Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Jens Behn IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Dezember 2007
Lebewohl
von Jens Behn

Das Haus machte einen soliden Eindruck; es stand ein wenig abseits
des Ortes an der Straße, wie ein einsamer Soldat. Das Mauerwerk war
dunkel und die Fenster klein.
Ein Tor, das man kaum öffnen konnte und der Hof dahinter – aufgeräumt
und sauber wie ein frisch gesäuberter Tanzsaal.
Hinter dem Hof, an einem Schuppen vorbei und von der Straße aus nicht
einzusehen, eine Wiese, nahezu unberührt und sattgrün, voller Leben
am Boden. Nur hier und da kreisrunde Flecken, die das Gras abgemäht
zeigten, einem Muster gleich, das ein Riese mit einer Kaffeetasse zu
verantworten hatte.
Und in einem dieser hellgrünen Kreise ein Schaf, in der Mitte
angepflockt und dazu verdammt, nur das Grün vertilgen zu können, das
sich in seiner Reichweite befand. Es schaute auf und wandte den
stoischen Blick den Weg hinauf, der vom Haus herunterführte. Jemand
kam.
Der Alte, der vorsichtig den Weg hinabstieg, hatte seinen besten
Anzug an. Er war sauber gekämmt und hatte sich so gut es ging
rasiert. Hier und dort waren der Klinge einige Stoppeln entgangen und
zeugten nun von den zittrigen Händen während der Rasur. Die wenigen
Kopfhaare waren feucht und sauber zurückgekämmt. Seine Augen glänzten.
Er ging auf das Tier zu. Die Kreatur zeigte zwar kaum eine Regung,
aber man spürte, dass sie zumindest erwartungsvoll, wenn nicht
freudig war.
Der Alte ging auf das Schaf zu und streichelte kräftig über das
verfilzte, schmutzige Fell. Er klopfte ihm gutmütig auf den Rücken
und es stemmte sich dagegen und genoss die Liebkosung.
„Scheinst jedes Mal zu denken, ich komme nicht wieder", brummte der
Alte. Er trat ein Stück zurück. „Vorsicht! Du machst mich dreckig!"
Während er versuchte, das Tier abzuwehren, ging er in die Mitte des
Kreises und begann, den Pflock, an dem die Kette befestigt war, zu
lösen. Angestrengt zerrte er daran, rüttelte und riss, um das Holz
aus dem Boden zu bekommen.
„Das ist das letzte Mal", ächzte er. „Das letzte Mal, dass ich das
hier mache."
Endlich hatte er den Pfahl gelöst und zog ihn immer noch rüttelnd aus
der Erde. Er richtete sich auf und sah dem Schaf in die Augen.
„Warum erzähle ich dir das? Unterhalte mich mit dir wie mit 'nem
Menschen. Lächerlich!"
Er zog die Kette fester und so das Tier zu sich heran. „Komm!"
Das Schaf wusste, worum es ging und trottete folgsam hinter dem Alten
her. Gemeinsam bildeten sie nun eine kleine Prozession, die an diesem
Morgen etwas Feierliches an sich hatte. Er führte das Schaf zu neuem
Futter.
„Weißt du", fuhr der Mann fort, während er zum Schuppen hinüberging,
wo er einen Fäustling abgelegt hatte. „Das mache ich jetzt schon
seitdem du hier bist – mit dir reden. Blödsinn das, kann ich mir
nicht abgewöhnen. Als wenn du mich verstehen könntest."
Er kehrte zurück, mit dem Hammer in der Hand. Das Schaf hatte schon
begonnen, das frische Grün abzufressen, und ließ sich auch dann nicht
stören, als der Alte die Stange in den Boden einschlug.
„Aber was will man machen, man muss mit jemandem reden, und wenn es
ein Wollknäuel ist. Als Else starb, vor einem halben Jahr, ging's
mir nicht gut. Die Zeit war schlimm, niemand da. Damals habe ich
gehofft, Erika nimmt mich zu sich."
Er ging langsam in die Hocke und prüfte die Kette. Dann sah er dem
Tier beim Fressen zu, ganz dicht am Boden, ganz nah.
„Doch sie hat anderes zu tun gehabt. Die Kinder und die Arbeit in der
Bank, man will ja Karriere machen. Kann ich verstehen, denke ich. Ich
weiß noch, wie sie früher immer über diese Wiese hier zurückgekommen
ist vom Spielen. Die Haare völlig verwuschelt, die Sachen verdreckt
und rot im Gesicht, aber immer noch im Hopserlauf. Oft genug hat sie
gelacht, wenn sie zurückkam. Aber die paar Male, die sie weinend
heimgekehrt ist, sind mir im Gedächtnis geblieben."
Das Schaf zeigte kein Interesse. Es hatte seinen neuen Weideplatz
erhalten und zog die Grasbüschel zwischen die Lippen, ohne sich
stören zu lassen.
„Mir fallen in letzter Zeit immer öfter solche Sachen ein. Erika im
Schweinestall, wie sie mir hilft. Das Kind mit seinem ersten Fahrrad,
zusammengebaut aus alten Teilen. Sie hat den ganzen Abend vor dem
Haus geübt, bis sie stürzte und sich ein Bein brach."
Er musste sich stützen, als er aufstand, und als er hinüberging zu
dem Topf fürs Wasser, hinkte er leicht. Er zog den Napf in Reichweite
des Schafes und füllte ihn bis zum Rand aus der mitgebrachten Kanne
auf. Er richtete sich auf und streckte den Rücken durch.
„Das ist alles lange her. Erika ist gegangen und hat einen Teil von
uns mitgenommen. Ich habe lange mit ihr geredet, doch sie ist stur,
das hat sie von ihrer Mutter. Und als ich laut geworden bin und sie
gefragt habe, was hieraus alles werden soll, hat sie sich umgedreht
sie sich um und ist einfach abgefahren."
Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. „Aber jetzt hat sie
angerufen. Sie ist der Meinung, ich komme allein nicht mehr zurecht."
Es war noch nicht Mittag, die Sonne stand hoch und die Hitze hatte
schon wieder ihre Unschuld verloren. Doch für den Nachmittag war
Regen angesagt.
„Es ist nicht mehr viel Zeit", sagte der Alte. „Sie kommen gleich.
Gestern haben wir noch telefoniert und sie hat gesagt, sie kommt
pünktlich. Weißt du, ich glaube schon, dass sie wusste, was sie uns
angetan hat, damals. Sie hat ebenso gelitten, wie wir. Doch was
sollte sie tun, was hatte sie für Möglichkeiten? Man führt sein
eigenes Leben, man ist der Schmied seines Glückes. So musste sie fast
gehen und ließ uns hier. Wir haben sie besucht, natürlich! Wir haben
telefoniert und Else hat oft Briefe geschrieben. Bis vor einem
dreiviertel Jahr."
Er ging noch einmal hinüber zu dem Tier und streichelte es kräftig.
Doch nun schien es dem Schaf gleichgültig; es fraß ohne Unterlass
weiter.
„Für dich ist gesorgt, mein Freund. Ich habe Wolfgang Bescheid
gesagt, er kümmert sich um dich. Dir wird es gut gehen. Ebenso wie
mir – Erika meint, ich brauche Hilfe, allein zu leben ist nichts für
mich. Und da hat sie wahrscheinlich Recht. Ich freu mich, wirklich.
In einer halben Stunde ist sie hier."
Bevor er sich umwandte, klopfte er dem Schaf noch einmal auf den
Rücken. Er sah sich nicht mehr um, während er sagte: „Mach's gut,
Kumpel, pass auf dich auf! Mir wird es gut gehen, mach dir keine
Sorgen. Meine Tochter hat gesagt, es ist ein sauberes Heim mit
freundlichen Pflegern."
So ging er, ebenso vorsichtig wie er gekommen, war den Weg zurück.
Ohne zu zögern verschwand er hinter dem Haus.

Letzte Aktualisierung: 16.12.2007 - 18.46 Uhr
Dieser Text enthält 6269 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.