Ganz schön bissig ...
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Mrz 2008
Zehn nach zwölf Uhr mittags
von Michael Rapp

Red Eye Donny fühlte sich nackt – nicht im physischen Sinne, das hätte er eindeutig vorgezogen. Es gab eine Menge gesellschaftlich akzeptierter Ausreden dafür, unbekleidet auf der Hauptstraße von Tombstone zu stehen: Üblicherweise verwies man darauf, ausgeraubt worden zu sein, sich betrunken zu haben oder beides.
Donny war so nüchtern, dass ihm der Schädel davon brummte, und nicht einmal der verzweifeltste Räuber hätte seine Kleidung als Beute in Betracht gezogen.
Sein Poncho war ein zerfranstes Sammelsurium unangenehmer Gerüche. Seine Hose bestand aus Flicken und Rissen, die er mit Pferdehaar notdürftig vernäht hatte. Und der einst stolze Stetson war zum formlosen Deckel verkommen.
Seinem Körper ging es nicht besser. Donny machte sich keine Illusionen über sein Aussehen. Dass man ihn nicht für eine wandelnde Leiche hielt, lag nur daran, dass ein Toter unmöglich so krank sein konnte.
Eine Menschenmenge hatte sich auf den hölzernen Bürgersteigen und in den Hauseingängen versammelt. Die Stimmung war ausgelassen. Die Männer tranken und rauchten; ließen sich die Bärte stutzen und ihre Waffen polieren. Grüppchen von Frauen debattierten über neue Verwendungsmöglichkeiten für Kernseife und Bohnen, während die Kinder hinter einer Katze her waren. Das Tier war jung und flink – und hoffnungslos umzingelt.
Donny konnte sich nicht erinnern, jemals mehr Leute auf einem Haufen gesehen zu haben.
Das gehört nun mal zum berühmt werden, beruhigte er sich. Je mehr Zeugen, desto besser. Egal ob er siegte oder getötet wurde: Doc Holliday war eine Legende des Westens, und wer immer sich mit einer Legende duellierte, an dessen Namen erinnerte man sich. Daran glaubte er fest.
Die Kirchturmuhr schob ihren dünnen Finger um einen Abschnitt weiter.
„Noch fünf Minuten“, verkündete der Sheriff, der durch die Reihen der Zuschauer ging und Büffelfleischsnacks verkaufte. Donny kam nicht umhin, die Geschäftstüchtigkeit des Gesetzeshüters zu bewund ...

Liebe Leserin, lieber Leser,

diese Geschichte gehrt zu den Siegergeschichten und erscheint in unserer Literaturzeitschrift Schreib-Lust Print. Wir bitten Sie um Verstndnis, dass wir uns nicht selbst Konkurrenz machen mchten, indem wir die Geschichte ebenfalls hier komplett verffentlichen.

Vielen Dank!

Andreas Schrter

Letzte Aktualisierung: 31.03.2008 - 21.31 Uhr
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