Honigfalter
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Dezember 2007
Blind Date
von Gabriela Franze

Tunnelblick geradeaus. Seit Stunden frisst mein K├╝hler den Asphalt. Kilometer f├╝r Kilometer. Und wof├╝r?

"Single-ER/48/1,75/sucht unternehmungslustige, optimistische SIE/sp├Ąteres Zusammenleben nicht ausgeschlossen." Au├čerdem stand da noch etwas von Abitur, von Reiselust, von s├╝ddeutschem Raum und von Gitarre spielen. Ein Inserat unter vielen. Keine Ahnung, wieso ich ausgerechnet auf dieses geantwortet habe.

Ich bin seit Jahren allein. Zwangsweise. Scheidung nach den magischen zwanzig Ehejahren. Aber ich komme zurecht. Das Singledasein hat seine Vorz├╝ge: Man kommt und geht, wann man will; man tut und l├Ąsst, was man will; die Wohnung ist seltsamerweise immer aufger├Ąumt; keiner fragt...

Keiner fragt.

Ein lockeres Verh├Ąltnis, das k├Ânnte ideal sein. Man trifft sich von Zeit zu Zeit, zeigt sein Sonntagsgesicht, hat Spa├č. Je gr├Â├čer die Entfernung, desto lockerer, desto sonnt├Ąglicher. Vielleicht hat mich das am Inserat angesprochen: Der s├╝ddeutsche Raum. Meilenweit von mir und meinem Alltag entfernt. Keine Verpflichtungen.

"Ist das eigentlich ein 'Blind Date'?" frage ich mich. Immer dieses neudeutsche Zeug. M├Âglich w├Ąr's schon. Ein Treffen mit einem Unbekannten. Wieso er sich ausgerechnet mit mir treffen will? Ich hatte ihm am Telefon gesagt, dass ich in Dresden lebe.

W├Ąhrend der Fahrt kreisen meine Gedanken immer wieder um dasselbe Thema. Den roten Schal, unser Erkennungszeichen, trage ich um den Hals. Ich versuche mir auszumalen, wie das Treffen ablaufen k├Ânnte. Gott sei Dank konnte ich ihn zu einem roten Schal ├╝berreden statt der ├╝blichen roten Rose. Drau├čen herrscht klirrender Frost. Der Winter hat in diesem Jahr zeitig Einzug gehalten. Wie der Typ wohl aussehen mag? Hoffentlich bekam ich rechtzeitig einen Parkplatz. In M├╝nchen w├╝rde ich heute sicher nicht die Einzige sein, die einen ergattern will.

Oh je, meine Abfahrt! Beinahe h├Ątte ich sie verpasst. Kurz entschlossen quere ich halsbrecherisch die drei Fahrspuren, ignoriere die Bremsger├Ąusche hinter mir und steuere in Richtung "Flughafen". Erleichtert atme ich auf. Das w├Ąre gerade noch einmal gut gegangen! Ein Omen?

Habe ich eben ein Klopfen geh├Ârt? Es schien aus Richtung Motorhaube zu kommen. Seltsam. Sicher habe ich mich get├Ąuscht. Ich werde nerv├Âser und nerv├Âser. Wenn ich an das bevorstehende Treffen denke, krampft sich mein Magen zusammen und mein Herz klopft bis zum Hals. Meine Sorge ist berechtigt: Ich bin nicht gerade der Small-Talk-Weltmeister. Wor├╝ber sollen wir blo├č sprechen? Ich m├Âchte nicht gleich alles ├╝ber mich verraten, ├╝ber den Fahrtverlauf nach M├╝nchen gab es nichts Besonderes zu berichten und wie das Wetter ist, sieht er schlie├člich selbst.

Wieder eine Kreuzung. Die Ampel auf Rot. Wieder dieses Klopfen. Merkw├╝rdig... Gr├╝n. Die meisten fahren jetzt an. Ich nicht. Nicht, dass ich nicht anfahren wollte. Ich gebe mein Bestes. Wirklich! Der Gang ist drin, der Tank ist voll, der Fu├č dr├╝ckt auf das Gaspedal, die Handbremse ist gel├Âst, der Sicherheitsgurt sichert, der Scheinwerfer wirft den Schein, aber nichts tut sich. Das Klopfen allerdings ÔÇô das Klopfen hat immerhin inzwischen aufgeh├Ârt. Doch selbst ein technisches Embryo wie ich w├╝rde das nur dann als gutes Zeichen werten, wenn nicht gleichzeitig mit dem Klopfen auch das Motorenger├Ąusch verklungen w├Ąre. Das erneute Drehen des Z├╝ndschl├╝ssels bringt gar nichts. Dieses Auto war wild entschlossen, nur dann noch ein Ger├Ąusch von sich zu geben, wenn ich ein brennendes Z├╝ndholz in den Tank werfen w├╝rde.

Ich besitze nur ein Feuerzeug.
Mein Handy liegt zu Hause auf dem K├╝chentisch.
Meine telepathischen F├Ąhigkeiten versagen.
Weit und breit keine Telefonzelle.
Um mich her nur drohende F├Ąuste und rollende Augenpaare. Ich bin der Hemmschuh der Menschheit, der Fluch der Eiligen, ein gehetztes Wild, ein Kaninchen in der Falle ÔÇô ich bin eine Frau. Das einsetzende allgemeine Hupkonzert kostet mich meine letzten nervlichen Reserven. Ich wei├č jetzt, wie ein Amokl├Ąufer sich f├╝hlen muss, kurz bevor er zuschl├Ągt.
Lieber klinke ich mich erst einmal aus: Fahrersitz, bequeme K├Ârperhaltung eingenommen, Blick in weite Fernen, Feuerzeug, Zigarette, Abschalten, Beruhigen...

"Ist Ihr Auto kaputt?" unterbricht eine M├Ąnnerstimme meine Zwangsmeditation.
"Nein. Ich bleibe immer wieder gerne mal zur Rushhour an einer gr├╝nen Ampel stehen, um eine zu rauchen."
"Machen Sie Witze?"
"Bingo!"
"Sie k├Ânnen hier nicht stehen bleiben!"
Jetzt reicht es mir. W├╝tend schleudere ich ihm ein "Was Sie nicht sagen!" hin und sehe ihn zum ersten Mal an.
Wie auf Befehl brechen wir beide in schallendes Gel├Ąchter aus.

Er hilft mir, das Auto an die Seite zu bugsieren. Die Kolonne der Wartenden setzt sich langsam wieder in Gang. Die Ampel pulst die Blechlawine weiter.
"Soll ich f├╝r Sie einen Abschleppdienst rufen?"
"Ja, bitte, ich habe mein Handy nicht dabei."
Er w├Ąhlt eine Nummer, gibt die Daten durch. Langsam entspanne ich mich.
"Der Abschleppwagen ist in zwanzig Minuten hier."

Unsere Blicke kreuzen sich um eine Millisekunde zu lang.

Ach ja... Mein "Blind Date"...
Gleichg├╝ltig, daf├╝r war es jetzt eh zu sp├Ąt...

Letzte Aktualisierung: 23.12.2007 - 18.00 Uhr
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