Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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März 2008
Zoom
von Conny Franken

Irgendetwas ist mit ihr, denkt Björn. Sie hat heute noch kein Telefonat geführt. Überhaupt redet sie nicht. Sie starrt auf ihren Bildschirm, ohne dass ihre Augen einer Zeile folgen. Warum schaut sie mich nicht an?
„Was ist los mit dir, Steffi?“ „Nichts“, haucht sie und schaut dabei nicht auf. „Wirklich nicht?“ Das „Nein“, das dann folgt, klingt ihm wie auf der Flucht gesprochen. Aber sie bewegt sich nicht.

Björns Blick sucht noch in ihrem Gesicht, das keinen Kontakt wünscht, wandert bald geradeaus, wandert vertikal weiter bis auf seine Schreibtischplatte, wo er stoppt. Etwas stört. Die technische Zeichnung auf dem Tisch muss eine Idee rechts herum gedreht werden, damit die untere und damit auch die obere Papierkante und folglich alle horizontalen Linien auf dem Blatt parallel zur Tischkante, und zwar zur unteren wie zur oberen Tischkante, parallel liegen. Björns Hand dreht die Zeichnung. Jetzt ist es gut.

Die Ansammlung von Linien, Ziffern und Buchstaben in der Zeichnung formieren sich allmählich wieder zu Front- Seiten- und Profilansichten von Wandregalen und Auslagetischen mit den dazugehörigen Bezeichnungen und Maßen. Björn stutzt. In greifbarer Nähe auf der Grenze zwischen seinem und Steffis Schreibtisch hat er sein Informationsmaterial abgelegt und zwar nicht, wie andere es tun, in Ordnern, sondern nach seinem eigenen System in nummerierten Stapelkästen. Direkter Zugriff, Zeit überlistet, denkt er, grinst und greift nach dem dritten Blatt aus Kasten fünf von links, wobei er den Kopf hebt.

Da sieht er es wieder. Ihr Spiel mit den Fingern. Sie verkrampft sie. Sie streckt sie erst aus und lässt sie dann Glied für Glied einknicken, so dass daraus eine Kralle entsteht. Die andere Hand hält sich an der PC-Maus fest. Verengte Pupillen mindern den Lichteinfall aus dem hellen Bildschirm.

Björn steht auf und legt seinen Stift exakt auf die Stelle der Zeichnung, mit der er gerade beschäftigt ist. Er schiebt seinen Stuhl zurück und geht langsam auf die Kaffeemaschine zu, die ihre letzten Verpuffungslaute ausgestoßen hat. Der Kaffee duftet ihm jetzt nicht, sondern legt sich schwer auf seinen Magen. Dennoch füllt er eine Tasse, stellt die Kanne zunächst neben die Kaffeemaschine, fügt dem Kaffee Milch hinzu, weil er weiß, dass Steffi nur Milch und keinen Zucker im Kaffee mag. Dann stellt er die Kanne zurück in die Maschinenhalterung, worin er sie verhakt, aber schließlich doch richtig hineingleiten lässt. Dann stellt er die Tasse auf Steffis Schreibtisch. „Du musst ihn noch warm pusten. Er ist heiß.“ Steffi deutet ein Nicken an, aber sagt nichts. Sie lässt die Tasse unbeachtet.

Sie ist bleich und hat Ränder unter den Augen, findet Björn. Eine Gänsehaut hat sie auf dem Unterarmrücken. Auch im Gesicht stehen kleine Härchen ab, bilden einen Flaum.
Es ist so still, dass Björn hören kann, wie flach sie atmet. Er sieht sie zittern. Zeitbombe, sagt es in ihm, und schaut noch etwas genauer hin, um sicher zu sein. Wie wächsern sie aussieht. Blassblau haben sich ihre Lippen zusammengezogen, zwei statische, aufeinandergepresste Striche unter einem weißen Dreieck. Da. Die Finger.

„Ich bring dich zum Arzt, keine Widerrede.“ „Nein“, entscheidet sie laut und schiebt dann ein leises „Nicht nötig“ hinterher. „Doch!“ Björn steht auf, geht auf sie zu, ergreift ihren Arm. Sie schaut ihn nicht an, zieht das unvermeidliche Aufstehen in die Länge: „Gut“, sagt sie dann und steht auf. „Ich geh’ schon mal runter.“ „Prima. Ich ruf Heike kurz an und sag’ ihr, dass ich später komme.“
Gerade als er den Hörer auflegt, hört er, wie unten in der Werkstatt die Kreissäge aufheult. Er steht auf, schiebt seinen Stuhl nach hinten, legt seinen Stift waagerecht auf die Zeichnung und geht zur Bürotür, die so schwergängig ist beim Öffnen und Schließen. Er versucht, die Treppe zur Werkstatt hinunterzurennen, die so lang ist. Endlich unten angelangt sieht er Steffi. Sie beugt sich mit vor der Brust verschränkten Armen zur Tischkreissäge herunter und schiebt ihren Oberkörper auf das rotierende Sägeblatt zu. Björn sieht jedes Detail, den Flaum auf Steffis hellblauer Strickjacke und wie das letzte Sonnenlicht des Tages dadurch schimmert und die Konturen ihres Körpers hell und weich zeichnet gegen den technischen Hintergrund. Kontrast, denkt er. Er sieht das blinkende Sägeblatt und wie jeder einzelne Zahn aufblitzend zuflitzt auf Steffis warmen Körper. Und als er spürt, dass seine Bewegungen wie fremdgesteuert zu zäh sind, um den ganzen restlichen Weg bis zu ihr zu schaffen, fällt ihm ein, dass er vor zweieinhalb Sekunden mit dem rechten Arm einer roten Ausstülpung in der Wand ausgewichen ist. Seine Augen wandern die Wand entlang, an dem sich der Treppenaufgang befindet. Diese nackte, weißliche Ziegelsteinmauer mit ihren Fugen aus Manhattangrau. Was für eine Farbbezeichnung, denkt er noch, als hätte er die Zeit dazu, und er denkt dies, obwohl er weiß, dass es jetzt keine Zeit geben darf für solche Gedanken. Aber er muss sie denken. Sie sind ja nur Blitze in seinem Kopf. Er nimmt trotzdem die Ungleichmäßigkeit des Fugenbildes wahr, das so ungenau nicht sein müsste, wie er meint. Und er denkt noch, dass es akzeptabel sei, wenn ein solch unregelmäßiges Fugenbild in einem Funktionsraum wie einer Werkshalle bestehe. Fünf Steine, darunter versetzt angeordnet viereinhalb, genau wie darüber, was sich dann bei allen Reihen im Wechselspiel wiederholen soll, aber nicht tut, weil die Breite der Längsfugen in Richtung Treppenaufgang zunimmt und somit der Fluchtpunktperspektive entgegenwirkt, was Björn wiederum auf seinem Schweifblick stört, aber nicht bremst. So folgt sein Körper dem, was seine Augen weiterhin abtasten, nämlich dem Fünfundvierziggradknick der Wand, ziemlich genau einen Meter vor der ersten Stufe der Treppe zum Büro. Diese Treppe drängt sich nun vorrangig in sein Gesichtsfeld, denn sie ist steiler als sie vermutlich sein dürfte. Björn empfindet aber die Breite der Trittflächen dafür als Ausgleich. Ihm kommt der rotbraune Zinkanstrich des Geländers entgegen und will sich vor die Wahrnehmung des weniger weit entfernten Lichtschalters an der Wandseite des Treppenaufgangs schieben. Das plötzliche Auftauchen des Lichtschalters und das Sichaufdrängen der Treppe irritieren ihn, und er suchte Sicherheit, indem er seinen Blick bis zum Wandknick zurückwandern lässt. Dort findet er Anschluss an das System aus Steinen und Fugen, deren Dunkelheit ihm einen Geruch nach kalter Lauge vorgaukelt, als seien sie erst frisch eingebracht worden. Das Teilstück der Wand nach dem Fünfundvierziggradknick ist bis zum Treppenaufgang so kurz, dass ein ungleichmäßiges Fugenbild nicht erkennbar werden kann. So liegt für Björn über diesem Wandstück ein präzise aussehendes Netz, Anfang und Ende scheinbar genau definiert. Die Symmetrie des Fugenbildes unterstützt die Rhythmik des Schleifgeräusches, das das Sägeblatt bei jeder Umdrehung an einer bestimmten Stelle macht, vielleicht wegen einer Un-wucht, Un-wucht, Sä-ge, Un-wucht, Rhyth-mus, Fu-ge, Fu-ge, Fu-ge, Fu-ge. Schal-ter.

Ein Gegenspieler der Blockade, eine wachsende Emotion aus dem Wissen um die Unverzichtbarkeit seiner Maßnahme, stößt Björns Körper zum Notschalter für die Hauptsicherung und schleudert seine Hand auf eben diesen Knopf. Das Licht geht aus, die Säge verstummt und Steffi lebt.

Letzte Aktualisierung: 16.03.2008 - 20.56 Uhr
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