Honigfalter
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Dezember 2007
Rot
von Claudia Schäckel

Sie musste sich konzentrieren, um einen Fuß vor den anderen zu setzten. Ihre Schritte wichen immer wieder von einer gedachten, geraden Linie ab. Die Menschen, die an ihr vorbei gingen oder sie überholten, traten zur Seite. Manche sahen ihr irritiert, oder mit einem Kopfschütteln nach. Dann blieb sie stehen und hob den Kopf. Ihre Haare hingen wirr in ihr Gesicht, ihre Haut war bleich und ihre Augen hatten einen abwesenden Blick. Sie konnte sich nicht daran erinnern wo sie her kam und musste sich konzentrieren, um herauszubekommen wohin sie wollte. Sie musste weiter gehen. Sie musste nach Hause. Ihr Blick glitt über den Gehsteig und die Gesichter der Passanten. Viele Gesichter. Alle gleich. Alle starrten sie an. Auf ihrer Stirn stand kalter Schweiß und ihre Beine würden sie nicht mehr weit tragen. Sie versuchte die Straße in der sie stand zu erkennen, doch es war so schwer. Es sah alles gleich aus und die Konturen schienen sich dauernd um einige Millimeter zu verschieben. Dann erkannte sie den Bäcker. Die Straße nach dem Bäcker rechts und dann den dritten Hauseingang auf der linken Seite. In Zeitlupe setzte sie sich wieder in Bewegung und erreichte die Tür zu ihrem Haus. Mit den vollen Einkaufstaschen in beiden Händen stand sie vor der Tür und betrachtet die Klinke. Sie war zu Hause, und jetzt?
Sie schrak zusammen als die Tür von innen aufgerissen wurde.
„Hallo Sabine. Oh du hast ja viele Taschen. Ich halte dir die Tür auf.“
Eine Tür war dafür gedacht hindurchzugehen. Die Frau schien sie zu kennen. Durch die Tür gehen, erinnerte sie sich, und setzte sich in Bewegung. Sie sollte sich bedanken. Die Frau war freundlich zu ihr gewesen. Aber warum? Sie meinte ihre Mutter zu hören, die ihr erklärte, dass man sich bedanken musste, wenn einem jemand geholfen hatte.
„Danke.“ Komische Stimme, sie klang so fremd.
Ohne auf ihre irritierte Nachbarin zu achten, ging Sabine an ihr vorbei die Treppe hoch.
Die Nachbarin hatte das blasse Gesicht und den abwesenden Blick gesehen. Einen Moment zögerte sie in dem Impuls ihr zu folgen. Dann sah sie unschlüssig auf die Uhr, sie kam ohnehin schon zu spät zu ihren Termin. Wenn sie zurück war würde sie nach ihr sehen. Mit dieser Lösung zufrieden drehte sie sich um und ging nach draußen und die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.
Sabine stand vor ihrer Wohnungstür und überlegte, dass sie mit den vollen Händen nicht in der Lage war den Schlüssel aus ihrer Tasche zu holen. Wenn sie ihre Taschen abstellte, hatte sie beide Hände frei und konnte nach dem Schlüssel suchen. Sie lehnte die Taschen an die Wand im Hausflur. Es wurde langsam schwierig sich auf den Beinen zu halten. Sie stützte eine Hand am Türrahmen ab und mit der anderen versuchte sie einen der vielen Schlüssel in das verzerrte Schlüsselloch zu bekommen. Einer musste passen. Es passte immer einer. Dann hatte sie den richtigen gefunden. Erleichtert drehte sie ihn im Schloss und schob die Tür auf. Im Flur streifte sie die Schuhe von den Füßen und schaffte es gerade noch bis zum Sofa. Sie ließ sich darauf fallen und schloss erleichtert die Augen, um der verschwommene und schwankende Welt zu entkommen. Sekunden später sprang sie wieder auf und stolperte ins Badezimmer, um sich zu übergeben.

Ihr Mann kam einige Zeit später von der Arbeit nach Hause und blieb verwundert vor der Wohnungstür stehen. Zwei Einkaufstaschen und die Handtasche seiner Frau standen neben einer nur angelehnten Tür in deren Schloss ihr Schlüssel steckte. Ein ungutes Gefühl schlich sich an. Er raffte alles zusammen und betrat eilig die Wohnung.
„Sabine?“ Er schmiss die Tür hinter sich zu und stellte die Taschen neben das Sofa.
„Sabine?“ Er ging den Flur entlang. Sah in die Küche und ins Badezimmer. Leer.
„Sabine!“ Er öffnete die Schlafzimmertür und sah sie regungslos auf dem Bett liegen.
„Sabine, was ist mit dir?“
Er hockte sich vorsichtig neben sie und strich ihr die Haare aus dem Gesicht. Ihre weit aufgerissenen Augen starrten ihn aus einem bleichen Gesicht an, und auf ihrer Stirn standen kleine Schweißtropfen. Es schien einen Moment zu dauern, bis sie ihn erkannte, dann begann sie zu schluchzen. Er nahm sie in die Arme und wiegte sie wie ein kleines Kind, versuchte sie zu beruhigen und zu erfahren was mit ihr los war. Er fragte sie ob ihr etwas passiert sei, ob sie krank sei, ob sie sich verletzt habe, doch sie brachte immer nur ein kaum verständliches „Nein“ hervor. Und nach jedem „Nein“ wurde ihr Schluchzen heftiger. Er gab es auf sie weiter auszufragen und hielt sie so lange fest bis sie eingeschlafen war. Dann stand er leise auf und ging zurück ins Wohnzimmer. Unruhig und besorgt begann er mechanisch die Einkäufe aufzuräumen, nur das geschmolzene Eis kippte er gleich in den Spülstein. Nachdem er fertig war stützte er sich mit beiden Hände an der Arbeitsplatte ab und versuchte tief durchzuatmen, sich zu beruhigen. Er konnte keine Minute aufhören darüber nach zu denken was mit seiner Frau los war und beschloss, ihr einen Tee zu machen.
Kurze Zeit später nahm er die volle Tasse vorsichtig am Henkel und wollte sich auf den Weg ins Schlafzimmer machen, als ihn ein durchdringender Schrei zusammenfahren ließ. Die Tasse mit dem heißen Tee fiel klirrend zu Boden. Ein Teil ihres Inhaltes verbrühte ihm die rechte Hand, aber das bemerkte er nicht. Er rannte in Richtung Schlafzimmer und stieß die Tür auf. Sabine saß aufrecht im Bett und Tränen liefen über ihr Gesicht.
„Er war so schnell. Ich hab ihn gehört und mir noch gedacht, dass man in der Stadt nicht so schnell fahren sollte.“ Sie sprach langsam und sehr leise.
Er setzte sich zu ihr ans Bett und nahm vorsichtig ihre Hand. Sie sah ihn an. Sah ihn richtig an, nicht nur abwesend durch ihn hindurch.
„Ich stand an der Fußgängerampel und habe auf grün gewartet. Die Ampel ist für die Fußgänger grün geworden. Wenn die Fußgänger grün haben dann muss für die Autos doch rot sein?“ Ihre Hand in seiner begann zu zittern.
„Ja natürlich muss für die Autos dann rot sein.“ Er merkte, wie sich sein Magen verkrampfte. Er war auf dem Heimweg einen langen Umweg gefahren, wegen einer Vollsperrung.
„Ich bin stehen geblieben, weil ich ja schon gedacht hatte, das der viel zu schnell fährt.“ Sie begann wieder zu weinen.
„Der Wagen ist über die Kreuzung geschossen ohne zu bremsen. Auf der anderen Seite ist ein Mädchen über die Straße gelaufen. Sie hat telefoniert. Sie hat ihn nicht gehört.“

Letzte Aktualisierung: 16.12.2007 - 15.10 Uhr
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