Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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April 2008
Nächstenliebe die II.
von Heidi Eleonora Wiench

Mechanisch schmierte sich Walter Möller an diesem Morgen seine Pausenbrote.
`Ich werde sie sicher nicht einmal essen`, dachte er, machte die Brotdose zu und stopfte sie in seine abgegriffene Aktentasche. Er hielt kurz inne.
Zärtlich streichelte er das alte Leder.
Wie lange war es her, dass Inge ihm die Tasche zu seinem fünfundzwanzigsten Dienstjubiläum geschenkt hatte?
Tränen schossen ihm in die Augen.
„Du konntest nichts machen, hörst du! Der Krebs hat sie besiegt…, hör auf zu flennen wie ein Chorknabe! Du bist jetzt allein, und Selbstmitleid macht sie auch nicht wieder lebendig, hörst du? Geh zur Arbeit, lenk dich ab!“
War das gerade seine eigene Stimme gewesen, die er gehört hatte?
Walter Möller atmete tief durch, als er die Haustür hinter sich abschloss.

Endlich kam die Bahn.
Es war stickig in dem Waggon und es roch muffig Der Schweiß lief mir den Nacken herunter als ich endlich einen Platz fand.
Die alte Dame neben mir lächelte mich an und sagte:“ Es ist ganz schön heiß und schwül für diese Jahreszeit, finden Sie nicht auch junger Mann?
„Ja, da haben Sie Recht. Ganz schön schwül…, entschuldigen Sie, könnten Sie mir vielleicht sagen, die wievielte Station Kellinghusenstraße ist? Ist mein erstes Mal heute, dass ich mit der Bahn fahre.“ Erwiderte ich und lächelte sie verlegen an.
„Ach, das ist ja ein Zufall, da muss ich auch raus. Halten Sie sich einfach an mich junger Mann, dann kann Ihnen nichts passieren!“ flachste sie, zwinkerte mir zu. Kurz darauf musterte sie mich von der Seite und fragte:“ Sagen Sie nicht, Sie sind auch ein angehender Arzt?“ Als ich zustimmen nickte, juchste sie und klatschte in die Hände:“ Mein Enkel auch! Er besucht mich immer nach der Schule oder der Uni, so sagt man wohl heutzutage. Ich wohne nämlich in der Schedestraße, müssen Sie wissen, gleich nebenan. Ach ist das ein Zufall! Sehen Sie junger Mann, die Welt ist doch klein, nicht wahr?“
„Da stimme ich Ihnen vollkommen zu. Sagen Sie, wie heißt ihr Enk…“ weiter kam ich nicht, denn eine durchdringende Stimme unterbrach mich.
„Die Fahrausweise bitte.“
Der übergewichtige Bahnbeamte quälte sich durch die Sitzreihen.
„Ihren Fahrausweis bitte“, sagte er zu der alten Dame neben mir.
Dann war ich an der Reihe. Ich hielt ihm meinen Fahrschein hin.
„Der ist nicht gültig für diese Strecke! Kannst wohl kein Deutsch was?“, mit einem Grinsen, das seine Augen zu Schlitzen werden ließ, sah er mich an und bellte: „Na, dann werde ich dich mal an die Luft setzen! Ausländer!“ Sein Gesicht war rot vor Wut.
Empört ging meine Sitznachbarin dazwischen: „Was fällt Ihnen ein, diesen jungen Mann so zu beschimpfen!“
Drohend beugte er sich zu mir herunter. „An der nächsten Haltestelle schmeiß ich dich raus! Hast du verstanden? Das setzt `ne saftige Geldstrafe!“
Schweißperlen standen ihm auf der Stirn und seine Augen waren glasig. Er schnaubte verächtlich als er weiterging.
Die alte Dame neben mir tätschelte beruhigend meine Hand und sagte:„Nehmen sie es sich nicht so zu Herzen, es gibt leider immer noch solche Holzköpfe im Land.“
Ich nickte benommen und säuberte meine Brille vom Speichel des Mannes.

Plötzlich brach ein Tumult hinter uns los. Erschrocken sah mich meine Sitznachbarin an, als auch schon Stimmen laut wurden:„Ist vielleicht ein Arzt im Zug?! Der Mann hier braucht dringend Hilfe!“
Ich sprang von meinem Sitz auf und kämpfte mich den Gang entlang, der jetzt von Schaulustigen versperrt wurde. Endlich war ich durch und kniete mich neben den Ohnmächtigen am Boden.
Es war der Bahnbeamte.
Ich fühlte seinen Puls, doch da war keiner.
Herzinfarkt, schoss es mir durch den Kopf.


„Was ist los? Wo bin ich?“, verwirrt sah er sich um.
„Es ist Alles in Ordnung. Es wird Ihnen bald wieder besser gehen. Wir bringen Sie in ein Krankenhaus. Sie hatten einen Herzinfarkt und dieser junge Mann hier, hat Ihnen vielleicht gerade das Leben gerettet“, sagte der Notarzt, den jemand zur nächsten Haltestelle gerufen hatte, mit ruhiger Stimme, und zeigte dabei auf mich.
Fassungslos starrten mich zwei Augen an.
„Warten Sie bitte“, flüsterte er, als die Sanitäter die Trage, auf der er lag, in den Krankenwagen schieben wollten. Als er weiter sprach bebte sein Mund. „Es tut mir leid… ehrlich…, ich meine…, dass was ich vorhin zu Ihnen gesagt habe. Bitte…“
Unter großer Anstrengung, reichte er mir seine Hand und sagte mit festerer Stimme: „Mein Name ist Walter Möller. Bitte entschuldigen Sie.“
„Encantado, Señor, es ist gut, dass ich ihnen helfen konnte. Mein Name ist Carlos Rodriguez-Martin.

Ich stand noch eine Weile nachdenklich da und sah dem Krankenwagen nach, als jemand an meinem Hemdsärmel zupfte.
„Kommen Sie junger Mann, ich denke ein starker, schwarzer Tee wird Ihnen jetzt gut tun.“

Letzte Aktualisierung: 21.04.2008 - 20.37 Uhr
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