Der Tod aus der Teekiste
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Dezember 2007
Corchu
von Robert Pfeffer

Mit schmerzverzerrtem Gesicht stand er neben Corchu. Der konnte nichts dafür, das wusste Richard. Er betrachtete seine kurzen weißen Haare, den schlanken Hals und sah auf seine hellbraunen Fesseln. Corchu, mit einem „tsch“ vor dem „u“ ... Es war das spanische Wort für Korken und die Farbe passte. Er war ein eher zierlicher Kerl mit eleganten Bewegungen. Seit einer Minute waren sie Freunde, jetzt wo Richard abgestiegen war. Obwohl er die Zügel zwischendurch aus den Händen verloren hatte, war das Pferd neben ihm stehen geblieben.

Richard lehnte sich rückwärts an Corchus Hals und sah zuerst hinauf in den stahlblauen Himmel. Dann schloss er die Augen. Bevor diese Schmerzen nicht nachgelassen hatten, ging es nicht weiter. Was um alles in der Welt hatte ihn geritten, dass er überhaupt in diese Situation gekommen war?

Er und Beate waren mit einer Reisegruppe durch Patagonien unterwegs. Die Zeit vor, während und nach den Schlaglöchern auf den Schotterpisten vertrieb der quirlige Fahrer und Reiseführer Gringo mit allerlei Geschichten. Gringo nannten ihn die Einheimischen, denn er stammte aus Deutschland. Alles, was weiße Haut hat, nennen sie in Argentinien erst einmal Gringo. Die Liebe hatte ihm seinerzeit den Weg in dieses Land gezeigt und er war geblieben. Sein Spanisch war zwar fließend, allerdings mit einem Akzent, der ihm seinen argentinischen Namen wohl dauerhaft sicherte.

Peter, ein junger Anwalt aus Hessen, fiel in der Gruppe nicht sonderlich auf. Auch Annegret nicht, die frühere Stewardess aus Franken. Außer vielleicht dadurch, dass sie fast alles fotografierte, was sich bewegte. Nur einen war Richard sofort aufgestoßen: Kawara-Walter, der Mann von Annegret. Der Zusatzname des pensionierten Flugzeugtechniker stand für „Kennt alles, weiß alles, regelt alles.“ Völlig egal, ob man über Architekturstile in der Mongolei, Fruchtbarkeitstänze aus Togo oder den Gelbfuß-Regenpfeifer aus dem Wattenmeer sprach, Walter wusste immer Bescheid. Ein „Hab ich noch nie gehört“ war bei ihm undenkbar. Und man konnte sicher sein: Wenn es ein Problem gab, schritt Walter großzügig zur Tat. Wenn es keins gab, dann auch.

Sie fuhren nun schon den halben Tag. Nur ein paar Guanakos, Nandus, unzählige Schafe und hin und wieder einige Flamingos tauchten neben der Piste auf. Dennoch konnte Richard sich nicht satt sehen. Bis zum Horizont konnte man manchmal 200 Kilometer schauen. Daheim waren zwei Stunden Fahrt ohne entgegen kommendes Auto undenkbar. Die Estancia La Angostura, eine Schafsfarm mit Gästezimmern, war nahe. Gringo erzählte von den Pferden dort.
„Wir können morgen früh einen Ausritt machen, wenn ihr wollt.“
Richard hörte gar nicht richtig hin, wie üblich, wenn es um Pferde ging. Sie waren ihm immer schon zu groß und noch nie konnte er ihre Reaktion einschätzen. Allein die Idee, von so einem Tier herunter zu fallen oder, dahinter stehend, einen Tritt abzubekommen, wenn es auskeilte, fand er beängstigend. Wenn er richtig schlecht träumte, dann davon, wie er auf einem dieser armen Kirmesponys saß, das plötzlich durchbrannte und mit ihm auf dem Rücken eine Fußgängerzone hinunter galoppierte. Immer, wenn er diesen Traum hatte, merkte er, dass es eigentlich überhaupt keinen Grund gab für seine Angst. Außer einem kurzen Versuch vor Jahrzehnten im Schwarzwald, als er auf einem Haflinger saß und über eine Weide geführt wurde, hatte er dieser Tierart nie wirklich eine Chance gegeben. Weil er auch prima ohne Pferde lebte, dachte er meist nicht weiter darüber nach.

Der Bus bog von der Ruta 40 auf die Stichstraße ab, die zur Estancia führte. Gringo fragte in die Runde:
„Will jemand den Rest zu Fuß laufen? Es sind sechs Kilometer, immer diesem Weg nach. Verirren unmöglich.“
Peter und Richard wollten die Steppe einmal ohne Auto in der Nähe und damit aus einer anderen Perspektive erleben, stiegen aus und spazierten los. Eine Weile redeten sie noch, dann wurden sie wie von selbst still. Die Chance auf pure Einsamkeit war da.

Außer dem allgegenwärtigen Wind hörte man hier so gut wie nichts. Nach der Hälfte des Fußmarsches gingen sie zweihundert Meter auseinander. Jeder nahm auf einem großen Stein Platz. Sie sahen in verschiedene Richtungen. Richard schloss die Augen und wartete. Zwei Minuten vergingen, in denen er nur lauschte und den Wind auf seiner Haut spürte. Eine einzelne Vogelstimme drang an sein Ohr. Sie hielt ihn noch am Boden. Dann war der Vogel weg. Noch eine Minute verging. Er kam sich beinahe schwerelos vor. Der Wind fuhr in seine Kleider. Auf seinem Stein sitzend hob er ab. Höher und höher. Dann blieb er in der Luft stehen. Wie ein Raubvogel, der eine Beute erspäht hat. Leise segelte er auf der Stelle. Die Zeit hielt an. Totale innere Ruhe und Entspannung. Auf der Welt gab es nur noch den Wind, die Steppe und ihn. Das hatte er noch nie gefühlt. Richard kam sich winzig vor und zugleich doch über den Dingen schwebend.

Peter rief und wollte weiter.
„Komm, Richard, lass uns den Rest in Angriff nehmen. Weißt Du schon, ob Du morgen den Ausritt mitmachst?“ fragte er. „Ich bin auf jeden Fall dabei.“
„Hm, weiß noch nicht.“ Richard wich aus.

Der Dieselgenerator, der für drei bis vier Stunden am Abend für die Touristen auf der Estancia elektrisches Licht erzeugte, beendete gegen 22 Uhr sein Gewummer. Richard kämpfte. Reiten oder nicht reiten, das war hier die Frage! Das intensive Erlebnis in der Steppe hatte ihm Kraft gegeben, seine Perspektive verändert. Mut, es vielleicht doch einmal zu probieren. Oder war es Übermut? Schwer zu trennen. Er vertagte die Entscheidung auf den kommenden Morgen und schlief ein.

„Ich hab noch mal eine Nacht drüber geschlafen. Ich reite mit!“ verkündete er beim Frühstück.
„Bist Du sicher?“ fragte Beate verwundert. „Bislang hast Du von Pferden doch immer Abstand gehalten.“
„Ja, stimmt. Aber ich hab es ja nie wirklich ausprobiert. Ich muss herausfinden, woher die Angst kommt. Vielleicht weiß ich es, wenn ich oben auf dem Rücken eines Pferdes sitze?“
„Du musst wissen was Du tust,“ entgegnete Beate. Sie hielt es für keine gute Idee, beschloss aber, sich nicht weiter einzumischen.

Annegret saß auf einem großen Braunen, Gringo auf einem sportlichen Schwarzen. Peter stieg auf ein kleines weißes Ross mit hellbraunen Fesseln. Als Letzter war nun Richard dran. Unter Aufbietung aller Gelenkigkeit erreichte er mit dem linken Fuß den Steigbügel. Jemand schob ihn am Hintern noch ein wenig hoch und schon schwang er sich auf den dunkel Gescheckten wie auf ein Fahrrad.

„Ach Du dicke Eiche, wie breit ist der denn?“, schoss es aus ihm heraus.
Seine morsche Hüfte, die er veräppelnd gerne als altes Kriegsleiden verkaufte, schien zu bersten. Wasser füllte seine Augen. Den verzerrten Blick nahm auch Gringo wahr.
„Alles klar bei Dir?“ fragte er.
Noch fehlte Richard die Luft für eine Antwort. Schließlich presste er über die Lippen:
„Gibt’s die auch in schmal?“
Der Gaucho bekam von Gringo einen Hinweis und meinte, Corchu sei der schmalste. Kurz darauf saß Richard auf ihm. Oben spürte er wieder diesen Schmerz. Trotzdem ritten sie los. Hier schon aufgeben schied aus. Rasch warf er noch einen gequält lächelnden Blick hinüber zu Beate.
„Drück mir die Daumen, dass er nicht durchbrennt.“
Sie schüttelte nur den Kopf und ging ins Haus.

Richard hatte durch den Schmerz die Angst zunächst vergessen. Das Pferd meisterte die Strecke auch ohne ein Kommando. Seine Hüfte war mittlerweile taub, das machte die Sache soweit erträglich. Nun aber gaben die anderen plötzlich Gas. Corchu sah die anderen davon rauschen und Richard spürte unter sich, wie das Pferd den Herdentrieb fühlte. Unweigerlich verfiel es in den Trab.
„Moment mal,“ sprach er auf sein Ross ein. Es war ein Kampf der Wünsche. Traben, bremsen, traben, bremsen. In Richard stieg die Angst wieder hoch, sobald es mehr als Schrittgeschwindigkeit war. Der drohende Kontrollverlust ließ ihn umso heftiger am Zügel zerren.
„Weißt Du, mein Freund,“ sprach er mit Corchu, „ich versteh Dich ja. Aber ich bin kein Jockey, sondern Tourist. Kapiert?“
Außer weiteren Trabversuchen erhielt er keine Antwort.

Nach 20 Minuten schloss Richard erst wieder auf. Während die anderen an einer kleinen Brücke abgesessen und eine Pause hatten, ging es für ihn und den Weißen gleich weiter.

Kurz vor der Estancia, nur noch eine Kurve wäre es gewesen, nahm er beide Füße aus den Steigbügeln. Seine Angst wurde zu groß. Corchu witterte die Unruhe auf seinem Rücken und fuhr ständig mit dem Kopf auf und ab. Mit einem finalen Kraftakt legte Richard sich in Richtung Pferdehals auf den Bauch, schwang das rechte Bein nach oben. Als er flach auf dem Rücken des Tieres lag, drehte er den ganzen Körper und sank auf seiner linken Seite nach unten. Auf beiden Füßen landete er auf dem Boden. Die Beine verharrten in genau der Haltung, in die sie vom Sattel geformt worden waren.

Richard öffnete die Augen. Immer noch lehnte er an Corchus Hals. Er atmete tief ein. Es war auch der Stolz, den er in seine Brust sog. Andererseits schüttelte er den Kopf. Was wollte er sich eigentlich beweisen? Dass er gegen seine Angst ankam? Das hatte er geschafft, aber dafür brauchte er gleich hinten in der Estancia zwei künstliche Gelenke.

„Was hältst Du davon, wenn wir jetzt gemütlich nach Hause gehen?“, fragte er Corchu.
Der schien zu nicken. Endlich konnten sie die Zügel locker lassen. In gemächlichem Tempo legten sie die letzten Meter bis zum Stall zurück.

Wie war das mit dem Sprichwort? Alles Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde? Ihm war klar geworden: Für ihn lag es definitiv daneben! Der Weg des guten Corchu und seiner hatten sich nur kurz gekreuzt. Hier gingen sie auseinander. In Freundschaft.

Beate hatte bemerkt, dass der Rest der Gruppe schon da war. Einige Minuten sah sie zu, wie Richard den Weißen mit den hellbraunen Fesseln langsam zur Estancia führte.
„Na, war es Dir doch zu mulmig?“
„Nein,“ sagte Richard lachend, „da war ein Schild - Fußgängerzone!“

Letzte Aktualisierung: 25.12.2007 - 10.10 Uhr
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