Honigfalter
Honigfalter
Liebesgeschichten ohne Kitsch? Geht das?
Ja - und wie. Lesen Sie unsere Geschichten-
Sammlung "Honigfalter", das meistverkaufte Buch im Schreiblust-Verlag.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Conny Franken IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Mšrz 2008
Zoom
von Conny Franken

Irgendetwas ist mit ihr, denkt Bj√∂rn. Sie hat heute noch kein Telefonat gef√ľhrt. √úberhaupt redet sie nicht. Sie starrt auf ihren Bildschirm, ohne dass ihre Augen einer Zeile folgen. Warum schaut sie mich nicht an?
‚ÄěWas ist los mit dir, Steffi?‚Äú ‚ÄěNichts‚Äú, haucht sie und schaut dabei nicht auf. ‚ÄěWirklich nicht?‚Äú Das ‚ÄěNein‚Äú, das dann folgt, klingt ihm wie auf der Flucht gesprochen. Aber sie bewegt sich nicht.

Bj√∂rns Blick sucht noch in ihrem Gesicht, das keinen Kontakt w√ľnscht, wandert bald geradeaus, wandert vertikal weiter bis auf seine Schreibtischplatte, wo er stoppt. Etwas st√∂rt. Die technische Zeichnung auf dem Tisch muss eine Idee rechts herum gedreht werden, damit die untere und damit auch die obere Papierkante und folglich alle horizontalen Linien auf dem Blatt parallel zur Tischkante, und zwar zur unteren wie zur oberen Tischkante, parallel liegen. Bj√∂rns Hand dreht die Zeichnung. Jetzt ist es gut.

Die Ansammlung von Linien, Ziffern und Buchstaben in der Zeichnung formieren sich allm√§hlich wieder zu Front- Seiten- und Profilansichten von Wandregalen und Auslagetischen mit den dazugeh√∂rigen Bezeichnungen und Ma√üen. Bj√∂rn stutzt. In greifbarer N√§he auf der Grenze zwischen seinem und Steffis Schreibtisch hat er sein Informationsmaterial abgelegt und zwar nicht, wie andere es tun, in Ordnern, sondern nach seinem eigenen System in nummerierten Stapelk√§sten. Direkter Zugriff, Zeit √ľberlistet, denkt er, grinst und greift nach dem dritten Blatt aus Kasten f√ľnf von links, wobei er den Kopf hebt.

Da sieht er es wieder. Ihr Spiel mit den Fingern. Sie verkrampft sie. Sie streckt sie erst aus und l√§sst sie dann Glied f√ľr Glied einknicken, so dass daraus eine Kralle entsteht. Die andere Hand h√§lt sich an der PC-Maus fest. Verengte Pupillen mindern den Lichteinfall aus dem hellen Bildschirm.

Bj√∂rn steht auf und legt seinen Stift exakt auf die Stelle der Zeichnung, mit der er gerade besch√§ftigt ist. Er schiebt seinen Stuhl zur√ľck und geht langsam auf die Kaffeemaschine zu, die ihre letzten Verpuffungslaute ausgesto√üen hat. Der Kaffee duftet ihm jetzt nicht, sondern legt sich schwer auf seinen Magen. Dennoch f√ľllt er eine Tasse, stellt die Kanne zun√§chst neben die Kaffeemaschine, f√ľgt dem Kaffee Milch hinzu, weil er wei√ü, dass Steffi nur Milch und keinen Zucker im Kaffee mag. Dann stellt er die Kanne zur√ľck in die Maschinenhalterung, worin er sie verhakt, aber schlie√ülich doch richtig hineingleiten l√§sst. Dann stellt er die Tasse auf Steffis Schreibtisch. ‚ÄěDu musst ihn noch warm pusten. Er ist hei√ü.‚Äú Steffi deutet ein Nicken an, aber sagt nichts. Sie l√§sst die Tasse unbeachtet.

Sie ist bleich und hat R√§nder unter den Augen, findet Bj√∂rn. Eine G√§nsehaut hat sie auf dem Unterarmr√ľcken. Auch im Gesicht stehen kleine H√§rchen ab, bilden einen Flaum.
Es ist so still, dass Björn hören kann, wie flach sie atmet. Er sieht sie zittern. Zeitbombe, sagt es in ihm, und schaut noch etwas genauer hin, um sicher zu sein. Wie wächsern sie aussieht. Blassblau haben sich ihre Lippen zusammengezogen, zwei statische, aufeinandergepresste Striche unter einem weißen Dreieck. Da. Die Finger.

‚ÄěIch bring dich zum Arzt, keine Widerrede.‚Äú ‚ÄěNein‚Äú, entscheidet sie laut und schiebt dann ein leises ‚ÄěNicht n√∂tig‚Äú hinterher. ‚ÄěDoch!‚Äú Bj√∂rn steht auf, geht auf sie zu, ergreift ihren Arm. Sie schaut ihn nicht an, zieht das unvermeidliche Aufstehen in die L√§nge: ‚ÄěGut‚Äú, sagt sie dann und steht auf. ‚ÄěIch geh‚Äô schon mal runter.‚Äú ‚ÄěPrima. Ich ruf Heike kurz an und sag‚Äô ihr, dass ich sp√§ter komme.‚Äú
Gerade als er den H√∂rer auflegt, h√∂rt er, wie unten in der Werkstatt die Kreiss√§ge aufheult. Er steht auf, schiebt seinen Stuhl nach hinten, legt seinen Stift waagerecht auf die Zeichnung und geht zur B√ľrot√ľr, die so schwerg√§ngig ist beim √Ėffnen und Schlie√üen. Er versucht, die Treppe zur Werkstatt hinunterzurennen, die so lang ist. Endlich unten angelangt sieht er Steffi. Sie beugt sich mit vor der Brust verschr√§nkten Armen zur Tischkreiss√§ge herunter und schiebt ihren Oberk√∂rper auf das rotierende S√§geblatt zu. Bj√∂rn sieht jedes Detail, den Flaum auf Steffis hellblauer Strickjacke und wie das letzte Sonnenlicht des Tages dadurch schimmert und die Konturen ihres K√∂rpers hell und weich zeichnet gegen den technischen Hintergrund. Kontrast, denkt er. Er sieht das blinkende S√§geblatt und wie jeder einzelne Zahn aufblitzend zuflitzt auf Steffis warmen K√∂rper. Und als er sp√ľrt, dass seine Bewegungen wie fremdgesteuert zu z√§h sind, um den ganzen restlichen Weg bis zu ihr zu schaffen, f√§llt ihm ein, dass er vor zweieinhalb Sekunden mit dem rechten Arm einer roten Ausst√ľlpung in der Wand ausgewichen ist. Seine Augen wandern die Wand entlang, an dem sich der Treppenaufgang befindet. Diese nackte, wei√üliche Ziegelsteinmauer mit ihren Fugen aus Manhattangrau. Was f√ľr eine Farbbezeichnung, denkt er noch, als h√§tte er die Zeit dazu, und er denkt dies, obwohl er wei√ü, dass es jetzt keine Zeit geben darf f√ľr solche Gedanken. Aber er muss sie denken. Sie sind ja nur Blitze in seinem Kopf. Er nimmt trotzdem die Ungleichm√§√üigkeit des Fugenbildes wahr, das so ungenau nicht sein m√ľsste, wie er meint. Und er denkt noch, dass es akzeptabel sei, wenn ein solch unregelm√§√üiges Fugenbild in einem Funktionsraum wie einer Werkshalle bestehe. F√ľnf Steine, darunter versetzt angeordnet viereinhalb, genau wie dar√ľber, was sich dann bei allen Reihen im Wechselspiel wiederholen soll, aber nicht tut, weil die Breite der L√§ngsfugen in Richtung Treppenaufgang zunimmt und somit der Fluchtpunktperspektive entgegenwirkt, was Bj√∂rn wiederum auf seinem Schweifblick st√∂rt, aber nicht bremst. So folgt sein K√∂rper dem, was seine Augen weiterhin abtasten, n√§mlich dem F√ľnfundvierziggradknick der Wand, ziemlich genau einen Meter vor der ersten Stufe der Treppe zum B√ľro. Diese Treppe dr√§ngt sich nun vorrangig in sein Gesichtsfeld, denn sie ist steiler als sie vermutlich sein d√ľrfte. Bj√∂rn empfindet aber die Breite der Trittfl√§chen daf√ľr als Ausgleich. Ihm kommt der rotbraune Zinkanstrich des Gel√§nders entgegen und will sich vor die Wahrnehmung des weniger weit entfernten Lichtschalters an der Wandseite des Treppenaufgangs schieben. Das pl√∂tzliche Auftauchen des Lichtschalters und das Sichaufdr√§ngen der Treppe irritieren ihn, und er suchte Sicherheit, indem er seinen Blick bis zum Wandknick zur√ľckwandern l√§sst. Dort findet er Anschluss an das System aus Steinen und Fugen, deren Dunkelheit ihm einen Geruch nach kalter Lauge vorgaukelt, als seien sie erst frisch eingebracht worden. Das Teilst√ľck der Wand nach dem F√ľnfundvierziggradknick ist bis zum Treppenaufgang so kurz, dass ein ungleichm√§√üiges Fugenbild nicht erkennbar werden kann. So liegt f√ľr Bj√∂rn √ľber diesem Wandst√ľck ein pr√§zise aussehendes Netz, Anfang und Ende scheinbar genau definiert. Die Symmetrie des Fugenbildes unterst√ľtzt die Rhythmik des Schleifger√§usches, das das S√§geblatt bei jeder Umdrehung an einer bestimmten Stelle macht, vielleicht wegen einer Un-wucht, Un-wucht, S√§-ge, Un-wucht, Rhyth-mus, Fu-ge, Fu-ge, Fu-ge, Fu-ge. Schal-ter.

Ein Gegenspieler der Blockade, eine wachsende Emotion aus dem Wissen um die Unverzichtbarkeit seiner Ma√ünahme, st√∂√üt Bj√∂rns K√∂rper zum Notschalter f√ľr die Hauptsicherung und schleudert seine Hand auf eben diesen Knopf. Das Licht geht aus, die S√§ge verstummt und Steffi lebt.

Letzte Aktualisierung: 16.03.2008 - 20.56 Uhr
Dieser Text enthšlt 7453 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2023 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.