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Januar 2008
Wo ist Minchen??????
von Helga Rougui

Onkel Ewald lehnte sich im Sessel zurück, zog Antje, die Mutter aller Jagddackel, auf seinen Schoß und begann genüßlich an ihren Zitzen herumzupressen.
- Milchstau, erklärte er der einigermaßen gleichwohl erstaunten wie erstarrten Verwandtschaft rundherum, eingebildete Schwangerschaft. Da haben die schon mal Milchstau. Muß man ihnen helfen.
Er tauchte den Finger in sein Whiskyglas und ließ Antje daran nuckeln.
- Mag sie gerne - betäubt ihre Schmerzen.

Mein Papa lehnte sich ebenfalls zurück und zündete sich eine Zigarette an. Schön gepflegt im Filter, orientalischer, leicht süßlicher Tabak. Er schaute mich an, kniff mir ein Äugsken und ich wußte – wenn die Verwandten weg wären, hätte ich ein Anrecht auf einige bissige Kommentare über Finger, die an Zitzen herumknibbelten und anschließend in Whiskygläser fuhren, welchselbiger dann natürlich noch getrunken wurde. Nicht, daß wir pingelig gewesen wären in der Familie. Auf einer unserer Italienreisen, in Potenza, fiel dem Wirt vor unseren Augen das zu servierende Brot auf den Boden, und wir schauten mit großen Augen, wie er es ohne Aufhebens ins Körbchen legte und uns an den Tisch brachte. Und und wir aßen dieses Brot und lachten uns kaputt dabei.
So lernte der Deutsche der Sechziger auf Reisen seine Pimpeligkeit zu verlieren. Und die folgenden Jahrzehnte hieß es bei uns, immer wenn einem von uns ein Lebensmittel auf den Boden fiel: „potenzanische Sauberkeit“- und wir hoben es auf und aßen es.

Aber ich schweife ab.
Genau wie mein Onkel an jenem Abend, einem Weihnachtsabend in den Siebzigern, als wieder einmal die ganze Familie zusammengekommen war – damals noch vollständig und nicht durch gräßliche Krankheiten dezimiert, von denen wir uns damals noch keine Vorstellung machten.
Wie immer hatte meine Mutter viel zu viele Steaks gebraten, riesige weich verlaufende Klöße hergestellt, mehrere feiste Mayonnaisesalate entdeckelt – es gab Kleinigkeiten zum Knabbern, für meinen Vater eine Platte mit Bratwürsten, da er Steaks nicht mochte, es gab mehrere immense Brocken schönen fetten Käses, da waren Wurst- und Schinkenplatten, wie man das aus Hessen gewohnt war, Räucherlachs in Kilogrammlagen und natürlich mehrere Sorten Brot und Brötchen mit Butter, Mixed Pickles, Gürkchen und Töpfe mit Herings- und Fleischsalat. Es hätte ja schließlich sein können, daß wir ohne all diese Nahrung verhungert wären bis zum Weihnachtsmittagessen am ersten Weihnachtsfeiertag, wo es immer eine riesige Pute gab, unbezwingbar schien sie uns und wir aßen daran vierzehn Tage lang, und ich erinnere mich an an das strahlende Gesicht meiner Mutter, die hinter dieser Pute thronte und sich freute, daß sie nie mehr wieder würde hungern müssen nach dem elenden Krieg, der Körper und Geist bis auf das Minimum ausgepresst hatte.

Aber ich schweife ab.
Also, wir saßen am Heiligabend nach dem Abendessen beisammen, die Kusinen tranken Eierlikör, mein Vater sein Bier, meine Oma kippte sich in ihren Amselfelder ein wenig Süßstoff, da er sonst zu sauer wäre, meine Schwester und ich freuten uns an dem Rotwein, den wir uns selber mitgebracht hatten, da fing mein Onkel plötzlich an, von seiner Jagd zu erzählen.
Mein Onkel war ein begeisterter Jäger, er hatte sein Haus und seine Firma im Sauerland, und dort hatte er auch eine Jagd gepachtet, und neben seinem Boot und seinen Aquarien war es sein liebstes Hobby, sein Glück bei dieser Art Sport zu versuchen.
So auch eines Tages im letzten Herbst, so erzählte er, als er wieder einmal losgezogen war, um ich weiß nicht welches Tier, das gerade nicht unter Jagdschutz stand, zu erledigen. Ich glaube, es drehte sich sogar nur um Kaninchen, und die durfte man immer, während es bei Rehen und ähnlichem Getier doch gewisse Beschränkungen gab? - nun, er zog los, in den Wald, und es raschelte im Unterholz – er legte an, zielte und drückte ab, und das Kaninchen war erlegt und Antje, der Profidackel, apportierte – doch leider kein Kaninchen, sondern Felis catus, die gemeine Hauskatze, und das war nun keine Beute, die man zum Mittagessen braten konnte. Sicher kam sie aus dem an die Jagd angrenzenden Wohngebiet und sah sich nun durch die Tat meines Onkels in ihrem Morgenspaziergang abrupt unterbrochen.

Und ich sah, während mein Onkel seine Anekdote erzählte, in meiner Schwester Gedanken in Leuchtschrift das Wort „Katzenmörder“ aufblinken, und sie dachte laut in ihrem Geiste: „…die arme Katze!!!“. Meine Schwester liebt die Tiere mehr als die Menschen, und in diesem Moment hätte sie lieber meinen Onkel tot gesehen als die Katze.

Nun war aber die Katze tot, und mein Onkel sagte, er bedauere den Vorfall, denn er wolle ja nun nicht eigentlich Katzen jagen und das ganze sei ein Irrtum gewesen und tue ihm leid, nur sei er halt ein begnadeter Schütze, der das Jägerhandwerk vollendet ausführe mit meist letalem Ausgang für die Beute - wenn sich etwas im Unterholz bewege, lege er an und habe fast stets Erfolg, aber leider habe diesmal sowohl die Katze als auch er Pech gehabt, wegen des fehlenden Sonntagsbratens.

Was in meiner Schwester in diesem Moment für ein Film ablief, ich möchte ihn nicht gesehen haben. Ich liebe keine Filme mit Gewalttätigkeiten.

Aber die Geschichte, die mein Onkel erzählte, ging weiter.
Einige Tage später, als er - diesmal ohne Gewehr und aus anderem Grunde - wieder zu seinem Wagen ging, der in der Nähe seiner Jagd abgestellt war, traf er eine Frau, die in der Siedlung wohnte und die ihn fragte, ob er denn ihre Katze gesehen habe. Sie suche bereits seit einigen Tagen nach ihr und Minchen sei noch nie so lange fortgewesen und sie mache sich inzwischen große Sorgen.
Und da gäbe es ja immer auch die Jäger hier in der Gegend, die gar nicht darauf achteten, was sie da nun letztlich erlegten, Hauptsache Schuß und Treffer und Beute, nicht wahr. Sie schaute meinen Onkel mit tränenfeuchten Augen an und sagte, hoffentlich geht es meinem Minchen gut, ich vermisse sie so sehr, es ist immerhin schon die vierte Katze, die nicht mehr nach Hause gekommen ist.
Mein Onkel erwiderte, ja, diese Jäger seien tatsächlich furchtbar rücksichts- und skrupellos, und ihrem Minchen gehe es sicher gut, und daß sie ganz bestimmt zurückkommen werde.

Diese Entwicklung fand meine Schwester nun ganz furchtbar - „… die arme Frau!!“ - sie hatte ihre Katze, ihr Ein und Alles, verloren, und das auch noch zu wiederholten Malen, und darüber hinaus hatte sie vertrauensvoll und ahnungslos mit dem Mörder mindestens einer ihrer Lieblinge gesprochen, der ihr kaltschnäuzig sein Mitgefühl vorgeheuchelt hatte.

Auch die Erklärung meines Onkels, daß Katzen sich nun mal im Wald nicht frei bewegen dürften und besser über einen bestimmten Umkreis um bewohntes Gebiet herum nicht hinausgingen, daß sie im Wald den Jungvögeln gefährlich würden und demnach als schädliche Wilderer anzusehen seien, fruchtete nichts.

Für meine Schwester war der Abend gelaufen – sie hatte sozusagen „Katzenjammer“ in einer speziellen Variante.
Mein Vater aber zog versonnen an seiner Zigarette, schaute den Rauchkringeln nach und grinste sich eins.
Und ich wußte, unsere unentwegt mündlich tradierte Familienchronik war wieder um eine demnächst mit spitzer Zunge zu erzählende Geschichte reicher, dank der tödlichen Technik eines fehlgeleiteten Jagdgewehrs.

Letzte Aktualisierung: 17.01.2008 - 21.10 Uhr
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