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Mńrz 2008
Zehn Minuten Berlin
von Bernd Kleber

Wenn man ├╝ber den Bahnsteig sah, sah man tats├Ąchlich nur diesen. Menschenleer... der Zug war gerade wieder ausgefahren, auf dem gegen├╝berliegenden Einstieg sah man Bauwerkzeuge, Bauwagen, die eine Konstruktion hatten, die es ihnen erlaubte auf der Spurbreite der Gleise entlang zu fahren wie Schienenfahrzeuge, unten Gleisr├Ąder, oben klassischer Bauwagen, verkleideter G├╝terwagen. Die Bauarbeiter waren in diesem Gleiswagen, der Bahnsteig verwaist.
Sehr sch├Ân lag er da, dieser Abschnitt des Bahnhofes. Die elektronische Anzeige f├╝r Zugrichtungen wies aus: ÔÇ×Bitte beachten Sie die Hinweise zu den Zugverkehrszeiten!ÔÇť darunter etwas kleiner: ÔÇ×ZugpendelverkehrÔÇť.
Hier verkehrten also heute nur Z├╝ge von diesem Gleis, das war erkennbar.
Der leere Bahnsteig, eine Ruhe wie auf einem Vorortbahnhof, aber mitten in dem Moloch Berlin. Die beginnende W├Ąrme des Tages strich wie ein weiter Mantel ├╝ber den Steig. Sonst alles still und leer , wunderbar ruhig, scheinbar erste Fr├╝hst├╝ckspause.
Nun erklangen Schritte. Ein zischend schleifendes Ger├Ąusch, das sich da die Treppe herauf m├╝hte. Schnell kamen da F├╝├če herauf. Eine einsame Taube, die nach Essbarem suchte, schritt eilig von der einen Seite zur Anderen, der noch leeren Plattform. Das Berliner Leben hatte sich diese Fl├Ąche hier noch nicht zur├╝ck erobert.
Endlich kam, wenn man bis nach hinten zu dem Aufstieg sah, aus dem die Schritte das Ankommen einer Person ank├╝ndigten, eine Frisur in Sicht. Man sah dort jetzt einen blonden Haarschopf, wippend hoch, der sicher viel M├╝he gekostet hatte, in diese Form gebracht zu werden. Hoch toupiert waren da Haare, die an die 50er Jahre erinnerten.
Weiterhin kam nun ein rot kariertes Blazerj├Ąckchen zum Vorschein. Gro├če rote Karos, gleich dem Rot des Rouge auf den Wangen und dem Rot der Lippen dieser jungen Frau.
Der Blick war freundlich geradeaus gerichtet, ein wenig gehetzt, aber sofort sich entspannend bei der Gewissheit, das der Zug ausgefahren war und sie zu sp├Ąt kam. Die Schritte wurden schlagartig ruhiger, der Atem ging tiefer und ein wenig keuchender, vielleicht, weil die Frau inzwischen bemerkt hatte, dass der Perron leer war.



Die letzten Schritte auf der Treppe fanden unter M├╝he statt und hatten einen sehr engen fast knielangen dunklen Rock sichtbar gemacht, der sich mit engen undurchsichtigem strumpfhosenblau ber├╝hrte. Auf hochhackigen breiten Abs├Ątzen lief diese Person nun bis zu den Aush├Ąngen, wo sich hinter Glas Informationen zu den Fahrzeiten im Pendelverkehr befinden mussten. Leicht vorn ├╝bergebeugt stand sie dort, in der linken Hand eine dieser modernen riesigen Handtaschen und las nach der Information suchend, Aushang f├╝r Aushang, leise murmelnd dabei. Sie fand die Aussage, die ihr bescheinigte, was sie ahnte, der n├Ąchste Zug w├╝rde in 10 Minuten fahren.
Sie stellte sich aufrecht hin, sah nach beiden Seiten, als wolle sie das Gebiet erobern und sich h├Ąuslich einrichten. Dann schritt sie langsam weiter in Fahrtrichtung, aufmerksam nach einem Platz suchend, den sie in den n├Ąchsten 10 Minuten ihres Lebens einnehmen wollte, auf dem sie die Zeit verbringen w├╝rde, bis sie weiterfuhr, den Ort wechselte, eine neue Position aufsuchen m├╝sste. Sie verglich nun ihre Armbanduhr aufmerksam mit der Uhr, die ├╝ber der Plattform hing und ein deutlich vernehmbares Ger├Ąusch machte, wenn der Minutenzeiger weiterzuckte.
Die junge Passantin lehnte inzwischen an dem Eisengehl├Ąnder, das die Grenze zu der Treppe darstellte, die in den unteren Bereich eines anderen St├╝ckes Berlins f├╝hrte. Dort unten befindet sich die Fahrbahn und der ├ťbergang zur Stra├čenbahn. Etwas unschl├╝ssig kramte sie in ihrer Tasche und wusste scheinbar selbst nicht genau, was sie suchte. Sie sah wieder nach links und nach rechts. Sie dachte kurz daran, dass sie den Minutenzeiger genau zweimal inzwischen hatte weiterklacken h├Âren.
Da sie immer noch die freie Auswahl hatte, lief sie ein paar Schritte weiter und setzte sich auf eine dieser metallenen B├Ąnke mit Gittersitzfl├Ąche. Es zog von unten ein wenig, wenn man darauf sa├č. Sie besah sich ihre Schuhspitzen und lehnte sich dann zur├╝ck.
Nun erblickte sie auch die Taube, die da mit wackelndem Kopf, als sei sie hier angestellt, sehr besch├Ąftigt hin und her lief und anscheinend die Pflastersteine dabei z├Ąhlte. Die Augen der Frau klapperten. Der Staub flirrte in der h├Âher steigenden Sonne vor ihrem Blickfeld und ein scharfer Schatten verlief schr├Ąg ├╝ber ihre ausgestreckten Schienbeine.


Sie lauschte auf das weit entfernte Rauschen des Verkehrs, unten auf der Stra├če, auf das Klappern in dem Bauwagen hinter sich und auf das leise Gurren der Bahnsteigtaube.
Mit rhythmischem Ger├Ąusch fuhr ein Zug ein. Der Zugf├╝hrer stand in der offenen Wagent├╝r seines Abteils und winkte, wie man es von alten Postkarten kannte. Die Wartende hatte so etwas aber noch nie hier gesehen. Darum sah sie sich vorsorglich um, ob sie auch gemeint sei und winkte verlegen zur├╝ck.
Nun stand sie auf und schritt in Richtung des Zuges, der noch nicht zum Stehen gekommen war. Nach dem Halt stiegen nur einige wenige Leute aus. Und davon kannte sie Einige vom Sehen, ihre Nachbarin war darunter und wollte sie wie immer sofort ansprechen. Sie wehrte ab, mit der Bemerkung, sie habe es sehr eilig und betrat schnell das Abteil.
Das Wageninnere war leer und sie hatte auch hier freie Auswahl, wie auf dem Bahnsteig.
Wieder sah sie nach allen Seiten und steuerte auf einen sauber wirkenden Fensterplatz zu und setzte sich. Die Tasche nahm sie auf den Scho├č, denn sicher w├╝rde es nun nicht mehr lange dauern, dass sich der Personenwagen f├╝llte. Oft reichte eine der Stra├čenbahnen aus, die in der unteren Ebene ankamen und viele Menschen rannten die Treppe herauf und f├╝llten den Wagon. Der Zug w├╝rde sicher noch einige Minuten hier stehen. Wie lange aber noch, fragte sie sich. Die Bahnhofsuhr konnte sie nicht erkennen, ihre Armbanduhr war stehen geblieben.
Endlich stieg der erste Mitfahrer ein, ein junger Mann. Auf den ersten Blick gefiel er ihr sehr gut. Er sah sich ebenfalls um und kam dann auf die Sitzgruppe zu, in der sie sa├č. `Nein`, dachte sie, `das gibt es doch nicht, der ganze Wagen ist leer, wieso steuert er hierher?` Sie sah verlegen in die andere Richtung aus dem Fenster, auf die Reklamewand, die sich hier befand, in ein lachendes Gesicht, das scheinbar ├╝bergl├╝cklich die Vorz├╝ge dieses Waschpulvers anbot und ganz fr├Âhlich, ob der wei├čen W├Ąsche wirkte.
Die Schritte des Mannes n├Ąherten sich, das konnte sie genau h├Âren und sie war sich sicher, sie w├╝rden weiter hinter ihr verhallen. Das Tapsen der Schuhe stoppte aber vor ihrem Sitz. Sie konnte nicht an sich halten und drehte nun doch den Kopf in diese Richtung, sah vom Hosenbund des Mannes, ├╝ber das hell gestreifte, gepflegt wirkende Oberhemd Knopf f├╝r Knopf zum Hals hinauf.
Sah mit dem Blick vorbeigleitend am Adamsapfel, das markige Kinn. Weiter glitt ihr tastender Focus ├╝ber die leicht ge├Âffneten Lippen, durch deren ├ľffnung wei├če Z├Ąhne blitzten, hinauf ├╝ber die gerade Nase, bis zu den braunen Augen, an denen sie dann h├Ąngen blieb und nun selbst eine fragende Miene aufsetzte. Der Mann machte eine einladende Geste und zeigte ihr eine Marke, eine Blechmarke. Sie versuchte darauf irgendetwas zu erkennen, was ihr aber nicht gelang und schon h├Ârte sie, dass dieser Mann von einer Beh├Ârde zur Bereinigung der Bahnsteige von Taubenfutter sei. Sie sah ihn fragend an. Sie ├╝berlegte, ob dieser Job so gut bezahlt wurde, dass dieser gut aussehende Mann, sich diese teuer wirkenden Kleidungst├╝cke leisten k├Ânne.
Sie fragte ihn, was sie damit zu tun h├Ątte. Und er antwortete, dass sie sicher die Taube auf dem Bahnsteig gesehen h├Ątte. Die Frau zog die Augenbrauen in die H├Âhe und bejahte. Der Mann fragte nun, ob ihr der Name der Taube bekannt w├Ąre. Sie verneinte und fragte, ob er diese Frage ernst meinen w├╝rde. Er nickte vielsagend und fragte, ob er sich setzen d├╝rfe. Sie schob ihre Beine parallel zueinander n├Ąher an die Bank, die Tasche dichter an ihren K├Ârper ziehend und zuckte mit den Schultern. Der Herr redete nun etwas von Tauben, wie sie sich vermehrten, wie sie gurrend sich verst├Ąndigen, wie viel Tonnen Futter sie vertilgten, dass sie einen Ausweis bei sich tr├╝gen oder tragen m├╝ssten. Er erkl├Ąrte ihr, dass diese Tauben sich immer wieder verirrten und dann nicht mehr nach Hause k├Ąmen, dass sie dann kein Futter mehr f├Ąnden und keine Eier mehr legen w├╝rden.
Die Reisende sah ihn immer noch ungl├Ąubig an. Sie wartete auf ein unterdr├╝cktes Lachen seinerseits oder zumindest das Aufblitzen von Lachen in seinen sch├Ânen Augen. Hinter dem gut aussehenden Fremden schritt eine Taube durch das Abteil, hatte eine rote Handtasche ├╝ber ihren rechten Fl├╝gel h├Ąngen, das irgendwie zu ihrem taubenblaugrau passte. Aus der Lacktasche an ihrem Fl├╝gel fielen bei jedem Schritt der Taube K├Ârner und Kr├╝mel. Das leise Klickern dieser Kr├╝mel reizte die Dame fast zum Lachen und sie wollte der Taube nachsehen oder mit dem Finger auf sie zeigen, wegen derer Futterverschwendung, welche die Frau Taube da vollf├╝hrte. Aber sie konnte ihren Blick, wie gefangen in den sch├Ânen Augen, nicht von dem Fremden abwenden. Sie sah ihm auf die sch├Ânen Lippen, wie er da erz├Ąhlte und erz├Ąhlte und dabei so l├Ąchelte.
Sie kam zu sich, als er sie fragte, ob sie mitfahren wolle. Sie nickte. Er sagte, dass sie dann jetzt einsteigen m├╝sse. Sie sah sich um, sah nach links und rechts, sah die Taube, die da immer noch den Bahnsteig ablief, den Zug vor ihr und die Menschen, die darin sa├čen und standen. Einige sahen sie auffordern an. Dann sah sie nochmals in das Gesicht des Zugf├╝hrers, in die angenehmen Augen und sah nun auch genau, die Bahnm├╝tze auf seinem dunklen Haar. Sie sch├╝ttelte ihre M├╝digkeit ab, griff nach der Handtasche, die vor ihr auf dem gepflasterten Boden lag und erhob sich, um nun endlich zur Arbeit zu fahren.

Letzte Aktualisierung: 10.03.2008 - 14.50 Uhr
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