Sexlibris
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Wo ist die Grenze zwischen Pornografie und Erotik? Die 30 scharfen Geschichten in diesem Buch wandeln auf dem schmalen Grat.
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Mai 2008
Fort
von Chris Bendig

Du bist fort. Ich streife durch die Wohnung, suche nach Spuren unseres gemeinsamen Lebens, nach kleinen Dingen, die du vergessen hast mitzunehmen.

Leer ist das Fach im Spiegelschrank, in dem du dein Rasierzeug untergebracht hattest. Alleingelassen steht meine Zahnbürste im Becher, und „Nostalgie“ muss ohne „Panama Jack“ auskommen. Die Waschlappen hast du nie benutzt. „Bazillenschleuder“ hast du sie genannt, obwohl ich sie jeden Tag gewechselt habe. So wie jetzt auch.

Hätte ich mich noch mehr bemühen sollen? Die Lappen auskochen, anstatt sie nur bei sechzig Grad zu waschen oder Einmaltücher kaufen, um Diskussionen zu vermeiden? Hättest du dich dann mehr zu Hause gefühlt in meiner Wohnung, besser willkommen geheißen?

Im Flur hängt noch ein Geierposter, das ich zu unserem Jahrestag aufgehängt habe. Du, vom Finanzamt, fandest es witzig, sie zu sammeln, giertest nach den Vögeln in allen Formen. Kleine Geier aus Keramik und Porzellan, ein schwarzer aus Ebenholz, selbst ein Jadegeier waren dein ganzer Stolz, und erst deine, dann auch meine Wohnung füllte sich mit kleinen Tierfiguren. Ich mochte deinen skurrilen Humor, und immer wieder suchte ich die Läden ab, erstaunt über die Vielfalt des Angebotes.
Wie konnte ein so hässlicher Vogel dich mir näher bringen, ein Band werden zwischen dir und mir? Wie soll ich an den Käfigen im Tierpark vorbeigehen, ohne an dich zu denken?

Du bist fort, und ich räume meine Billig-Maschine an den leeren Fleck auf die Arbeitsfläche. „Senseo“ – ich fühle; dass ich nicht lache! Egal, vorbei! Ich krame hinten aus dem Schrank noch ein Paket vom Discounter hervor und schnuppere an dem duftenden braunen Pulver, während ich den Kaffee vorbereite. Altvertrautes Gurgeln begleitet mich bei meinem Gang durch die Wohnung.

Jedes Möbelstück, jeder Gegenstand erzählt unsere Geschichte, an allem haften Erinnerungen, die sich nicht abwischen lassen.
„Was willst du denn mit dem Teewagen?“
„Ich fand ihn schön ... und praktisch.“
„Der passt doch gar nicht zum Rest, und hier steht er im Weg.“
„Aber ... es ist doch meine Wohnung.“
Schweigen.

Hätte ich noch mehr tun können? Wenn ich mich noch mehr angestrengt hätte, wären wir dann glücklich geworden?

„Wie kannst du nur dieses Buch lesen? Auch wenn es alle tun, musst du dabei sein?“
„Ich bin durch Zufall drauf gestoßen, und beim Anlesen war es spannend.“
Ich greife das Buch aus dem Regal, blase den Staub weg und suche die letzte Seite, die ich damals gelesen habe. Dann lege ich es auf dem Sessel ab, stelle eine Duftschale auf den Teewagen, gefüllt mit warmem Wasser und Öl und zünde das Teelicht an. Ich hab sie zu meinem Geburtstag von einer Freundin bekommen und nie benutzt.
„Das ist doch reine Chemie, so ein Öl, und von Kerzen muss ich immer husten.“

Inzwischen ist auch der Kaffee durchgelaufen, und ich gieße mir eine Tasse ein und stelle sie neben der Duftlampe ab. Der herbe Kaffeeduft vermischt sich mit Orange und Weihrauch, kleine Schwaden steigen aus beiden Gefäßen empor.

„Meinst du das ernst?“ Deine Augen erstaunt, deine Stimme ein wenig verärgert.
„Ja, wir haben es lange genug versucht.“
„Das beschließt du jetzt so einfach?“
„Das beschließe ich jetzt so.“ Einfach ist gar nichts dabei.

Du bist fort und hast deine Sachen mitgenommen. Ich kuschele mich in meinen Lieblingssessel, die Beine hochgezogen, wie ich es früher immer gern gemacht habe, das Buch auf meinen Schenkeln, schlürfe den Kaffee und blinzele in das Kerzenlicht. Der altbekannte Raum scheint verändert, und zum ersten Mal seit langer Zeit spüre ich die Enge nicht mehr um meinen Brustkorb. Endlich kann ich wieder atmen. Du bist fort.

Letzte Aktualisierung: 16.05.2008 - 08.59 Uhr
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