Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Mai 2008
Auf Höhlensuche
von Vera Klee

„Das ist nun schon unsere fĂŒnfundvierzigste Besichtigung, so langsam könntest du dich wirklich entscheiden!“, Herr V. schaute seine Freundin vorwurfsvoll an. An jeder neuen Höhle hatte sie etwas anderes auszusetzen. Es kam ihm schon langsam so vor, als wolle sie gar nicht mehr mit ihm zusammenziehen.
„Ja und, und wenn es hundert werden. Sie soll uns schließlich gefallen!“ Frau V. schlug aufgebracht mit ihren FlĂŒgeln. „Wo bleibt er denn? Es ist schon fĂŒnf nach zwölf!“, sie flog ein StĂŒck höher, um besser Ausschau halten zu können.
„Der Makler wird schon kommen, es sei denn, er zĂ€hlt uns zu den hoffnungslosen FĂ€llen.“ Herr V. war es mittlerweile schon unangenehm, dem Höhlenmakler mitzuteilen, dass sie noch immer nicht das richtige Domizil gefunden hatten. Doch es gab in dieser Gegend nur diesen einen Makler, der die gewĂŒnschten Höhlen im Angebot fĂŒhrte.
„Also fĂŒr so viel Geld, das wir ihm zahlen werden, sollte er zumindest pĂŒnktlich sein!“ Seine Fledermausfreundin wurde ungeduldig. Immer wenn sie aufgeregt war, zitterte ihr rechter FlĂŒgel. „Ach, da kommt er ja.“
Der Makler landete ein StĂŒck entfernt auf einer kleinen Lichtung und spazierte mit einer Aktenmappe zu ihnen hinĂŒber. Zur BegrĂŒĂŸung senkte er seinen Kopf und hob ihn wieder hoch.
„Na, dann wollen wir mal. Sie ist direkt frei, sie könnten sofort einziehen. Mit den EigentĂŒmern ist ein Abkommen getroffen worden. Sobald einige FledermĂ€use die Gruppe verlassen, dĂŒrfen neue hinzukommen. Sie wĂ€ren die nĂ€chsten auf der Warteliste. Bitte folgen sie mir.“ Er schritt voran und Familie V. folgte ihm neugierig. Es war schon kurz nach Mitternacht und stockdunkel, doch der Makler wusste, seine Kunden konnten aufgrund ihrer Gattung genug sehen. Der Eingang war ziemlich klein, das gefiel beiden schon sehr gut. Im Inneren der Höhle sahen sie sich erst einmal grĂŒndlich um. Der Makler erklĂ€rte dieses und jenes und Frau V. fragte ihm wieder einmal Löcher in den Bauch. Geduldig erlĂ€uterte dieser alle aufkommenden Fragen. Ruhig und sachlich beschrieb er die LokalitĂ€t.
„Also mir gefĂ€llt sie,“ wagte Herr V. einzuwerfen, als er auch schon den Kommentar seiner Frau erhielt:
„Nicht so voreilig mein Lieber. Hast du dir die hintere Kammer schon einmal angesehen? Alles ist so trocken und es riecht so steril. Dort sollen schließlich spĂ€ter einmal unsere Kinder Platz zum Spielen bekommen und die lieben es bekanntlich ja feucht und moderig. Außerdem ist der Boden ziemlich abgenutzt und alt. Stell dir vor sie lernen fliegen und fallen hinunter. Also kindgerecht ist die Höhle ja nicht gerade.“ Vorwurfsvoll sah sie den Makler an, der aber professionell regierte und ihre Bemerkung ignorierte.
„Darf ich ihnen noch die Decke prĂ€sentieren?“ Er scheuchte einige Vampire zur Seite, die im Weg hingen. „Sehen sie sich doch bitte einmal diese Verarbeitung an.“ Er prĂ€sentierte eine hervorragend in Schuss gehaltene Decke, mit der sich beide direkt anfreundeten. Dunkel, uneben und voller Risse, einfach der perfekte Schlafplatz. Die anderen FledermĂ€use schienen sich hier wirklich wohl zu fĂŒhlen.
„Ich weiß nicht, Schatz ...“ Herr V. verdrehte die Augen, was allerdings nur der Makler sehen konnte.
„Sie ist sehr ruhig gelegen, FutterplĂ€tze sind in der NĂ€he und wenn sie sich einmal umsehen wollen. Die Umgebung ist traumhaft.“ Er wies auf den Höhleneingang, um sich gemeinsam die Außenanlagen anzusehen.
„Ich habe mich einmal umhört, das Gebiet soll demnĂ€chst zu einem Naturschutzgebiet erklĂ€rt werden, so dass auch tagsĂŒber keine Menschen vorbeikommen. Somit können sie in Ruhe schlafen. Trotzdem sind die nĂ€chsten FutterplĂ€tze nicht weit entfernt. Nur etwa 30 FlĂŒgelschlĂ€ge, und die nĂ€chste Siedlung ist schnell erreicht. An Blut wird es ihnen hier sicher nicht fehlen. 15.000 Einwohner, davon ĂŒber die HĂ€lfte jĂŒnger als 40 Jahre. Also genug VorrĂ€te fĂŒr die nĂ€chsten Jahre.“ Herr und Frau V. sahen sich an. Das hörte sich ja ganz nett an. Herrn V. gefiel es hier. Seine Frau hatte wieder einmal EinwĂ€nde:
„Aber noch ist das Gebiet nicht geschĂŒtzt, oder? Können Sie uns versichern, dass wir demnĂ€chst ĂŒber Tag unsere Ruhe haben werden? Und wie gesund sind die Menschen, die hier leben? In unserer letzten Höhle hatten wir nĂ€mlich das Pech, dass die HĂ€lfte der BlutvorrĂ€te mit Viren verseucht waren, die sich im ungĂŒnstigsten Fall sogar auf uns ĂŒbertragen können.“
„Da kann ich sie beruhigen. Der Vertrag zum Naturschutzgebiet wurde schon vom BĂŒrgermeister unterschrieben und das hier vorrĂ€tige Lebendblut, er leckte sich genĂŒsslich ĂŒber die Lippen, hat eine besonders hohe QualitĂ€t. Laut VTB (Vampir-Testbericht) von Dezember letzten Jahres hat es die höchste Bewertung erhalten.“ Herr und Frau V. bekamen Hunger, bei diesen verfĂŒhrerischen Prognosen. Der rechte FlĂŒgel von Frau V. zitterte wieder.
„Also der Boden mĂŒsste saniert werden und die Nebenhöhle entspricht nicht meinen Vorstellungen.“ Frau V. machte schon Anstalten, die Höhle wieder zu verlassen.
„Aber darĂŒber können wir selbstverstĂ€ndlich noch verhandeln. Wir finden sicher eine Lösung, die beide Seiten zufrieden stellt, da bin ich mir sicher. Kommen sie bitte mit, ich zeige ihnen noch die Umgebung.“ Gemeinsam flogen sie ihre Runde, bis hin zu dem angrenzenden Dorf. Sie ĂŒberflogen es dreimal, um dann zum Höhleneingang zurĂŒckzukehren. Herr V. knurrte der Magen, doch wĂ€hrend der Besichtigung war es verboten, Menschen zu beißen, das hatten sie im Maklervertrag unterschreiben mĂŒssen. Doch gleich im Anschluss wĂ€re es sicher kein Problem ...
„Lass sie uns nehmen“, er blickte seine Frau hoffnungsvoll an.
„Aber ...“, sie setzte zu ihren ĂŒblichen Argumenten an. Viel zu trocken, viel zu schmal, viel zu ... irgendwas. Er kĂŒsste sie. Er kĂŒsste sie hier und jetzt vor dem Makler. Er wollte endlich den Vertrag unterschreiben. Es war ihm zu anstrengend, jede Nacht die Höhlen zu besichtigen. Er wollte endlich wieder auf Jagd gehen. Richtig ausgehungert war er und abgemagert. Die Höhlensuche machte ihm zu schaffen, er war ja auch nicht mehr die jĂŒngste Fledermaus. Der FlĂŒgel seiner Frau zitterte wieder. „Meinst du, sie ist die Richtige?“, zweifelnd sah sie ihm in die Augen.
„Ja, sie ist es, lass sie uns nehmen.“
„Was kostet sie ĂŒberhaupt?“, ihr Blick fiel wieder zurĂŒck auf den Makler.
„Eine Beteiligung an den menschlichen BlutvorrĂ€ten. Der Besitzer möchte angemessene Anteile an den BlutvorrĂ€ten, die sie ihm besorgen. Pro Monat Höhlenbewohnung verlangt er eine Beteiligung an einem Menschen. Er ist zu alt, um selbst auf die Nahrungssuche zu gehen. Sie mĂŒssten ihm also einen Menschen pro Monat zur VerfĂŒgung stellen und hierher bringen. Frischblut sozusagen.“
Sie sahen sich an. Das ging ja noch, beide dachten das Gleiche.
„Wir besprechen das sogleich, bitte warten sie einen Moment.“ Sie flogen zu einem einsamen Felsvorsprung und berieten sich. Frau V. hatte wieder einmal diesen oder jenen Grund, die Höhle nicht zu nehmen, doch die positiven Argumente ihres Mannes und seine KĂŒsse ĂŒberzeugten sie.
„Und die Höhle liegt einfach fantastisch. Selbst wenn wir alt werden und nicht mehr so weit fliegen können, dreißig FlĂŒgelschlĂ€ge sind noch zu schaffen, was meinst du?“ Er ĂŒberredete sie zum Kauf und beide flogen zurĂŒck.
„Wir nehmen sie“, glĂŒcklich ĂŒbermittelte Herr V. dem Makler ihren Entschluss. Vor Freude schlug er seine ausgeklappten FlĂŒgeln hin und her und zeigte lĂ€chelnd seine VampireckzĂ€hne. Sie besiegelten den Abschluss mit einem FlĂŒgelschlag.
„Dann werde ich den Vertrag aufsetzen. Wenn sie wollen, können sie heute schon hier ĂŒbernachten.“ Und ob sie wollten. Bevor sie sich jedoch den perfekten Schlafplatz aussuchten, flogen sie noch einmal gemeinsam hinĂŒber zu den BlutvorrĂ€ten und suchten sich eine hĂŒbsche, gesund aussehende Person aus, deren Blut herrlich frisch duftete. Sie flogen durch ein offen stehendes Fenster und bissen gleichzeitig zu. Sie rechts und er links von der hĂŒbschen Frau. Gierig sogen sie das Blut aus ihr, ließen ihr jedoch noch genug ĂŒbrig, damit sich Neues bilden konnte. Erschöpft von der Höhlensuche und dem tagelangen Fasten ließen sie von der Nahrungsquelle ab, flogen zurĂŒck zu ihrem neuen Heim und hingen sich kopfĂŒber zu den anderen an die Decke. Sie kuschelten sich ganz dicht aneinander und kĂŒssten sich leidenschaftlich. Mittlerweile ging die Sonne auf und beide schliefen glĂŒcklich ein, froh, endlich ein gemeinsames Zuhause gefunden zu haben.

Letzte Aktualisierung: 18.05.2008 - 12.27 Uhr
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