Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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März 2008
In zehn Minuten ...
von Iris Beimdieck

Zigarettenrauch schwängerte den Raum und vermischte sich mit dem Geruch von frisch gemahlenen Bohnen. Die Kaffeeautomaten surrten hinter der Holztheke, ließen glucksend Wasser durch die Filter tropfen, während gedämpfte Gespräche und leises Gelächter mich umhüllten. Meine Freundin Valery saß mir gegenüber. Ihre Finger umklammerten ein halb leeres Wasserglas. „Eva, ich hatte letzte Nacht vielleicht einen verrückten Traum! Ich habe geträumt, ich könnte - ohne es selber auch nur zu ahnen - Dinge voraussagen, die sich dann Minuten später tatsächlich ereigneten. Ich meine, das war phantastisch! Ich hab’ gesagt: Das und das passiert ....... und PENG – dann ist es tatsächlich geschehen!“
Ich nickte nur. Valery war wirklich meine beste Freundin und folglich dessen mochte sie sehr gerne, aber gelegentlich neigte sie zu Übertreibungen. Was konnte an einem Traum schon besonderes sein?
„Eva, weißt du, was in zehn Minuten alles passieren kann?“ Sie beugte sich vor und schaute mir tief in die Augen. Ihr brauner, glatter Zopf war ihr über die rechte Schulter gerutscht und wirkte auf dem Hintergrund ihres grünen, flusigen Pullovers wie der überlange Pinsel eines Hippies, der über eine wuchernde Wiese strich.
„Vermutlich viel.“ Gleichgültig rührte ich in meinem Latte Macciatto. Der Löffel schlug leise klirrend gegen das Glas.
„Nicht nur vermutlich!“ Valery beugte sich über die rosefarbene Tischplatte noch weiter zu mir herüber, „siehst du die alte Dame am Tresen mit den nach außen gefönten Haarspitzen?“
Nur widerwillig drehte ich mich um. „Mhmhm? Wo?“ Murrte ich, weil ich sie wirklich nicht entdecken konnte. Ich sah nur eine freundliche Bedienung, die gerade Besteck polierte und mich mit blitzend weißen Zähnen anlächelte. In der anderen Ecke erblickte ich einen Rocker mit unglaublich viel Haarwuchs und Lederklamotten. Auf dem Rücken seiner zerschlissenen Lederjacke, die interessante Farbabstufungen von verwaschenen Schwarz, Grau und Braun zeigte, stand: Ich habe den Nacken eines Stiers, das Kreuz eines Bullen und kämpfe wie ein Löwe. Und du hast die Haare eines Orang Utans fügte ich im Stillen noch mit hinzu – über seine Intelligenz konnte ich ja keine Mutmaßungen anstellen. Ich nippte an meinem Latte Macciato. Er war herrlich süß und milchig.
Valery starrte mich an. „Na, die Oma steht direkt vor dem Schrank!“
„Vor dem was?“
„Vor dem Typen in Lederkluft! Meine Güte – bist du blind!“
„Ach.“ Ich reckte meinen Hals etwas mehr nach rechts. Tatsächlich. Jetzt konnte ich die Dame entdecken. Ihr zierlicher Körper wurde nahezu verdeckt von der massigen Gestalt des Rockers.
Valery beugte sich noch weiter vor. „Stell’ dir vor, es schellt gleich das Wandtelefon hinter dem Tresen, und es ist jemand dran, der diese alte Frau sprechen möchte.“
„Sehr unwahrscheinlich.“
„Und siehst du das jugendliche Mädchen mit dem Rauhaardackel, der gerade die Krümmel vom Fußboden aufleckt?“
Unübersehbar – das Duo saß mir genau gegenüber. „Na und?“ Mein Cafe wurde langsam kalt.
„Stell’ dir vor, der Dackel läuft gleich weg – geradewegs nach draußen.“
„Dann hat se’ Pech gehabt. Soll se’ das Tier doch anleinen.“
„Und dann ist da noch der Rocker,“ ich hob meine Hand, wollte von Valerys Schmarn nichts mehr hören, aber sie fuhr unbeirrt fort, „stell’ dir vor, er marschiert auf unseren Tisch zu, bleibt vor uns stehen und zieht plötzlich eine Waffe!“
„Valery – jetzt hör’ aber auf – das ist ja Blödsinn!“ Beinahe hätte ich mit den weiten Ärmeln meines Bouclé-Pullover das Glas umgestoßen.
Plötzlich schellte das Telefon hinter der Theke. Noch nie ist ein Klingeln für mich so markerschütternd gewesen.
„Ist nur ein Zufall“, sagte ich abwinkend und beobachtete mit Adleraugen, wie die Bedienung den weißen Hörer in die Hand nahm. Sie lächelte. „Eine Frau Rosenbaum? Hier?“
„Das bin ich!“ Rief die alte Dame dazwischen und streckte auch schon ihre Hand aus.
Das konnte einfach nicht möglich sein! Ich verschluckte mich an meinem Cafe. Er war plötzlich zu süß. Viel zu süß. Ein Zufall – es musste ein verdammter Zufall sein!
Dann hörte ich ein tapsiges Kratzen von Krallen und sah gerade noch, wie der Dackel durch die Glastüren nach draußen entschwand.
„Nein! Herkules!“ Das Mädchen sprang auf, der Holzstuhl fiel polternd zu Boden. Hektisch richtete ich meine Augen mit laut knackendem Genick auf den Rocker. Er ging direkt auf uns zu. Und er sah wirklich aus wie ein Stier, Bulle und Löwe zugleich. Ich schnappte nach Luft. Die Lederhose knarschte bei jedem seiner Schritte. Noch zwanzig Meter...... achtzehn...... sechzehn....
„Zahlen!“ Riefen Valery und ich gleichzeitig und sprangen beide auf. Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, man hätte uns für synchrone Tänzer eines Ballets halten können. Ich zog einen Fünf-Euro-Schein aus meinem Portemonnaie, ließ ihn auf den Tisch flattern, Kleingeld rollte hinterher und fiel klimpernd zu Boden. Noch zehn Meter. Vielleicht. Valery und ich rannten los.
„Nur ein Traum – ein beschissener Traum, ja?!“ Keuchte ich hinter ihr, als wir die gläserne Ausgangstür passierten. Die Luft, die mir draußen entgegen schlug, hätte so schön frisch und erholsam sein können, wenn wir nicht gerannt wären, als wäre der Tod höchst persönlich hinter uns her. Jetzt stach sie mir wie ein tückischer, spitzer Diamant in die Lunge. Herbstblätter klebten auf meinen Turnschuhen, unter den Sohlen knirschte der Dreck. Mit rasselndem Atem lief ich durch die menschleere Gasse. Panisch blickte ich mich um. Der Rocker war dicht hinter uns. Sein Gesicht war zu einer grimmigen, roten Maske angelaufen, während er mit erstaunlicher Geschwindigkeit Meter um Meter aufholte und immer schneller zu werden schien. Ich spannte meine Oberarme an und presste meine Hände zu Fäusten. Valery hatte sich bereits weit von mir entfernt. Als ehemalige Leichtathletin war das vermutlich nicht erstaunlich. Sie steuerte direkt auf das Ende der Gasse zu und schlug auf dem weitläufigen Platz dahinter unvermittelt einen Haken nach rechts. Na toll – sie hatte mich allein gelassen mit diesem ......................... – eine große Hand legte sich von hinten auf meine Schulter. Entsetzt schrie ich auf, versuchte noch schneller zu rennen, die Pranke irgendwie abzuschütteln. Aber sie griff noch fester zu, bohrte sich durch mein Fleisch und riss mich mit einem solch unnachgiebigen Ruck zurück, dass mein Genick knackte und meine Arme für Sekunden wie die einer hilflosen Gummipuppe nach vorne schwenkten.
„Nun warte doch mal – du.....“
Ich schleuderte kraftlos herum, trat blindlings um mich, traf irgendwas Weiches. Wände, die sich bedrohlich vor meinen Augen drehten. Ein Herz, welches so laut schlug, dass es die ganze Welt hören musste. Aber es hörte niemand. Ich war allein. So schnell konnte sich ein Leben in zehn Minuten ändern. Etwas fiel aus seiner Lederjacke blitzend zu Boden. Ein Tranchiermesser. Mit schwarzem Griff.
Ich schrie, doch mein gellender Ruf schien von einem Raum verschluckt zu werden. Dann spürte ich etwas unter mir. Ein Laken. Ich schlug meine Augen auf, und die grellen Zahlen meines Radioweckers leuchteten mir entgegen. 4 Uhr dreiundfünfzig. Ich hatte nur geträumt, es war nichts als ein beschissener Traum! Mit zittrigen Fingern wischte ich den schweißnassen Pony aus meiner Stirn. War denn das zu glauben? An Schlaf war nicht mehr zu denken. Ich wälzte mich noch geschlagene zwei Stunden hin und her, bevor ich aufstand, mit klappernden Zähnen kalt duschte und Wasser für meinen geliebten Zitronentee aufsetzte. Gegen viertel vor elf verließ ich das Haus und traf mich mit Valery vor Bettys Rosa Kaffeestübchen. Der Herbstwind flatterte durch mein Haar und riss ein paar blonde Strähnen aus meinem Zopf.
„Valery“, sagte ich, „du würdest mich doch nie im Stich lassen, oder?“
Sie lachte: „Niemals. Warum fragst du?“
„Nur so“. Ich drückte die Tür zum Kaffeestübchen auf, und während das Glas nach innen schwenkte, heften sich meine Augen auf einen riesigen Rücken. Auf einen Rücken in Lederjacke. Ich habe den Nacken eines Stiers, das Kreuz eines Bullen und kämpfe wie ein Löwe.
Ja, denke ich schluckend, zehn Minuten von einem Traum, einer Vision, einem Leben, können vieles ändern...........

Letzte Aktualisierung: 14.03.2008 - 18.17 Uhr
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