Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Januar 2008
Die Lebensaufgabe
von Sascha Mrowka

Mit einer ganz falschen Vorstellung war ich zum diesjährigen Sand-Art-Festival angereist. Gab ich mich in den vergangenen Jahren immer damit zufrieden, die fertigen Skulpturen zu betrachten, wollte ich dieses Jahr von Anfang an dabei sein, wenn die Künstler aus aller Welt dem Sand Leben einhauchten.
Mit dem glitschigen Sand, den ich als Kind in Eimer unterschiedlichster Größe füllte, um daraus meine Burgen, Mauern und kleinen Figuren am Strand zu bauen, hatten diese eindrucksvollen Kunstwerke nichts gemeinsam. In meiner Vorstellung sah ich die Carver Eimer um Eimer Sand aufschütten. Stattdessen wurde der Sand mit Baumaschinen in riesigen Holzverschalungen gepresst, sodass er sich anschließend wie ein weicher Stein bearbeiten ließ. Mit Sägen, Messern, Spachteln, Wasserwaagen und anderen Werkzeugen, die man in jedem Baumarkt erwerben konnte, arbeiteten die Künstler akribisch Details aus dem Sandklotz heraus.
Neun Künstler waren dieses Jahr angereist, um die Besucher mit ihrem Handwerk ins Staunen zu versetzen. Meine ganze Aufmerksamkeit widmete ich bald der Arbeit von Nikolai Panouk, dessen Vorankommen ich mit meinem Fotoapparat dokumentierte. Trotz seiner leichten Behinderung (er hatte eine Verletzung am Bein, die ihm das Laufen im Sand erschwerte), arbeitete er wie besessen an seiner Skulptur, die er „Mein Lebensretter“ nannte. Dies verriet das kleine Schild, das vor seinem Bauwerk stand.
Die ersten Tage waren unspektakulär. Auf der linken Seite im Sucher ragte eine Art Säule ungefähr drei Meter in die Luft. Rechts von ihr war ein Quader, der ungefähr zwei Meter breit, vier Meter lang und etwas über einen Meter hoch war. Wie an den Tagen zuvor schaute ich durch den Sucher meiner Kamera und machte Fotos des aktuellen Entwicklungsstadiums. Anschließend zog ich mich wieder in meinen Strandkorb zurück, von dem aus ich die Skulptur gut beobachten konnte. Die Sonne schien mörderisch auf mich und die anderen Besucher des Festivals herab und verursachte manchen Sonnenbrand, obwohl alle ständig ihre Körper mit Sonnencreme einrieben. Der Wind trug einiges zu den Verbrennungen bei. Die Nähe zum Meer, das die Sonnenstrahlen reflektierte, machte das Tragen einer Sonnenbrille zur Pflicht.
Am fünften Tag machte ich wieder meine Fotos. Nikolai, der sonst mit starrem Gesichtsausdruck arbeitete, lächelte mich an. Ich erwiderte das Lächeln und traute mich endlich, ihn anzusprechen: „Guten Tag. Es macht Ihnen doch nichts aus, dass ich ihre Arbeit so ausführlich dokumentiere? Wenn Sie sich von meinen ständigen Fotoaufnahmen gestö...“
„Nein, nein“, unterbrach Nikolai mich, „ganz im Gegenteil! Es ist eine ganz besondere Fügung. Glauben Sie mir.“
Irritiert lächelte ich ihn nochmal an, bevor ich wieder meine Fotos machte. Der Künstler widmete inzwischen seine Konzentration der Säule. Zumindest dachte ich anfangs, dass es sich um eine Säule handelte. Nikolai hatte zahlreiche Details eingearbeitet, sodass man jetzt eindeutig einen Baumstamm erkennen konnte. Die Wurzeln schienen wirklich in den Boden zu wachsen, obwohl sie ja nur aus Sand bestanden. Ein kleiner Käfer schien flüchtend an dem Stamm hochzulaufen. Für mich war es unvorstellbar, wie man so ein winziges Detail aus Sand heraus arbeiten konnte. Gierig richtete ich meine Kamera auf dieses Detail und drückte ab.
Zwei Tage später konnte ich auch erkennen, was aus dem Quader werden sollte, der rechts an dem Baumstamm war. Eine völlig zerbeulte Motorhaube, dazu Räder, die abnormal auf der Erde standen. Beides ließ erkennen, dass hier eine Unfallszene entstand. Bei dem Gedanken an den Käfer, der so lebensecht auf dem Baumstamm lief, schauderte ich. Ich mochte mir nicht ausmalen, was Nikolai noch an grauenvollen Details aus dem Sand hervorbrachte. Wieder schaute ich durch den Sucher meiner Kamera, aber ich hatte nicht die Kraft, auf den Auslöser zu drücken. Als das Klicken meiner Kamera ausblieb, wandte sich mir Nikolai zu: „Bitte! Bitte machen Sie weiter Fotos. Es ist sehr wichtig.“ Was an dieser makaberen Skulptur so wichtig sein sollte, konnte ich zu dem Zeitpunkt nicht verstehen, angewidert drückte ich ab und ging wieder zu meinem Strandkorb zurück.
Nikolai wurde in den folgenden Tagen zum Aussätzigen unter den Carvern und den Besuchern. Erfreute man sich bei den anderen Künstlern an Drachen, die jeden Augenblick abzuheben schienen, oder an Meerjungfrauen, von denen man meinte, dass sie sich gleich wieder ins Wasser zurückziehen würden, so blieb bei Nikolais „Lebensretter“ nur Ekel und Abscheu zurück. Obwohl es mich viel Überwindung kostete, machte ich weiter meine Fotos und setzte somit meine Dokumentation über seine Sandskulptur fort.
Nikolai enttäuschte meine grausigen Erwartungen nicht. Manchmal meinte ich den Geruch von auslaufendem Benzin zu riechen. Vermischt mit dem Geruch von brennendem Kabeln und altem Öl. Der Baumstamm hatte inzwischen weitere Details bekommen. Baumrinde schien vom Aufprall des Wagens abzuplatzen und in der Luft zu verharren. Es war gespenstisch, wie er die Szene eingefangen hatte. Aus der zerborstenen Windschutzscheibe hing ein Körper halb heraus. Der Kopf des Opfers war grotesk verdreht und in den Augen aus Sand konnte man erkennen, dass sie den Tod hatten kommen sehen. Einer der Arme war halb abgerissen und man konnte sogar den Knochen erkennen. Feine Bluttropfen aus Sand hatte Nikolai modelliert und überall verteilt. Er machte keine halben Sachen!
Nachdem sich einige Personen über Nikolais Skulptur beschwert hatten (einige hatten sich übergeben und Kinder waren voller Panik weg gerannt), wurde eine Wand aus Holz um das Kunstwerk errichtet. Kurzfristig war sogar der sofortige Abriss der Figur im Gespräch, was man aber wegen der künstlerischen Freiheit schnell wieder verworfen hatte. Normalerweise hielten solche Sandskulpturen maximal zwölf Wochen, dann hätte der Spuk ohnehin ein Ende, ohne unnötig Staub in der Öffentlichkeit aufzuwirbeln. So begnügte man sich mit der Holzwand, die mit einigen Warnhinweisen versehen war. Durch einen versetzten Eingang konnte man sich die Skulptur noch anschauen, ohne dass vorbei gehende Besucher ungewollt etwas von der Skulptur sahen.
Meine Kamera konnte ich einpacken. Aus meiner gewohnten Position waren keine Fotos mehr möglich. Meine letzten beiden Fotos waren die Errichtung der Holzwand und das von Nikolai, der vor ihr stand.
Bevor ich abreiste, ging ich zu Nikolai und fragte ihn, warum er so eine grausige Skulptur erschaffen hatte und wieso er sie „Mein Lebensretter“ genannt hatte. Warum er nicht auch einen Drachen erschaffen hatte, an dem sich alle Leute erfreuen konnten. Nikolai strahlte. Alle hatten ihn verurteilt, aber ich hatte die Frage gestellt, auf die er so lange gewartet hatte. Dann erzählte er mir folgendes: „Vor einigen Jahren hatte ich einen Autounfall ...“ Sofort unterbrach ich ihn: „Nikolai, deine Detailtreue ist zugleich beeindruckend und Furcht einflößend. Aber das Unfallopfer hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit dir! Außerdem kannst Du diesen Unfall nicht üb...“
„Natürlich bin ich das nicht“, fiel Nikolai mir ins Wort. „Das ist Brian Fetcher. Er war 34 Jahre alt, als Ärzte bei ihm eine unheilbare Krankheit diagnostizierten. Maximal hatten sie ihm noch drei Monate zum Leben gegeben. Am 5. Oktober 1998 stieg er in seinen Wagen ein, fuhr auf die nahegelegene Landstraße, beschleunigte seinen Wagen und fuhr frontal auf einen Baum zu, bei dessen Aufprall er sofort starb. Damit war seine Lebenslinie unterbrochen.“
„Seine Lebenslinie unterbrochen. Wie das klingt!“
Nikolai erklärte mir seine Sichtweise: „Als das Leben auf der Erde vor ungefähr fünf Milliarden Jahren begann, galt von der ersten Sekunde an das Gesetz, dass nur der Stärkere überlebt. Brians Urururahnen hatten also vor fünf Milliarden Jahren angefangen zu existieren. Immer überlebten sie, pflanzten sich fort, und die Evolution brachte Veränderungen. Unzählige Male kam seine Existenz um Haaresbreite mit dem Leben davon. Seine Lebenslinie setzte sich durch. Auch als sie dann Milliarden Jahre später das Menschsein erreichte, überstanden seine Vorfahren Seuchen, Kriege und andere Unwägbarkeiten, bis ihn schließlich seine Eltern hervorbrachten. So viele Jahre, unvorstellbare lange Jahre und das zum Zweck, anderen das Leben zu retten. Wie er es auch mir gerettet hat. Darum musste ich ihm ein Denkmal setzen. Und was hätte sich da besser als Sand geeignet? Jedes Sandkorn als Symbol für einen seiner Ahnen, die sich in der Vergangenheit durchgesetzt haben.“
„Anderen das Leben gerettet?“, fragte ich. „Er hat Selbstmord begannen. Mehr nicht!“ Langsam wurde ich wütend, dass ich hier meine Zeit vergeudete.
„Wie ich schon sagte, ich hatte vor ein paar Jahren einen Autounfall.“ Nikolai schluckte, bevor er weitersprach: „Mein Wagen geriet außer Kontrolle und raste genau wie bei Brian Fetcher auf einen Baum zu. Damals bei Brians Wagen hatte man festgestellt, dass der Airbag nicht ausgelöst hatte. Ein Konstruktionsfehler, der eine Rückrufaktion zur Folge hatte. Mein Airbag hat sich ausgelöst. Aber ich sagte ja schon, Brian hat mir das Leben gerettet.“ Ich verstand und schwieg.

Letzte Aktualisierung: 02.01.2008 - 21.09 Uhr
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