Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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April 2008
Dreiundzwanzigster Dezember
von Hans-Jürgen Beck

- Du hast einen Wunsch frei.
- Einen Wunsch?
- Ja.
- Nur einen? -- Im Märchen sind es doch immer drei ...
- Wir sind hier aber nicht im Märchen, mein Lieber.

Seufzend wandte ich mich von meiner Begleiterin ab, lehnte mich über die Mauerbrüstung und starrte hinunter auf die Stadt, die langsam von der Dämmerung eingefangen wurde. Immerhin ist ein Wunsch besser als gar keiner, redete ich mir ein. Ich ahnte aber, dass mir ein schwieriger Entscheidungsprozess bevorstand. Gedanken an unerschöpfliche Geldbörsen, gut gelaunte Dukatenesel und an Siebenmeilenstiefel durchstreiften meinen Geist. Aber auch nisteten sich Gelüste nach der ewigen Liebe ein und arbeiteten gegen meine bisher ernüchternden Beziehungs- und Ehedramen an. Sollte ich vielleicht ganz selbstlos den Weltfrieden herbeizaubern? Oder, nicht ganz so selbstlos, dieses sich nur langsam aus der Provinzialität erhebende, viel zu unterfränkische Würzburg da unten mit einer Lawine der Weltoffenheit überschütten lassen? Allerdings: Derart verschwenden wollte ich meinen schönen Wunsch nun auch wieder nicht. Ich blickte etwas ratlos zu der wie aus einem Bilderbuch für Erwachsene entrückten Schönen an meiner Seite. Blond, hübsch und grazil wie ein Rauschgoldengel – passend zum gestrigen dreiundzwanzigsten Dezember, an dem mir diese seltsame Begegnung widerfahren ist.
In dem Architekturbüro, in dem ich arbeite, läuft es für mich schon seit einiger Zeit nicht mehr gut. Zu all den nervenden Auftragsarbeiten hat sich an den letzten Arbeitstagen vor dem Weihnachtsurlaub auch noch massiver Ärger mit Chef und Kollegen addiert. Vor einem Monat ist meine zweite Frau mit einem drahtigen Südamerikaner durchgebrannt und lässt sich von ihm auf seiner Farm in Venezuela verwöhnen. Zurückgelassen hat sie nicht nur mich und meinen Weltschmerz, sondern in einem Pflegeheim im zwanzig Kilometer von Würzburg entfernten Kitzingen auch ihre herzkranke, alte Mutter, um die ich mich jetzt kümmern kann. Meine Freunde sind mir fremd geworden, meine Verwandten zu primitiv. Seit Wochen futtere ich alles Greifbare in mich hinein und ersticke damit meine Verdrossenheit.
Gestern hatte ich mich, nach Ruhe, Entspannung und etwas Vertrautem lechzend, in das zeitlose Cafe Nikolausruhe am Fuße des orangeweiß barockenen, hoch über Würzburg thronenden „Käppele“ begeben. Und dort, drei Tische weiter, saß sie mit einem Mal. Diese - Engelsfrau. Als sie ganz unbefangen auf mich zukam, wäre ich vor Aufregung fast im Boden versunken. Sie fragte mich, ob es sich lohne, „dort hoch zu dieser eigentümlichen Kapelle“ zu steigen. Das wäre schon wegen des grandiosen Ausblicks auf die Stadt ein spannendes Unterfangen, meinte ich. Auf ihre Frage, ob ich sie begleiten wolle, antwortete ich mit stummem, aber umso energischeren Kopfnicken. Ich entschied, dieses Angebot als verfrühtes Weihnachtsgeschenk einzuordnen, sozusagen direkt vom Himmel heruntergefallen. Sie schwebte die zweihundertundvierundfünfzig Stufen des Stationsweges und zuvor die achtundsiebzig Stufen der Lindensteige mit einer Leichtigkeit hinauf, die mir angesichts meiner eigenen Keuchtiraden geradezu genial vorkam.
Als mich oben meine Gedankenspiele über mögliche Wünsche gefangen hielten, hauchte mir „Blondinchen“, wie ich sie inzwischen zugegebenermaßen etwas phantasielos getauft hatte, eine ihrer arglosen Fragen entgegen.
- Du, ist das dort unter uns der Dom?
Sie deutete auf die hochragende Adalberokirche in der Sanderauer Vorstadt. Aufgeschreckt sah ich hinunter und musste mir eingestehen, dass das weißsteinerne Gotteshaus von hier oben tatsächlich weit imposanter wirkte als der Kiliansdom in der Ferne der Stadtmitte. Bedauernd klärte ihren Irrtum auf.
- Oh, meinte sie enttäuscht, die ist doch viel schöner als die anderen Kirchen.
Ich überlegte kurz, ob ich sie damit trösten sollte, dass Mitte der Fünfziger Jahre in jener Adalberokirche der gefilmte Heinz Rühmann die gefilmte Marianne Koch geheiratet hatte und damit dem südlichen Seitenportal in einer gefilmten Schlusszene von „Vater sein dagegen sehr“ eine Brise mondänen deutschen Nachkriegsfilmglanz verliehen hatte. Ich unterließ es, denn ich wusste, dass sie weder mit dem Namen Rühmann noch dem Marianne Kochs irgend etwas anfangen konnte.
- Dieses hohe Gebäude davor ist dann aber schon dem Herrgott gewidmet, oder!? fragte sie mich mit offenem, aber bereits leicht zweifelndem Blick.
Auch da musste ich sie enttäuschen, handelte es sich doch bei dem Objekt ihrer Begierde lediglich um das Studentenhaus am Sanderrasen.
- Och, ihr seid aber schon komisch! So etwas Imposantes nur für eure Zwecke zu bauen! kommentierte sie meine Antwort.
- Komm, gehen wir mal ins Innere des Käppele, schlug ich vor.
Erwartungsvoll lächelte sie mich an und setzte sich mit aufreizend wippendem Gang in Bewegung. Ich schlurfte hinter ihr her und ertappte mich angesichts ihrer kurvenreichen Figur und den verboten langen Beinen bei nicht unbedingt weihnachtlichen, sondern eher profanen Gedanken. Sollte ich mir wünschen, mit ihr von Heiligabend bis Neujahr alle Betten der teuersten Würzburger Etablissements auszuprobieren? Etwas Handfestes, Nachvollziehbares und auch zeitlich klar Umrissenes wäre vielleicht nicht die schlechteste Alternative.
Sie wandte sich abrupt zu mir um, sah mich lasziv an, rückte mir mit zwei ausladenden Schritten zuleibe, drückte ihren Körper an meinen, dass mir sofort schummerig zumute wurde und setzte ihren Zeigefinger auf meinen Mund.
- Vorsicht! säuselte sie mir zu. Du weißt doch, ich kann Gedanken lesen!
- Mist! dachte ich mir nur. Darf ich also nicht ins Blaue hineindenken!
- Doch, mein lieber Georg, das darfst du! signalisierte sie mir und sprach mich erstmals mit meinem Namen an. Aber – fuhr sie fort - allzuschnell werden aus Gedanken Worte. Und dann ist ein Wunsch nicht mehr zurück zu nehmen!
War das jetzt als Aufforderung zu verstehen? Der Boden unter meinen Füssen begann, bedenklich zu schwanken. Zu groß war die Verlockung des Wunsches, als dass ich ihn allzuschnell hätte beiseite legen können.
Wir betraten das Innere des Käppele und bestaunten das goldene Gepränge. Ihre Augen liefen über. Mit verschränkten, an ihre Brust gedrückten Händen eilte sie von Goldaltar zu Madonnenbild.
- Was ist nun mit deinem Wunsch? fragte sie mich, als wir wieder nach draußen gelangten.
- Ich weiß noch nicht. So etwas passiert mir ja nicht jeden Tag. - Sag mal, welcher Art dürfen eigentlich meine Wünsche sein?
- Etwas, mit dem du glücklich wirst.
- Oh je, das kann ja heiter werden! rutschte es aus mir heraus. Vielleicht: Unendlichen Reichtum? ergänzte ich mit einer Frage.
- Damit wirst du nicht glücklich! antwortete sie unmissverständlich schroff.
- Weil du das so genau weißt. Kannst du nicht etwas präziser werden?
- Nenn mir einfach deinen Wunsch, dann sag ich dir, ob ich ihn erfülle.
- Sex bis zum Abwinken?
- Frage nicht so viel, wünsche!
- Alles ist erlaubt?
Sie reagierte nicht mehr auf diese letzte Frage.

Inzwischen war es dunkel geworden. Die Lichter der Stadt im Tal verstrahlten ihren weihnachtlichen Glanz und spiegelten sich im Main. Ich sah wie aus einem Himmel auf eine nächtlich glitzernde Erdkugel herunter. Verstohlen blickte ich zu Blondinchen hinüber und bemerkte, wie sie amüsiert vor sich hin lächelte.
Der Fluss führte Hochwasser, ungewöhnlich für die Weihnachtszeit. Das Wasser drohte die nahe dem Ufer liegenden Parkplätze und damit die dort abgestellten Autos zu überfluten. – Wie wäre es, wenn ... Nein, das sollte ich mir nun wahrlich nicht wünschen ...
Plötzlich wusste ich es!
- Sei mein Schutzengel! flüsterte ich ihr zu.
Sie sah mich zärtlich an. Mir wurde sofort wieder schwindlig. Barg ihr Blick nicht auch eine Spur von Enttäuschung? Oder bildete ich mir das nur ein?
- Gut, wie du willst! sagte sie nur.
Ich fragte, wie es weitergehen würde. Sie antwortete, ich solle einfach abwarten. Dann tänzelte sie davon.
- He, wo willst du hin? rief ich ihr nach. Wann sehe ich dich wieder? Wann geht mein Wunsch in Erfüllung?
- Du bist so ungeduldig! hörte ich sie noch flüstern. Warte ab!
Dann war sie verschwunden.

Ich sitze im Zug nach Kitzingen. Es ist Heilig Abend und ich will meiner Schwiegermutter Gertrud wenigstens eine Andeutung familiären Weihnachtens schenken. Dass Sabine abgehauen ist, weiß sie immer noch nicht. Ich werde ihr diesmal erzählen, dass sie wegen Krankheit verhindert ist. Fragt sich nur, wann sie all die Ausreden nicht mehr glaubt. Mich überkommt ein schlechtes Gewissen. Vielleicht hätte ich mir wünschen sollen, dass Gertrud gesund wird und noch ein langes, zufriedenes Leben vor sich hat. Aber hätte mich das glücklich gemacht? Wer weiß! Die Vorstellung von Glück ist mir schon lange abhanden gekommen. Vielleicht hilft mir mein neuer Schutzengel dabei weiter? Denn immerhin: Auf meinem Weg zum Bahnhof bin ich knapp einer Kollision mit der Straßenbahn entgangen, als ich gedankenverloren die Straße überqueren wollte. Aber andererseits hätte ich nicht meine Gedanken verloren, wenn mir nicht gestern diese Begegnung widerfahren wäre und ich darüber gegrübelt hätte, ob sie nicht nur eine Ausgeburt meiner Phantasie war. Mir kommt alles so unwirklich vor. Soll ich darauf hoffen, sie eines Tages wieder zu sehen? Ich weiß nicht. Und auch frage ich mich, und das nicht nur beim Betreten von Straßenbahnschienen, ob ich mir der Einfachheit und Überschaubarkeit wegen meinen Engel doch lieber in die Schlafstätten gehobener Würzburger Etablissements hätte wünschen sollen. Bleibt allerdings die Frage, was wir dabei mit ihren Flügeln gemacht hätten ...

Letzte Aktualisierung: 13.04.2008 - 10.27 Uhr
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