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April 2008
Wolken am Horizont
von Iris Beimdieck

Wolken rasen über den Himmel. Viel zu schnell. Und unter dem grauen Horizont dreht sich ein Karussell auf dem Kinderspielplatz leer im Wind. Schaurig schlagen die Ketten der Plastiksitze aneinander. Lora starrt auf ihre kleinen Füße, sieht, wie der Sand aufpeitscht und seine feinen Körner über ihre Turnschuhe treibt. Sie zittert - braune Haare flattern wild und ungezähmt um ihre rosigen Backen. Alles kreischt, knattert und klappert. Drüben steht ihre Mutter am Bäckerhäuschen. Ahnungslos stopft sie ein Brot in die Tragetasche. Ein paar blonde Strähnen sind aus ihrem Zopf entwischt und hüpfen wie kleine, wilde Tänzer um ihre Wangen. Dann sieht sie auf, formt ihre Lippen zu einem O. Looooora, ruft sie. Aber das kleine Mädchen auf dem Spielplatz kann sie nicht hören, denn das tobende Unwetter ist zu laut.
Ja, Lora hat Angst.
Schreckliche Angst.
Denn nur Lora weiß, sie sind nicht allein......


Zwei Tage zuvor

Die Sonnenstrahlen glitten fächerartig über die Wiese. Jauchzend ließ sich Lora mit ausgebreiteten Armen in einem Meer aus Butterblumen fallen, während die Halsglocken der Kühe träge läuteten. Tief atmete sie die Landluft ein und lauschte den Amseln und Kohlmeisen, die in den Baumwipfeln der alten Eichen ihre Lieder trällerten. In der Ferne hämmerte ein Specht. „Wolken sehen aus wie Wolle,“ dachte Lora verträumt, „wie die Wolle von Papas Schafen. So weich.“ Sie zählte neun Stück, genau so alt, wie sie gestern geworden war. Kichernd drehte sie sich auf dem Bauch und hielt dabei ihr Blumenkränzchen auf dem Kopf fest. Sie schaute einem Marienkäfer nach, der über ein Löwenzahnblatt krabbelte. Leichter Wind kam auf und wurde immer stärker. So stark, dass er den Saum ihres Kleides anhob. Lora lachte, umklammerte mit ihren pummeligen Händen den Stoff. Es wurde kühl. Und immer kühler. Regelrecht kalt. Der Marienkäfer krabbelte auf eine gelbe Blüte, breitete seine Flügel aus und flog schlingernd, wie ein betrunkener Pilot davon. Ein Schatten schob sich langsam über die Wiese, bis er Loras Körper erreichte, sich darüber hinaus weiter ausbreitete und die Umzäunung der Wiese erfasste. Aufgeregtes Muhen. Dunkles Scheppern der Kuhglocken, donnerndes Getrampel der Klauen. Verwunderte richtete sich das Mädchen auf und schaute in die benachbarte Weide. Die Wiese, in welche sie lag, war noch leer, die Tiere waren von ihrem Vater noch nicht umgetrieben worden. Die Kühe rannten wild und verdrehten so verängstigt ihre Augen, dass Lora das Weiß darin sehen konnte. Plötzlich wusste sie, warum die Tiere sich so merkwürdig verhielten. Es lag an dem Schatten. Der riesige Schatten, der jetzt vollkommen zum Stillstand gekommen war. Kühle vibrierte wie ein böses Omen über ihr. Langsam hob Lora ihren Kopf, hielt mit beiden Händen den Blumenkranz fest. Sie blinzelte in den Himmel. Und schnappte nach Luft. Ungläubig starrte sie auf das Luftgeschoss, das lautlos über ihr schwebte und die Form eines Dreiecks hatte. „Wie ein riesiges Bügeleisen“, dachte Lora. Angst kribbelte in ihren Zehenspitzen und drohte sich in ihrem ganzen Körper auszubreiten. Gleich würde sie Panik bekommen - ihr Papa würde dann bestimmt sagen, sie solle nicht so hysterisch sein, die Phantasie ginge nur wieder mit ihr durch. So wie letztes Mal, als Lora felsenfest davon überzeugt gewesen war, dass Graf Dracula in der Tiefkühltruhe im Keller lag. Ihr Papa hatte daraufhin den Deckel hoch geklappt und Lora befohlen, in die Truhe zu schauen. Bis auf ein paar gefrorene Erbsen, Möhren und Rotkohl war tatsächlich nichts darin gewesen. Wie dumm sie sich vorkam, auch wenn sie jetzt noch daran dachte. Das Dreieck war immer noch da. Die Breitseite war so lang, dass sie von einem Ende der Wiese bis zum nächsten maß, drei tellergroße Kreise glimmten eisblau auf dem Metall in jeder Ecke. Die Kühe hatten sich beruhigt, schienen den Fremdling am Horizont bereits akzeptiert zu haben. Lora rieb sich die Augen und stand mit zittrigen Knien auf. Ihr war plötzlich übel. Und sie hatte Angst. Mehr Angst, als sie sich eingestehen wollte. Nicht Angst vor Dracula – sondern vor Außerirdischen. Wind peitschte ihre Haare auf und strich kalt wie eine Messerschneide an ihren nackten Beinen entlang. Sie schloss kurz ihre Lider und amtete tief durch. Dann rannte Lora los. Den Hügel herunter. Schnell! Der Schatten bewegte sich schleichend mit. Schreiend lief das Mädchen weiter und schlug panisch keuchend mit ihren Armen, als würde ein lästiger Bienenschwarm sie verfolgen. Grashalme streiften ihre Fußknöchel. Brennnesseln, deren feine Härchen brachen und ihr Feuer auf Loras Unterschenkel spuckten.
„Mama – hilf mir!!!“ Es war ein kindlicher Schrei, der in der Luft erstickte. Tränen rannen heiß ihre Wangen hinab. Sie warf ein letztes Mal verzweifelt einen Blick in den Himmel, sah, dass sich in der Mitte des Dreiecks etwas kreisrund öffnete und sie mit einem schlingernden Schneckenmuster aufzufressen drohte. Lora spürte, wie ihre Beine von dem Boden abgehoben wurden. Sie ruderte wild mit ihren Armen, fühlte sich, als hätte man ihr die Schwimmflügelchen mitten in einem riesigen See abgerissen und wusste mit jedem Meter, den sich ihr kleiner Körper mehr und mehr von der Erde entfernte, dass ihr Verstand gleich ertrinken würde.


Mama ... Papa... Ihre Turnschuhe gewannen wieder an Boden. Lora kniff zitternd ihre Augen zusammen, während eisige Kälte sie geisterhaft umhüllte und sich auf ihre Wimpern niederlegte. Sie wollte nicht sehen, was sie jetzt da draußen erwartete. Sie wollte nichts böses, schreckliches entdecken. Sie war jetzt in ihrem Körper – eingeschlossen in einem Schutzwall – und so lange Lora nur ihre Augen geschlossen hielt, würde ihr ganz bestimmt keiner etwas tun können. Sie hörte ein Schmatzen. Tchem.... tchem... Nein! Nein! Sie presste die Hände auf ihre Ohren und wich zurück. Tchem...... .noch einen Schritt ...Tchem...... es bohrte sich in ihrem Kopf, immer tiefer und tiefer.............noch einen Schritt zurück, nur weg von diesem Gerhäusch. Tchem, tchem! Direkt vor ihrem Gesicht! Fauliger Atem, der gefroren in ihre Nase drang. „Nahhhhnn!“ Schrie Lora entsetzt, verängstigt presste sie die Lider aufeinander, stolperte weiter zurück und stieß gegen etwas faltig lederhaftes. Lora wimmerte, Urin sickerte durch ihre Unterhose und lief brennend an ihren Beinen hinab. Dünne Arme, die sich wie knorrige Äste von hinten um ihren Oberkörper schlossen. Das Schmatzen direkt an ihrem Ohr. Raue, eiskalte Finger, die sie plötzlich am Nacken berührten. Lora kreischte, schnappte nach Luft - riss ihre Augen auf. Und starrte in die toten Pupillen eines Mannes, gefangen in einem Glaskasten. „NEI-NNN!“ Der Schrei zerschnitt die Kühle und vibrierte in ihren Ohren. Leblose Augen, die sich in ihrem Blick bohrten, grau-blaue von Frostbeulen durchzogene Haut, gekrümmte Finger, verzerrte Mundwinkel. Haare, in denen sich der Schnee der Vergänglichkeit sammelte. „Ooaah!!“ Entsetzt schrie die Lora erneut auf. Ihre Hände schlugen gegen eine Scheibe und glitten quietschend daran hinab. Ihr Verstand schlug Wellen, kreiste in dem Kopf wie ein Strudel. „Zu Hause,“ dachte Lora verzweifelt, „zu Hause möchte ich jetzt sein....es ist Winter – es muss Winter sein... und ich möchte mit Mama und Papa vor dem Kaminfeuer sitzen. Dann wird Papa mir ein Lied vorsingen. Mhmhmh – mh – mh.“ Was war es noch für eine Melodie? Lora suchte danach, wollte sich an dem Notenschlüssel klammern, wie eine Ertrinkende an einem Rettungsring. Und dann sah sie die langen, erdig-braunen Finger, die sich unterhalb ihrer Brust kreuzten. „Mhmhmh....“ Summend drehte sie ihren Kopf nach hinten. Sie hörte das Feuer im Kamin züngeln. Hörte ihre Mutter lachen. Und blickte zitternd ein Wesen an, das aller Menschlichkeit widersprach. Rotz tropfte von Loras Nase auf ihrem Handrücken - sie bemerkte es nicht. Gelbe, pupillenlose Augen starrten das Mädchen an. Gelbe Augen, milchig verschleiert, die ein faltiges, vollkommen nasen- und ohrenloses Gesicht dominierten. Der Mund wirkte zahnlos. Das Wesen ließ Lora los – wie Schmirgelpapier glitten die Finger trocken über ihre Haut. Sie stolperte drei Schritte zurück, ehe ihre Knie versagten und kraftlos zusammenknickten. Das Wesen wechselte von seiner aufrechten Position auf vier Läufe. Der Körper war nackt und unnatürlich dünn. Arme und Beine sahen gleich aus und endeten auf riesigen Handballen mit spinnenartig langen Fingern. Und es kam näher. Immer näher. „Mhmhmh....“ Lora winkelte ihre Beine an, summte verzweifelt lauter und schloss ihre Augen. „Mama und Papa,“ dachte sie, „bringt mich ins Bett, bitte, bitte....“ Sie blinzelte noch ein letztes Mal und sah mehrere Außerirdische, die sie umzingelten. Und dann behielt Lora ihre Augen geschlossen und dachte an die schönen Sommertage in ihrem kurzen Leben, die sie bis dahin erlebt hatte. Lora spürte nicht mehr, dass sie aufgehangen, an Armen und Beinen festgebunden wurde. Sie bekam nicht mit, dass ihr die Wesen eine Codierung unter die Haut pflanzten. Sie sah nur die fröhlichen Sonnenstrahlen, bemerkte die salzige Juliwärme auf ihrer Haut, stellte verwundert fest, dass es schneite und die Flocken warm und feucht ihren Körper benetzten .
Und dann stand sie tatsächlich wieder auf der Weide. Wie betäubt ging sie langsam nach Hause. Zählte monoton bis zwanzig. Immer wieder. Eins, zwei, drei....., beständig im gleichen Rhythmus. Tränen liefen über ihre Wangen – aber sie bemerkte es nicht mehr.

Sieben Tage danach

Lora weiß, ihre Mutter versucht, sie aufzumuntern. Sie sitzen auf der Weide, umzingelt von Gänseblümchen und Klatschmohn, der Picknickkorb zwischen ihnen. Ihre Mama beugt sich zaghaft lächelnd vor: „Lora, Schatz, schau’ doch mal! Diese Wolken – diese Wolken am Horizont, sind sie nicht wunderschön?“
La-le-lu,
nur der Mann im Mond schaut zu,
wie die kleinen Babies schlafen,
drum schlaf’ auch du.

Letzte Aktualisierung: 15.04.2008 - 20.34 Uhr
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