Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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März 2008
Time
von Ann Nissuth

Lied Nr. 3. Mein Nostalgiewecker sagt neunzehn Uhr vierzig. Die Peeling-Maske, von meiner Freundin Steffi mühevoll für meinen Tag heute zubereitet („mit echtem Schlamm aus dem Toten Meer, Süße!“), befindet sich korrekt auf Gesicht und Dekollete. Zehn Minuten Einwirkzeit. Perfektes Timing. Ich bin mit mir zufrieden. Play.
Jon Lord spielt die Hammondorgel, von Ian Paice am Schlagzeug sacht begleitet. Ja, es ist mein Tag. Denn heute werde ich Manni wiedersehen. Nach über dreißig Jahren. Manni, der Schwarm aller Mädchen vom Goethe-Gymnasium. Für mich unerreichbar – damals.
Sweet child in time. Zunächst leise fängt Ian Gillan an zu singen. Die Packung auf meinem Gesicht zieht, als ich die Augen schließe.
1970. Arbeiter erhielten im Krankheitsfall jetzt auch eine Lohnfortzahlung. Thor Heyerdahls Papyrusboot erreichte Barbados. In Vietnam war immer noch Krieg. Die RAF wurde gegründet. Erdbeben gab’s mit vielen Toten. Brandt traf Stoph. In Ägypten lebte Nasser noch ein bisschen. Allende stand noch vor seiner Wahl zum Präsidenten Chiles. Gladbach war schon deutscher Meister, Celan schon tot, Jimi Hendrix und Janis Joplin noch nicht ganz. Und wir hatten Schulparty.
Reglos stand Manni mitten in der Aula und wartete auf seinen Einsatz. Nach Gillans ekstatischem Kreischen legte er mit seinem Luftgitarrensolo los. Sein durchtrainierter Körper zuckte im Rhythmus, die langen schwarzen Locken flogen. Gebannt wandte ich den Blick von seinem entrückten Gesicht auf seine Hose. Der Salzstängchenbrei klebte in meinem Mund. Charly neben mir lachte sich halbtot über mich. Vielleicht lachte er auch über die spitze Bemerkung von Markus: „Was finden die eigentlich alle an diesem obszönen Schwachkopf?“ Jedenfalls aber lachte er so heftig, dass seine Pepsi über mich schwappte – und das war’s dann. Ich rannte in Richtung Ausgang, stieß gegen Moni, die ihren Manni argwöhnisch bewachte, und klebte nach ihrem erbosten Schubs noch mit ihm selbst zusammen. Oberpeinlich! Aber so im Nachhinein könnte ich schwören, er hat damals die Augen ganz kurz aufgemacht und gelächelt.
Ganz schön unangenehm, das Tote Meer auf der Haut. Das Solo von Ritchie Blackmore und Jon Lord bricht abrupt ab.
Vor drei Tagen kam Mannis Mail.
Hey Sanne,
hab deine addresse von Charly (über die freundesuchmaschine). erinnerst du dich noch an mich? ich hab dich jedenfalls nicht vergessen. nächsten freitag bin ich beruflich bei dir in der nähe. Charly sagt, du bist wieder solo. wenn du willst, komm ich bei dir vorbei ;-)
Manni
Adresse mit zwei „d“!
Aber er hatte mich Mauerblümchen damals immerhin doch wahrgenommen und ja, ich wollte ihn sehen! Nahm mir für heute frei und brachte meine Wohnung auf – sagen wir Vordermann. Zum Hochglanz hab ich nämlich kein Talent. Dafür werde ich gleich glänzen. Seidenweiche Haut und einen strahlenden Teint hat Steffi mir versprochen. Seidig sind auch die sündhaft teuren halterlosen Strümpfe, die ich mir auf meinem frisch bezogenen Bett zurechtgelegt habe. Die Investition konnte ich mir einfach nicht verkneifen. Jeans und Pulli wäre zwar cooler - aber verdammt, ich hab da etwas nachzuholen!
And wait for the ricochet.
Zeit, die Maske abzuwaschen und den Bademantel gegen das kleine Schwarze einzutauschen. Und in den Schlussakkord der Hammondorgel tönt laut und deutlich meine Klingel.
Was soll das denn? Jetzt sag mir keiner, die nette Frau Kreuz braucht ausgerechnet heute und zu dieser Zeit wieder Mehl von mir! Ich muss jetzt ins Bad! Wieder die Klingel. Herrje, es ist doch schon – Moment mal: Immer noch neunzehn Uhr vierzig? Dann eine Stimme an meiner Tür: „Sanne?“ Mir ist schlecht. Das ist immer noch unverkennbar seine Stimme. Manni! Und ich steh da in Frottee und mit Pampe. So weit zu Nostalgieweckern!
Tot stellen und ihn wieder gehen lassen? Kommt nicht in Frage! Außerdem hat er ja wohl das Ende vom Outro mitbekommen. Mindestens! Da hilft nur Flucht nach vorn. Ich reiße die Tür auf. Keine Ahnung, was ich gleich sage.
Vor mir steht ein Mann mit Glatze und Biertaille. Er hat Mannis kräftige Hände und Mannis strahlend blaue Augen.
„Mein Gott, Sanne“, sagt er hingerissen. „Du hast dich überhaupt nicht verändert“.

Letzte Aktualisierung: 21.03.2008 - 21.20 Uhr
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