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Mai 2008
Im Aufenthalt bis zum Tod
von Isabell Karch

Für alles gibt es heute Auffangstationen, die von Menschen gemacht, sich um Menschen kümmern sollen. So auch das Seniorenheim, als letzter Aufenthalt bis zum Tod.
An dem Tag, als meine Oma ins Seniorenheim kam – an diesen Tag kann ich mich kaum noch erinnern. Anders als meine Oma. Es war der Tag, an dem ihre komplette Zimmereinrichtung an die Verwandtschaft verteilt wurde. Nichts von all dem sollte und wollte sie behalten. Ihr neues Zuhause - ein kleiner schmaler Raum, der an Krankenhaus erinnert - schmückte lediglich als Erinnerung an ihr altes Leben das Foto meines Opas und eine Kegelmedaille von der KAB. Woher das Foto an der Wand von Kassel Wilhelmshöhe stammt, das weiß niemand so recht. Das neue Zimmer meiner Oma ist ein Zimmer mit zwei Namen. Den meiner Oma und einem zweiten, der in der Kürze der Zeit schon zwei Mal gewechselt hat. Jetzt muss der Name erneut geändert werden, denn die Frau neben meiner Oma ist gestern verstorben. Eine Tatsache, die nicht wirklich auffällt, denn Frau Ebert lag seit mehr als acht Jahren im Koma. Ein lebendiger Körper nicht fähig jedweder Konversation. Aber die gebe es laut meiner Oma sowieso nicht im Seniorenheim. Freunde, ebenso Fehlanzeige. Woher die Frau da vorne stamme, frage ich sie. „Weiß ich nicht“, kommt als knappe Antwort. Warum ist sie hier? Schulterzucken. Man lebt zusammen und eben doch nicht. Man spricht miteinander und auch nicht. Man muss eben. Der Tag, an dem meine Oma in den Aufenthalt bis zum Tod kam, war auch der Tag, an dem sie eine Nummer erhielt. Wir alle besitzen eine Nummer – eine Sozialversicherungsnummer, eine Arbeitnehmernummer, eine Telefonnummer – aber keine, die in jeden Socken, in jede Unterhose, in jedes unserer Kleidungsstücke eingenäht ist, mit leuchtroten Buchstaben. Die „808“. Wird bei dem Tode meiner Oma wohl auch in ein hausinternes Lockbuch geschrieben? "808 ist tot: Zimmer reinigen, Namensschild abnehmen und neuen Wartenden reinschieben!" Eine neue Nummer, die dann Bett und Schrank meiner Oma übernehmen wird? Inklusive dem Bild von Kassel Wilhelmshöhe natürlich.

Meine Oma lebt seit dem Einzug auf der ersten Etage. Dabei muss man bedenken, dass große Unterschiede - ganze Welten - zwischen der unteren und der ersten Etage liegen. Unten verharrt die Gruppe der „Normalen“. Auf der ersten Etage indes spuken die „Verrückten“ durch die Gänge. Demenz macht sich breit. Lässt jegliche Realität schwinden. In der ersten Etage sind die schwierigen Krankheitsfälle, die nicht mehr alleine können. Bei denen die Verwandtschaft rekapituliert hat. Meine Oma hatte keine Wahl als sie einzog, die Normalenfraktion war komplett ausgebucht, überbelegt, also gehörte sie fortan zu den Verrückten. Und das mit absolut klarem Kopf. Sie kriegt unter anderem jeden Tag Erika mit, wie diese rülpsend in der Ecke sitzt und alle zwei Stunden auf ihre Zigarette wartet. Erika braucht Kontrolle was das Rauchen anbetrifft, ansonsten würde sie alle Zigaretten, die man ihr gibt, aufrauchen. Nächste Woche wollen sie ihr ihr Raucherbein abnehmen, dass mit einem Band fixiert an ihrem Rollstuhl hängt. Leblos und unnütz. Doch darüber lacht sie nur. Schrill. Abwesend. Nur Erika allein weiß, ob diese Nachricht bei ihr ankommt. Manchmal scheint sie da zu sein, manchmal lacht sie nur in sich hinein und sucht nach Ärger und stellt sich den Leuten aufmüpfig mit ihrem Rollstuhl in den Weg. Als ich meine Oma mal wieder mit schlechtem Gewissen nur auf einen Sprung besuche, erzählt Erika aus ihrem Leben. „Verheiratet war ich nie. Mein Freund hat mich im Wäldchen geschwängert, ja, ja, dann habe ich einen Sohn geboren, mein Freund jedoch hat eine andere geheiratet, ja, ja, mein Sohn, der hat schon mit 14 Jahren gesoffen und geraucht und sich dann das Leben genommen.“ Erika lacht. Der Schlaganfall hat ihr Gesicht und ihre Haltung gezeichnet. In sich zusammengesunken kauert sie in leicht schräger Haltung im Rollstuhl. In der rechten Hand hält sie verkrampft tagein tagaus einen rosa Waschlappen. Warum sie diesen habe? Das müsse nunmal so sein, ist ihre kurze Antwort. Ihr linkes Raucherbein ist eingewickelt. Schmerzen habe sie jedoch nicht. Das einzige was Erika interessiert ist die nächste Zigarette um elf Uhr. Bis dahin beschuldigt sie Vorbeigehende, schimpft, rülpst und verschwindet letztlich pünktlich zum Rauchtermin im Fahrstuhl mit einem „Tschüss Schätzchen“. Meine Oma winkt nur müde ab und zuckt mit den Achseln. Sie hasst all die „Verrückten“, aber man muss ja. Und dann muss auch ich wieder Tschüss sagen. Und fühle mich wie immer schuldig, in die normale Welt entfliehen zu können. Meine Oma indes bleibt in ihrem Stuhl am Fahrstuhl zurück. Dort wo sie jeden Tag sitzt und auf Besuch wartet. Besuch, der nur selten kommt und es meist nur eine halbe Stunde im Aufenthalt bis zum Tod aushält. Erinnert das ganze Szenario doch zu sehr an den eigenen leidvollen Abgang. Wie es im schlimmsten Fall sein könnte. Und wie es genau genommen wahrscheinlich sein wird.

Einige Monate später...

Wieder einmal sind einige Wochen und Monate vergangen, seitdem ich das letzte Mal einen Schritt ins Seniorenheim gesetzt habe. Der Beruf lässt es nicht zu und die Entfernung nicht. Eigentlich gute Gründe, doch das schlechte Gewissen bleibt. Seitdem meine Oma im Heim ist, verwehrt sie jeglichen Gebrauch von Fernsehen oder Telefon. Keine Volkstümliche Hitparade mehr, keine kurze Konversation am Apparat. Noch nicht einmal ein Radio lässt sie im Hintergrund spielen. Dabei gehörte der Griff zum Radio zum Morgenritual im Leben meiner Oma. Immer. So lange ich denken kann. Heute raunt sie mich an, wenn ich nachhake: „Keine Lust mehr, damit bin ich überfordert“. Dabei hätte sie nun ausreichend Zeit zu lesen, Radio zu hören, Fernsehen zu gucken. Doch seit ihrem Einzug folgt ihr Lebensrythmus anderen Gesetzmäßigkeiten und Ritualen. Die Vergangenheit hat sie hinter sich gelassen beim Gang in den Aufenthalt bis zum Tod. Was sie tut? Meine Oma wartet. Sie wartet auf das tägliche Essen, den Schlaf und auf ihren Tod. Sterben, ja, sterben möchte sie, das hat sie schon mehrmals geäußert. „Ach, wenn es denn nun schon vorbei wäre“, sagt sie oft vor sich hin, wenn eine Gesprächspause auftritt. „Hör auf!“, ermahne ich sie dann immer. Mehr weiß ich darauf nicht zu sagen. Aufmunternde Worte wollen mir nicht einfallen. Sätze, die mit „du hast“, „du könntest“ anfangen sind an diesem Ort fehl am Platz. Ich kann verstehen, warum man sich hier aufgibt. Lauter Verrrückte, stinkende Gänge, mechanische Hilfe von Schwestern, die mit der Menge an Arbeit überfordert sind. Um Punkt 12 Uhr wird gegessen, dann soll man auf die Toilette, dann gibt es wieder Kuchen und gegen 17 Uhr Abendessen. Dazwischen ein Nichts. Keine Aufgaben, die man mehr zu erfüllen hat, keine Verpflichtungen, keine sozialen Kontakte, man muss nicht Einkaufen, nicht Putzen, nur Sein. Und das reicht oftmals im gebrechlichen Zustand nicht mehr aus. Also warten alle. Sitzen nach und vor den Mahlzeiten in den Gängen, vor den Türen und am Fahrstuhl, denn vielleicht kommt ja einer der wenigen Verwandten vorbei und bescherrt ein paar Minuten Normalität und das Gefühl doch noch gebraucht zu werden.

Der Tag an dem meine Oma das erste Mal flog

Der Tag, an dem meine Oma das erste Mal flog hätte ein schöner sein können. Immerhin hatte sie es in ihren nun schon 87 Jahren nicht einmal dazu gebracht, in einen Flieger zu steigen und ein Stück mehr von der großen weiten Welt zu sehen. Dieses Mal sollte sie jedoch auch nichts sehen. Denn an dem Tag, als meine Oma das erste Mal einen Hubschrauber betrat, sollte der Tag sein, an dem sie mit Hirnbluten ins Spezialkrankenhaus nach Bad Pyrmont eingeliefert wurde. Mich erreichte die Nachricht bei der Arbeit. Ich rief meine Mutter an, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren, es war der 24. September. „Oma geht es nicht gut, sie haben sie ins Krankenhaus geflogen. Sie ist hingefallen.“ Gleich am nächsten Tag fuhr ich mit meiner Tante und meinem Onkel zur Intensivstation. Da lag sie. Das Bild von einer Toten. Keine Zähne im Mund. Die Augen verquollen und vereitert. Ihr Atem rasselte durch eine Bronchitis, die sie schon seit Jahren nicht los wurde. Ein Schlauch steckte festgeklent in ihrer Nase. Ihre Augen wanderten. Die Pupillen rasten im Eiltempo von rechts nach links. Und doch reagierte sie, folgte ihr Kopf unseren Stimmen. Ich erzählte ihr Belangloses, brabbelte vor mich hin, um meine Hilflosigkeit und den Schock zu überspielen. Und in diesem Moment, obwohl sie nichts mitbekommen zu schien, rollten bei ihr die Tränen, rannten sie ihr über ihre geröteten Wangen, und auch ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Jeden Tag verschlimmerte sich ihr Zustand zusehends, jede Minute schien die letzte zu sein. Die Ärzte hatten sie aufgegeben und per Hubschrauber wieder ins Seniorenheim - ihrem "Zuhause" - fliegen lassen. Und da klopften sie auf einmal nach und nach an: all die Verrückten, die Dementen, die all die Zeit nichts mitzubekommen zu haben schienen. Sie unterbrachen ihr Warten und setzten sich neben meine Oma, hielten ihre Hand. Und weinten.

In der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober starb meine Oma, im Zimmer auf der ersten Etage, im Nachthemd mit der Nummer 808. Manchmal überkommt mich der Drang zum Seniorenheim zu fahren, um zu schauen, ob sie nicht noch da sitzt und wartet. Aber das einzige, was ich wahrscheinlich vorfinden würde, wäre eine neue Nummer und das Bild von Kassel Wilhelmshöhe.

Letzte Aktualisierung: 08.05.2008 - 18.43 Uhr
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