Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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April 2008
Ein Sommertag
von Barbara Hennermann

Die alte Uhr hinter dem Tresen zeigte weit nach 22 Uhr, als Doktor Alfred Sommer die Türe der Kellerkneipe öffnete. Wie fast an jedem Abend kam er nach seinem anstrengenden Dienst im Krankenhaus hierher um ein wenig abzuschalten, bevor er nach Hause ging. Er hatte an diesem Tag drei große Operationen hinter sich gebracht und wusste seine Patienten auf der Station in guter Obhut. Er kämpfte sich durch die rauchgeschwängerte Luft zum Tresen vor und bestellte ein kaltes Bier. Während er darauf wartete, ließ er seinen Blick durch das voll besetzte Lokal schweifen. Viele Gäste hier kannte er vom Sehen, da sie wie er fast täglich kamen. An einem Tisch in der Ecke entdeckte er ein Gesicht, das ihm vertrauter erschien. Wer der Herr mit dem vollen grauen Haar dort wohl war? Vielleicht ein ehemaliger Patient? Doktor Sommer grübelte nach, während er den ersten Schluck Bier mit Genuss durch die trockene Kehle spülte. Da fiel es ihm blitzartig ein: Diese Züge waren ihm seit seiner Schulzeit vertraut! Der Mann dort hinten in der Ecke musste Karl Alsfeld sein, sein Banknachbar aus längst vergangenen Schülertagen. Wie viele Jahre war das nun her? Alfred Sommer begann nachzurechnen. 25 Jahre, 30 Jahre? Dann fiel es ihm wieder ein: Genau 32 Jahre wurden es heuer, dass er und Karl das Abitur gemacht hatten. Eilig drängte sich Alfred Sommer durch das Gewühl der Gäste zu dem kleinen Ecktisch durch. „ Hallo, Karl! Du bist doch Karl Alsfeld?“ Der Angesprochene blickte nach oben und schaute dem Arzt verwundert ins Gesicht. „Kennen wir uns?“ Dann huschte ein Lächeln über seine Züge, er sprang hoch und rief: „ Das kann doch nicht wahr sein! Alfred! Alfred Sommer! Was um alles in der Welt hat dich hierher getrieben?“ Die beiden Männer fielen sich in die Arme und klopften sich auf den Rücken. Dann setzten sie sich beide an den kleinen Tisch. „Du fragst mich, wie ich hierher komme? Ich bin fast jeden Abend nach dem Dienst hier. Aber was machst du hier? Was ist überhaupt aus dir geworden?“ Der Chirurg fasste den anderen am Arm. „ Los, jetzt erzähl mal!“ Karl Alsfeld lachte. "Immer langsam, mein Freund! Ich habe dich zuerst gefragt.“ Alfred gab nach und erzählte hastig von seiner Tätigkeit als Professor für Chirurgie und von seinem Chefarztposten am hiesigen Krankenhaus. „Ich bin jetzt seit 6 Jahren in dieser Stadt“, schloss er. „ Aber nun schieß du endlich los! Was ist eigentlich aus dir geworden? Seit unserem Abitur damals habe ich von dir nichts mehr gehört.“ „ Dann bist du nicht sehr kunstbegeistert“, meinte Karl. „ Ich habe damals Kunst studiert, bin seit 10 Jahren Leiter der Kunstakademie in München und zur Zeit dabei, in dieser Stadt eine Ausstellung meiner Portraits zu organisieren.“ Alfred staunte: „ Meine Güte, dann musst du ja eine richtige Berühmtheit geworden sein! Entschuldige, aber du hast Recht, mein Beruf lässt mir kaum Zeit, mich mit den schönen Künsten zu beschäftigen.“ Die beiden Männer begannen, alte Schülergeschichten auszugraben, was bei beiden immer wieder von Gelächter unterbrochen wurde. Endlich fragte Alfred: „ Und was treibst du so privat? Bist du verheiratet? Hast du Kinder? Ich selbst habe einen Sohn und eine Tochter, die aber bereits auswärts studieren.“ Das Gesicht des Künstlers verdunkelte sich. Langsam und nachdenklich begann er zu sprechen: „ Mir ist die große Liebe meines Lebens vor Jahren nur für einen Tag begegnet. Aber ich habe sie nicht bekommen können. Willst du diese traurige Geschichte hören?“ Als der Arzt stumm nickte, fuhr er fort: „ Es ereignete sich ganz zu Beginn meiner Akademielaufbahn. Ich malte damals gerne Landschaften im Freien. Ich war in den Schwarzwald gefahren, um in der freien Natur zu lernen. Gleich nach meiner Ankunft durchstreifte ich die Gegend auf der Suche nach geeigneten Motiven. Schon bald hatte ich ein zauberhaftes Tal gefunden, durch das ein breiter Bach floss. Der nächste Tag war sonnig und warm, wie geschaffen für meine Absichten. Ich packte meine Malutensilien ein und fuhr los. Die Stelle war wirklich traumhaft! Der Bach wurde von zwei kleinen Wehren etwas aufgestaut, die satte Wiese umrahmt von Bäumen und Sträuchern. Das Bild schon im Kopf stellte ich meine Staffelei auf und begann mit der Arbeit. In diesem Augenblick kam eine junge Frau mit dem Fahrrad auf dem schmalen Feldweg herangefahren. Sie konnte mich nicht sehen, da ich etwas erhöht stand und von den Sträuchern verdeckt wurde. Auch ich nahm sie zunächst nicht wahr, da ich ganz in die Arbeit vertieft war. Als ich zurücktrat, um meine Arbeit zu betrachten, entdeckte ich sie: Sie lag nackt in der Sonne und bot ihren Körper den wärmenden Strahlen dar. Verlegen räusperte ich mich. Sie hob den Kopf und schaute zu mir her. Flink und ohne die geringsten Anzeichen von Scham erhob sie sich und lief zu mir herüber. Dabei schlang sie die Decke lose um ihren schönen Körper. Sie deutete auf mein halb fertiges Bild und fragte mit melodischer Stimme, den Kopf mit dem dunklen, kurzen Haar etwas zur Seite gelegt: „Sie sind wohl ein ausgebildeter Maler?“ Ihr unausgesprochenes Lob machte mich stolz, ihre Natürlichkeit und Schönheit bezauberten mich sofort. So fasste ich den Mut, sie zu fragen, ob ich sie als Nymphe in mein Bild malen dürfe. Sie lachte, lief zum Bach zurück und ließ die Decke fallen. Ich malte wie ein Besessener, um den Augenblick, wie sie leichtfüßig über die Steine im Wasser stieg, möglichst genau auf meine Leinwand zu bannen. Als ihr kalt wurde, kletterte sie ans Ufer zurück und trocknete sich ab. In diesem Augenblick entdeckte sie hinter dem Gebüsch eine verwahrloste Gestalt, die Anstalten machte, sich ihr zu nähern. Meine schöne Nymphe stieß einen erschrockenen Schrei aus und wickelte ihr Handtuch fest um den nackten Körper. Der Landstreicher hatte mich so wenig gesehen wie ich ihn. Noch bevor ich eingreifen konnte, kam mit wildem Gebell ein großer Hund angerannt und schlug ihn in die Flucht. Hinter mir erschien eine verschwitzte Frau und fragte: „Ist alles in Ordnung? Ich habe einen Schrei gehört.“ Wir beruhigten sie und sie pfiff ihren Hund zu sich zurück. Dann setzten die beiden ihren Spaziergang fort. Inzwischen näherte sich auch ein Angler, der auf der anderen Seite des Baches nach Forellen geangelt hatte und ebenfalls durch den Schrei aufmerksam geworden war. Als er mein Bild auf der Staffelei sah, stellte er sich als Kunsthändler aus der benachbarten Stadt vor und fragte mich, ob ich ihm das Bild nicht verkaufen wollte. Ich aber war bereits so in mein unerwartetes Motiv verliebt, dass ich ablehnte. Mein Modell hatte sich in der Zwischenzeit hinter einem Busch angekleidet und kam nun zu mir herüber. Während sie mir half, meine Malutensilien zu reinigen und einzuräumen erzählte sie mir, dass sie Kunststudentin sei und sich hier mit ihrer Schwester zu einem Kurzurlaub verabredet hätte. Wir unterhielten uns noch eine Weile, ihre Natürlichkeit und Anmut bezauberten mich immer mehr. So bat ich sie um ein Wiedersehen für den nächsten Tag. Sie sagte es mir spontan zu. Als sie auf ihr Rad stieg und losfuhr, winkte sie noch einmal fröhlich zurück. Ich packte meine Sachen ins Auto und fuhr ebenfalls zu meiner Pension. Hinter der großen Kreuzung am Wald war ein großer Menschenauflauf, Polizei und Krankenwagen standen dabei und der Verkehr wurde umgeleitet. Am nächsten Tag wartete ich vergebens auf die unbekannte Schöne. Von meiner Pensionswirtin erfuhr ich dann die furchtbare Wahrheit: Beim Überqueren der Kreuzung war die junge Frau von einem Auto erfasst worden. Sie war sofort tot. Die Fahrerin des Wagens war ihre eigene Schwester, die gerade zum vereinbarten Treffpunkt fahren wollte. Als sie ihre Schwester auf der Straße liegen sah, erlitt sie einen schweren Schock und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Vom Tod der Schwester erfuhr sie erst nach Tagen, als sie selbst wieder ansprechbar war. Diese Geschichte hat mich so mitgenommen, dass ich mich seitdem nie mehr ernsthaft verliebt habe.“
Professor Alsfeld schwieg. Auch der Chirurg sprach lange Zeit nicht und blickte auf seine Hände, die er während der Erzählung immer fester ineinander verschlungen hatte. Dann hob er den Kopf und blickte dem ehemaligen Schulfreund gerade in die Augen. „ Wir wären uns fast schon viel früher wieder begegnet“, meinte er und räusperte sich. „ Als du diese junge Frau kennen gelernt hast, war ich in genau diesem Ort im Schwarzwald Assistenzarzt am dortigen Krankenhaus. Ihre Schwester war meine Patientin. Wir haben uns so kennen gelernt und später ineinander verliebt. Nun sind wir schon lange verheiratet. Meine Frau hat den Unfall ihrer Schwester nie ganz verkraftet und fühlt sich noch heute an ihrem Tod schuldig.“ Stumm sahen sich die Männer an. Dann reichte Karl dem anderen die Hand. „ So ist mein Unglück irgendwie dein Glück geworden“, sagte er leise. „ Wie seltsam es doch manchmal zugeht auf der Welt.“ Alfred drückte die dargebotene Hand fest und meinte: „ Lass uns diese Geschichte zum Anlass nehmen, unsere Verbindung in Zukunft am Leben zu halten.“
Es war spät geworden. Alle Gäste hatten das Lokal bereits verlassen. Die beiden Männer standen auf und gingen nach draußen. In der klaren Nachtluft verabschiedeten sie sich mit dem Versprechen, sich bald wieder zu treffen.
Am Heimweg überlegte Alfred Sommer, wie sein Leben wohl verlaufen wäre, hätte es diesen tragischen Unfall nicht gegeben. Er war sich noch nicht klar darüber, ob er seiner Frau von der Begegnung mit seinem alten Schulkameraden würde erzählen können.

Letzte Aktualisierung: 02.04.2008 - 18.50 Uhr
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