'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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April 2008
Safrangelb trifft Apfelgrün
von Katharina Joanowitsch

Anne legt den Kopf tief in den Nacken. Luft von nie gekanntem Aroma strömt kühl in ihren entspannten Mund. Zwischen ihren geweiteten Augen verliert sich die Spitze des Time Warner Center in einem entfernten Fluchtpunkt. Ein leichter Schwindel macht sie benommen; schnell hebt sie den Kopf wieder an und hält sich am Geländer fest neben dem Subway-Ausgang. Morgensonne gleißt von den versilberten Flächen eines hohlen Riesenerdballs, der vor dem Center thront, unwillkürlich schließt sie die Augen. Das Kreiseln in ihrem Kopf verebbt zu einem einzigen strahlenden Gedanken: New York – du bist hier – mitten in New York !
Als Anne sich gerade vom Geländer lösen will um die Straße zu überqueren – von jenseits leuchtet es schon verheißungsvoll orange durch dunkle Stämme – wird ihr Blick von einem Farbklecks angezogen: neben ihr baumelt eines dieser modischen Taschenungetüme. Perforiertes Lammleder, vermutet sie, verziert mit pseudoantiken Silberschnallen, apfelgrünfarben und apart wie die Versuchung persönlich. Anne streckt zögernd eine Hand aus. Sie hat eine Schwäche für Handtaschen. Selbst durch ihre Handschuhwolle hindurch spürt sie die luxuriöse Weichheit des Leders. Eine dezente Prägung weist sie als eine Miu Miu Tasche aus. Sie blickt um sich, als würde sie diejenige erkennen können, die solche Tasche hängen ließ. Sie wartet, guckt auf ein vorbeirollende, gelbes Taxi – „cab“ sagt sie andächtig vor sich hin – wartet noch eine Grünphase ab, doch niemand nähert sich suchend über den Columbus Circle. Drüben hinter den wuchtigen grauen Eingangsblöcken des Parkeingangs hervor erscheinen drei berittene Polizisten, zügeln ihre Pferde vor dem Fußgängerstrom. Die Pferde tändeln unruhig, werden gewendet und traben zurück. Unaufhörlich streben Menschen, ganze Gruppen, Paare oder Einzelne, über die Straße dem Eingang des Parks zu. Annes Arm schlüpft wie beiläufig durch die Bügel der Tasche und schon hängt die Miu Miu wie selbstverständlich in ihrer Armbeuge. Der kurze Moment des schlechten Gewissens versickert im Menschenstrom, mit dem sie sich hinüber treiben lässt. Auf der anderen Straßenseite ärgert sie sich bereits, dass sie sich nicht auf das Ereignis konzentrieren kann, dessentwegen sie doch – unter Einsatz ihrer gesamten Ersparnisse – über den Teich geflogen ist: die GATES im Central Parc! Besser, auf der Stelle die Tasche wieder loswerden. Aber wie? Anne blickt auf das grelle Grün, das zum Orange ihrer Handschuhe und Mütze, dem Beige ihres Daunenmantels in zahnschmerzhaftem Kontrast steht. Lächerlich unpassend auch zu Rucksack und Wanderschuhen.
„You like it?“ Aus dem Nichts erscheint ein kleinwüchsiger Inder. Über seiner Schulter gehäuft Miu Miu-Klone in Orange, Türkis, Weinrot und Safrangelb. „Only eighteen Dollars! Only for you!“. Sein Lächeln entblößt zwei schimmernde Perlenreihen, sein Gesicht, das von einem taubenblauen Turban gekrönt wird, erinnert an Tausend-und-eine-Nacht.
Mit einem Schreckenslaut hält Anna die Tasche ausgestreckt von sich. Jetzt erst fällt ihr die fehlende Schwere auf und ein unscheinbarer Zettel mit dem handschriftlich gekritzelten Preis: 20 $.
„Oh no, I mean, I – äh – I didn’t want to...“
Ihr Gestammel geht unter im Hufgetrappel: zwei Polizisten, hoch zu Ross, tauchen vor ihnen auf. Mit verblüffender Geschicklichkeit flitzt der Inder unter den eng beieinander stehenden Pferdeleibern hindurch und verschwindet so spurlos wie er gekommen ist. Vor den Dampf ausschnaubenden Rössern weicht Anne unwillkürlich einige Schritte zurück. Einer der Reiter sprengt in die Richtung des entwischten Inders davon.
„You bought the bag? From that guy?“ fragt der Polizist knapp und von oben herab. Sein verdüsterter Blick unter dem silbrigen Helm alarmiert Anne. Ein Bericht über saftige Strafen bei Produktpiraterie auch für den Käufer fällt ihr ein.
„O no, I’ve found it, really, I only found it.“ Die Stimme entgleitet ihr, während sie beschwörend, mit spitzen Fingern, die Tasche hoch hält.
„I – äh – search for – a Finding office.“
„Givit t’ me! It’s Counterfeiting.“ Herrisch streckt der Polizist seine behandschuhte Hand aus. Widerstandslos überlässt Anne ihm die Tasche, starrt aber voller Wehmut dem davon trabenden Reiter nach. Wie ein Winken hüpft über dem dunklen Rappenhintern das Apfelgrün.

Annes Herz schwingt wie der „One Note Samba“ als sie unter die ersten Bäume des Central Parks tritt und endlich, endlich das erste Gate sieht.
Da! Schau!
Annes Hände ahmen ihr Erstaunen nach, ihre Finger formen luftige Flügel, ihr Gesicht ein einziges „Oh“. Stehenbleiben und nur staunen ist gar nicht einfach zwischen den unzähligen Besuchern verschiedenster Nationen. Ein Gate ragt unmittelbar vor ihr auf. Aus luftiger Fünfmeterhöhe hängt ein kaum bewegter Stoff herab, dessen Orange in der Winterluft saftig leuchtet. Laut Christo und Jeanne-Claude ist es ein Safrangelb. Sie hält es aber für Orange. Auch auf Zehenspitzen mit ausgestrecktem Arm müsste sie schon zwei Meter groß sein, um den Stoff berühren zu können. Nur wenige Schritte entfernt bereits ein weiteres Gate, und durch dieses hindurch, wie in einem Zauberspiegel, immer weitere Tore, deren Stoffe leicht gewellt herabhängen. „Wie Gardinen auf Stelzen“, denkt sie. „Nein, nein, es ist wirklich wunderschön, beautiful, really!“ flüstert sie als müsse sie sich rechtfertigen.
„Hello, please say it in German: How do you find THE GATES?“
Jemand, verborgen hinter einer verspiegelten Sonnenbrille, darunter ein zugleich kauender und grinsender Mund, die geschulterte Kamera auf sie gerichtet, spricht sie an.
„Oh, ich bin gerade erst, also, ich habe eben erst – äh – die ersten Schritte gewissermaßen – äh – sie sind wirklich schön, sie ... .“
Anne weiß gar nicht wie ihr geschieht, plötzlich drängen von rechts und links Deutsch Sprechende zur Kamera. „Die Gates sind irre!“ „ So romantisch!“ „Einfach zau-ber-haft!“ „Genial, fast so schön, wie unser verpackter Reichstag.“
„And where are you from?“ Die Sonnenbrille grinst und kaut.
„Aus Hamburg, wir sind ...“, ein überschwängliches „Thank you“ und der Filmer wendet sich einer entgegenkommenden Gruppe Japaner zu: „Please say it in Japanese: How do you find THE GATES?“
Auch Hamburger? Anne will lieber allein gehen und wendet sich vom Heckscher Playground – befragt dafür einen kleinen Plan – zum ‚Sheep Meadw’, wandert weiter auf der Suche nach einem freien Platz auf einer besonnten Bank, findet ihn schließlich direkt an ‚The Lake’ mit weit reichendem Blick. Endlich in Ruhe schauen, einfach nur schauen: die Spur der leuchtenden Tüchertore im Central Parc verfolgen, dem Spiel des Windes, der aufgekommen ist, zusehen, der in den Stoff fährt, ihn aufleben lässt, wirbeln, schlagen. Über das lichtdurchlässige Polyestergewebe huschen Schatten der blattlosen Äste. Schlägt ein Stoff zu übermütig über das Tor und bleibt zipflig hängen, gibt es gleich einen Helfer in schmucklos grauer Weste, der mit langer Stange, deren Spitze ein Tennisball bildet, das Tuch wieder ordnet. Anne beobachtet, wie die Helfer irgendetwas austeilen, anscheinend kleine Schnipsel des orangen Stoffes. Das Pärchen neben ihr betrachtet ehrfürchtig sein Souvenir. So einen Schnipsel braucht auch sie, unbedingt, doch bleibt sie träge sitzen. Die Sonne wärmt, die Tore bilden eine heitere, bewegte Kulisse, auf den Grasflächen liegt tuffiger Marshmallow-Schnee, glitzernd, wie mit Svarowskisteinen besetzt. Das Pärchen ist weiter gezogen. Eine italienische Familie picknickt derweil Sandwiches neben ihr. Über der Schulter der elegant gekleideten Frau hängt in großer Selbstverständlichkeit eine Miu Miu Tasche. Ann könnte schwören, es ist genau das ihr abhanden gekommene Modell, nur in Türkis.
„You like it?“ Aus dem Augenwinkel nimmt sie einen Turban wahr, einen schwarzen, der neben den Italienern auftaucht.
„Only eighteen Dollars! Only for you!“.
Hufgetrappel kommt näher, Anne erhebt sich schnell und tritt ans Ufer. Als die berittenen Polizisten die Bank erreichen, ist der Inder bereits hinter einer Taxushecke verschwunden.
Kann man hier auch nur eine Tasche loswerden? Anne schlendert den West Drive weiter. Eine schwere Mercedes Limousine rollt gemächlich an ihr vorbei. Annes Herz stolpert vor Aufregung: dieses Karottenrot! Dieses fusselige Eisgrau daneben über der strengen Brille! Christo und Jeanne-Claude machen ihre tägliche Runde durch den Central Parc. Ohne es recht zu merken geht Anne schneller, als wolle sie mit der Limousine Schritt halten, befindet sich aber bereits in einem Pulk erregter Menschen. An einer Stelle mit wunderbarer Weitsicht hält der Mercedes an. Das Künstlerpaar steigt aus und ist augenblicks umringt von einer Anbeterschar. Kameraklicken, Bravorufe, Klatschen, Fragen, Gelächter. Anne stellt sich abseits, um ihre noch im Rucksack befindliche Kamera heraus zu holen. Als sie endlich den Focus auf Christo und Jeanne-Claude einstellt und abdrückt, hört sie das typische Schnarren des Zurückspulens. So kann Anne leider nicht dokumentieren, dass Jeanne-Claude zu ihrem bekannten hochgeschlossenen, orangenen Mantelkleid eine ihr inzwischen vertraute Tasche aus safrangelbem Leder über der Schulter trägt, mit Silberschnallen verziert und sicher mit dem dezenten Miu Miu Stempel versehen – obwohl sich das natürlich aus der Entfernung nicht mit Bestimmtheit sagen lässt.

Anmerkung:
Vom 12. bis 28. Februar 2005 wurden auf den Wegen des Central Park in New York City insgesamt 7.503 Tore aufgestellt, von denen safrangelbe Stoffbahnen herabhingen. Die Tore waren jeweils fünf Meter hoch und verteilten sich auf eine Gesamtstrecke von 37 Kilometern.

Letzte Aktualisierung: 25.04.2008 - 13.33 Uhr
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