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Dezember 2007
Barrierefrei
von Herbert Dutzler

17. 10.
Der 49-jährige Gymnasiallehrer Klaus K. biegt mit seinem Rennrad links ab. Im gleichen Moment fährt ein PKW aus der Nebenstraße ebenfalls los und rammt Klaus. Der Lehrer stürzt in hohem Bogen auf die Straße und bleibt liegen. Der geschockten Fahrerin des PKW teilt er mit, es gehe ihm gut, allerdings könne er nicht aufstehen. Klaus K. findet sein Handy knapp neben seinem Kopf liegen. Er alarmiert die Rettung. Den Sanitätern erklärt er, er sei wohlauf, er habe wohl nur eine Rückenprellung erlitten, bald werde er seine Beine wieder bewegen können.

18. 10.
Klaus K. erfährt von seinem Arzt, dass eine lineare Fraktur des Wirbels L3 und eine noch nicht näher definierbare Schädigung des Rückenmarks im Bereich dieses Wirbels vorliegt. Die Folge sei eine Paraplegie, also eine Querschnittslähmung. Wieweit Beweglichkeit, Berührungsempfindlichkeit und Organfunktionen unterhalb der verletzten Stelle wiederkehren würden, könne man nicht sagen. Die Möglichkeiten reichten von Wiederherstellung nahezu aller Funktionen bis zur völligen Lähmung aller Gliedmaßen wie auch aller Organe ab dem dritten Lendenwirbel.

1. 12.
Klaus K. verlässt das Krankenhaus im Rollstuhl. Die Beweglichkeit seiner Beine ist nicht wiedergekehrt, Berührungssensibiliät ist teilweise vorhanden. Er trägt einen Blasenkatheter, da er den Abfluss von Harn nicht kontrollieren kann. Ebenso kann er die Darmentleerung nicht kontrollieren. Er wird in eine Reha-Klinik eingewiesen, um den Umgang mit seiner Behinderung zu erlernen.

26. 1.
Klaus K. wird aus der Reha-Klinik entlassen. Er hat intensiv mit verschiedenen Kraftmaschinen trainiert. Er ist in der Lage, sich hochzuziehen und sein Körpergewicht ohne Hilfe der Beine in der Höhe zu halten. Er hat gelernt, sich selber einen Blasenkatheter zu setzen. Durch intensives Training ist es ihm sogar gelungen, die Darmentleerung wieder zu beherrschen. Zu Hause freut sich seine Familie vor allem darüber, dass Klaus voller Tatendrang ist.
Allerdings sind die Ersparnisse der Familie fast aufgebraucht. Um Klaus den Zugang zum Haus zu ermöglich, musste ein Treppenlift eingebaut werden. Ein behindertengerechtes Auto steht in der Garage. Ein Sportrollstuhl soll ihm helfen, sich auf Marathonläufe vorzubereiten.
Das Arbeitszimmer im Erdgeschoß musste für Klaus’ Bedürfnisse neu eingerichtet, ein behindertengerechtes WC eingebaut werden.

28. 1.
Klaus K. ruft in seiner Schule an: Er melde sich mit nächsten Montag gesund und bitte darum, auf dem Parkplatz, im Lehrerzimmer und in seinen Klassen dafür Sorge zu tragen, dass er parken und arbeiten könne. Der Direktor beschwört Klaus, sich mit der Genesung Zeit zu lassen. In Klaus bleibt das schale Gefühl zurück, unerwünscht zu sein, als er den Hörer auflegt.

4. 2.
Klaus K. trifft bei seiner Schule ein. Er stellt seinen Wagen in der Feuerwehrzufahrt ab, da er keinen markierten Behindertenparkplatz vorfindet.
Der Direktor ist sichtlich peinlich berührt, als Klaus K. in sein Büro rollt. Als dieser ihm mitteilt, er werde ab Montag wieder arbeiten, ringt der Direktor um Worte. Wiederum bedrängt er Klaus, doch der jungen Kollegin, die ihn vertritt, nicht das Einkommen streitig zu machen. Sie stehe sonst auf der Straße. Klaus weist darauf hin, dass er gesund sei und daher das Recht und die Pflicht zu arbeiten habe. Außerdem sei er am Rande seiner finanziellen Leistungsfähigkeit angekommen. Als der Direktor das Wort „gesund“ spöttisch wiederholt, verwahrt sich Klaus lautstark gegen behindertenfeindliche Äußerungen. Der Direktor ersucht ihn, sich zu mäßigen. Mit Aggressionen sei niemandem gedient.

6. 2.
Klaus K. fährt in die Landeshauptstadt, um einen Gesprächstermin beim zuständigen Landesschulinspektor wahrzunehmen. Er findet beim Landesschulratsgebäude keinen Behindertenparkplatz vor und lässt sein Auto in einer Zufahrt stehen. Erlegt einen Zettel in die Windschutzscheibe: Sein Wagen sei nur wegen des Fehlens eines Behindertenparkplatzes hier vorschriftswidrig geparkt.
Sein Vorgesetzter heißt ihn willkommen und erklärt, ihm eine erfreuliche Nachricht überbringen zu dürfen: Man könne ihm ein äußerst entgegen kommendes Angebot für seine sofortige Pensionierung unterbreiten. Als Klaus erklärt, er gedenke am nächsten Montag seine Arbeit wieder aufzunehmen, was ihm zustehe, gefriert das Lächeln des Landesschulinspektors. Er habe schon von den Wutausbrüchen Klaus K.’s gehört, er könne nicht verantworten, ihn wieder in eine Schulklasse zu lassen.
Am Abend dieses Tages bestätigt Klaus K. neuerlich per E-Mail seinem Direktor, dass er am kommenden Montag den Dienst antreten werde.


11. 2.
Klaus K. betritt seine Schule, findet im Lehrerzimmer seinen Platz aber besetzt vor. Außerdem sind Tische und Stühle so wie bisher, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse eines Rollstuhlfahrers, aufgestellt. Betretene Blicke verfolgen ihn. Klaus rollt zur Klasse 2E.
Dort stellen sich ihm Bänke, Stühle und ebenso betretenes Schweigen entgegen wie im Lehrerzimmer. Klaus K. begrüßt seine Schüler und erklärt ihnen, der Unterricht werde nicht anders sein als zuvor. Sie bräuchten kein Mitleid mit ihm zu haben, aber er werde ihnen alle Fragen im Zusammenhang mit seinem Unfall und der Behinderung gerne beantworten, wenn sie es wollten.
Hinter ihm betritt eine junge Frau die Klasse, ihr Blicke ruhen kurz auf Klaus, wortlos geht sie wieder.
Klaus beginnt seinen Unterricht, doch seine Schüler folgen ihm kaum. Es herrscht Stille, bis sich die Tür erneut öffnet und der Direktor eintritt. Mit lauter, energischer Stimme fordert er Klaus auf, die Klasse zu verlassen.
Hinter ihm steht die junge Frau von vorhin. Klaus möchte den Konflikt weder auf dem Rücken der Schüler noch auf ihrem austragen und rollt aus der Klasse direkt in die Direktion.
Es entspinnt sich neuerlich eine lautstarke, bis auf den Gang hinaus deutlich verständliche Auseinandersetzung mit dem Direktor, in der weder Klaus noch sein gegenüber an Grobheiten sparen.

12. 2.
Klaus stellt sich und seinen Rollstuhl morgens vor dem Schuleingang ab und hängt an den Seiten und der Lehne des Rollstuhls Plakate auf, die seine Situation und seine Forderungen darstellen. Die Augen der Kollegen meiden ihn, Schüler lachen oder zeigen mit dem Finger. Nach wenigen Minuten erscheint der Direktor und fordert ihn auf, den Platz zu räumen. Er droht mit der Polizei. Klaus K. erklärt dem Direktor, dass er die Reaktion der Polizei und der Medien gespannt erwarte.
Eine halbe Stunde später taucht tatsächlich ein Polizeifahrzeug auf. Dessen Besatzung – ein Pärchen jüngerer Polizisten – fordert ihn auf, nach Hause zu fahren. Klaus erklärt ihnen, dazu müssten sie Gewalt anwenden. Etwas ratlos ziehen sich die beiden zurück, um sich abzusprechen. Sie fahren ab, ohne nochmals mit Klaus zu sprechen.
Eine weitere halbe Stunde später taucht ein Wagen auf, dessen Insasse sich als Redakteur der regionalen Tageszeitung vorstellt.
Am Abend dieses Tages wird über den Fall Klaus K. im regionalen Fernsehsender berichtet.


13. 2.
Klaus K. bezieht erneut vor der Schule Posten. Er bleibt bis zehn Uhr. Bis dahin hat er per Telefon die Anfragen von sieben Journalisten beantwortet, zwei Kamerateams haben ihn interviewt und gefilmt.
Am Abend dieses Tages ist sein Fall in den nationalen Nachrichten, Vertreter der Schulbehörden, von Behindertenverbänden und aller Parteien nehmen dazu Stellung.
Die Unterrichtsministerin betont, dass Lehrerinnen und Lehrer selbstverständlich auch unterrichten dürften, wenn sie behindert seien. Ihren Informationen zu Folge sei bei Klaus K. aber nicht die Behinderung der Grund dafür, dass man noch etwas abwarte, bis man ihn wieder unterrichten lasse. Es gebe Hinweise, dass in Folge des Unfalls bei Klaus K. „psychische Phänomene“ aufgetaucht seien, die eine weitere Behandlung des Lehrers unumgänglich machten. Danach bestehe keinerlei Einwand gegen seinen weiteren Verbleib im Schuldienst.

14. 2.
Eine internationale Privatschule aus einem nahe gelegenen Fremdenverkehrsort ruft bei Klaus K. an. Man habe von seinem Fall gehört. Im Gegensatz zum staatlichen Schulsystem habe man keine Berührungsängste. Er solle vorbeikommen. Ein Arzt, der Klaus K. nach seinem Unfall behandelt hat, ruft ebenfalls an. Man suche dringend einen Lehrer für den Unterricht auf der Kinderstation in seinem Krankenhaus. Klaus sagt ein Gespräch für den 18. 2. zu.

17. 2.
In der Privatschule wird er herzlich willkommen geheißen, nachdem der Direktor – unüberwindlicher Stufen wegen – in ein Besprechungszimmer im Erdgeschoß gerufen worden ist. Klaus K. bedankt sich für die Chance, beginnt zu erzählen, wie übel man ihm im staatlichen Schulsystem mitgespielt hat und erläutert dem Direktor seine zusätzlichen Qualifikationen in englischer Sprache, worum er gebeten worden ist. Der Direktor räuspert sich mehrmals und zieht an seinem Krawattenknoten, bis er Klaus schließlich unterbricht. Man habe nicht an einen Posten in der Lehre gedacht, sonder eher im Bereich Lernbetreuung. Mit Lehrtätigkeit sei Klaus K. wohl doch überfordert. Wortlos verlässt Klaus K. die Schule, ohne sich zu verabschieden.

18. 2.
Im Krankenhaus freut man sich, Klaus K. zu sehen. Man eröffnet ihm, dass die Krankenhausschule seit zwei Tagen verwaist sei, die Schwangerschaft der bisherigen Lehrerin verlaufe kompliziert. Klaus K. besichtigt den gut ausgestatteten Unterrichtsraum. Ob er morgen beginnen könne? Klaus K. sagt zu.

1. März
Klaus K. hat sich mit Begeisterung in seine neue Arbeit gestürzt, die ihm allerdings einen Einkommensverlust von ca. 30% bringt. Der Primar der Anstalt teilt ihm an diesem Tag bestürzt mit, dass sein Vertrag zurückgewiesen worden sei. Er habe als Gymnasiallehrer nicht die erforderliche Qualifikation, auch Kinder im Volksschulalter unterrichten zu dürfen. Es sei denn, er wäre bereit, sich mit Beginn des neuen Semesters an der Pädagogischen Hochschule einzuschreiben. Das Studium könne online als Fernstudium betrieben werden, nur mehrmals im Semester seien am Wochenende Blockveranstaltungen zu absolvieren. Klaus ist mittlerweile mit allem einverstanden und sagt zu.

Letzte Aktualisierung: 22.12.2007 - 17.08 Uhr
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