Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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April 2008
Die Zärtlichkeit des Schreibens
von Dirk Werner

Kaum eine andere körperliche Bewegung hinterlässt so eigen ihre Spur wie das Schreiben – und manche Handschriften üben eine magische Wirkung aus.
Während der Monate als Soldat schrieb ich in meinen Briefen nach draußen nichts über das Leben in der
Kaserne, und wie ich dazu stand. Es war verboten und
unter Strafe gestellt. Die Briefe wurden kontrolliert. Und
doch schrieb ich über die Verhältnisse, meine Schrift tat es von allein. Nie schrieb ich in kleineren engeren Buchstaben, die ich mit äußerstem Druck mit einem Kugelschreiber zu Papier brachte. Ich füllte die Seiten mit Gedanken an vergangene oder kommende Zeiten. Die Kaserne und mein Leben darin ließ ich weg.
Bald nach der Entlassung lernte ich die junge Frau eines Offiziers kennen. War es Rache? War es Gier? Wir schliefen miteinander.
Marie hatte damals oft in Berlin zu tun. Insgesamt dreizehn Nächte verbrachten wir miteinander. Wir trafen uns in meiner Wohnung, ehe sie zurück zu ihrem Mann fuhr. Sie schrieb mir oft, und meine Briefe erreichten sie in der Redaktion.

Maries Briefe waren wie Schafwolle. Die Schrift lauter kleine Kringel auf feinem, weichem Papier, nur eben Kugelschreiberlinien. Eine kleine, runde Schrift, und ich hätte es sehen müssen: zu ebenmäßig: zu mutlos.
Einmal klingelte Marie wieder bei mir. Wir küssten uns noch auf der Schwelle, und ich führte sie an der Hand ins Halbdunkel des Zimmers. Eine Kerze brannte.
Ich entkleidete sie, entkleidete mich, es knackte und raschelte und atmete. Unsere Stimmen summten. Meine Hand fand ihre Haut, die hell und rein war wie Papier.
Und das war meine magische Schrift.
Mit großer Zärtlichkeit beschrieb ich ihren Leib aus seidenweichem Papier.
Meine Hand beschrieb sie/ fand sie und erfand sie/ fühlte, begriff, erfuhr sie/ befingerte, drang zu ihr/ umschmeichelte, umfing, umwarb/ bestach, befleckte, belangte/ verwischte und verlangte/ gab und nahm und starb/ schmiegte, schwieg und schwor.
So führte sie ein geheimes Leben, war ein eigener Leib, ein Ich ohne Arm, Schulter, Bauch und Bein. War gierig, selbstlos, versessen, ohne Namen und Besinnung, im Halbdunkel zupackend.

Am Morgen, als Marie fortging, lehnte ich mich aus dem Fenster und sah ihr nach. Für einen Augenblick blieb sie unten auf der Straße stehen. Eine schwarze Katze kreuzte ihren Weg. Nur zögernd setzte sie ihren Weg fort.

So oft wir uns sahen, wir machten keinen reinen Tisch. Sie kam zwar, um sich von mir beschreiben zu lassen. Sie wies mir ihre makellose Haut vor. Die stummen, geschwungenen Schatten ihrer Brüste, als hätte nie jemand sonst sein Gesicht daran gelegt. Ihren Bauch, die nackten Schultern und die Innenflächen ihrer Unterarme, als würde es keinen anderen Mann geben. Sie waren Landschaften, Reliefs, Plätze und magische Orte, die ich nicht oft genug neu entdecken konnte.

Marie lag auf dem Bauch. Ich saß auf ihr. Ich ließ meine Hände ihren nackten Rücken entlang fahren.
Welche Hand ist das, Marie? Links oder rechts?
Welche Fingerspitze ist das? Errätst du es?
Zuerst riet sie fast immer falsch.
Marie wusste so viel, aber sie ahnte zu wenig von meinen Händen. Ihr Rücken konnte meine Hände und Finger nicht auseinander halten, war ein dumpf empfangender Buckel.

Doch dann begann ich, öfter auf ihrem Rücken zu schreiben. Wieder mit meinen Fingern, mit dem Zeigefinger, zuerst einzelne Symbole und Buchstaben – oder Zahlen, die noch charakteristischer waren – einfache Worte. Sie las mit dem Rücken. Las die Buchstaben, die Worte auf und sagte sie aus dem Laken heraus.

X
Y
EXIL
DU
ICH
HAUT

Ich schrieb mit Speichel, Wasser, Wein. Manchmal dachte ich, Marie sei eingeschlafen, wenn es etwas länger dauerte, bis sie antwortete. Vielleicht war es ihr Anteil an dem Spiel, die Antwort hinaus zu zögern. Es hat mich oft gerührt, wenn dann doch ihre Worte kamen, einsilbig, ernst.

ADE
?
LEIB
BLEIB

Pass auf, Marie, jetzt kommt ein Satz, insgesamt sechs Worte, sagte ich.
Sechs Worte, murmelte sie schläfrig.

WIE
GEHT
ES
WEITER
MIT
UNS,

schrieb ich ein Wort nach dem anderen auf der Tafel aus feiner Haut, indem ich nach jedem Wort zärtlich über ihren Rücken wischte.
Sie sagte jedes Wort, das ich auf ihren Rücken geschrieben. Sie sagte nicht den ganzen Satz. Währenddessen seilte sich eine Spinne langsam von der Decke. Einen Zentimeter über Maries Haut hielt sie inne. Ich sagte davon nichts.
Am Morgen, an der Tür, verabschiedeten wir uns wie immer. Wir küssten uns nicht, umarmten uns nur. Sie ging dann schnell die Treppen runter.

An ihrer Seite war ich zu einer Art Offizier geworden. Ihrer unglaublichen Schönheit hörig, der Macht des Verführerischen erlegen, auf einem Marsch hinter einer leichten und durchsichtigen Flagge, deren Anblick mich bannte. – Offiziere gehören überall auf der Welt zu den Gehorsamsten und den Privilegierten. – Ich rief auf zum Putsch. Doch es war zu spät. Denn die ganze Zeit über sagten ihre Fingerspitzen nichts. Wirklich nichts.

Ich lag wieder neben Marie. Ich setzte mich auf.
Ich kann mich nicht entscheiden, sagte sie.
Du bist doch längst entschieden, antwortete ich.
Du kommst doch nur wegen der Schrift, weil dir meine Schrift so gut gefällt.
Und nach einer Weile ergänzte ich: Und nur meine Schrift.

Später in dieser Nacht begannen wir noch einmal unser Spiel. Ich setzte mich auf sie. Ich berührte sie mit meinen Händen.
Ich werd dir was schreiben, ja. Mal sehn, ob du’s lesen kannst.

DU
BLEIB
MIR

las Marie. Langsam, zögernd. Du bleib mir, sagte ihr nach unten gewandter Mund. Ich zog seitlich unter der Matratze ein Taschentuch hervor und wischte mir den Finger sorgfältig ab. Ich hatte beim Schreiben oft absetzen müssen, aber Marie war schon schläfrig. Sie achtete auch nicht auf das kleine Geräusch, als ich das Tintenfass zuschraubte und es zurück auf das Regal schob.

DU stand blau zwischen ihren Schulterblättern. BLEIB in gleichgroßen Buchstaben darunter. Zwischen den Wölbungen ihrer Hüften, das Tal mit den Wellen ihrer Wirbelsäule hieß MIR.

Der nächste Tag war ein Freitag. Ich wartete gespannt, bis sie aus dem Bad kam. Kann ich deinen BH zumachen. Ich zog sie gern an und aus.
DU BLEIB MIR, stand dort, das DU vom BH unterstrichen. Ich küsste ihren Hals. Einen Augenblick lang dachte ich an die Spinne, die im Schein der Kerze so nahe an Maries Haut war.
An der Tür haben wir uns nur umarmt. Dann lief sie die Treppe hinunter. Gedankenverloren riss ich ein Blatt vom Kalender. Die 13 erschien.

Wir sahen uns nie wieder.

Letzte Aktualisierung: 12.04.2008 - 15.11 Uhr
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