Der Tod aus der Teekiste
Der Tod aus der Teekiste
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März 2008
Nur ein paar Zeilen
von Elfriede Assadi

Plitsch … Platsch …
Warmes Wasser floss in die Badewanne, milchiger Schaum blubberte auf der Oberfläche, verströmte einen süßlichen Kokosnussduft.
Bevor sie in das wohltuende Nass tauchen wollte, ging Anna noch einmal ins Kinderzimmer, um nach Lisa zu sehen. Selig schlafend lag sie, eingewickelt in ihrem rosa Plüschschlafsack, im Bettchen. Zärtlich strich sie ihr über den Lockenschopf, schnupperte an ihrer zarten Haut, bevor sie auf Zehenspitzen das Zimmer verließ.

Sie ging ins Wohnzimmer, öffnete die Terassentür; eine laue Frühlingsluft strömte in den Raum.
Anna trat in die klare Vollmondnacht hinaus, sah zum Himmel, und fühlte sich von dem Blick in die Unendlichkeit seltsam angezogen. Aus dem Garten, zwischen den Sträuchern, vernahm sie ein leises Rascheln. Von dem gegenüberliegenden Gelände klangen fröhliche Stimmen; heiteres Lachen vermischte sich mit leiser Musik. Aus weiter Ferne schossen Leuchtraketen in den Himmel, erstrahlten in Regenbogenfarben, bevor sie im Sekundentakt zerfielen.
Zerfielen …, wie ihr Glück, ihr Leben.
Es war Samstagnacht, in der Stadt pulsierte das Leben.

Sie war müde und erschöpft, nach diesem anstrengenden endlosen Tag. Nur noch ein Bad und dann ab ins Bett. Das warme Wasser löste ihre Verspannung, der Duft des Ölschaumes verbreitete seine wohltuende Wirkung, schmiegte sich wie ein sanfter Schleier um ihren Körper. Heißer Dampf vernebelte ihre Sinne, tauchte sie in die Vergangenheit, ließ sie versinken in die Zeit vor Achims Unfall, bevor noch alles in Ordnung war, bevor er sich so veränderte …

Das Knarren der Küchentür holte sie aus dem Dämmerzustand, schleuderte sie in die Fakten, die Tatsachen des Lebens zurück.
War das Romeo? Er pochte auf sein Thunfischmenü, welches sie schon wieder vergessen hatte.
Anna schlüpfte in den Bademantel, ging in die Küche und blickte böse Richtung Kater.
„Sofort runter mit dir!“, schnauzte sie ihn an.
Er stand mit gesträubten Haaren auf dem Tisch, fauchte drohend, wölbte herausfordernd seinen Buckel.
„Na, los, ab mit dir!“, wütend stampfte sie auf den Boden, bis er zögernd auf den Boden sprang.
Dummer verwöhnter Kater ärgerte sie sich. Warum hat er keine Maus vom Garten gefressen?
Lag wohl am Vollmond. Romeo, ein mondsüchtiger Kater. Sie musste schmunzeln.
„Na, ist ja gut. Ich weiß, dass du Hunger hast. Gleich kommt dein Häppchen.“
Während sie aus dem Küchenschrank die Dose nahm, öffnete und auf einen kleinen Teller entleerte, spürte sie das fordernde Streicheln der Katzenpfoten auf ihrem Bein. Anna stellte das Futter auf den Boden und ging wieder ins Bad um die Wanne auszuspülen. Kopfschüttelnd vernahm sie im Hintergrund Romeos lautes gieriges Schnappen und Würgen.

Reste von Dampfschwaden standen im Badezimmer, hafteten an den Wänden, klatschten ihr ins Gesicht. Müde blickte sie in den Spiegel und erstarrte!
In roten fettig glänzenden Buchstaben stand geschrieben:
„In zehn Minuten gehörst du mir!“
Ihre Augen klebten an den Worten, meißelten sie ins Gehirn, erkannten schließlich deren Sinn. Verkrampft krallten sich ihre Hände in den Waschbeckenrand. Panik erfasste sie. Ihr Herz raste. Hitze und Kälte überschwemmte sie abwechselnd.
Ihr Hirn arbeitete, sortierte, dachte, wog ab.
Das alles war kein Traum. Da war jemand. Da war jemand im Haus!
Die offene Terassentür schwirrte vorbei. Verdammt! Wo zum Teufel war ihr Handy. In der Handtasche? Die hatte sie wo?
Zuerst zu Lisa. Mein Gott, Lisa! Es war still. Stille aus dem Kinderzimmer. Also schlief sie noch. Oder war etwas mit ihr passiert?

Sie fröstelte. Sie zitterte. Bewegungslos stand sie da, schielte auf die roten krakeligen von ihrem bleichen Gesicht umrahmten Buchstaben. Eine innere Stimme rüttelte an ihrem zu Stein gewordenen Körper; sie brüllte, sie schrie, „reiß dich endlich zusammen!“
Wütend ballte sie ihre Hände zu Fäusten. Ihr Hirn ratterte wie ein Zählwerk. Wegwischen? Sie griff nach dem Handtuch, warf es wieder weg.
Wie lächerlich. Wie dumm. Ein Witz! Die Nachricht zu entfernen. Umständlich schnürte sie den Gürtel des Bademantels fester und schlich in den Vorraum.

Plötzlich umklammerten sie zwei kräftige Arme, hielten sie fest, hoben sie vom Boden, pressten ihr den Atem aus der Brust. Zappelnd schlugen ihre Beine gegen eine Muskelwand, heißer Atem zischte an ihr Ohr:
„Sei still, du Schlampe, dann geschieht dir nichts!“
Sie versuchte zu schreien, doch es gelang ihr nicht. Eine verschwitzte Hand presste sich auf ihren Mund. Sie hörte ihr leises Winseln, ihr Schnappen nach Luft. Der Körper drängte sie ins Schlafzimmer, warf sie auf das Bett, eine geballte Faust kreiste über ihrem Gesicht, bevor sie niederprallte. Anna schrie vor Schmerz. Ein blutiger Geschmack machte sich in ihrem Mund bemerkbar. Sie schluckte, sie würgte.
„Aufhören!“ Sie wand sich, zappelte, wollte ihn von sich stoßen. Kraftlos fiel sie auf das Laken zurück.
„Na, du Hure, wie gefällt dir das?“, keuchte er herausfordernd und starrte in ihr angstverzerrtes Gesicht.
„Du hast mich betrogen und dafür wirst du büßen!“, gellte es in ihren Ohren.
„Neiiiin!“, keuchte Anna. Seine bleierne Hand drückt auf ihre Kehle. Sie japst nach Luft. Grinsend schwebte die Masse über ihr, ergötzte sich an ihrer Angst.
„Du Dreckstück, denkst du ich hätte es nicht bemerkt?“ Wütend riss er an ihren Haaren, Irrsinn bohrte sich in ihre Augen, sie röchelte, hustete:
„Aufhören …, hör auf! Ich ersticke!“
„Zeig mir, was er mit dir gemacht hat …, komm schon, ich will es ganz genau wissen, erzähle!“
Gierig starrte er sie an, hob seine Hand zum nächsten Schlag.
„Neiiiin!“, Anna stieß ihn von sich, sprang aus dem Bett und hastete zur Tür.
Doch seine Hand krallte sich um ihren Fuß, warf sie zu Boden.
„Noch nicht, meine Kleine …, wir sind noch nicht fertig …, brennender Atem blies ihr ins Gesicht, nahm ihr die Kraft zum Atmen, flüsterte lieblich,
„unsere zehn Minuten sind noch nicht zu Ende ...“
Umhüllt von Wortfetzen, hilflos klammernd an deren Sinn, sank sie in die unendlichen Tiefen der Dunkelheit …

***

Am nächsten Morgen wurde vor dem Bahnhof ein verwirrter spärlich bekleideter Mann, der behauptete er hätte seine Frau getötet, von der Polizei aufgegriffen. Er führte die Beamten direkt zum Tatort, doch für das Opfer kam jede Hilfe zu spät. Wie die Ermittlungen ergaben, war der Ehemann erst vor einigen Tagen aus der Psychiatrie entlassen worden. Der lokalen Presse war der Tod einer Frau nur ein paar Zeilen im hinteren Chronikteil wert.

Letzte Aktualisierung: 26.03.2008 - 10.37 Uhr
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