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März 2008
Hasenfuß
von Tanja Muhs

„Na, mach schon – oder bist du eine Memme?“ Seine Stimme klang abwertend und ungehalten, als er sie mit einem festen Griff an der Schulter packte und sie weiter nach vorn schob. Mandy wandte den Blick vom Baum ab, schüttelte den Kopf, hoffte, er bemerkte das Zittern nicht, das ihren Körper beben ließ.
„Ist auch besser so, denn kleine Memmen-Weiber haben bei uns nichts verloren.“ Er holte sein Handy aus der Tasche seiner Trainingshose, drückte ein paar Tasten, wartete.
„Ja, Kev hier. Wie steht’s, Basti, Alter?“ Kev warf Mandy ein boshaftes Zwinkern zu, Mandy errötete. Kev wusste es, wahrscheinlich wussten alle, warum sie hier war, Basti auch, Basti mit den schönen blauen Augen.
„Ja, ja, sie ist hier. Zum Schießen, die Kleine. - Die ersten zwei hat sie ganz gut hingekriegt.“ Kev lachte. „Ja, da hast du Recht. Jetzt wird’s erst richtig lustig. Ja, ja, Klopfer hat sie schon kennen gelernt. – Mhm, ja, ich würde mal sagen...sie schließen gerade Freundschaft. – Okay, also dann in zehn Minuten. Alles klar, ciao dann.“ Kev legte auf. „Also, nur zu deiner Info: Deine Zeit wird gerade ein bisschen knapp. Wenn in zehn Minuten mein Handy klingelt, ist die ganze Sache gelaufen. Wenn ich du wäre, würde ich jetzt langsam mal anfangen. Sieh zu- das geht alles von deiner Zeit ab. Wir wollen doch nicht, dass wir zum letzten Test gar nicht mehr kommen, oder?“ Kev setzte sich auf einen Baumstumpf und zündete sich eine Zigarette an.
Es begann zu regnen, warmer Sommerregen, der auf die Blätter der Bäume plätscherte, der Mandy im Gesicht traf, der sich an ihrer Nasenspitze sammeln und hinuntertropfen würde, wenn sie noch länger wartete.
Sie räusperte sich. „Die Anderen...haben die auch...?“
„Klar. Alle müssen dieselben Prüfungen machen, alle in derselben Zeit. Nur der letzte Test, der ist für alle unterschiedlich und dabei lasse ich mich gern von meiner Intuition treiben.“ Kev grinste, breit und wissend. Sie sah ihn an, vermied noch einmal zum Baum hinzusehen, zum Ast da oben. Sie dachte an Bastis blaue Augen, an die Schmetterlinge, die in ihrem Bauch tanzten. Es war ja auch nur ein Spiel, hatte Kev gesagt und Kev war 21. Es war nur ein Spiel, ein Test, ein Ritual. Bastis Augen, als sie das Geld aus Muttis Portmonee nahm, um Bier, Tequila und Gras zu kaufen, Bastis Grübchen am Kinn, als Kev ihr das Tütchen aus der Hand riss und sie dieses ekelhafte Gebräu hinutergewürgte, das er ihr hingehalten hatte. Schweineblut und Katzenpisse, hatte Kev gesagt, wunderbar zu Tequila. Kevs Kichern, übertönt von Bastis Lachen, als sie alles in einem Schwall erbrochen hatte, kaum dass es in ihrem Magen gelandet war.
„Die 13-jährige Mandy, einer unserer Youngster, ein bisschen pummelig, aber doch ein Ausnahmetalent. Ja, sie ist auf der Zielgeraden, ja, sie läuft und läuft, aber was ist nun? Sie hadert, sie strauchelt. Wird sie es schaffen? Die Zeit rennt ihr davon! Sie hat noch 6 Minuten, 23 Sekunden. Wird sie ihre dritte Prüfung bestehen?“ Kevs Stimme wie die eines Sportkommentators. Er stand auf, stellte sich hinter sie, seine Beine berührten ihre. Er hauchte in ihr Ohr, leise, dunkel: “Ja, ja, wird sie wohl bestehen? Wird sie das Initiationsritual annehmen und sich würdig erwiesen? Wird sie aufgenommen in den Kreis der Erwachsenen?“
Mandy sah zum Baum hoch, zum Ast da oben, gerade so hoch, dass sie ihn erreichen konnte. Basti hatte seine Lippen auch darauf gedrückt, irgendwann einmal. Sie schloss die Augen, zielte fast ziellos auf den Ast und das, was daran hing. Sie dachte an Bastis Lippen, die volle Unterlippe mit der Kerbe in der Mitte, dachte daran, was sie glaubte, was er damit mit ihren machen könnte, wenn er nur stolz auf sie wäre. Etwas Klammes, Pelziges, Kleines berührte ihren Mund, ein Geruch von Aas und Verwesung stieg in ihre Nase. Sie begann zu würgen, machte Schmutzspuren an den Ärmel ihrer Jacke, als sie damit über ihr Gesicht fuhr. Kev lachte, klatschte. „Hey, hey, nicht so stürmisch, junge Frau. Du brauchst den Hasen nicht komplett zu vernaschen, der Fuß hätte auch gereicht! Ein Hasenfuß für einen, der einmal ein Hasenfuß war!“ Kev legte ihr den Arm um die Schultern, zog sie weg vom Baum, an dem das tote Kaninchen durch den Wind und ihre stürmische Liebeserklärung am Ast hin- und herbaumelte. Seine Stimme wurde milde und sanft. „Na, super! Und fühlst du dich nicht gleich besser?“ Mandy nickte. Ja, tatsächlich, sie fühlte sich sogar richtig gut. Kev stand neben ihr, strich ihre eine nasse Haarsträhne aus der Stirn. Seine Stimme seltsam, als er sagte: „Dann lass uns mal zum Ende kommen. Respekt, Respekt, wir haben sogar noch fast volle 5 Minuten. Bei den anderen Mädels hat es länger gedauert.“ Kev streichelte ihren Hals.
„Kev, was machst du?“
„Na, wirst du doch ein Hasenfuß geblieben sein?“ Er zog sie an sich, fest.
„Kev, lass das!“ Er war ihr so nah, sie boxte ihm gegen die Rippen.
„Willst du deine letzte Prüfung nicht mehr?- Das wird Basti aber gar nicht gefallen. Auslachen wird er dich!“ Er zwang seinen Oberschenkel zwischen ihre, seine Zunge saugte an ihrem Hals.
„Nein, lass sein! Lass mich!“
Kev schnaubte: „Bist also doch eine Memme!“, wandte sich ab, fischte sein Handy aus der Tasche seiner Trainingshose.
„Noch drei Minuten Zeit, um es dir zu überlegen. Trittst du die letzte Prüfung an, bist du eine von uns. Aber bitteschön...wenn du nicht willst. Dann gib halt auf so kurz vor dem Ziel. Geh halt, spiel mit deinen Puppen und bleib ein kleines, dummes, dickes Blag.“ Seine Stimme wurde wieder milder. „Also wirklich. Ich verstehe dich nicht. Glaub mir, ich tue dir einen Gefallen damit. Ich bringe dir bei, was Basti von dir sehen will! Bringe dir bei, was ich Basti versprochen habe, dir beizubringen. Du willst ihn doch nicht enttäuschen, oder? Mädchen...3 Minuten, 20.“
Mandy drehte sich weg, fixierte die dunklen Regenwolken, die sich gerade verzogen, dachte an Bastis Lächeln oder das, was sie als sein Lächeln vermutete, wenn sie gemeinsam auf dem Bett lagen oder im Heu oder sonstwo, wo es romantisch war. Sie dachte an Bastis Lippen, die an ihren saugten oder an das, von dem sie dachte, dass er mit ihren tun würde.
„2 Minute, 38 Sekunden. Der Countdown läuft, Schätzchen.“
Bastis schönen Hände. Sie dachte daran, wo sie glaubte, dass sie hinlangen könnten, was sie mit ihr tun könnten und wie sie glaubte, dass es sich anfühlen würde.
Mandy dachte an Bastis Hände, daran wie sie den Knopf seiner Jeans öffnen würden, wie es sich anfühlte, wenn er mit seiner anderen Hand ihre Brust berührte. Sah ihre eigene Hand in der Luft hängen zäh, kalt, ihre Zunge im Mund, im Vergleich zu seiner, die wild durch ihren Mund tanzen würde, schlaff, leblos, wie ein totes Tier. Dann hörte sie ein Lachen, Bastis Lachen, widerwärtig, kalt und seine schönen Hände hatten die Hose wieder zugeknöpft und zeigten jetzt mit dem Zeigefinger auf sie.
Sie drehte sich zu Kev um. Er saß wieder auf dem Baumstumpf, wartete, lachte.
„Zeit gefällig? 1 Minute, 32 Sekunden.“
Sein Bild, wie er so dasaß, sein drahtiger Körper nach vorn gebeugt, die trainierten Bizeps, die unter seinem grauen T-Shirt hervorschauten, die Zigarette lässig im Mundwinkel, die höhnisch und gleichzeitig erwartungsvoll verzogenen Lippen, brannte sich in Mandys Hirn wie ein Standbild auf eine Linse.
„Dann mach.“
„Gutes Mädchen. Und gar kein Hasenfuß.“
Kev kam auf sie zu, sie schloss die Augen, öffnete sie wieder, schloss sie, öffnete sie und fixierte das tote Kaninchen, das da im Wind baumelte wie gerade noch ihre Zunge im Mund. „Für Basti“, dachte sie, „für Basti.“

Letzte Aktualisierung: 16.03.2008 - 20.52 Uhr
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