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Januar 2008
Druckausgleich
von Robert Pfeffer

„Die Welt ist leider doch ein Dorf und Menschen begegnen sich immer zwei Mal. Bis eben war es noch ein schöner Sternentag“, ließ GO-84 seiner negativen Überraschung freien Lauf. Sein Mageninhalt stieg hoch wie bei einer geschüttelten Flasche.
„Scheint auch nicht mein Glückstag zu sein. So sieht man sich wieder.“ FM-56 konnte sich noch nicht genau erinnern, aber auch sein Gefühl war kein angenehmes. „Wann hatten wir denn zuletzt das Ver-gnü-gen“, heuchelte er ironisch zurück.
„Vor vier Jahren im Erde-Planquadrat EU-12-N.“ GO-84 kämpfte tapfer gegen seine plötzliche Übelkeit. „Es war bei einem Treffen in meinem Institut für historische Lebensformen, kurz nachdem Sie damals im Planquadrat an die Regierung kamen.“
„Sie waren dort der Leiter, hab ich recht?“
„Ja, und Gelehrter für Erdgeschichte und Menschenkunde der Jahre zwischen 1900 und 2800.“
„Ja, natürlich. Sie haben dieses ganze altmodische Zeug und gefährliche Erinnerungen gehortet. Ich musste Ihnen damals leider alle Mittel streichen. Zugunsten des neuen Future-Centers.“
FM-56s „leider“ klang ungefähr so echt wie ein „schmeckt“ nach dem Genuss von Raumgleitertreibstoff.

GO-84 hasste alle FM. Die „Future Manager“ wiederum hassen alles Historische und halten es für gefährlich, weil Erinnerungen an „alte Zeiten“ Gefühle wie Schwermut und Sentimentalität auslösen können. Sie haben das Motto „Nur wer Altes zurück lässt, ist frei für Neues!“ Weil FM-56 damals alle Gelder für das Institut gestrichen hatte, musste GO-84 es schließen und wurde arbeitslos. Das Future-Center entstand auf dem Grundstück seines Instituts. Seitdem war er so gut wie mittellos.

„Sind Sie etwa auch auf dem Rückweg zur Erde?“ fragte FM-56.
„Ja, ich hab meine Cousine auf dem Neptun besucht und musste hier auf Jupiter umsteigen“, antwortete GO-84. „Es ist die erste Reise, die ich mir seit vier Jahren leisten kann. Weshalb waren Sie auf Jupiter?“
„Geschäftlich. Ich koordiniere die Personalsuche für FM auf dem Jupiter und seinen 63 Monden.“
„Muss für Sie doch total uninteressant sein?“
„Wie kommen Sie denn darauf?“
„Weil Sie auf dem Jupiter gar nichts Altes platt machen können. Die sind hier doch erst im Aufbau“, frotzelte GO-84.
FM-56 hob den Zeigefinger: „Unser Ziel ist, Geschichte von Anfang an zu verhindern!“
GO-84 lief rot an.
„Es wird immer Geschichte geben, Sie Narr! Erinnerungen und Erkenntnisse für Neues zu nutzen, das ist Zeichen wahrer Entwicklung.“
FM-56 lächelte herablassend. „Logisch, dass Sie das sagen. Wer der Zukunft nicht länger im Weg stehen durfte, will wieder Hindernis sein. Das Festhalten am Althergebrachten hat uns über Jahrhunderte blockiert. Seit wir FM die Sache in die Hand genommen haben, geht es endlich vorwärts. Leute wie Sie werden aussterben. Und mit ihnen das gefährliche Wissen der Erinnerung!“

„Bitte besteigen Sie den Gleiter zur Erde mit Zwischenhalt auf Saturn und Mars“, schallte es über die Plattform auf der Raumstation. „Beachten Sie die Hinweise an Bord!“

„Früher“, schwärmte GO-84, „gab es auf der Erde in Flugzeugen ein Sicherheitsballett vor dem Start.“
„Ihnen fehlt der nötige Ernst“, wies ihn FM-56 zurecht, „passen Sie lieber auf!“

„Willkommen an Bord Ihres Univers-Gleiters auf dem Weg zur Erde mit Zwischenhalt auf dem Saturn und dem Mars. Bitte schließen Sie nun zunächst den Kommunikator bei sich an.“
Überall Klicken.
„Herzlich willkommen, ich bin Ihr Kommunikator. Ich helfe Ihnen in allen Fragen auf Ihrer Reise zur Erde. Auf Wunsch verbinde ich Sie mit der Servicestation oder übermittle per Augenbewegung geschriebene Nachrichten an Ihre Mitreisenden. Bitte schließen Sie zunächst die Versorgungseinheiten AL, AF und CD an Ihre persönliche Ausrüstung an.“

GO-84 fand Abkürzungen immer schon idiotisch. AL für Atemluft war noch ok. Hinter „Astro-Food“ verbarg sich nur eine dröge Nährstofflösung. Echtes Essen war ihm lieber. Der „Cyberdrink“ jedoch war noch nüchterner als das, was durch die Leitungen kam. Eine Elektrolyt-Soße von ausgesuchter Langeweile.

„Aktivieren Sie bitte danach die Gel-Polster zur Fixierung Ihrer Reiseposition. Der GP-Knopf befindet sich direkt vor Ihnen. Achten Sie darauf, dass die Polster Sie vollständig umschließen. Lücken gefährden Ihre Sicherheit!“

„Lücken gefährden Ihre Sicherheit“, äffte GO-84 die Automatenstimme nach. „Die könnten einen ja noch zusätzlich warnen: Wenn Sie eine Lücke im Polster haben, sind Sie nach der Landung platt wie eine Briefmarke!“
FM-56 schüttelte den Kopf.
„Wir reisen schließlich mit Lichtgeschwindigkeit. Wenn die Polster Sie nicht komplett umschließen, werden Sie bei der Beschleunigung und beim Bremsen zerquetscht. Wollen Sie das? Was ist eigentlich eine Briefmarke?“
„Briefmarken wurden früher ... ach, wenn ich Ihnen das erkläre, halten Sie mir anschließend doch nur wieder meine nutzlosen Erinnerungen vor“, antwortete GO-84.

Er schloss seine Versorgungseinheiten an und blickte vor der Aktivierung der Gel-Polster noch einmal hinüber zu FM-56.
„Ist Ihre FEE defekt?“
„Meine FEE defekt?“ FM-56 blickte an seine rechte Hüfte, wo die Flüssigkeitsentsorgungseinheit hing. Er erschrak. Überreste einer offenen Klappe und ein kleines Loch waren am Gerät zu sehen.
„Oh, was ist denn da passiert. Die Klappe ist ja halb abgerissen und die Energiekapseln sind rausgefallen. Muss wohl beim Einsteigen passiert sein. Ausgerechnet jetzt vor dem Abflug. Was mach ich denn jetzt?“
„Ganz einfach: Sie werden sich langsam füllen und dann überlaufen“, lachte GO-84 ihm schadenfroh ins Gesicht. „Oder Sie finden rechtzeitig ein Klo.“
„Ein was?“
„Ein Klo. Sie können auch Toilette sagen, oder Lokus, oder Donner ...“
„Jetzt hören Sie schon auf, mit Ihrem veralteten Wissen zu prahlen und erklären mir, was das ist.“
„Das ist ein Ort, an dem Sie Ihre Blase entleeren. Etwas salopp hätte man früher gesagt: Wo Sie pinkeln gehen!“
„Blase entleeren? Pinkeln? Was bedeutet das?“, fragte FM-56 entnervt.
In GO-84 stieg der Lehrer hoch. Schon seit einigen Jahrhunderten waren Toiletten entbehrlich, weil die FEE den Flüssigkeitshaushalt des Körpers über eine Sonde regulierte. Die überschüssige Flüssigkeit im Körper wird dabei ins Gerät gesaugt und in harmlose atomisierte Krümel umgewandelt. Nur einmal pro Jahr muss es geleert werden. Aufs Klo ging schon seit anderthalb Jahrhunderten niemand mehr.
„Wenn Ihre FEE nicht arbeitet, wird sich Flüssigkeit in Ihrer Blase sammeln. Passt nichts mehr rein, muss sie geleert werden. Leeren gleich Pinkeln!“
„Und wie geht das?“
„Jetzt hab ich Sie mit meinem veralteten Wissen aber wirklich genug belastet“, grinste GO-84, aktivierte seine Gel-Polster und verschwand darin. Endlich konnte er mal fies sein.

FM-56 blickte ratlos im Gleiter umher. Bis auf GO-84 nur junge Fahrgäste. Überall ploppende Gel-Polster. Ein FM, der die Servicestation fragt, was Pinkeln ist ... unmöglich. Frustriert ließ er sich umhüllen, der Gleiter startete.

Kurz vor Ankunft auf der Erde meldete sich der Kommunikator von GO-84 mit einer Nachricht von FM-56:
„Was passiert denn, wenn die Blase voll ist und ich sie nicht entleeren kann?“
„Na, sie wird es einfach tun. Irgendwann ist egal, ob Sie das wollen oder nicht. Wenn es soweit ist, sollten Sie aber alleine sein.“
„Warum?“
„Pinkeln kennt keiner mehr. In Gesellschaft wird es peinlich werden. Besser, Sie sind dann unbeobachtet!“

FM-56 zitterte. Dieser Druck und das Brennen. Er hatte keine Ahnung, wie man pinkelte, worauf man achten musste, wo er es tun sollte. Eine Energiekapsel für seine FEE würde er nicht mehr rechtzeitig auftreiben. Hektisch schrieb er:
„Mein lieber GO-84, ich weiß, wir sind nicht gerade Freunde. Können Sie sich trotzdem vorstellen, mir bei diesem Pinkeln zu helfen, wenn wir hier raus sind?“
GO-84 las die Nachricht. Bei dem ominösen Treffen vor vier Jahren war FM-56 wortlos gegangen. Zum Abschied hatte er nur gegrinst wie jemand, der eine Mücke nach drei schlaflosen Stunden endlich erwischt hat. Jetzt war er hilflos im Polster nebenan gefangen. Sein einziges Risiko war ein nasser Raumanzug und er wusste es nicht einmal. GO-84 fühlte sich wohlig überlegen, weil die neumodische Technik seinem hektisch in den Gel-Polstern zuckenden Mitreisenden überhaupt nichts brachte. Dieser bornierte Dummkopf hat es zwar nicht verdient, dachte er, trotzdem schrieb er zurück:
„Nahe der Raumstation auf der Erde gibt es an einer alten Ausgrabungsstätte ein Klo! Ich bringe Sie da hin.“

Die Ausgrabungsstätte war früher eine Art Museum. Gebäude aus dem 20. Jahrhundert waren hier gefunden und restauriert worden. Vor einigen Jahren wurde es geschlossen, die FM hatten auch dafür alle Mittel gestrichen. Das Gelände lag in der Dunkelheit vor ihnen. GO-84 kannte die einzige Stelle, an der man sich zwischen dichten Büschen und einem Felsblock hindurch quetschen und so auf das ansonsten durch einen hohen Zaun gut gesicherte Gelände kam.
„Da drin ist das Klo“, rief GO-84 und deutete auf ein kleines Häuschen.
FM-56 öffnete hektisch die Tür und sah ins Dunkel. Er wurde misstrauisch.
„Da soll ich rein? Wer sagt mir, dass das nicht gefährlich ist?“
„Wissen Sie was: Sie haben eine Menge Dinge. Nämlich keine Ahnung, einen gewaltigen Druck, nicht mehr viel Zeit. Und jetzt auch noch Angst? Ich will Ihnen was sagen: Sie sind ein ahnungsloser Trottel! Das da ist Ihre Problemlösung! Raumanzug ausziehen, Deckel hochklappen und dann einfach entspannt dem Druck nachgeben. Entweder Sie vertrauen jetzt darauf, oder Sie lassen es bleiben“, zeigte GO-84 auf das Häuschen und drehte sich demonstrativ weg.
FM-56 war am Ende. Weder Vertrauen noch einen klaren Gedanken konnte er mehr fassen. Da rein würde er nicht gehen, die Angst hielt ihn ab. Er lief ein paar Meter und verschwand hinter dem Häuschen.

GO-84 hörte erst das Rascheln des Raumanzuges, dann ein kurzes Stöhnen. Was danach kam, war eine Mischung aus einem lauten Knall und dem Zischen einer übergroßen Schlange, ungefähr für zehn Sekunden. Dann war Totenstille. Er ging um das Haus und sah FM-56 auf der Erde liegen. Am Zaun hing ein gelbes Schild mit einem roten Blitz darauf.

Letzte Aktualisierung: 10.01.2008 - 20.03 Uhr
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