Der Tod aus der Teekiste
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"Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen."
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März 2008
Bon Voyage
von Ingrid Gertz

Hilda schleift die gepackten Koffer aus dem Schlafzimmer in den Flur. Schwer wie Blei sind sie geworden, aber Hilda hat alles, wirklich jedes Fitzelchen, das hineingehen musste, auch untergebracht.
Darauf ist sie stolz.
Bon Voyage!
Erschöpft aber zufrieden streicht sie sich eine lose Haarsträhne aus der Stirn und bemerkt die schon fast eigentümliche Stille in der Wohnung.
Gut, Klein - Lara hat Brüllpause. Sie liegt zufrieden in ihrem Körbchen, wo sie satt und still vor sich hin träumt. Was treiben die Zwillinge? Im Normalfall streiten sie sich doch, oder hecken verschwörerisch kichernd irgendeinen Blödsinn aus...
Nein, Marie jedenfalls sitzt im Kinderzimmer, zaubert hochkonzentriert bunte Strichmännchen und dicke gelbe Sonnen aufs Papier. Braves Mädchen! Wo ist Stefan? Kurze Wege in einer kleinen Wohnung. Stefan ist auch beschäftigt. Er hat Vatis Rasierschaum entdeckt und setzt mit andächtiger Begeisterung kunstvolle kleine Sahnehäubchen ins Klo. „Kinder, ihr werdet mal ein Fall für die Documenta“, grinst Hilda in sich hinein. Nicht ganz ohne Grund. Schließlich ist es noch keine Stunde her, dass sie dem neuesten Gemeinschaftskunstwerk ihrer zwei Kreativen einen herben Schlag versetzen musste: Unter Protest der kleinen Aktionskünstler hatte Hilda drei Sonnenstrahlen entfernt, um sie einer zweckbestimmten Nutzung zuzuführen. Den Rest des mit Binden an die Kinderzimmerwand drapierten Gemäldes würde sie bei Bedarf wohl auch weiter schädigen müssen...
Die Türglocke schiebt sich störend in Hildas Betrachtungen.
„Eva!“ Na, die hat jetzt gerade noch gefehlt! Wimpernklimpernd und aufgezäumt wie ein Zirkuspferd wiedermal.
„Hi Hilda ich will nicht lange stören zehn Minuten dann bin ich wieder weg nur eine Kleinigkeit für den neuen Erdenbürger Willkommensgeschenk sozusagen.“ Eva redet immer ohne Punkt und Komma, aber mit viel Körpereinsatz. Sie fuchtelt Hilda mit ihrem Geschenk unter der Nase herum. Die beiden, den recht tiefen Ausschnitt flankierenden Berge wogen wohlgeformt, aber angsteinflößend auf und nieder. „Mächtig Holz vor der Hütte“, erinnert sich Hilda an Siegfrieds Bemerkung und registriert auf ihrem eigenen T-Shirt feuchtdunkle Flecken. Ausgerechnet jetzt! Es tropft trotz Baumwolleinlage schon wieder durch und bis zum Stillen dauert's noch...
„Komm pack mal aus das fand ich ja sooo süß das musste ich ganz einfach kaufen und für die Großen hab ich zwei Überraschungseier. Mariie! Steefan!“
Die Zwillinge fassen artig dankend ihre Ostereier ab. Eva stöckelt in Richtung Wohnzimmer. „Wollt ihr verreisen?“ Die Koffer im Flur hat sie also bemerkt.
„Nicht wir, Siegfried.“
„Aber das hat er doch überhaupt nicht...“
Plappermäulchen merkt selbst, dass es sich verplappert hat. Leicht schimmert Röte durchs Make up.
„Wo ist denn Siegfried? Ich wollte ihn doch noch was fragen...“
Die Couch steht zu Evas Verdruss leer und verwaist im Raum, nur geschmückt mit zwei zerknautschten Sofakissen, nicht mit Siegfried, dem Blondgelockten.
„Siegfried ist zum Arzt.“, lächelt Hilda.
„Ist heut ' ganz aufgeregt aus der Dusche gesprungen. Mit seinem besten Stück wäre was nicht in Ordnung, er bräuchte dringend medizinische Hilfe. Mich wollte er nicht nachschauen lassen, aber es muss wohl was Ernstes sein.“ schildert sie die morgendlichen Ängste ihres Charmebolzens und genießt dabei Evas schreckgeweiteten Augen.
„Was wolltest du Siegfried denn fragen, Eva?“
Hilda schiebt die Nachbarin sanft in Richtung Flur und überreicht ihr dort einen strassfunkelnden Ohrring.
„Du wolltest wohl wissen, ob ihm rein zufällig diese außerordentlich geschmackvolle Pretiose zugelaufen ist? Gehört dir doch, oder? Hab ich beim Bettenmachen entdeckt... Ach, und sei so gut, Eva! Nimm doch schon mal zwei von den Koffern mit. Für Siegfried sind die vielleicht etwas schwer, der hebt sich ja schon an normalen Müllbeuteln fast einen Bruch.“
Als Eva mit Siegfrieds Koffern wie geplättet vor der Wohnungstür steht, hat Hilda irgendwie doch noch etwas Mitleid übrig und sie kann sich nicht so recht erklären, warum eigentlich...
„Eva?! Wegen seiner Krankheit... mach dir deswegen erst mal keinen Kopf...
Als Siegfried gestern wiedermal besoffen über die Schwelle gekrochen kam, da war ich gerade mit dem Eierfärben fertig.
Ostern eben.
Rot, grün und blau hatte ich noch nicht entsorgt... und ich hab mich in meiner Wut hinreißen lassen...
Die Färbung, jedenfalls die, die verliert sich wieder...
Bon Voyage, Eva!“

Letzte Aktualisierung: 24.03.2008 - 11.34 Uhr
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