Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Januar 2008
Kaffee mit Schuss
von Claudia Göpel

Montagmorgen. Das Wochenende war erstaunlich angenehm. Samstag war ich mit Freunden in meiner Stammkneipe trinken, den Sonntag verbrachte ich mit Ausnüchtern und Lesen. Obwohl wir derzeit wegen der Krawalle in Kreuzberg in ständiger Bereitschaft sein sollten, wurde ich nicht gerufen. Zum Glück - Dienstantritt mit Fahne, das fehlte noch in meiner Personalakte.
Mit einem Stapel pinkfarbener Ordner ging ich zu meinem Vorgesetzten. Der Alte musste die Ermittlungsakten absegnen, bevor sie zum Staatsanwalt durften. Die Tür war verschlossen. Auch gut.
Im Gemeinschaftsbüro schellte das Telefon. An den anderen beiden Schreibtischen saß niemand, meine Kollegen waren auf Streife. Nur der Frischling hatte mal wieder Anzeigendienst.
Der Dienstgruppenleiter war in der Leitung.
„Genetti, hier unten sitzen ein Handtaschendiebstahl, zweimal Parkplatzblech und eine KV.“
„Ist außer mir sonst niemand da?“, knurrte ich.
„Die sind alle schon besetzt. Ich gebe Ihnen die Blechschäden. Kommen Sie schon!“
Klar, wie immer. Ich blickte auf den Stapel rosa Hefter auf meinem Tisch, fast ausschließlich Unfallfluchten ohne jeglichen Ermittlungsansatz. So ärgerlich eine zerkratzte Stoßstange oder eine Beule auch war, die Betroffenen blieben meist auf ihrem Schaden sitzen. Der Staatsanwalt schloss die Akten, noch bevor er sie richtig öffnete. Laut Statistik stammte ein Großteil der ungelösten Fälle dieser Dienststelle aus meiner Bearbeitung.
Ich griff seufzend nach der alten Leica und machte mich auf den Weg zur nächsten spektakulären Aktenleiche.
Acht Stunden bis Dienstende und auf den Schießstand mussten wir anschließend auch noch.

Zurück im Büro, stellte ich die Kaffeemaschine an. Es war ein orangefarbenes Billigteil mit gesprungener Glaskanne, die noch eine Weile zu halten hatte. Falls meine Kollegen vom Außendienst hereinkamen, freuten sie sich bestimmt über die lauwarme Brühe.
Ich setzte mich und nahm meine neue Waffe aus dem Holster. P 8 lautete der einfallslose Serienname, aber immerhin Marke Heckler & Koch.
Ihr Griff lag schwer und schwarz in meiner Hand.
Der Lauf schimmerte dunkelmatt und die kleinen Schräubchen blitzten im Sonnenlicht, das sich schräg durch die staubigen Scheiben kämpfte. Ich dachte wehmütig an meine alte Makarov, die braun, zerkratzt und ausgemustert in irgendeinem Stahlschrank verrottete, riss wütend den Schlitten nach hinten und zielte auf die blubbernde Maschine.
Die Neue wog ein paar Gramm mehr als die Makarov, mit vollem Magazin etwa ein Kilo. Aus diesem Grund und weil die Pistole zusammen mit den Handschellen schon schwer genug an meinen Hüftknochen rieb, ließ ich das Magazin prinzipiell und entgegen der Dienstvorschrift im Schließfach. Außer dem Chef wusste das jeder. Innendienst, pah!
Einen Gegenstand aus so kurzer Distanz zu treffen ist ein Witz, dachte ich, visierte den Plastikhenkel der Kanne an und zog den Abzug durch.
Das erwartete Klicken verwandelte sich in eine gewaltige Detonation. Glas splitterte, ein Loch bröckelte aus dem Putz, die Maschine wackelte, blieb jedoch stehen und tropfte dampfend weiter. Ich konnte sie nur nicht mehr hören, ich war taub. Auf dem Linoleumboden tanzte eine Hülse und rollte schließlich unter den Aktenschrank.
Fassungslos starrte ich auf die Pistole in meiner Hand, spürte den Herzschlag bis in die Fingerspitzen. Wie zum Teufel kam die Patrone in den Lauf? Scheiße - wir hatten am Freitag die abgezählten Patronen für den heutigen Waffenunterricht in Empfang genommen. Hatte ich völlig vergessen.
Weil ich wie alle anderen schnell ins Wochenende wollte, schmiss ich meine Waffe ins Schließfach, ohne wie sonst das Magazin zu entfernen. Verdammter Mist!
Als die Betäubung nachließ, steckte ich vorsichtig den Kopf aus der Tür. Der Gang lag ruhig, es war kein Mensch zu sehen. Hatte denn niemand den Knall gehört?
Kopfschüttelnd stellte ich die Kaffeemaschine ab, kehrte die Scherben zu einem Häufchen und wischte notdürftig die braune Pfütze auf. Die Spritzer an der Wand und das zerfranste Loch konnte ich nicht einfach weg wischen. Die Kollegen würden sich scheckig lachen und meine Personalakte hätte ihren ersten wirklichen Höhepunkt.
Es war immer noch niemand auf dem Gang zu sehen. Selbst das Telefon schwieg.
Missmutig verließ ich das Büro und warf der Sandkiste im Treppenhaus einen giftigen Blick zu. „Lade-Ecke“ stand auf dem Schild darüber. Sollte ein unbeabsichtigter Schuss abgehen, würde dieser im Sand verpuffen. Nur ich brachte es fertig und zerlegte Kaffeemaschinen. Vor dem Zimmer des Waffenwartes holte ich tief Luft und klopfte.

„Was hast du gemacht?! Das glaube ich nicht, das muss ich mir ansehen!“
Mit beiden Händen stemmte sich Meyer von seinem Schreibtisch hoch, sein Bauch bebte vor unterdrücktem Lachen.
„Könnten wir vielleicht gleich einen Becher Gips mitnehmen für das Loch in der Wand“, fragte ich.
„Sachte, Sachte. Erst mal schau ich mir das Drama an. Genetti erschießt Kaffeemaschine auf der Flucht!“
Theatralisch spreizte er die Wurstfinger und formte in der Luft eine Schlagzeile. Sein Gesicht strahlte vor Vergnügen.
„Na mach schon, Genetti. Beweg deinen Hintern!“
Ich lief vor ihm den wie ausgestorben wirkenden Gang entlang und konnte seinen Blick im Rücken spüren. Meyer klimperte mit seinem dicken Schlüsselbund und pfiff vor sich hin. Ich kniff meine Pobacken zusammen. Versuchte, möglichst nicht zu stolpern.

Nachdem er das „Drama“ ausführlich begutachtet hatte, stemmte er die Arme in seinen Schwimmring und blickte mich mit zusammengekniffenen Augen an. Auf der Stirn hatten sich Schweißperlen gebildet, das ergraute Haar klebte an seinen Schläfen.
„Was machen wir denn nun mit dir, Genetti?“
Er schien intensiv nachzudenken, seine Heiterkeit war wie weggeblasen, zwischen den Brauen erschienen zwei senkrechte Furchen. Mit der Zungenspitze fuhr er über seine feucht glänzenden Lippen. Sein Blick fixierte meinen Solarplexus.
Ich ignorierte seine lüsterne Mimik und sagte:
„Wie wäre es, Herr Meyer, wenn wir uns jetzt um das Loch kümmern und Sie mir eine Ersatzpatrone aushändigen.“
„Und möglichst, ohne dass jemand davon erfährt oder der Vorfall in den Akten auftaucht“, fragte er lauernd.
„Wenn das geht…“
„Aber sicher, Kleiner, ich sehe da schon eine Möglichkeit, wie du heil aus der Sache raus kommst. Aber das kostet dich eine Kleinigkeit.“
„Wie bitte?“
Ich schaute zur Tür. Trotz seiner Fülle drehte Meyer sich blitzschnell um. Ich hörte ein Schließgeräusch und sah das große Schlüsselbund schwingend am Türblatt schrammen, als er seine Pranke davon löste. Dann senkte er den Kopf, machte einen Schritt auf mich zu. Ich wich zurück. Meine Beine fingen an zu zittern, mein Herz klopfte bis zum Hals.
„Was ist denn los, Genetti? Auf einmal Bedenken? Die Etage ist komplett leer, sind alle zum Einsatz. Nur du und ich. Wir haben viel Zeit, sehr viel Zeit und niemand wird uns stören.“
Er grunzte.
„Ich werde mich gründlich um dein kleines Loch kümmern, Genetti. Das wolltest du doch?“
Unfähig mich zu bewegen, starrte ich ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Mein Herzschlag dröhnte in den Ohren, das Blut schoss mir ins Gesicht. Seine Stimme kroch durch eine wabernde Nebelwand in mein Hirn und klang eine Oktave tiefer als sonst.
Er griff nach dem Koppel, öffnete es. Dabei sah er unentwegt auf meinen Schritt. Mit dem Hosenknopf hatten seine dicken Finger Schwierigkeiten, der Stall platzte jedoch rasch auf, schließlich hielt er seinen Schwanz in der Hand. Er sah aus wie eine dicke rosa Weißwurst, umkringelt von gelblichgrauen langen Schamhaaren.
Ich fasste mir an den Hals, um den Würgereiz zu unterdrücken.
Ein Tier. Meyer war ein unförmiges, uniformiertes, teilbehaartes Tier.
Es schnaufte und machte einen weiteren Schritt auf mich zu. Plötzlich bekam das fette Schweinsgesicht einen erstaunten Ausdruck. Das Tier Meyer hob langsam eine Pfote.
Ich sah wie sich seine Lippen bewegten, aber ich hörte nichts.
Die Heckler&Koch hielt ich ausgestreckt in beiden Händen.
„Jeder weiß, dass meine Waffe nie geladen ist“, sagte ich laut und formulierte dabei jedes einzelne Wort.
„Normalerweise“, fügte ich hinzu.
„Du Mistkröte“, geiferte Meyer.
Ich war mir sicher, Schaum vor seinem Maul zu sehen.
Er ging einen Schritt rückwärts, direkt in den Scherbenhaufen. Wie kleine Perlen glitten die Glassplitter und seinen Füßen hinweg. Er ruderte mit den Armen, verlor das Gleichgewicht und plumpste auf den Rücken.
Plötzlich musste ich lachen und steckte die Waffe wieder ein.
„Wie man eine Tür öffnet, wissen Sie ja“, sagte ich und wählte die Nummer des Dienstgruppenleiters.

© Claudia Göpel

Bis auf die Episode mit der erschossenen Kaffeemaschine sind Handlung und Personen frei erfunden.
Waffentausch = nach der Wende wurden die ausgedienten, aber beliebten russischen Pistolen, Marke Makarov, gegen moderne Handfeuerwaffen ausgetauscht.

Letzte Aktualisierung: 26.01.2008 - 21.10 Uhr
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