Schreib-Lust Print
Schreib-Lust Print
Unsere Literaturzeitschrift Schreib-Lust Print bietet die neun besten Geschichten eines jeden Quartals aus unserem Mitmachprojekt. Dazu Kolumnen, Infos, Reportagen und ...
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Gabriela Franze IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Dezember 2007
Blind Date
von Gabriela Franze

Tunnelblick geradeaus. Seit Stunden frisst mein Kühler den Asphalt. Kilometer für Kilometer. Und wofür?

"Single-ER/48/1,75/sucht unternehmungslustige, optimistische SIE/späteres Zusammenleben nicht ausgeschlossen." Außerdem stand da noch etwas von Abitur, von Reiselust, von süddeutschem Raum und von Gitarre spielen. Ein Inserat unter vielen. Keine Ahnung, wieso ich ausgerechnet auf dieses geantwortet habe.

Ich bin seit Jahren allein. Zwangsweise. Scheidung nach den magischen zwanzig Ehejahren. Aber ich komme zurecht. Das Singledasein hat seine Vorzüge: Man kommt und geht, wann man will; man tut und lässt, was man will; die Wohnung ist seltsamerweise immer aufgeräumt; keiner fragt...

Keiner fragt.

Ein lockeres Verhältnis, das könnte ideal sein. Man trifft sich von Zeit zu Zeit, zeigt sein Sonntagsgesicht, hat Spaß. Je größer die Entfernung, desto lockerer, desto sonntäglicher. Vielleicht hat mich das am Inserat angesprochen: Der süddeutsche Raum. Meilenweit von mir und meinem Alltag entfernt. Keine Verpflichtungen.

"Ist das eigentlich ein 'Blind Date'?" frage ich mich. Immer dieses neudeutsche Zeug. Möglich wär's schon. Ein Treffen mit einem Unbekannten. Wieso er sich ausgerechnet mit mir treffen will? Ich hatte ihm am Telefon gesagt, dass ich in Dresden lebe.

Während der Fahrt kreisen meine Gedanken immer wieder um dasselbe Thema. Den roten Schal, unser Erkennungszeichen, trage ich um den Hals. Ich versuche mir auszumalen, wie das Treffen ablaufen könnte. Gott sei Dank konnte ich ihn zu einem roten Schal überreden statt der üblichen roten Rose. Draußen herrscht klirrender Frost. Der Winter hat in diesem Jahr zeitig Einzug gehalten. Wie der Typ wohl aussehen mag? Hoffentlich bekam ich rechtzeitig einen Parkplatz. In München würde ich heute sicher nicht die Einzige sein, die einen ergattern will.

Oh je, meine Abfahrt! Beinahe hätte ich sie verpasst. Kurz entschlossen quere ich halsbrecherisch die drei Fahrspuren, ignoriere die Bremsgeräusche hinter mir und steuere in Richtung "Flughafen". Erleichtert atme ich auf. Das wäre gerade noch einmal gut gegangen! Ein Omen?

Habe ich eben ein Klopfen gehört? Es schien aus Richtung Motorhaube zu kommen. Seltsam. Sicher habe ich mich getäuscht. Ich werde nervöser und nervöser. Wenn ich an das bevorstehende Treffen denke, krampft sich mein Magen zusammen und mein Herz klopft bis zum Hals. Meine Sorge ist berechtigt: Ich bin nicht gerade der Small-Talk-Weltmeister. Worüber sollen wir bloß sprechen? Ich möchte nicht gleich alles über mich verraten, über den Fahrtverlauf nach München gab es nichts Besonderes zu berichten und wie das Wetter ist, sieht er schließlich selbst.

Wieder eine Kreuzung. Die Ampel auf Rot. Wieder dieses Klopfen. Merkwürdig... Grün. Die meisten fahren jetzt an. Ich nicht. Nicht, dass ich nicht anfahren wollte. Ich gebe mein Bestes. Wirklich! Der Gang ist drin, der Tank ist voll, der Fuß drückt auf das Gaspedal, die Handbremse ist gelöst, der Sicherheitsgurt sichert, der Scheinwerfer wirft den Schein, aber nichts tut sich. Das Klopfen allerdings – das Klopfen hat immerhin inzwischen aufgehört. Doch selbst ein technisches Embryo wie ich würde das nur dann als gutes Zeichen werten, wenn nicht gleichzeitig mit dem Klopfen auch das Motorengeräusch verklungen wäre. Das erneute Drehen des Zündschlüssels bringt gar nichts. Dieses Auto war wild entschlossen, nur dann noch ein Geräusch von sich zu geben, wenn ich ein brennendes Zündholz in den Tank werfen würde.

Ich besitze nur ein Feuerzeug.
Mein Handy liegt zu Hause auf dem Küchentisch.
Meine telepathischen Fähigkeiten versagen.
Weit und breit keine Telefonzelle.
Um mich her nur drohende Fäuste und rollende Augenpaare. Ich bin der Hemmschuh der Menschheit, der Fluch der Eiligen, ein gehetztes Wild, ein Kaninchen in der Falle – ich bin eine Frau. Das einsetzende allgemeine Hupkonzert kostet mich meine letzten nervlichen Reserven. Ich weiß jetzt, wie ein Amokläufer sich fühlen muss, kurz bevor er zuschlägt.
Lieber klinke ich mich erst einmal aus: Fahrersitz, bequeme Körperhaltung eingenommen, Blick in weite Fernen, Feuerzeug, Zigarette, Abschalten, Beruhigen...

"Ist Ihr Auto kaputt?" unterbricht eine Männerstimme meine Zwangsmeditation.
"Nein. Ich bleibe immer wieder gerne mal zur Rushhour an einer grünen Ampel stehen, um eine zu rauchen."
"Machen Sie Witze?"
"Bingo!"
"Sie können hier nicht stehen bleiben!"
Jetzt reicht es mir. Wütend schleudere ich ihm ein "Was Sie nicht sagen!" hin und sehe ihn zum ersten Mal an.
Wie auf Befehl brechen wir beide in schallendes Gelächter aus.

Er hilft mir, das Auto an die Seite zu bugsieren. Die Kolonne der Wartenden setzt sich langsam wieder in Gang. Die Ampel pulst die Blechlawine weiter.
"Soll ich für Sie einen Abschleppdienst rufen?"
"Ja, bitte, ich habe mein Handy nicht dabei."
Er wählt eine Nummer, gibt die Daten durch. Langsam entspanne ich mich.
"Der Abschleppwagen ist in zwanzig Minuten hier."

Unsere Blicke kreuzen sich um eine Millisekunde zu lang.

Ach ja... Mein "Blind Date"...
Gleichgültig, dafür war es jetzt eh zu spät...

Letzte Aktualisierung: 23.12.2007 - 18.00 Uhr
Dieser Text enthält 5028 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.