berater. Wenn er jetzt nachgab, hatte sie ihn in der Hand. Er wäre das Gespött des Hofes. Ein Prinz, der sich von einem Mädchen herumstoßen ließ. „Ich befehle dir, mir den Dolch zu geben.“
Sie zögerte, doch senkte die Klinge nicht. Fast wie zum Gebet gefaltet, umfassten die Hände den Griff, während ihre Augen einen Ausweg suchten.
„Gib ihn mir!“, befahl er nun eindringlicher und streckt die Hand aus.
Sie schloss die Augen und stach zu. Ohne zu zögern, ohne ihm die Chance zu geben, sie zu erreichen. Sofort wurde aus dem roten Tropfen ein Rinnsal, das sich auf dem Kleid ausbreitete. Und als sie den Mund öffnete, das Gesicht angstvoll verzogen, floss auch aus ihm Blut hervor.
Das grausame Bild fesselte Henri. Er fühlte Kälte in seinen Gliedern aufsteigen, die alles Leben verdrängte. Er wollte fliehen, doch stolperte er nur und fiel. Erstarrt beobachtete er, wie sich Geneviève mit übermenschlicher Anstrengung aufrecht hielt und lächelnd auf ihn herabsah.

Der Schauspielunterricht hat sich gelohnt, dachte Geneviève, während sie vorgab, zu schwanken. Eine nachgiebige Klinge und zwei Wachskapseln, gefüllt mit Farbe, mehr brauchte es nicht, um auf der Bühne eines effektvollen Todes zu sterben. Jetzt blieb nur noch das Nachspiel. Sie konnte es nicht lassen. „Hu hu! Ich werde Euch von heute an jedes Jahr an diesem Tag heimsuchen. Hu hu huaaa!“, hauchte Geneviève und versuchte mit den Augen zu rollen. Es schien ihr gelungen zu sein, denn der Prinz schlug die Hände vors Gesicht und wimmerte wie ein Baby. Das Erobern war ihm offenbar vergangen. Zufrieden stieg Geneviève über den eitlen Pantalone und machte sich auf, eine Schwachstelle in der äußeren Hecke zu suchen.

Letzte Aktualisierung: 27.12.2007 - 13.42 Uhr
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