Sexlibris
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April 2008
Der Tourist
von Esther Schmidt

Sie wusste, dass sie den Bus verpassen würde. Sie versuchte es trotzdem, sprintete los, die Schultern hochgezogen, während die Plastiktüten schmerzhaft gegen ihre Beine stießen. Und dann riss ein Henkel. Apfelsinen kullerten über den Boden, Buttermilch verteilte sich schaumig über das Pflaster.
„Scheiße!“ Fluchend hockte sie sich nieder und Dieselgestank brummte an ihr vorbei. Der nächste Bus würde erst in fünfzehn Minuten kommen. Dabei hatte sie noch so viel zu tun!
Sie griff verdrossen nach der Kekspackung im Rinnstein, als sich eine Hand mit Orange in ihr Gesichtsfeld schob. Irritiert blickte sie auf.
„Das gehört wohl Ihnen?“
Ein dünner Mann hockte vor ihr, vielleicht Mitte Dreißig, korrekt gekleidet in gestreiftem Anzug, Krawatte und Mantel. Er lächelte freundlich, doch ihr war nicht zum Zurücklächeln zu Mute.
„Danke!“ Sie schnappte sich die Orange und stopfte alles wütend in die Tüte zurück, knotete den gerissenen Henkel um das obere Teil, hob die Ersatzkonstruktion prüfend an. Er nahm zwei der anderen Tüten auf.
„Danke. Das geht schon.“ Es war ihr peinlich, doch er trug die Tüten die wnigen Schritte und setzte sie ordentlich neben die anderen, die sie selbst zur Haltestelle getragen hatte.
„Vielen Dank!“
„Bitteschön.“
Er ging nicht weiter, sondern stellte sich neben sie. Die Hände leger in den Hosentaschen blickte er sich mit einem Ausdruck fröhlicher Neugier um, als wäre er gerade aus einem Flugzeug in Hawaii gestiegen. Dabei war das hier nur eine stinknormale Straße vor einem Supermarkt.
Er wirkte merkwürdig fehl am Platz, aber nicht unsympathisch. Da er ihr geholfen hatte, fühlte sie sich verpflichtet, ein Gespräch zu beginnen.
„Haben Sie auch den Bus verpasst?“, fragte sie. Er blickte sie erstaunt an.
„Bus?“, wiederholte er verständnislos. Dann drehte er sich um und schien erst jetzt das Schild hinter sich zu bemerken. „Ach so! Nein, ich bin gerade erst angekommen. Habe eigentlich noch gar keine Pläne. Und Sie?“
Sie zuckte die Schultern.
„Ich bringe die Einkäufe nach Hause, und dann muss ich noch ein Geburtstagsgeschenk für eine Freundin kaufen.“
Er dachte einen Moment lang mit gerunzelter Stirn über ihre Antwort nach.
„Warum tun Sie es, wenn sie es nicht wollen?“, fragte er dann. Sie begriff nicht.
„Ich will es ja!“
„Oh, Entschuldigung, dann habe ich Sie falsch verstanden.“
Was für ein merkwürdiger Kauz! Aber nicht unattraktiv. Sie sah ihn verstohlen von der Seite an. Ein bisschen zu mager vielleicht, aber sein schmales Gesicht mit der geraden Nase und den ausdrucksstarken Augen gefiel ihr. Kurzes, dunkles Haar kräuselte sich mit nonchalanter Nachlässigkeit in seine Stirn und fröhliche Sommersprossen perlten über seine Wangen.
„Ich wollte nur mal wieder vorbei schauen“, sagte er jetzt. „Ich mache das alle paar Jahre. Hab hier ne Weile gelebt.“
„In diesem Viertel?“, vermutete sie, denn warum sonst sollte er sich für seine Stadtbesichtigung eine Seitenstraße mit Aldi aussuchen?
„Auf diesem Planeten“, berichtigte er. Irritiert blickte sie zu ihm hinüber.
„Planeten“, wiederholte sie.
„Ja, Sie wissen schon: Terra, Erde, Sol drei. Ich bin damals notgelandet und brauchte eine Weile, um die Ersatzteile für mein Schiff zu besorgen. Nicht einfach, im sechzehnten Jahrhundert die Materialien für eine elektromagnetische Spule zusammen zu bekommen!“ Er lachte. „Hat sich einiges getan, seit dem!“
Einen Moment lang starrte sie ihn mit offenem Mund an. Dann entschied sie, dass er wohl herumalberte. Sein Lächeln mit geöffneten Lippen und blitzenden Zähnen hatte eine ansteckende Fröhlichkeit, doch sie wollte nicht fröhlich sein. Das hier war ein beschissener Tag.
„Scherzkeks!“, knurrte sie.
„Sie glauben mir nicht?“
Sie schnaubte verärgert und drehte sich zu ihm um.
„Wenn Sie nicht von diesem Planeten sind, warum sprechen Sie dann meine Sprache?“, fragte sie in einem platten Versuch, sein Konstrukt zu zerstören, doch er zuckte nur die Schultern.
„Fortgeschrittene Technik!“, antwortete er.
„Und warum sehen Sie wie ein Mensch aus?“
Jetzt neigte er den Kopf auf die Seite.
„Warum sieht ein Opossum aus wie eine Ratte, obwohl das eine ein Beuteltier und das andere ein Säuger ist?“, fragte er zurück. „Es gibt einfach ideale Formen, die sich überall im Universum ähnlich entwickeln.“
„Sie sind also ein Beuteltier“, vermutete sie spöttisch.
Er lachte.
„Nein, biologisch gesehen bin ich ein Wechselbrüter, aber das zu erklären würde Sie zu Tode langweilen, glauben Sie mir.“ Er schüttelte den Kopf.
„Und sie kommen vom Planeten ...?“ Sie sah ihn herausfordernd an. Er blickte fragend zurück, den Kopf vorgestreckt mit amüsiert gespitzten Lippen.
„Meinen Sie, der Name würde Ihnen etwas sagen?“
Inzwischen war sie sich nicht mehr so sicher, ob er sie wirklich zum Narren hielt, oder ob er seine Geschichte selbst glaubte. Wie ein entlaufner Irrer sah er nicht gerade aus, aber man kann einem Menschen ja nicht ins Hirn schauen. Vorsichtshalber rückte sie ein Stückchen von ihm ab.
„Sie sind also ein Tourist“, stellte sie etwas weniger angriffslustig fest. „Ein Weltraumtourist.“
„Das könnte man so sagen“, bestätigte er nickend.
„Und da kommen Sie ausgerechnet hier her? Warum fliegen Sie nicht zum Grand Canyon? Oder auf die Seychellen?“
„Oh, ich komme nicht wegen der Landschaft!“ Er hatte noch immer die Hände in den Hosentaschen vergraben und drehte jetzt den Körper leicht hin und her, wie ein Junge, der übermäßig sprudelnde Energie verarbeiten muss. „Ich komme wegen der Menschen!“ Wieder dieses Lächeln, voller Lebensfreude und Begeisterung. „Eine faszinierende Spezies! Voller Überraschungen! Gerade, wenn man denkt, man hätte euch verstanden ... bäm!... die nächste Kehrtwendung! Und das in einer Geschwindigkeit!“ Er schüttelte den Kopf. „Schauen Sie nur Ihr eigenes Volk an!“ Er hatte jetzt nur noch die Linke in der Tasche, seine Rechte gestikulierte mit schmalen Fingern in der Luft herum. „Eben noch vergast es alles, was nicht deutsch genug ist, und einen Wimpernschlag später – gerechnet auf die Lebenszeit dieses Planeten – ist es die treibende Kraft hinter der Bildung des europäischen Staatenbundes!“ Er schüttelte den Kopf. „Erstaunlich! Nach meiner Hypothese liegt das an der unglaublich kurzen individuellen Lebensdauer Ihrer Spezies – verbunden mit einer mangelhaften Ausprägung des genetischen Gedächtnisses und einer Unterentwicklung der telepatischen Synapsen!“
Sie brauchte einen Moment, bis sie diesen Redeschwall gedanklich sortiert hatte. Dann fasste sie missmutig zusammen:
„Mangelhaft und unterentwickelt. Und das finden Sie faszinierend.“
„Aber ja!“ Er nickte begeistert. „Es macht Sie zu Individuen! Jeder von Ihnen ist das Zentrum seines eigenen, kleinen Universums! Auf diesem einen Planeten gibt es sechs Milliarden Welten! Schauen Sie!“ Ein langer Finger wies auf einen jungen Vater, der gerade seine Einkäufe im Kofferraum verstaute. Der Zweijährige im Einkaufswagen boykottierte dieses Vorhaben, indem er jede Packung, die er zu fassen bekam, aus dem Kofferraum zurück in den Wagen warf. Schließlich stemmte der Vater die Faust in die Seite und drohte dem Kind übertrieben mit dem Finger. Der Kleine krähte vor Vergnügen.
„Für das Kind gibt es im Moment nichts als das Spiel“, hörte sie den merkwürdigen Fremden neben sich sagen. „Für den Vater gibt es nichts Wichtigeres als sein Kind – auch, wenn er das manchmal vergisst. Beide wissen aber rein gar nichts von dem Geburtstagsgeschenk, dass Sie noch für Ihre Freundin kaufen wollen – oder müssen.“ Er grinste sie an, dann glitt sein Auge schon wieder weiter.
„In einer telepathiven Gesellschaft ist jeder nur Teil eines Ganzen, aber hier ist jeder selbst ein ganzes, ein einzigartiges! Und was für ein Abenteuer, jemanden kennen zu lernen!“
Sein Arm schweifte weiter und sie drehte den Kopf. Zwei Schülerinnen saßen auf einer Bank, oder vielmehr auf der Lehne der Bank, die Füße auf der Sitzfläche, die Rucksäcke gegen ihre Beine gelehnt, vertieft in ein offensichtlich ausnehmend ernstes Gespräch.
„Es erfordert ein sich Eindenken, zwei Welten verschmelzen wie Galaxien, sich gegenseitig durchdringend und befruchtend und doch drehen sie sich weiter je um ihren eigenen Kern ...“
Sie zuckte zusammen, als der Bus sich riesig vor sie schob und mit quietschenden Bremsen zum stehen kam. Fast bedauerte sie es, gehen zu müssen. Er half ihr die Tüten über die Stufe zu wuchten, dann trat er einen Schritt zurück und die Türen schlossen sich.
Sie blickte sich um. Ein weißhaariges Mütterchen, die Handtasche ängstlich auf den spitzen Knien. Wie sie wohl den Krieg erlebt hatte? Ein selbstsicherer Jugendlicher mit gegelten Haaren. Welche Stellung mochte er in seiner Clique einnehmen? Ein missmutiger Mann in einem zerknitterten, grauen Anzug. Hatte er einen schlechten Tag oder war er generell übelgelaunt? Sie lächelte ihn an. Er blinzelte irritiert und lächelte überrumpelt zurück.
Sie zählte. Elf Welten in einem Bus!
Als der Bus anfuhr, warf sie durch die Scheiben einen letzten Blick auf den Fremden, hob den Arm und winkte. Er winkte zurück. Dann verstaute er die Hände wieder in den Hosentaschen und schlenderte davon, die Nase neugierig in den Wind gereckt.
„Möchte wissen, wo man hier ein Raumschiff parken kann“, murmelte sie, und lächelte.

Letzte Aktualisierung: 13.04.2008 - 10.29 Uhr
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