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Mai 2008
Interview
von Esther Schmidt

Hose, Rollkragenpullover, Jackett darüber: für Regine Traber war dieses Outfit ausgesprochen hochgeschlossen. Doch der Gedanke, einem ehemaligen Triebtäter gegenüber zu treten, verunsicherte sie, selbst wenn der Mann schon über siebzig war. Drei Frauen hatte er vergewaltigt und ermordet, bevor die Polizei ihn hatte stellen können. „Das Monster von Hamburg“ hatte die Presse ihn damals betitelt. Inzwischen hatte er seine Strafe abgebüßt, war resozialisiert, wie es im Bürokratendeutsch hieß. Und sie war hier, um den Menschen hinter dem „Monster“ zu besuchen.
Nach ihrem Klingeln dauerte es eine ganze Weile, bis sie schlurfende Schritte hörte. Dann öffnete sich die Tür einen Spalt breit. Ein einzelnes, misstrauisches Auge musterte sie.
"Guten Tag, Herr Kröger. Mein Name ist Traber, von der "Abendpost". Ihr Sozialhelfer, Herr Weinert, hat mich angekündigt."
Einen Moment lang regte sich gar nichts. Nur das Auge musterte sie weiter, ohne zu blinzeln. Schließlich schwang die Tür auf und sie konnte die ganze, verhutzelte Gestalt sehen.
Georg Kröger war das, was man einen Hungerhaken nennt. Regine registrierte erleichtert, dass sie vor diesem klapprigen Greis im ausgeleierten graugrünen Jogging-Anzug wirklich keine Angst zu haben brauchte. Im nächsten Moment stieg ihr der Gestank der Wohnung in die Nase und ihr stockte der Atem.
Weinert hatte sie gewarnt: "Das Amt finanziert nur einmal im Monat eine Putzhilfe. Sie sollten sich genau überlegen, wann Sie Herrn Kröger besuchen."
Das hatte sie getan. Sie wusste, dass Anfang nächster Woche ein Putztermin anstand - so konnte sie den besten Eindruck von den echten Wohnverhältnissen eines Mannes erhalten, der vierzig Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht hatte und danach in die fremd gewordenen Freiheit gestoßen worden war.
Ohne ein Wort drehte Kröger sich um und schlurfte durch den engen Flur. Regine folgte ihm, vorbei an zwei Haufen leerer Plastikverpackungen und Konservendosen, in denen Essensreste vor sich hin schimmelten. Unter den Haufen waren noch schwach die Umrisse von Kisten auszumachen, die wohl als Müllbehälter gedacht waren.
Das Wohnzimmer, in das Kröger sie führte, wirkte zugleich unordentlich und kahl. Eine verschlissene Couch, ein fleckiger Sessel, ein Tisch und ein Fernseher auf einer Kiste waren die gesamte Einrichtung. Der übliche Nippes, der einem Zimmer den Charakter seines Bewohners verleiht, fehlte völlig: keine Bücher, keine Bilder an den Wänden, kein Teppich auf dem grauen Linoleum. Auf dem Tisch wölbte sich eine Pyramide aus Tellern und den Papp- und Alu-Verpackungen diverser Fertiggerichte. Fliegen umschwirrten den fauligen Gestank und Regine nahm kurz eine Bewegung in einem der unteren Behälter wahr, bevor sie sich rasch abwandte. Kröger hatte sich in den Sessel fallen lassen und stierte auf den Fernseher, der nicht eingeschaltet war. Regines Blick folgte dem Stromkabel und fand den Stecker herausgezogen vor der Steckdose liegend. Sie versuchte sich ein Leben vorzustellen, in dem man Tag aus Tag ein auf einen dunklen Fernseher starrte, und konnte es nicht. Sie räusperte sich und der Blick des Alten irrte zu ihr herüber.
„Sie leben hier seit fast sieben Monaten“, begann sie. „Wie kommen Sie mit dem Leben in Freiheit zu Recht?“ Die Frage erschien ihr überflüssig, nach dem, was sie hier sah, doch es war nun mal die erste Frage auf ihrer Liste.
Kröger nickte.
„Es ist alles, wie es sein soll“, sagte er.
„Halten Sie die Betreuung von staatlicher Seite für ausreichend?“, fragte sie weiter.
„Es ist schon gut“, murmelte er zusammenhangslos. „Es ist richtig, wie es ist.“
Sie versuchte es anders.
„Sie waren vierzig Jahre lang fremdbestimmt. Niemand kann erwarten, dass Sie mit einem Leben in der ungewohnten Freiheit zurecht kommen. Fühlen Sie sich damit nicht allein gelassen?“
„Oh, aber ich bin nicht allein.“ Er hatte die Brauen gehoben. „Ich wünschte manchmal, ich wäre es.“ Dann zog er den Kopf zwischen die Schultern und murmelte leise „’tschuldigung.“
Es war klar, dass der alte Mann völlig verwirrt war. Es war verantwortungslos, dass sich niemand um ihn kümmerte. Aus seiner Akte wusste sie, dass er zu autoaggressiven Handlungen neigte. Gab es jemanden, der darauf acht hatte?
„Sie haben im Gefängnis angefangen, sich selbst zu verstümmeln.“ Sie blickte auf seine Unterarme und er zog verschämt den zu kurzen Ärmel über die parallel verlaufenden Narben.
„Ich .. ich mache das nicht mehr“, versicherte er und begann, seinen Oberkörper vor und zurück zu bewegen.
„Sie hatten therapeutische Betreuung, im Gefängnis, nicht wahr?“
„Ja“, Kröger nickte eilig. „Und ich weiß jetzt, dass es falsch war. Ich ... es tut mir so leid!“ Er blickte zum Fenster hinüber und wiederholte leise: „Wirklich, es tut mir unendlich leid!“
„Werden Sie denn noch immer psychologisch betreut, oder lässt man sie jetzt einfach allein?“
Sein Blick wanderte zu ihr zurück.
„Ich bin nicht allein“, versicherte er noch einmal. Das entsprach ganz klar nicht der Wahrheit. Sah er denn irgendeinen anderen Menschen als das Putzteam? Selbst sein Bewährungshelfer schaute nur noch zweimal im Jahr vorbei. Kröger war kein zu betreuender Fall mehr, er war versorgt, lebte friedlich – besser gesagt: vegetierte vor sich hin, verschüttet unter Müll und Einsamkeit.
„Haben Sie das Gefühl, der Staat sollte mehr Verantwortung für Sie übernehmen? Ich meine, nach vierzig Jahren Gefängnis hat er Ihnen ein normales Leben praktisch unmöglich gemacht. Wünschen Sie sich nicht manchmal, dass das alles hier aufhört?“
Er nickte zustimmend und sie konnte eine unendliche Traurigkeit in seinem Blick erkennen.
„Aber sie lassen mich nicht gehen“, flüsterte er.

____________________

Georg Kröger schloss die Tür hinter der Reporterin und blieb einen Moment lang im Flur stehen. Er wollte sich nicht umdrehen, wollte SIE nicht sehen, wie sie im Wohnzimmer saßen und zu ihm herüber starrten. Doch dann hörte er Susannes hämische Stimme.
„Na? Besuch gehabt?“
„Ich habe sie nicht eingeladen“, verteidigte er sich hilflos.
Mit hängenden Schultern schlurfte er ins Wohnzimmer zurück.
Die kleine Rosi saß auf der Fensterbank und schaukelte mit den Beinen – diese Beine, über die sein Samen und das Blut ihrer Jungfräulichkeit verschmiert waren. Sie hatte so sehr geschrieen. Er hatte ihr nur den Mund zuhalten wollen, damit sie nicht so schrie. Sie war die erste gewesen, er hatte noch keine Erfahrung gehabt.
„Das hat dir Spaß gemacht, nicht wahr?“ Susanne hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Sie war die resoluteste der drei. „Ein bisschen Abwechslung in deinem tristen Leben.“
„Ich hab sie nicht eingeladen!“, sagte er noch einmal. Susanne beugte sich vor, so dass er die hässlichen Stichwunden in ihrem Ausschnitt sah.
„Aber du hast sie reingelassen.“
„Ich ... ich ...“ er suchte nach einer Entschuldigung, doch er fand keine. „Es tut mir leid.“
„Es tut mir leid“, äffte Susanne ihn nach. „Was meint ihr, Mädels?“ Sie schaute sich auffordernd im Zimmer um. „Das verlangt nach Strafe, oder nicht?“
„Jaa!“, krähte Rosi begeistert und klatschte in die Hände. „Strafe!“
Karina sagte gar nichts. Sie sagte nie etwas. Es ging nicht mehr, seit er ihr die Kehle durchgeschnitten hatte. Dafür sah sie ihn an mit ihren großen, vorwurfsvollen Augen, die immerzu in Tränen zu schwimmen schienen.
„Ich wäre Ärztin geworden“, sagten diese Augen. So wie ihre Mutter es im Gerichtssaal gesagt hatte, die Worte halb erstickt in ihrem Taschentuch. „Sie wäre Ärztin geworden!“
„Na los, zeig mir dein Bein!“ Susanne glühte vor Vorfreude. Gehorsam schob er das Hosenbein in die Höhe. Die Schnitte waren entzündet und schmerzten. Doch er wusste, dass es keine Blutvergiftung geben würde. Sie würden nicht zulassen, dass er endlich starb.
Mit zitternder Hand zog er das Brotmesser unter der Pizzaverpackung hervor und hörte Susannes hämisches Lachen.

Letzte Aktualisierung: 27.05.2008 - 19.36 Uhr
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