'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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April 2008
Horch was kommt von draußen rein
von Susanne Ruitenberg

„Von meiner Warte aus war das alles. Haben Sie noch Fragen?“ Der Baron starrte erst Ulrich, dann Liane aus seinen eisblauen Augen an. Nur mit Mühe schaffte sie es, nicht nach unten zu sehen. Fast meinte sie, den durchdringenden Blick wie einen Kältestrahl auf der Haut zu spüren. Vorsichtig verlagerte sie ihre Sitzposition; ihr Slip hatte sich komplett in ihre Pofalte zurückgezogen. Die Zunge klebte ihr am Gaumen, doch das Wasserglas auf dem Tisch schien unerreichbar weit weg für ihre zitternden Hände.
Ulrich legte ihr die Hand auf die Schulter, drückte kurz zu und antwortete. „Nein, soweit ist alles klar. Wir ziehen am vierzehnten ein und treten unseren Dienst am nächsten Tag um acht Uhr an.“
„Ich werde Sie hinaus begleiten.“ Der Baron stand auf, steifbeinig, als seien seine Gelenke aus Glas. Er schien in einer Kältewolke zu wandeln. Liane unterdrückte ein Zittern. Silbern reflektierte sein Haar das Lampenlicht, als er vor ihnen herging.

An der Tür drehte er sich noch einmal um. „Bevor ich es vergesse, es gibt eine Abkürzung ins Dorf. Wenn Sie nicht auf der Auffahrt bleiben, sondern an der großen Eiche den kleinen Weg nehmen, sind Sie in fünfzehn Minuten unten. Aber fahren Sie nur bei Tag dort entlang. Er ist sehr uneben und nicht ungefährlich.“
Ulrich salutierte mit zwei Fingern an einer imaginären Hutkrempe. „Vielen Dank für den Hinweis.“

Sie stiegen ein. Liane blickte zum Anwesen zurück. Ein rechteckiger schmuckloser Kasten, Efeu rankte sich an der dunklen Backsteinmauer hoch, das schwarze Schieferdach glitzerte feucht vom letzten Regenguss heute Nachmittag. In den oberen Geschossen hingen offenbar Lichtschutzvorhänge, jedenfalls wirkten die Fenster wie vom Alter trüb gewordene Augen. Dafür schienen die Sichtluken rechts und links der Eingangstür hinter ihnen her zu starren. Und diesen Kasten sollten sie sauber halten! Dafür hätte es eine Armee an Haushältern gebraucht.
Ulrich lenkte den Wagen die Einfahrt hinunter. „Hier ist die Eiche, die er gemeint hat.“ Er hielt an. „Wie spät ist es?“
„Fast sieben.“
„Prima, dann können wir den Weg ausprobieren.“ Er lenkte nach rechts.
„Bist du sicher? Der Baron hat gesagt, wir sollen nicht im Dunkeln da lang fahren.“
„Ach was, das schaffen wir dicke. Was soll schon passieren. Wahrscheinlich will er vermeiden, dass wir ihm einen Auspuff in Rechnung stellen.“
„Wenn du meinst. Ist aber ein komischer Kauz. Ganz geheuer ist mir nicht, dass wir da einziehen werden.“ Sie zerknüllte ein Taschentuch.
Ulrich seufzte betont laut. „Schatz, ich habe es dir oft genug erklärt. Wir brauchen diese Stelle. Sonst werden wir die Schulden von dem verdammten Laden nie los.“
„Ja, aber dafür in dieser Einsamkeit hausen … er macht mir Angst.“
Sie wischte eine Träne aus den Augen und sah aus dem Autofenster. Dichter Wald hüllte sie ein, ein schmaler Weg aus festgetretener Erde schlängelte sich mit deutlichem Gefälle hindurch. Seit mindestens einer Viertelstunde fuhren sie nun auf diesem Weg, tiefer und tiefer in den Wald hinein. Merkwürdig, auf dem Hinweg hatte es ausgesehen, als läge das Haus inmitten eines ganz normalen Parks. Wo kamen dann diese uralten Bäume und das Dickicht her? Vor allem: was waren das für Bäume? Knorrige Stämme, Blätter, die missgestaltet wirkten; so etwas hatte sie noch nie gesehen!
„Findest du nicht, dass der Wald komisch aussieht, und vor allem, dass wir längst unten sein sollten?“
„Das täuscht, ich fahre sehr langsam und ... was ist das?“ Er trat so heftig auf die Bremse, dass Liane nach vorne schnellte und der Sicherheitsgurt einschnappte. Vor ihnen stand eine schemenhafte Gestalt, die Fäuste erhoben. Ulrich blendete den Scheinwerfer auf. „Ach, nur ein hängender Ast. Es sah so aus wie eine Figu...“ Liane kreischte. Ulrichs Kopf fuhr herum. Mit zitternden Fingern deutete sie aus dem Fenster. „Da, da ...Augen. Rote Augen, siehst du sie nicht?“
Statt zu antworten, trat er das Gaspedal durch. Mit einem Ruck schoss der Wagen nach vorne. Unvermittelt knallte etwas mit dem Geräusch einer platzenden Wassermelone gegen die Beifahrertür.
„Was war das?“ Ulrich drehte den Kopf hin und her.
Lisa trommelte mit den Fäusten auf das Handschuhfach. „Fahr uns weg, fahr uns endlich hier weg. Warum musstest du diesen Weg nehmen, gleich ist es dunkel und wir sind völlig falsch hier.“ Sie hasste den weinerlichen Unterton in ihrer Stimme, den hatte sie zu oft gehört in letzter Zeit.
Ulrich gab Gas. Nach wenigen Metern tauchten sie in eine Nebelwand ein. „Mist, ich sehe gar nichts mehr.“ Ulrich rieb mit einem Taschentuch über das Fenster. „Liane, du musst mit der Taschenlampe vor mir hergehen, damit ich nicht vom Weg abkomme.“
„Bist du verrückt? Ich geh’ nicht nach draußen, wer weiß, was da auf uns lauert.“
„Was soll hier lauern, es ist ein dunkler Wald, der schon lange nicht mehr gepflegt wurde, weiter nichts. Wahrscheinlich hast du vorhin ein paar Kaninchen gesehen, oder Steinmarder. Aber wie du meinst, setz du dich ans Steuer, dann leuchte ich.“ Er nahm die Taschenlampe, sie rutschte auf den Fahrersitz. Auf sein Handzeichen fuhr sie los. Sie musste sich konzentrieren, um den schwachen Lichtpunkt nicht aus den Augen zu verlieren, der wie ein Irrlicht vor ihr her tanzte. Aber nicht zu schnell fahren, ermahnte sie sich, nicht auszudenken, wenn sie Ulrich anfuhr. Nach fünf Minuten fuhr sie aus dem dunkelgrauen Gewaber hinaus. Sie sah sich um. Wie ein fester Block stand die Nebelwand hinter ihr. Liane rutschte erleichtert auf ihren Sitz zurück. Ulrich stieg wieder ein und grinste sie an. „Na bitte, alles halb so schlimm.“ Sie fuhren weiter durch den immer dunkler werdenden Wald.
„Hörst du das?“ Liane öffnete das Fenster einen Spalt.
„Was?“
„Das Heulen, wie Wölfe.“
„Ich höre nichts außer dem Knirschen der Tannennadeln.“
„Da draußen ist aber was! Da, jetzt raschelt und poltert es im Dickicht!“
„Quatsch, da ist nichts.“
„Doch, ich habe es ganz genau gehört, es klingt wie ...“ Mehrstimmiges Geheul drang von allen Seiten auf sie ein. Liane schrie und hielt sich die Ohren zu. Ulrich trat so fest auf die Bremse, dass beide Sicherheitsgurte festhakten. Liane kniff die Augen zu, Tränen hingen in ihren Wimpern. „Jetzt hörst du es auch endlich, ja? Du und dein Dickschädel, immer musst du Abkürzungen ausprobieren.“
Er trat auf das Gaspedal und beschleunigte. „Du bist viel zu ängstlich, aber gut, rasen wir den Rest des Weges hinunter, damit hier endlich Ruhe ...“ Er bremste scharf, sein Mund klappte auf. Liane fasste nach seiner Hand. „Was ist das?“
Ulrich schüttelte den Kopf. „Wölfe sehen anders aus.“
Ungläubig starrte sie durch die Windschutzscheibe. Rote Augen, mindestens zehn Paare, zotteliges, schwarzes Fell, aber sie gingen aufrecht. Ihr Atem bildete weiße Wölkchen, wie im Winter, dabei war doch April. Schon streckte eines seine Pfote nach ihrem Auto aus.

Als das Kreischen anschwoll, um unvermittelt abzubrechen, schloss der Baron das Fenster. Immer dasselbe. Sie hörten nicht auf ihn. Bedingungslosen Gehorsam wollte er, das war doch nicht zu viel verlangt, er zahlte gut, doch bereits beim ersten Test versagten sie. Alle. Immer wieder. Er seufzte, ging zum Telefon und drückte auf Wahlwiederholung. „Behringheim Gazette? Baron von Bieting-Behringheim hier. Ich möchte eine Anzeige aufgeben. Den Text haben Sie noch vorliegen. Ja, genau wie letzte Woche. Gesucht wird ein zuverlässiges Haushälterehepaar, in Dauerstellung, Dienstwohnung vorhanden. Vielen Dank.“

Letzte Aktualisierung: 24.04.2008 - 18.36 Uhr
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