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April 2008
Koffer in Berlin
von Bernd Kleber

Er freute sich diebisch. Wieder war ihm dieser Streich gelungen. Sonja war ihm fast böse. Sie hatte Geburtstag, umringt von Gästen, die Schatulle geöffnet und sich zuckend erschreckt, als dieses Etwas heraus gesprungen war. Ein Raunen war dann durch das Wohnzimmer geklungen, nur Rainer lachte nicht enden wollend und herzhaft über seinen eigenen Scherz. Alle kannten seine manchmal rücksichtslosen Witze und Streiche. Seit Jahren waren sie befreundet und hatten inzwischen Berufe, wie Bäcker, Lehrerin, Postbote, Fleischer, Drogistin und Verwaltungsangestellter.
Sie waren gemeinsam erwachsen geworden. Man verzieh Rainer, wenn er sich mit seinem charismatischen Grinsen entschuldigte. Jeder konnte sich auf ihn verlassen, er war immer ein guter Freund. Dieser Geburtstag, Ende Oktober 1977, war nun zu Ende. Der Streich war fast vergessen und die Gäste brachen auf.
Sonjas war wieder allein und hing ihren Gedanken nach. Sie kreisten noch um den „Mann Rainer“, den sie schon so lange kannte und mochte...

Einige Wochen später war Rainer unterwegs zu Sonja und folgte damit ihrer Einladung zum Abendessen im engsten Freundeskreis. Er trug seinen neuen Pfeffer-Salz-Mantel, den er im modernen HO-Geschäft erworben hatte. Den Kragen hatte er hochgeschlagen, da der regenschwere Wind des nasskalten Novemberabends ihm heftig schneidend ins Gesicht blies.
Auf dem Weg zum Taxistand, sah er die defekte Leuchtwerbung, die signalisierte: „Ber..ner Ensemble“. Er freute sich dieses Wortspieles. Bern, nie würde er nach Bern kommen, das stand fest. Er war in der DDR aufgewachsen.
Er schritt weiter auf dem holprigen Pflaster und sah zum Grenzübergang hinüber, der matt leuchtete und wie ausgestorben wirkte. Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Bern und der Übergang, er sollte einfach da hinein gehen. Und wenn die Grenzer ihn festnehmen wollten, würde er sagen, er hätte doch nur Spaß gemacht. Grinsen. Ein Zögern, ein Verlangsamen seiner Schritte und ein sehnsüchtiger Blick zu dem milchig verglasten Gebäude. Seit den Lockerungen im innerdeutschen Grenzverkehr, hatte der Volksmund das Gebäude „Tränenpalast“ getauft. So genannt, wegen der vielen Begrüßungs- und Abschiedstränen in und vor ihm.
Die Taxisäule war in Sichtweite. Er beschleunigte wieder seine Schritte. An diesem Taxistand, vor dem Bahnhofsgebäude, standen viele Menschen. Sie warteten in diesem abendlichen Grau und Nass und standen Schildkrötengleich in sich gekehrt.
Er erkannte Westberliner an ihrer Kleidung und ihren Schuhen, die qualitativ hochwertiger als die DDR-Waren aussahen.
Er stand in der Reihe der Wartenden und wurde von einer jungen Frau angesprochen: „Werseihen Sie, darf ich bieten Sie uhm Gefahlen...?“
Er sah in ein sommersprossiges Gesicht, mit klaren Augen und zierlicher Nase, welches ihn an Shirley MacLaine erinnerte. Durch diesen Anblick, der ihm sehr gefiel, wurde er hellhörig und aufmerksam. „Iesch bin Giselle, kommen aus Polen und werden haben Gastschpiel an „Komischen Oper“.“
Das alles sprach sie mit diesem entzückenden slawischen Akzent. Alles würde er für diese Frau tun, er fühlte sich hypnotisiert und starrte sie offenmundig an.
Sie erzählte weiter, dass sie unbedingt nochmals ins Bahnhofsgebäude müsse, da sie beabsichtigte, sich einen Stadtplan zu kaufen. Sie bat, er möge so nett sein und auf ihren Koffer aufpassen, bis sie zurück sei. Rainer hatte den Zweck seines Aufenthaltes am Taxistand vergessen. Er war bereit, Giselle zu Diensten zu sein. Er dachte an Musik, Gesang und Instrumente. Er grinste beim Gedanken an Blasinstrumente süffisant und nickte ihr eifrig zu.
Giselle entschwand in dem grauen Gebäude mit leichtem Schritt. Über dem Eingang flatterte klatschnass ein rotes Polit-Plakat. Rainer sah aber nur das runde Hinterteil der jungen Polin im Bahnhofsgebäude verschwinden...
Minuten später stellte er fest, dass er nicht bemerkt hatte, wie viele Fahrgäste inzwischen fort waren. Da erleuchteten gerade wieder heranrauschende Scheinwerfer die Wartenden. Ein Paar mit Reisetasche und bunten Plastiktüten stieg in das Auto.
Er bückte sich nach Giselles Koffer, gewissenhaft, fast zärtlich, hob er diesen an. Das braune Behältnis war sehr schwer. Sofort kam ihm in den Sinn, dass synthetische Unterwäsche in Pastellfarben nie so gewichtig sein könnten.
Ein weiteres Taxi kam und nahm einen Herrn in schwarzem Ledermantel mit. Nervös werdend, erwartete er Giselle zurück.
Rainer hob das Gepäckstück erneut an, trug es einen Meter weiter und war fast stolz darauf, das Vertauen der schönen Polin zu genießen.
Wo blieb sie nur? Schon wieder war ein Wolga vorgefahren. Er wurde ungeduldig und sah den Beweis für Giselles Existenz missmutig an. Sonja und die wartenden Freunde kamen ihm in den Sinn.
Vor ihm warteten nur noch drei Passanten auf eine Mitfahrgelegenheit.
Er hatte fast entschieden, Giselle nach ihrer Rückkehr in sein Taxi mit einzuladen, ihr den Koffer bis in ihre Unterkunft zu tragen. Er wollte sich ganz als „Kavalier alter Schule“ zeigen, doch ihr Wegbleiben lies ihn am Entschluss zweifeln.
Eine ältere Matroschka neben ihm, fragte mit spitzem Ton unerwartet, ob er seinen Koffer nicht zur Seite stellen könne. Sie behauptete, ständig Gefahr zu laufen, über diesen zu stolpern, wenn sie Ausschau hielt. Er sah sie an, müßig zu erklären, dass es nicht sein Koffer wäre. Er sagte nur kurz angebunden, dass sie ohnehin nichts sehen könne, da die Taxen aus dem Rondell von der anderen Seite angefahren kämen.
Sie sog empört die kalte Luft ein und lies sie mit einem „tz, tz, tz“ wieder als nebelige Wolke herausfahren.
Rainer hatte sich schon wieder abgewandt und wurde wegen Giselle ungeduldig. Er sah aufgeregt hin und her und erkannte dabei, wie die drei Personen vor ihm, gemeinsam ins Taxi rutschten.
Der nächste also war er selbst, der einsteigen könnte. Wo blieb Giselle? Der Koffer, vom Regen ganz fleckig geworden, stand wie eine aufweichende Lehmmauer neben ihm. Er hatte gar keine Zeit weiter nachzudenken, als ein Wartburg vorfuhr.
Kurz wechselten in seinem Hirn die Namen Sonja und Giselle als flackernde Leuchtwerbung. Sollte er dieser Pelzrolle Vortritt lassen? Einige Sekunden verstrichen, da rief der Fahrer aus dem Font : „... wird dat nun bald wat hier?“ Rainer sah zum Bahnhofsgebäude zurück, dann zum Taxifahrer, sah die Frau an und meinte: „ Wollen Sie vor mir fahren?“ Die zeterte los: „Wie kommen Sie mir denn vor? Ich bin doch keine Großmutter! Ich bin in den besten Jahren und wäre Ihnen dankbar, wenn sie endlich aus meinem Blickfeld entschwänden!“
Rainer schüttelte den Kopf. Er musste eigentlich los, ihm war kalt, er dachte an Sonja und die Verabredung, er sah auf die Uhr und entschloss sich zu fahren. Mit Schwung war er auf dem Hintersitz des Taxis gelandet, da keifte die Beste-Jahre- Dame schon: „Ihr Koffer!“
Er lehnte sich aus dem Fahrgastraum und meinte: „Da kommt gleich eine junge Frau, der gehört ihr“. Kampfbereit steckte die Wachsame kurz entschlossen ihren Schirm wie ein Bajonett in das Taxi. Der Chauffeur hatte seine Laune dem Schlechtwettertag „1:1“ angepasst und sprang wutentbrannt aus dem Pkw. Er lief um das Fahrzeug herum und stürmte auf die Dragonerin zu. „Wat fällt Ihnen denn ein, woll´n Se meenen Wagen rampunieren? Wohl ne Meise, wa?“ Sie scharf zurück: „Junger Mann, er hätte seinen Koffer vergessen ohne meinen Einsatz!“ Rainer verdrehte die Augen, sah hilfesuchend zum Bahnhofseingang. Wer weiss, welches Märchen Giselle ihm aufgetischt hatte.
„Das ist nicht mein Koffer“ sagte er kühl. Da kreischte die kampflustige Dame, mit dem rechten Zeigefinger auf Rainer zeigend, für jeden hörbar: „Das habe ich mir gedacht, dass was nicht stimmt, er lügt,... er ist ein Lügner!“
Rainer stöhnte, ergriff die Autotür, da schob sich wie aus dem Nichts ein Ausweis in sein Sichtfeld. Er las: Ministerium des Innern.. und dachte : `oh nee, nicht die Stasi auch noch...`.
„Aussteigen, Mitkommen!“ Ein zweiter Mann, gleich gekleidet, stand dabei. Nicht widersprechend, drehte er sich vom Sitz hinaus in den Regen. Die Fettel eroberte sofort schamlos das Taxi. Zwei Zangengriffe an seinen Oberarmen führten ihn und Gepäck nun in Richtung Tränenpalast.
Rainer würde nun diesen unheimlichen Bau betreten. Die Männer gingen mit ihm, ohne aufgehalten zu werden, in ein kleines Wachzimmer. Sie schlossen die Tür hinter Rainer. In dem Raum gab es nur einen Stuhl. Der stand an einem Tisch, der dort scheinbar schon für viel Reisegepäck Platz geboten hatte. Sie setzten Rainer mit einem barschen Schulterdruck vor das schwere Behältnis und befahlen ihm einsilbig: „ Aufmachen!“.
Rainer konnte nicht still sitzen, beteuerte seine Unwissenheit und versicherte, dass ihm dieser Koffer nicht gehöre.
Man drohte, das Gepäckstück gewaltsam zu öffnen. Rainer zuckte nur noch mit den Schultern. Der Wortlose der beiden Beamten brach nun in roher Gewalt den Koffer auf. Im gleichen Augenblick wurde er blass und ging mit geweiteten Augen vom Tisch zurück. Sein Blick hatte etwas Kuhähnliches. Sein Kollege sah ihn missmutig an und schnauzte: „Was?“ Der Andere zeigte nur auf den Kofferdeckel.
Rainer rann Schweiß am Rücken hinab und er hatte Magenkrämpfe. Er spürte, dass jetzt etwas Ungeheuerliches passierte und vertraute gedanklich dem unschuldigen Antlitz von Giselle. Der zweite Beamte hob, Abstand haltend, den Deckel des Koffers und versetzte ihm einen Schwung. Der Deckel fiel nach hinten über und gab das Innere frei.
Rainer hob sich entsetzt von seinem Stuhl und sah mit gelähmtem Ausdruck hinein. Blutige Knochen waren zu sehen! Rohes Fleisch, frisch geschlachtet, das von purpurn zu braun und Lilatönen, marmoriert mit weißen Fettstreifen, viele Schattierungen aufwies. Das geronnene Blut bildete Klumpen und Fäden, die zum Teil schwarz anmuteten. Auf dem ekelerregenden Berg lag ein verschmierter, ehemals weißer Zettel, mit fetten schwarzen Buchstaben beschrieben.
Der Beamte nahm diesen mit spitzen Fingern hoch und die drei lasen:

„Rainer, das sind die Knochen, all der Bären, die Du uns aufgebunden hast.
Deine Freunde“

Letzte Aktualisierung: 09.04.2008 - 14.23 Uhr
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