Der Tod aus der Teekiste
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Dezember 2007
Der Ausbruch
von Ulrike Weinhart

Kurz vor der Autobahnausfahrt hatte sie sich entschlossen. Sie würde den Blinker nicht setzen, nicht von der Überholspur auf den Abbieger wechseln, nicht bremsen und nicht die gleiche Abfahrt wie an allen anderen Tagen nehmen. Dennoch war sie verwundert, wie schwierig es war, etwas NICHT zu tun ...

it's easier to leave than to be left behind

Mit unverminderter Geschwindigkeit schoss ihr schwerer Kombi an der Autobahnausfahrt vorbei. Sie wagte nicht, zu beschleunigen oder die Spur zu wechseln, aus Angst durch irgendeine Veränderung auf sich aufmerksam zu machen.

Aufmerksam machen? Wen denn? Sie schalt sich ob ihres verrückten Gedankens. In allen anderen Autos sah sie nur die abgespannten, auf den Verkehr konzentrierten Gesichter der Menschen nach einem langen Arbeitstag. Niemand nahm Notiz von ihr, kein Polizeiauto, aus dem der Beifahrer die Kelle hob und sie rechts ran winkte. Was sollten sie auch von ihr wollen? „Frau Sattler, warum fahren Sie nicht nach Hause. Sie werden dort erwartet.“ Blödsinn. Es gab keine anderen Fahrer, die sie missbilligend betrachteten oder durch wütende Gesten andeuteten, dass sie sich zu Mann und Kindern scheren sollte, wo sie schließlich hingehörte. Alles war wie immer, wie noch vor einer halben Minute, wie noch vor einem Kilometer. Außer, dass sie sich jenseits der Ausfahrt befand, die sie üblicherweise benutzte.

Sie drehte den Lautstärkeregler der Stereoanlage hoch. Die wärmende Stimme des Leadsängers von R.E.M. füllte den ganzen Wagen und noch mehr, ihren Kopf. Michael Stipe schien aus ihr heraus zu singen. Aus ihrer Brust, gab ihren Gefühlen Worte, vertonte ihre Flucht. Jede Textzeile sprach zu ihr und erhielt ihre Bedeutung aus den Gedanken, mit denen sie sie speiste.

a loneliness that wears me out

Und gleichzeitig war nichts mehr wie gerade eben noch. Die Straße, vorher wie jetzt ein graues Band mit weißen Linien, wirkte fremd, auffällig, hinsehenswert, die Bäume sahen leuchtender aus, das Laub wirkte gelber, als sei der Herbst hier schon weiter fortgeschritten. Sie fühlte sich hellwach und aufmerksam, als ob sich Hunderte von Schleusen in ihrem Gehirn gleichzeitig geöffnet hätten und die Welt zu ihr herein ließen. Wund, ängstlich und aufgerieben, aber sehr lebendig.

you wanted me to be someone I could never be

Sie richtete sich in ihrem Sitz auf, setzte entschlossen den linken Blinker, scherte hinter einem Lastwagen aus und trat auf das Gaspedal. Sie genoss die animalische Kraftentwicklung, die sie mit dieser winzigen Fußbewegung freigesetzt hatte. Mit ihren Händen strich sie am Lenkrad auf und ab und fühlte die wenigen Vibrationen, die ihr anzeigten, dass der Wagen noch nicht schwebte.

you might have succeeded in changing me

Hartmut hatte darauf bestanden, dass sie das Auto mit einem starken Motor kauften. 'Wenn du mal in einer Notsituation bist, kommt es vielleicht auf die paar PS an', hatte er gesagt. Eine Notsituation wie diese hatte er damit nicht gemeint.

I want you to set me free

Sie rauschte an der nächsten Ausfahrt vorbei, an der übernächsten. So weit außerhalb der Stadt wurde der Verkehr dünner, die meisten Pendler hatten die Autobahn verlassen. Es war inzwischen vollkommen dunkel geworden. In einem kleinen Dorf unweit der Autobahn waren in fast allen Häusern die Lichter eingeschaltet, ein Bild, das sie an einen Adventskalender erinnerte.
Ihre Kinder würden dieses Jahr keinen Adventskalender haben. Hartmut würde in dem ganzen Wirbel um ihr Verschwinden mit Sicherheit vergessen, einen zu besorgen. Allerdings, in manchen Dingen konnte er geradezu unheimlich umsichtig sein. Als es vor zwei Wochen zum ersten Mal geschneit hatte, hatte sie auf dem Firmenparkplatz statt ihres Autos seines in der Parklücke vorgefunden. Auf dem Fahrersitz lag ein Zettel: 'Ich habe die Autos getauscht, meiner hat schon Winterreifen.'

memory fuses and shatters like glass

Sie tauchte in die Musik ein wie in eine Badewanne warmen Wassers. Michael Stipe konnte die richtigen Worte finden. Worte, die sie anrührten, die nur für sie geschrieben waren und auch nur diesen Augenblick. Bedeutungsvolle Sätze in einem seidenen Gespinst aus Musik. Er war der Mann, an dessen Worten sie ins Leben hinaus steigen konnte wie an der wohldurchdachten Anordnung von Griffmulden an einer Kletterwand. Seine Musik, die wie der rettende Regen auf ihre ausgetrocknete Gefühlswüste fiel, mit Texten, die nur sie alleine meinten, die von einem Reichtum an tiefstem Verstehen zeugten, und eine Gebrauchsanweisung für ein glücklicheres Leben bedeuteten. Seine Melodien entführten ihre Seele aus dem Alltag. Was waren dagegen schon Winterreifen?

it's hard to focus on more than what's in front of you

Es begann in winzigen Flöckchen zu schneien. Inzwischen war es zwanzig nach sieben. Hartmut würde begonnen haben, sich zu fragen, wo sie blieb. Sie tastete auf dem Beifahrersitz nach ihrer Handtasche, kramte ihr Handy hervor und schaltete es aus. 'Lindau 58 km', stand auf dem Schild. Erstmals richtete sie den Blick nach vorne, auf ihre unmittelbare Zukunft. Wohin würde sie fahren? Sie hatten Freunde in Zürich. Nein, natürlich konnte sie bei denen nicht auftauchen. Sie würden Fragen stellen, warum sie alleine käme, wohin sie reisen wolle. Und würden aus dem Nebenzimmer Hartmut anrufen. Heute Nacht würde sie auf jeden Fall weiter fahren als bis Zürich, bis Lausanne oder Genf vielleicht, und dann? Im Auto auf einer Raststätte übernachten? Hartmut hatte erzählt, ein Kollege von ihm sei dort in seinem Wohnmobil überfallen und ausgeraubt worden. Sie würde lieber von der Autobahn abfahren und sich in irgendeinem Ort auf den Supermarktparkplatz stellen. Nur, allein als Frau im Auto? 'Stell dich nicht an', schimpfte sie mit sich selbst, 'du bist in der Schweiz und nicht in der der Bronx'.

the light has started to fade

Der Schneefall wurde heftiger und die Temperaturanzeige sank unter Null Grad. Sie spritzte Waschwasser auf die Scheibe, das augenblicklich gefror. Mist, hatte sie doch beim letzten Tanken vergessen, Frostschutzmittel einzufüllen. Hartmut hatte sie noch erinnert. Sie schaltete den Scheibenwischer auf schnellen Betrieb und spähte durch das angefrorene Grau. Gleichzeitig ging sie vom Gas. Durch die Seitenscheibe sah sie ein Schild vorbeihuschen, das eine Ausfahrt ankündigte. Sie setzte den Blinker, fuhr von der Autobahn ab und blieb kurz darauf am Straßenrand stehen.

it's that sinking feeling

Die Musik war zu Ende und der Player schob ihr mit energischem Surren die CD entgegen. Sie legte die Arme über das Lenkrad, stützte den Kopf darauf und schloss die Augen.

Eine serpentinenreiche Straße. Steil. Dunkelblau leuchtet das Meer zwischen Pinien hindurch und die Sonne lässt ihre Reflexionen auf der Wasseroberfläche tanzen. Alle Fenster sind offen, ein warmer Wind verwirbelt ihre Haare, es duftet nach dem Harz warmer Nadelhölzer. Kurz vor dem Strand hält sie an und steigt aus. Es sind nur wenige Meter bis zum Wasser. Sie bückt sich und schöpft den warmen Sand mit beiden Händen, lässt ihn sich durch die Finger rieseln. Dann schlüpft sie rasch aus ihrem Kleid und den Schuhen und geht zögerlich auf die blaue Tiefe zu.
Das Wasser ist kälter, als sie erwartet hat. Viel kälter.

Als sie ihren Kopf wieder hob, fror sie erbärmlich. Sie musste tatsächlich eingeschlafen sein. Rasch startete sie den Motor, drehte die Heizung auf Anschlag und sah auf die Uhr. Halb neun.
Der Scheibenwischer mühte sich durch eine beträchtliche Menge Schnee. Sie tastete nach dem Scheibenkratzer. 'Ich habe dir auch einem gekauft', hatte Hartmut gesagt. 'Er steckt im Fach in deiner Fahrertür'. Zitternd schabte sie das Eis von der Frontscheibe.
Der Wagen ließ sich problemlos durch den Schnee auf die Fahrbahn zurück manövrieren. Sie fuhr unter der Autobahn durch und auf der Gegenspur wieder auf. Landsberg 94 km. Ob Michael Stipe Winterreifen aufziehen konnte? Sie grinste bei dem Gedanken.

In dem Moment als sie ihr Handy einschaltete, klingelte es auch schon.

Letzte Aktualisierung: 10.12.2007 - 23.46 Uhr
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