Sexlibris
Sexlibris
Wo ist die Grenze zwischen Pornografie und Erotik? Die 30 scharfen Geschichten in diesem Buch wandeln auf dem schmalen Grat.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Tatjana Herbst IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
März 2008
LĂŒckenfĂŒller
von Tatjana Herbst

Den Mantel eng um mich geschlungen sitze ich in der ungemĂŒtlichen, ungepflegten und zugigen S-Bahn Nr. 9, Richtung Bergisches Land. Grauer, schmieriger Linoleumboden, versiffte hellgrĂŒne Polster, mit blassrosa fleckigen Streifen durchzogen. Klebrige Stangen zum Festhalten kommen oben aus der Decke des Wagens, an dem NetzfahrplĂ€ne, halb abgeknibbelt, befestigt sind. Wieder quietschen die Bremsen nach nur wenigen Minuten Fahrtzeit; die automatische TĂŒr öffnet sich. Noch bevor ich sie sehe, kann ich sie riechen: Ein Schwall schweren, lavendellastigen ParfĂŒms umhĂŒllt mich; ĂŒberkommt mich wie ein Tsunami. Kaum bleibt mir Luft zum Atmen. Bei meinem GlĂŒck setzt sich die schwer betaschte, nerzverhĂŒllte Ă€ltere Dame in Schwarz mit Schirm auf den einzig freien Sitz mir direkt gegenĂŒber. Mit einem LĂ€cheln, das sich schon jahrelang auf ihrem Gesicht befinden muss, lĂ€sst sie sich mit einem lauten Seufzer auf den unter den Polstern liegenden Sprungfedern fallen und rammt ihren Regenschirm im brĂ€unlichen Karodesign knapp an meinem linken Bein vorbei in die Leere des Raumes unter meiner Sitzbank. Verzweifelt versuche ich, einen anderen Geruch außerhalb der Eau-deToilet-Wolke auszumachen. Ein Hauch altes Leder, der ihren zahlreichen Koffern, TĂ€schchen und Taschen entströmt, findet den Weg in meine geplagte Nase. Ich versuche angestrengt, mich nur darauf zu konzentrieren. Ein Kribbeln steigt den Rachenraum hoch, bahnt sich seinen Weg durch die Nebenhöhlen, um sich dann mit einer gewaltigen Explosion seine Bahn zu brechen.
Sie wĂŒnscht mir Gesundheit. Toll, denke ich, wĂ€hrend ich ihr stumm zunicke. Jetzt bloß keine gezwungene Konversation. Ich habe nur geniest. Typisch fĂŒr mich, atypisch fĂŒr jede Frau, habe ich mal wieder keine Tempos dabei. Ich merke, wie sich der Rinnsal langsam seinen Weg von den momentan ĂŒberproduzierenden DrĂŒsen nach draußen bahnt. Mist, auch das noch. Stolz hin oder her, das gute Benehmen siegt; ich frage sie nach einem Tempo. Freundlich reicht sie mir sogar zwei. Wie großzĂŒgig, spöttele ich stumm.
Aus ihren bebrillten Augen schaut sie mich gĂŒtig an. Gutes Hautbild trotz des Alters wĂŒrde meine Kosmetikerin sagen; perfekt geschminkt. Ein Hauch von Rouge und darauf abgestimmter Lippenstift zieren das Gesicht der alten Dame. Etwas nervös fragt sie mich, wann wir in Kopperberg ankommen. Kopperberg - mein Geburtsort. Ob ich will oder nicht, tief in meinem Inneren horcht etwas auf. Hat sie tatsĂ€chlich den Namen dieser Stadt genannt? Mit einem Mal kommen tausend Bilder in mir hoch. Nur selten fahre ich nach Kopperberg. Und nur, weil es mich dienstlich zufĂ€llig dorthin fĂŒhrt. Aber wenn, bin ich immer ein wenig aufgeregt. Könnte es doch sein, dass ich jemanden treffe, der mir was erzĂ€hlt von damals. Von der Zeit, von der ich einfach zu wenig weiß. Jemand, der das Puzzle vervollstĂ€ndigen könnte. Schließlich fehlen mir wichtige Teile meines Lebens. Der Rand, der Rahmen. Deswegen falle ich ja auch so oft da raus.
Ich nenne ihr die Ankunftszeit, die ich genau kenne, weil auch mein Weg dorthin fĂŒhrt. Beruhigt lehnt sie sich in ihren Sitz. Ich beobachte sie unauffĂ€llig aus den Augenwinkeln heraus. Meine Gedanken verselbstĂ€ndigen sich.
Herrgott, ermahne ich mich schweigend. Jetzt drehst Du wieder mal am Rad – am Rad der Vergangenheit. Nun frag schon. Irgendwas. Es ist die Gelegenheit. Die Gelegenheit mehr ĂŒber dich und deine ersten Lebensjahre zu erfahren.
Verstohlen schaue ich mir mein GegenĂŒber noch einmal genauer an. Ich schĂ€tze sie auf Mitte/Ende sechzig. Ich bin fast fĂŒnfundvierzig. Vom Alter her könnte es passen. Sie trĂ€gt eine Brille. Auch ich habe Probleme mit dem Sehen. Aber könnte sie wirklich so aussehen? WĂŒrde jemand, durch dessen Adern das gleiche Blut fließt, so riechen?
Los, nun frag schon! FĂŒr Dich ist das wichtig; fĂŒr sie nur Small Talk. Verwickle sie in ein harmloses GesprĂ€ch, was sie am Ziel will, ob sie dort jemanden besucht oder ob sie sogar vielleicht selbst dort her kommt.
Nein, unterbreche ich mich streng, dass kann nicht sein, das darf nicht sein. Sie hat so gar nichts von mir. Absurd, irgendwelche Gemeinsamkeiten in meine Beobachtungen zu interpretieren! Wann höre ich endlich mit diesen Hirngespinsten auf: Bei jeder sich bietender Gelegenheit nach etwas zu suchen, dass mich meinen Wurzeln nÀher bringt.
Schweigend sitzen wir uns gegenĂŒber. Sie nestelt in ihrer altmodischen Handtasche nach einem blĂŒtenweißen, mit Spitze umhĂ€kelten Taschentuch, um umstĂ€ndlich die BrillenglĂ€ser damit abzureiben, die sie vorher zur besseren Schmutzlösung angehaucht hat. Wann habe ich das letzte Mal meine Brille geputzt? Ihre ZĂ€hne scheinen noch ganz in Ordnung. Sehen noch so aus, als wĂ€ren es die Zweiten. Mit den Zweiten beißt man besser, witzele ich stumm.
Ohne mein Zutun drĂ€ngt sich plötzlich ein Lufthauch an meinem Kehlkopf vorbei, fĂŒgt sich durch Kontakt mit meinen StimmbĂ€ndern zu hörbaren Worten:
„Entschuldigen Sie, wenn ich Sie frage, aber kommen Sie aus Kopperberg?“.
Sofort schimpfe ich mit mir selbst wegen dieses ungewollten Ausbruchs. Ich will die Antwort nicht wissen! So oder so wird es die falsche sein. Oder wird sie doch eine TĂŒr zu meiner Vergangenheit öffnen?
Wenn die Frau sich ĂŒber meine Frage wundert, lĂ€sst sie es sich nicht anmerken. Sie schĂŒttelt fast bedauernd den Kopf.
Nein, sie besuche nur Bekannte dort. Sei schon seit ein paar Wochen in ganz Deutschland unterwegs. Komme selbst aus Hamburg.
Also keine nennenswerte persönliche Verbindung zu Kopperberg. Ich höre mich selbst sagen: „Oh, wie interessant; da haben Sie ja sicher schon eine Menge erlebt.“ Zu mehr Konversation bin ich nicht mehr fĂ€hig.
Mit einem Mal lĂ€sst meine Anspannung nach. Ein tiefer innerer Seufzer macht sich in mir breit. Ich fĂŒhle mich wie ein praller Ballon, dem plötzlich alle Luft entweicht. Ich werde schlagartig mĂŒde. Hoffnung habe ich mir gemacht. Zehn Minuten lang. Zehn Minuten mein Innerstes in Aufruhr. Ich fĂŒhle mich, als hĂ€tten mich die letzten zehn Minuten mindestens einen Tag voller Energie meines Lebens gekostet. Ich sollte das lassen, bin doch eigentlich schon zu alt fĂŒr so was. Sollte mich lĂ€ngst damit abgefunden haben.
Ein halbes Leben komme ich schon mit dieser Ungewissheit ĂŒber meine Herkunft zurecht. Albern, zu glauben, ausgerechnet in einem ungemĂŒtlichen Abteil der Deutschen Bundesbahn auf Vorfahren oder Wegbegleiter von mir zu treffen, die außerdem nicht einmal einen wohligen Duft ausströmen.
Ich beschließe das zu tun, was ich immer getan habe: Ich lasse meiner Fantasie freien Lauf. Denke mir fröhliche Bilder ĂŒber meine unbeschwerten ersten Lebensjahre und ertappe mich nach wenigen Sekunden bei dem Gedanken, dass doch alles SelbstlĂŒge ist. Aber auch ein anderer Gedanke verschafft sich Platz: Vielleicht, eines Tages, wenn Ich es gar nicht erwarte, werde ich einem Menschen begegnen, der meine LĂŒcken fĂŒllt. Dann, wenn ich am wenigsten damit rechne...

Letzte Aktualisierung: 22.03.2008 - 16.45 Uhr
Dieser Text enthält 6969 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2023 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.