Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Januar 2008
Die Spinne
von Conny Franken

Dauerregen. Ich hatte die Schreibtischlampe angeknipst und schrieb schon seit zwei Stunden an einer Übersetzung. Die Luft wurde allmählich dick und ich überlegte, ob ich einen Spaziergang machen sollte. Ausweichhandlung, dachte ich und blieb auf dem Stuhl kleben. Die Müdigkeit wich nicht und schließlich schob ich den Laptop vor, legte meinen Kopf auf den Schreibtisch, nur für einen Moment, und begann, vor mich hin zu dösen. Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich sie zum ersten Mal.

Sie hockte an der Wand links neben meinem Schreibtisch, etwa einen halben Meter von meinem Gesicht entfernt. Es schauderte mich. Ich rührte mich nicht und starrte sie an. Sie bewegte sich keinen Millimeter. Gut so. Ich wollte sie auf keinen Fall aufschrecken, um eine bessere Ausgangsposition zu haben. Sie sollte mir nicht entkommen. Langsam stand ich auf und suchte nach etwas zum Erschlagen, fand aber gerade nichts Passendes und warf noch einen genaueren Blick auf sie, um festzustellen, ob Erschlagen überhaupt die richtige Methode sei, um sie los zu werden. Sie war nicht wirklich groß, also kein Exemplar mit langen, fädigen Beinen und einem knubbeligen Körper in der Größe von Fliegendreck. So eine würde nach dem Zuschlagen keinen nennenswerten Rest hinterlassen, weder an der Wand, noch an wegzuwerfender Materie. Nein, diese hier war insgesamt etwas kleiner aber ihr Körper war fett und haarig, ebenso die Beine. Eine deutlich dreidimensionale, dunkle Krabbelmasse, die in der Lage war, sich blitzschnell meinem Zugriff zu entziehen, im Falle eines Überraschungsangriffs allerdings in Feuchtigkeit zerplatzen und einen blutroten Matsch auf der weißen Wand und dem Schlagwerkzeug hinterlassen würde. Ich entschied mich für den Staubsauger und schlich davon, um ihn zu holen.

Als ich zurückkam, war sie verschwunden. Sie hatte eine kaum sichtbare seidige Spur hinterlassen, die weiter hinter meinem Schreibtisch in einem Netz mündete, in dessen Bereich ich sie aber auch nicht ausmachen konnte. Ich stellte den Staubsauger beiseite, allerdings in Reichweite, und begab mich wieder an meine Arbeit.

Reinkarnation, übersetzte ich, ist die Vorstellung, dass eine Seele oder mentale Prozesse überhaupt nach dem Tod, der Exkarnation, sich erneut in anderen empfindenden Wesen manifestieren. Wieder musste ich zur Wand links neben meinem Schreibtisch schauen. Nichts. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass sich meine Einstellung zu der Spinne nicht schon zu diesem Zeitpunkt änderte. Ihr Verschwinden verursachte bei mir immer noch dieses Unbehagen, dass etwas auf mich lauert, mir im Nacken sitzt. Im Nacken, da wo die Haut ganz unbehaart und glatt direkt über den Nervenenden liegt, oder weiter vorne am Hals, an meiner Kehle. Immer wieder schaute ich zur Wand hinüber, bis ich sie endlich aus ihrem Versteck hervorkriechen sah, fett und dunkel auf dem weißen Hintergrund. Langsam griff ich zum Staubsauger, dessen Kabel ich schon vorsorglich eingestöpselt und lang genug aus dem Gerät hatte, um genügend Reichweite bis zur Wand zu haben, an der ich meinen Feind erwartet hatte. Es gelang mir, das Saugrohr nahezu geräuschlos an mein Opfer heranzubringen. Ich würde den Sauger nur noch mit der Fußspitze einschalten müssen und, schwups, würde er von der Wand gerissen und in einem Strudel aus Luft, Staub und Dunkelheit durch ein kaltes Metallrohr und, wie ich mir plötzlich vorstellte, unter ohrenbetäubendem Lärm in einen Staubsack geschleudert werden, wo er sich im Todeskampf wahrscheinlich noch über mehrere Tage in einer Ansammlung von Staub und Milben und anderen Organismen immer tiefer in einen Kokon eingraben würde. So sehr mich diese Vorstellung auch irritierte, siegten der Ekel und das Verlangen, endlich Ruhe vor diesem Vieh zu haben und ich schaltete den Sauger ein. Kurz schien sich das Tier noch an der Wand halten zu können, aber dann wurde es mit einem Wupp über die Kante des Saugrohrs gerissen und verschwand im Sauger. Vorsichtshalber hielt ich das Rohr noch einen Moment mit der Öffnung in die Höhe und ließ den Sauger weitersaugen, um ganz sicher zu gehen, dass sie sich nicht mehr würde befreien können. So!

Ich stellte den Sauger wieder an seinen Platz und schrieb weiter. Exkarnation, auch Dekarnation genannt, ist die Entfleischung, ein vor allem von Archäologen und Ethnologen verwendeter Begriff für Vorgänge, durch die ein menschlicher Leichnam oder ein Tierkadaver von allen Weichteilen befreit wird, so dass am Ende nur noch die Gebeine übrig bleiben. Sicherlich lebte die Spinne noch, dachte ich noch zwei- oder dreimal im Verlauf dieses Tages und irgendwann hatte ich meine Übersetzung fertig.

Bald wurde es Zeit, mit dem Arbeiten kürzer zu treten. Wir erwarteten unser Baby in drei Monaten. Das lange Sitzen beim Übersetzen wurde beschwerlich und heute weiß ich, dass dies nicht der einzige Grund war, weshalb mich mehr und mehr eine Nachdenklichkeit befiel. Anfangs hielt ich es für Langeweile. Dann für eine tiefer sitzende Schwermut, die ich als Schwangerschaftsdepression abtun wollte. Nach einigen Tagen allerdings bekam dieses Gefühl einen neuen Aspekt; Eine mir zuvor nicht bekannten Neugier verschaffte sich Raum und lenkte meinen Blick auf die Fensterlaibung gegenüber meinem Schreibtisch, als würde ich auf etwas warten. Jeden Morgen ging ich noch vor dem Frühstück in mein Arbeitszimmer und schaute auf diesen Winkel der Fensterlaibung. Und endlich sah ich es. Es hatte den Durchmesser von etwa einem halben Meter und zitterte im Morgenwind. Seine spitzwinklig aufeinander zulaufenden Seidenfäden waren von einer Zartheit, das man deren Gewebe eine solche Stabilität nicht zutraut.

Und weiter außen am seinem Rand wartete sie. Sie war braun-beige gezeichnet. Ich stand auf, öffnete die Terrassentür und trat vorsichtig von außen an mein Fenster heran. Langsam schob ich mein Gesicht auf sie zu bis ich ganz dicht vor ihr innehielt. Augenblicklich durchströmte mich ein Gefühl, das ich nicht anders beschreiben kann als äußerst angenehm. Und wäre es nicht durch die Gegenwart einer Spinne entstanden, hätte ich es auch in jenem Augenblick als die Empfindung von Zärtlichkeit bezeichnet. Es war wie ein Wiedersehen, wie die unverhoffte Begegnung mit einem geliebten Menschen. Ich streckte meine Hand aus und zu meiner Verwunderung entwich sie nicht. Ich hielt ihr meine Hand entgegen und wartete, als hätte ich gewusst, was sie gleich tun würde. Und sie tat es. Sie krabbelte zielsicher auf meine Handfläche und als sie mitten in der tiefsten Mulde angelangt war, streckte sie sich wohlig aus wie eine Schildkröte auf einem warmen Stein in der Sonne. Ich schloss meine Hand nicht, um sie nicht zu bedrängen, und außerdem wusste ich, dass sie nicht fortkrabbeln würde.

Drei Monate später wurde sie geboren. Inzwischen hatte ich 23 Bücher über Spinnen gelesen. Lisa schrie nicht, als sie auf die Welt kam. Ansonsten war sie vital, was uns beruhigte und davon Abstand nehmen lies, weitere Maßnahmen einzuleiten. Sie wurde gebadet und mir an die Brust gelegt. Ich streichelte gern den dunklen Flaum auf ihrer gelblichen Haut. Schnell fand ihr suchender Mund meine Brust und sie begann zu saugen. Sie sog gierig und als sie bald darauf vor Erschöpfung einschlief, gab ihr geöffneter Mund einen seidigen Speichelrest frei.

Letzte Aktualisierung: 18.01.2008 - 10.10 Uhr
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