Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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April 2008
Ein liebenswerter Spinner
von Petra Kleinmaier

Dunkle Wolken hingen bedrohlich über der Stadt, und obwohl bisher noch kein Tropfen vom Himmel gefallen war, roch es nach Regen. Es war bereits kühl geworden. Zu kühl für einen Tag Anfang September. Der ungemütliche Wind, der durch die Gassen fegte, ließ den Herbst erahnen. Ich schlenderte gemütlich über die Marktgasse Richtung Johanniterkirche, beobachtete die Menschen und amüsierte mich dabei. Finstere Mienen auf unglücklichen Gesichtern huschten an mir vorüber – als könnten sie durch diesen Protest die Sonne zwingen zu scheinen oder die dunkleren Jahreszeiten vertreiben.
Schmunzelnd steuerte ich den kleinen Brunnen neben der Kirche an. Im Sommer hatten hier die Tauben gebadet, aber jetzt spuckte er kein Wasser mehr aus. Ich setzte mich auf die Parkbank, streckte meine Beine aus und zündete mir eine Zigarette an. Dies war der perfekte Platz, um zu beobachten und nachzudenken. Doch nach dem ersten Zug lenkte hektisches Geschnatter meine Aufmerksamkeit auf die Telefonzelle schräg gegenüber: "...unglaublich warm, sehr warm... schwitze wie ein Schwein... unglaublich blau der Himmel, strahlend blau... sogar hier vor der Zelle stehen Palmen, Palmen überall... unglaublich, Sand, soweit das Auge reicht... hab mir heute die Füße im Sand verbrannt, richtig verbrannt... autsch... unglaublich…" Wenn das nicht interessant war! Plötzlich vergaß ich all die Miesepeter um mich herum. Ich musste unbedingt wissen, wer hier so ungeniert ins Telefon log, den stadtweiten Protest quasi auf die Spitze trieb.
Also wartete ich und lauschte den aufgeregten Erzählungen vom Angriff der Haie und von Wellen, die mindestens zehn Meter hoch waren.

Gerade als ich mir die zweite Zigarette anstecken wollte, flog die Tür der Telefonzelle scheppernd auf und mir wurde alles klar: "Hey Paul, alles okay bei dir? Willst du eine Kippe?"
Das strahlende Lächeln, das jede Menge Zahnlücken freilegte, beantwortete meine Frage von selbst. Mit hängenden Schultern schlurfte Paul auf mich zu. Sein großer Zeh schaute keck durch das Loch in seinem linken Pantoffel. Hinter sich zog er seinen Plüschhund her, starr vor Dreck, das zottelige Fell an manchen Stellen schon bis zur Füllung durchgescheuert. Paul ließ sich plump neben mich auf die Bank fallen und grapschte ungeschickt nach der Zigarette, die ich ihm hinhielt: "... unglaublich, danke danke danke Anke... schönes Wetter heute Leute... bei dir auch alles okay? ... hab telefoniert... hatte den Papst dran... Amen...", dann kicherte er laut. Ein paar finstere Mienen blickten sich um, auf der Suche nach dem Unhold, der es wagte, an so einem grauen Tag fröhlich zu sein. Paul bemerkte sie nicht. Er streichelte liebevoll seinen treuen, plüschigen Freund, den er inzwischen auf seinen Schoß gezogen hatte und redete beruhigend auf ihn ein. Hin und wieder nuckelte er an der Zigarette, die er sich nicht einmal angezündet hatte.
Ich betrachtete ihn schweigend. Seine viel zu kurze Jogginghose hatte Löcher, sein T-Shirt war fleckig und die Strickjacke an den Ärmeln ausgefranst. Jeder in Feldkirch kannte Paul. Manche behaupteten sogar, er wäre das inoffizielle Wahrzeichen der Stadt. Kinder lachten über ihn und er mit ihnen. Die Erwachsenen duldeten oder ignorierten ihn einfach. Die Touristen machten begeistert Fotos oder schüttelten bedauernd ihre Köpfe über diesen armen Spinner. Für mich gehörte er dazu, machte das Stadtbild erst komplett: der Dom, die Burg, das alte Rathaus, Paul. Ging ich einmal durch die Stadt, ohne auf ihn zu treffen, hatte ich das Gefühl, dass etwas fehlte. Er war da, so lange ich denken konnte...

Ein erschreckter Aufschrei riss mich aus meinen Gedanken: "Huch! So unglaublich spät schon... muss sofort los..." Aufgeregt deutete er auf die Turmuhr der Johanniterkirche. Die Zeiger hatten sich seit Jahren nicht mehr bewegt, verharrten geduldig auf viertel nach vier.
Mit ausholender Geste schubste er den Hund von seinen Knien und zog ein letztes Mal an seinem trockenen Glimmstängel. Dann steckte er ihn hinters Ohr und sprang auf. Galant verbeugte er sich, schnappte meine Hand und schüttelte sie kräftig: "Es war mir eine Freude... unglaubliche Freude, Lady... muss jetzt weiter, wirklich weiter... der Papst erwartet mich..."
Ich zwinkerte ihm verschwörerisch zu: "Hasta la vista, baby. Halt die Ohren steif, Paul". Er kicherte wieder sein unverwechselbares Kichern und machte sich auf den Weg, ein fröhliches Lied auf den Lippen. Lange schaute ich ihm nach, bis er schließlich, seinen Plüschhund hinter sich herzerrend, in der Schmiedgasse verschwunden war.

Dicke Tropfen fielen aus dunklen Wolken und der Wind fegte noch immer ungemütlich durch die Gassen, als ich nach Hause ging. Ich ignorierte die finsteren Mienen auf unglücklichen Gesichtern, die an mir vorüber huschten. Lieber dachte ich an einen liebenswerten Spinner, der offenbar um so viel glücklicher war, weil in seiner Welt wahrscheinlich das ganze Jahr die Sonne schien.

Letzte Aktualisierung: 20.04.2008 - 20.04 Uhr
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