Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Mai 2008
Auf Höhlensuche
von Vera Klee

„Das ist nun schon unsere fünfundvierzigste Besichtigung, so langsam könntest du dich wirklich entscheiden!“, Herr V. schaute seine Freundin vorwurfsvoll an. An jeder neuen Höhle hatte sie etwas anderes auszusetzen. Es kam ihm schon langsam so vor, als wolle sie gar nicht mehr mit ihm zusammenziehen.
„Ja und, und wenn es hundert werden. Sie soll uns schließlich gefallen!“ Frau V. schlug aufgebracht mit ihren Flügeln. „Wo bleibt er denn? Es ist schon fünf nach zwölf!“, sie flog ein Stück höher, um besser Ausschau halten zu können.
„Der Makler wird schon kommen, es sei denn, er zählt uns zu den hoffnungslosen Fällen.“ Herr V. war es mittlerweile schon unangenehm, dem Höhlenmakler mitzuteilen, dass sie noch immer nicht das richtige Domizil gefunden hatten. Doch es gab in dieser Gegend nur diesen einen Makler, der die gewünschten Höhlen im Angebot führte.
„Also für so viel Geld, das wir ihm zahlen werden, sollte er zumindest pünktlich sein!“ Seine Fledermausfreundin wurde ungeduldig. Immer wenn sie aufgeregt war, zitterte ihr rechter Flügel. „Ach, da kommt er ja.“
Der Makler landete ein Stück entfernt auf einer kleinen Lichtung und spazierte mit einer Aktenmappe zu ihnen hinüber. Zur Begrüßung senkte er seinen Kopf und hob ihn wieder hoch.
„Na, dann wollen wir mal. Sie ist direkt frei, sie könnten sofort einziehen. Mit den Eigentümern ist ein Abkommen getroffen worden. Sobald einige Fledermäuse die Gruppe verlassen, dürfen neue hinzukommen. Sie wären die nächsten auf der Warteliste. Bitte folgen sie mir.“ Er schritt voran und Familie V. folgte ihm neugierig. Es war schon kurz nach Mitternacht und stockdunkel, doch der Makler wusste, seine Kunden konnten aufgrund ihrer Gattung genug sehen. Der Eingang war ziemlich klein, das gefiel beiden schon sehr gut. Im Inneren der Höhle sahen sie sich erst einmal gründlich um. Der Makler erklärte dieses und jenes und Frau V. fragte ihm wieder einmal Löcher in den Bauch. Geduldig erläuterte dieser alle aufkommenden Fragen. Ruhig und sachlich beschrieb er die Lokalität.
„Also mir gefällt sie,“ wagte Herr V. einzuwerfen, als er auch schon den Kommentar seiner Frau erhielt:
„Nicht so voreilig mein Lieber. Hast du dir die hintere Kammer schon einmal angesehen? Alles ist so trocken und es riecht so steril. Dort sollen schließlich später einmal unsere Kinder Platz zum Spielen bekommen und die lieben es bekanntlich ja feucht und moderig. Außerdem ist der Boden ziemlich abgenutzt und alt. Stell dir vor sie lernen fliegen und fallen hinunter. Also kindgerecht ist die Höhle ja nicht gerade.“ Vorwurfsvoll sah sie den Makler an, der aber professionell regierte und ihre Bemerkung ignorierte.
„Darf ich ihnen noch die Decke präsentieren?“ Er scheuchte einige Vampire zur Seite, die im Weg hingen. „Sehen sie sich doch bitte einmal diese Verarbeitung an.“ Er präsentierte eine hervorragend in Schuss gehaltene Decke, mit der sich beide direkt anfreundeten. Dunkel, uneben und voller Risse, einfach der perfekte Schlafplatz. Die anderen Fledermäuse schienen sich hier wirklich wohl zu fühlen.
„Ich weiß nicht, Schatz ...“ Herr V. verdrehte die Augen, was allerdings nur der Makler sehen konnte.
„Sie ist sehr ruhig gelegen, Futterplätze sind in der Nähe und wenn sie sich einmal umsehen wollen. Die Umgebung ist traumhaft.“ Er wies auf den Höhleneingang, um sich gemeinsam die Außenanlagen anzusehen.
„Ich habe mich einmal umhört, das Gebiet soll demnächst zu einem Naturschutzgebiet erklärt werden, so dass auch tagsüber keine Menschen vorbeikommen. Somit können sie in Ruhe schlafen. Trotzdem sind die nächsten Futterplätze nicht weit entfernt. Nur etwa 30 Flügelschläge, und die nächste Siedlung ist schnell erreicht. An Blut wird es ihnen hier sicher nicht fehlen. 15.000 Einwohner, davon über die Hälfte jünger als 40 Jahre. Also genug Vorräte für die nächsten Jahre.“ Herr und Frau V. sahen sich an. Das hörte sich ja ganz nett an. Herrn V. gefiel es hier. Seine Frau hatte wieder einmal Einwände:
„Aber noch ist das Gebiet nicht geschützt, oder? Können Sie uns versichern, dass wir demnächst über Tag unsere Ruhe haben werden? Und wie gesund sind die Menschen, die hier leben? In unserer letzten Höhle hatten wir nämlich das Pech, dass die Hälfte der Blutvorräte mit Viren verseucht waren, die sich im ungünstigsten Fall sogar auf uns übertragen können.“
„Da kann ich sie beruhigen. Der Vertrag zum Naturschutzgebiet wurde schon vom Bürgermeister unterschrieben und das hier vorrätige Lebendblut, er leckte sich genüsslich über die Lippen, hat eine besonders hohe Qualität. Laut VTB (Vampir-Testbericht) von Dezember letzten Jahres hat es die höchste Bewertung erhalten.“ Herr und Frau V. bekamen Hunger, bei diesen verführerischen Prognosen. Der rechte Flügel von Frau V. zitterte wieder.
„Also der Boden müsste saniert werden und die Nebenhöhle entspricht nicht meinen Vorstellungen.“ Frau V. machte schon Anstalten, die Höhle wieder zu verlassen.
„Aber darüber können wir selbstverständlich noch verhandeln. Wir finden sicher eine Lösung, die beide Seiten zufrieden stellt, da bin ich mir sicher. Kommen sie bitte mit, ich zeige ihnen noch die Umgebung.“ Gemeinsam flogen sie ihre Runde, bis hin zu dem angrenzenden Dorf. Sie überflogen es dreimal, um dann zum Höhleneingang zurückzukehren. Herr V. knurrte der Magen, doch während der Besichtigung war es verboten, Menschen zu beißen, das hatten sie im Maklervertrag unterschreiben müssen. Doch gleich im Anschluss wäre es sicher kein Problem ...
„Lass sie uns nehmen“, er blickte seine Frau hoffnungsvoll an.
„Aber ...“, sie setzte zu ihren üblichen Argumenten an. Viel zu trocken, viel zu schmal, viel zu ... irgendwas. Er küsste sie. Er küsste sie hier und jetzt vor dem Makler. Er wollte endlich den Vertrag unterschreiben. Es war ihm zu anstrengend, jede Nacht die Höhlen zu besichtigen. Er wollte endlich wieder auf Jagd gehen. Richtig ausgehungert war er und abgemagert. Die Höhlensuche machte ihm zu schaffen, er war ja auch nicht mehr die jüngste Fledermaus. Der Flügel seiner Frau zitterte wieder. „Meinst du, sie ist die Richtige?“, zweifelnd sah sie ihm in die Augen.
„Ja, sie ist es, lass sie uns nehmen.“
„Was kostet sie überhaupt?“, ihr Blick fiel wieder zurück auf den Makler.
„Eine Beteiligung an den menschlichen Blutvorräten. Der Besitzer möchte angemessene Anteile an den Blutvorräten, die sie ihm besorgen. Pro Monat Höhlenbewohnung verlangt er eine Beteiligung an einem Menschen. Er ist zu alt, um selbst auf die Nahrungssuche zu gehen. Sie müssten ihm also einen Menschen pro Monat zur Verfügung stellen und hierher bringen. Frischblut sozusagen.“
Sie sahen sich an. Das ging ja noch, beide dachten das Gleiche.
„Wir besprechen das sogleich, bitte warten sie einen Moment.“ Sie flogen zu einem einsamen Felsvorsprung und berieten sich. Frau V. hatte wieder einmal diesen oder jenen Grund, die Höhle nicht zu nehmen, doch die positiven Argumente ihres Mannes und seine Küsse überzeugten sie.
„Und die Höhle liegt einfach fantastisch. Selbst wenn wir alt werden und nicht mehr so weit fliegen können, dreißig Flügelschläge sind noch zu schaffen, was meinst du?“ Er überredete sie zum Kauf und beide flogen zurück.
„Wir nehmen sie“, glücklich übermittelte Herr V. dem Makler ihren Entschluss. Vor Freude schlug er seine ausgeklappten Flügeln hin und her und zeigte lächelnd seine Vampireckzähne. Sie besiegelten den Abschluss mit einem Flügelschlag.
„Dann werde ich den Vertrag aufsetzen. Wenn sie wollen, können sie heute schon hier übernachten.“ Und ob sie wollten. Bevor sie sich jedoch den perfekten Schlafplatz aussuchten, flogen sie noch einmal gemeinsam hinüber zu den Blutvorräten und suchten sich eine hübsche, gesund aussehende Person aus, deren Blut herrlich frisch duftete. Sie flogen durch ein offen stehendes Fenster und bissen gleichzeitig zu. Sie rechts und er links von der hübschen Frau. Gierig sogen sie das Blut aus ihr, ließen ihr jedoch noch genug übrig, damit sich Neues bilden konnte. Erschöpft von der Höhlensuche und dem tagelangen Fasten ließen sie von der Nahrungsquelle ab, flogen zurück zu ihrem neuen Heim und hingen sich kopfüber zu den anderen an die Decke. Sie kuschelten sich ganz dicht aneinander und küssten sich leidenschaftlich. Mittlerweile ging die Sonne auf und beide schliefen glücklich ein, froh, endlich ein gemeinsames Zuhause gefunden zu haben.

Letzte Aktualisierung: 18.05.2008 - 12.27 Uhr
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