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April 2008
Flaschenpost
von Claudia Schäckel

21.04.1706
Eine Tagesreise vor der schottischen Küste

Die Nacht war tiefschwarz, der Wind heulte und der Rumpf des Schiffes ächzte und stöhnte. Seit Tagen tobte ein vernichtender Sturm, er hatte Segel zerfetzt, Masten zertrümmert und den Großteil der Mannschaft in ein nasses Grab gerissen. Unaufhaltsam bahnte sich das kalte Salzwasser seine Wege in das Innere des schwer angeschlagenen Schiffes, um es zu sich in die Tiefe zu ziehen. Wasser und Sturm würden dem aussichtslosen Kampf der wenigen verbliebenen Menschen noch einige Zeit zusehen, nur um ihnen am Ende vor Augen zu führen, dass es keine Rettung geben würde.

Mit aller Kraft, die er noch aufbringen konnte, kämpfte sich der junge Pirat über Deck. Er nahm nichts mehr wahr, weder die Kälte, noch den peitschenden Wind, auch nicht, dass ihm die nassen Taue, an denen er sich entlang zog, die Haut von den Handflächen rissen. Seinen Kapitän hatte einer der geborstenen Masten erschlagen, als dieser das Ruder umklammernd versucht hatte, sein Schiff auf Kurs zu halten.
Der junge Pirat erreichte den Eingang zur Kapitänskajüte, als ihn der nächste Brecher, der das Schiff traf, von den Füßen riss und gegen die zersplitterte Tür schleuderte. Er krallte sich in das Holz des Rahmens und nutzte das nächste Aufbäumen des Schiffes, um sich in das Innere werfen zu lassen. Er hangelte sich zu dem Schreibtisch in der verwüsteten Kajüte, zog die kleine versteckte Schublade auf und hielt die Schatzkarte in der Hand. Er hatte seinem sterbenden Kapitän versprochen, die Karte vor dem Untergang zu bewahren. Verzweifelt sah er sich in dem Chaos um und wusste nicht wie.
Auf dem schlingernden Schiff ständig um Halt bemüht, bemerkte er die halbleere Rumflasche erst, als sie das dritte Mal gegen seinen Fuß rollte. Er wischte sich mit dem Handrücken das Wasser aus den Augen, ohne zu merken, dass es nicht nur Wasser, sondern auch Blut aus seiner klaffenden Kopfwunde war. Der Junge griff nach der Flasche, schüttete den restlichen Inhalt aus und stopfte die zusammen gerollte Karte hinein.

Die Sonne ging am nächsten Morgen in klarer, salziger Luft über trügerisch ruhigem, blauem Wasser auf. Zwischen einigen wenigen, treibenden Holzstücken hob und senkte sich immer wieder der Bauch einer kleinen Flasche, verloren in der Weite des Meeres.


300 Jahre später

„Das Barrensilber und die Waffen liegen, soviel ich weiß, noch dort wo Flint sie vergraben hat; und von mir aus können sie dort bleiben. Keine zehn Pferde könnten mich auf die verfluchte Insel zurückbringen; und in den schlimmsten Träumen, die ich je habe, höre ich die Brandung um ihre Küste donnern, oder ich schrecke bei der scharfen Stimme von Captain Flint im Bett hoch, die mir noch immer in den Ohren klingt:
„Piaster! Piaster!“

Der alte Mann schloss das Buch mit einer langsamen Bewegung und sah lächelnd zu seinem Enkel, der auf einem großen Kissen vor ihm auf dem Boden saß.
„Damit ist die Geschichte von Jim Hawkins und seiner Suche nach der Schatzinsel zu Ende und für dich wird es Zeit ins Bett zu gehen.“
Der Junge nickte nachdenklich und stand auf, ohne die Decke loszulassen in die er sich vor zwei Stunden gewickelt hatte.
„Opa, es gibt doch Schatzkarten auch in Wirklichkeit?“
„Falls es sie gibt und jemand findet eine, sollte er es geheim halten und sie gut verstecken.“ Der alte Mann beantworte die Frage seines Enkels mit einem leichten Schmunzeln. Er sah dem Jungen nach, der die Decke achtlos hinter sich herziehend durch die Tür verschwand und musste an seine eigene Kindheit denken. Er hatte damals auch von Schatzkarten, Piraten und Abenteuern geträumt. Sie hatten ihre wertvollsten Spielsachen in Schachteln gepackt, gute Verstecke gesucht, sie vergraben und Schatzkarten gezeichnet. Eine davon lag heute noch zwischen seiner Fotosammlung.
Der Junge schlurfte müde den Flur entlang und blickte einen Moment durch ein Fenster in die Dunkelheit, schon den ganzen Abend stürmte und regnete es ohne Unterbrechung. Bei einem solchen Wetter waren Piratengeschichten noch viel spannender. In Gedanken versunken murmelte er vor sich hin. „Wenn jemand eine Schatzkarte findet sollte er es ganz bestimmt niemandem verraten.“
Er betrat sein Kinderzimmer und schloss die Tür hinter sich. Unbewusst strich er mit einer Hand über die große, fast verheilte Schürfwunde auf seinem rechten Knie. In diesem Jahr hatten ihn seine Eltern in den Sommerferien mit nach Schottland genommen. Sie hatten nahe der Küste gewohnt und er hatte sich oft alleine davongeschlichen, um die Gegend auszukundschaften. Bei einem dieser heimlichen Ausflüge war er auf einer kleinen Klippe oberhalb des Strandes gestolpert und den ganzen Hang hinunter gestürzt. Mühsam war er wieder nach oben geklettert, begleitet von der Angst vor seiner Mutter, wenn sie die kaputten Hosen sehen würde. Sein rechtes Knie tat bei jedem Schritt weh und blutete, überall hatte er Kratzer, sein Kopf brummte und ihm war etwas schwindelig. Nachdem er den halben Aufstieg geschafft hatte griff er mit einer Hand ins Leere. Dort wo er seine Hand aufstützen wollte war ein Loch im Felsen. Sein Arm verschwand ohne Vorwarnung in der Tiefe und er landete unsanft auf dem Bauch. Erschrocken zog er ihn so schnell er konnte wieder raus. Noch mehr Schrammen. Er hatte etwas berührt. Sein Atem ging kurz und er zitterte ein wenig. Das würde er niemandem erzählen. Er wusste wie viel Glück er gehabt hatte, seinen Arm hätte er sich brechen können. Aber in dem Loch hatte er etwas berührt und dieses etwas hatte sich bewegt und geklirrt. Neugierde und Angst brauchten einige Zeit, um sich darüber zu einigen, was zu tun war. Mit klopfendem Herzen steckte er seinen Arm ganz vorsichtig wieder in das Loch im Felsen und seine Finger tasten sich vorwärts, neugierig auf das, was er finden würde und mit der Angst davor, etwas zu berühren das kein Felsen war.

Selbst jetzt bekam er bei der Erinnerung daran wieder leichtes Herzklopfen. Es war nicht einfach gewesen die kaputte Hose und das zerschlagene Knie vor seinen Eltern zu verheimlichen und sein mitgenommenes Aussehen hatte er notdürftig mit dornigen Hecken erklärt. Durchgekommen war er damit nur, weil seine Eltern solchen Kummer von ihm gewöhnt waren. Er setzte sich auf sein Bett und lauschte einen Moment auf die Geräusche im Haus, bevor er die Spielzeugschublade unter seinem Bett herauszog. Sorgsam versteckt lag darin eine alte Rumflasche mit einem zusammengerollten Stück Papier in ihrem Inneren. Für einen Moment glaubte er die Stimme von Captain Flint zu hören.
„Piaster! Piaster!“

Letzte Aktualisierung: 22.04.2008 - 18.38 Uhr
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