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April 2008
Der Tod ist weiblich - meine Begegnung mit dem Knochenmann
von Walter Vogelpohl

Gut gerüstet begegne ich in dieser Nacht meinem Feind, dem Tod.
Ich trage einen spitzen Hut, lang auslaufend. Dazu ein talarähnliches grünliches Gewand. In der einen Hand halte ich eine Art großes Reagenzglas, darin schwappt eine gelbliche Flüssigkeit. Die andere Hand droht mit einer riesigen Klistierspritze. Ich spiele einen Arzt, einen Heilkundigen des ausgehenden Mittelalters. Der „das Wasser beschaut“ und Einläufe verabreicht.
Das ist schon lange her. Ich bin damals einundzwanzig Jahre alt. Meine erste Begegnung mit dem Tod.
Spielort ist die alte romanische Kirche im Ort.
Akteure: eine gut eingespielte Laientruppe. Fast alle Lebensalter sind vertreten. Das Stück: eines jener Mysterienspiele, die seit dem Spätmittelalter als Totentanz die Lebenden schrecken sollen. Alle kommen dran, Jung und Alt, Arm und Reich, alle Berufe, Mann und Frau. Alle holt der Tod zu seinem schauerlichen Tanz.
Fast alle fürchten sich vor ihm, zeigen ihr Entsetzen und ihre Verzweiflung.
Mahnung und Drohung zugleich: Memento mori. Du musst sterben ! Auch du !
Mach’ Dein Sach'! Bevor es zu spät ist !
Hast du alles geregelt, bevor es andere für dich tun werden ?
Von Bedeutung gerade heute, wo es immer mehr zu regeln gibt, was den Tod angeht.
Nicht allen war er übrigens der grausame Feind ! Die Alten und Kranken, die Armen und vom Leben Benachteiligten sahen ihn als Freund, als Erlöser.

Der Arzt als Feind des Todes ! Damals wie heute !
Das Spiel wirkt bizarr, sehr fern und zugleich beängstigend nah in seiner zeitlosen Thematik.

Zu meiner Rolle:
Das ist nicht meine erste Begegnung mit dem Tod. Ich, der Heilkundige des Spätmittelalters, kenne ihn gut. Diese Begegnung wird indes die letzte für mich sein. Der Arzt, der so vielen geholfen hat, muss sterben wie alle anderen auch.
Mein Text ist kurz und eindrucksvoll. Es sind nur wenige Zeilen, ich habe ihren Wortlaut vergessen.
Ich weiß nur noch, was ich sagen muss, wenn E r auftaucht:
„Da kommet er, mein Feind, viel Malen hab’ ich ihn besieget. Ihn, meinen Feind, den Tod!"
Der Tod zeigt sich im dämmrigen Hintergrund des Kirchengewölbes. Das Gerippe, mit
schwarzem Mantel. Stundenglas und Sense.. Schleichend, bedrohlich sein Gang. Auf mich zu, immer näher auf mich zu.
Ich, sein Feind. Ich, der Arzt.
In höhnischen Worten kündet er mir das Ende an:
„Hast viele mir entrissen, warst peinlicher Verdruss.
Jetzo kommet endlich, auch deiner Tage Schluss. ."
Er wiederholt eindringlich:
„Musst alles lassen stehen ,es gibt’ kein Hilf, musst mit mir gehen!“
Drohend streckt er seine Sense aus. Tritt auf mich zu. Irgendwie habe ich nicht mehr in Erinnerung, was dann szenisch passierte. Wie die Begegnung weiterging. Ich habe meinen Tod verdrängt.
Der Tod ist in den lateinischen Ländern weiblich. Der wilde Knochenmann unserer Truppe wird von der schönen Isabel „verkörpert“. In Andalusien übrigens geboren, wie sie öfter betont. Sie wollte die Rolle unbedingt haben. Sie sagt: „Ich kenne mich gut aus mit dem Tod!“ Näheres erfahren wir nicht.
Sie ist gut gebaut, nicht gerade üppig, aber beileibe kein Skelett. Bei der Probe lache ich sie an oder vielmehr aus, Ich zeichne ihre Silhouette mit den Händen nach: „Die schöne Isabel als Knochenmann.. Du Sexbombe, ausgerechnet du !“ Sie: „Du Idiot, du alter Lüstling! Ich werde dir’s zeigen, Doktor.!“ Ich: „Was willst du mir denn zeigen, du wilde Knochenfrau?“ Sie: „Die Schrecken des Todes natürlich.“. Sie schneidet eine Fratze, droht mit dem Finger, streckt die Zunge raus. Lacht anzüglich .
Mir fällt nach der Aufführung, wir sind noch im Kostüm, ein Gedicht von Matthias Claudius ein: „Der Tod und das Mädchen.“ Der Tod.besänftigt sein Opfer, das junge Mädchen. Ich lege Isabel, meinem Tod, beim Abgehen kurz die Hand auf die weiche Schulter und flüstere die entscheidende Zeile: „Sollst sanft in meinen Armen schlafen.“ Dann werde ich deutlicher: „Isabel. In d e i n e n Armen ! Ich, dein Opfer ! Für das Schlafen könnten wir uns ja Zeit lassen !“ Die Knochenfrau zischt mich an: „Hand weg! Sofort! Verschwinde!“
Ich bin verunsichert. Mein Angebot war doch nicht ernstgemeint. Oder ? Warum diese heftige Reaktion ! Was unterstellt sie mir da ?
Ich spüre, dass sich meine Fantasie verselbstständigt. Der Tod ist weiblich, unter dem dürren Äusseren des Knochenmanns verbirgt sich Weiberfleisch ! Brüste, schmale Taille, Hüften. Ich komme ins Schwärmen. Und ins Grübeln.
Was bleibt schlussendlich von diesen Herrlichkeiten ? Aus dem blühenden Körper der jungen Frau wird ein graues Gerippe ! Der Tod ! Vergänglichkeit ! Ich komme mir vor wie ein abgeklärter Philosoph im Silberhaupt.. Mit einundzwanzig !
Welche Konsequenz muss gezogen werden nach meiner Begegnung mit dem Tod, der eine begehrenswerte junge Frau ist ? Ich zeige plötzlich Entschlusskraft, sage mir: nutze den Tag !
Nutze die Nacht Am besten noch heute Nacht ! Ich werde Isabel fragen: „Gehen wir zu dir oder zu mir?“ Die Standardfrage. Schon damals. Ich bin gespannt auf die Antwort des Todes. Hoffe, dass er zu mir kommt. In meine einsame Studentenbude. Sturmfrei.
Nach dem Umkleiden gibt mir Isabel einen heißen Kuss auf den Mund, drückt sich kurz an mich, lacht glücklich. Sagt noch: „Nimmst du meine Sachen mit ? Mein Kostüm und die Sense ? Ich muss dringend weg ! Übrigens: hat großen Spaß gemacht, die Begegnung mit dir, Herr Doktor ! Leider muss dich der Tod heute Abend verschmähen. „
Und dann: „Mein Lover wartet schon sehnsüchtig auf mich ! Er will mich heute Nacht verwöhnen. Er hat gerade eine sturmfreie Bude.“ Der Slogan: in meiner Erinnerung: wohl nicht ganz authentisch. „Lover, verwöhnen“ .Das ging damals für eine Frau zu weit, verbal jedenfalls. Weiter, diesmal im Originalton: „ Man soll die Gelegenheiten nutzen. Ich will nicht immer Tod sein. Tot ist man noch lange genug !“ Sie lacht übermütig, ist stolz auf das Wortspiel. Entschwindet.. Ruft noch: „Vergiss die Sense nicht. Bis bald!. Ciaoo!“

Der Tod lässt mich allein zurück.
Sein Kuss brennt wie Feuer !

Wann werde ich ihm wieder begegnen ? Wann werde ich i h r wieder begegnen ?


P.S. Die schöne Isabel habe ich nie wiedergesehen. Die Sense habe ich noch.
Als Erinnerung an meine Begegnung mit ihm. Mit ihr.
Ich bin sicher: der Tod ist weiblich !

Letzte Aktualisierung: 12.04.2008 - 19.41 Uhr
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