Ganz schön bissig ...
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Mai 2008
Ich wünsch Dir trotzdem ...
von Robert Pfeffer

Auf der Fußgängerzone begegnet er mir fast täglich. 
„Ich wünsch Dir trotzdem noch einen schönen Tag“, sagt er immer, wenn ich mal wieder mit dem Kopf schüttele. Der wechselnd bunthaarige junge Mann mit dem prägenden Metall im Gesicht und den zotteligen Haaren, gleich neben dem noch zotteligeren Hund auf der pelzigen Decke, lächelt fast durchweg, wenn er nach dem fragt, was früher mal ne Mark war. Um nicht mit der Tür ins Haus zu fallen, hat diese Gruppe Werktätiger die Fragetechnik umgestellt. Damals wurde nach einem konkreten Betrag gefragt, heute nach Kleingeld.
Weder weiß ich seinen Namen, noch weiß ich sonst was von ihm. Nur dass er eine feste Größe ist auf diesen Pflastersteinen.
Wenn ich nach dem Kopfschütteln seinen Wunsch mit auf den Weg bekomme, dann geht es los. Gut 50 Meter weit. Je-des-mal! 50 Meter, auf denen mein Gehirn und mein Gewissen miteinander Rock `n Roll tanzen. Die zwei proben immer wieder eine Wurffigur, die ich „Innere Zerrissenheit an der Unterkante der Gedankenwolken“ getauft habe. Im alltäglichen Trott des Heimweges vom Büro ertönt direkt vor dem Supermarkt ein nur für mich hörbarer Tusch und das Gehirn tritt als Werfer an, schleudert das Gewissen in die Höhe. Nach getaner Arbeit macht es dezent einen Schritt zur Seite und weigert sich sodann, anschließend auch Fänger zu sein. Sehenden Auges kracht das Gewissen dann gleichermaßen unsanft wie ignoriert auf das Pflaster. Während meine Füße mich weiter tragen, steht der angebliche Verlierer des Wurfversuchs hinter mir und lächelt schon den nächsten um Kleingeld an. Aber erst, wenn ich weiter weg bin und mein auf der Fußgängerzone mit gestauchtem Knöchel und schmerzverzerrtem Gesicht liegendes Gewissen außer Sichtweite ist, kann ich damit beginnen, ihn dafür zu bewundern.
Vorbei am örtlichen Brauhaus, aus dem selbst zu früher Stunde schon manchmal Menschen kommen, die oberflächlich gutsituierter wirken als der Kleingeldfrager und die aus der Nähe betrachtet doch derangiert und gescheiterter wirken, erreiche ich das Haus, in dem ich wohne. Mein Zuhause. Dort angekommen hole ich den Schlüssel aus der Jacke und denke: Beim nächsten Aufeinandertreffen machst Du die Tasche auf. Dann holst Du einfach einen Schein raus und wünscht ihm auch mal einen schönen Tag. Den Wunsch garnierst Du mit einem Teilchen aus der Bäckerei gleich neben seinem Stammplatz.
Welches Zuhause hat wohl der junge Kerl ...?
Zu dieser Frage ging mir kürzlich wieder die Blumenverkäuferin von vor 18 Jahren durch den Kopf. Tochter aus altem Sozialhilfeadel, die immer legal nebenher was verdient und das auch angemeldet hatte. Als sie in mein Büro kam und die staatliche Hilfe abbestellte, weil ihre Geschäfte besser liefen denn je, gab es eine Hilfeakte weniger in der Stadt. Knapp ein Jahr später hatte ich in der Gegend zu tun und machte als Abschluss einen Hausbesuch bei ihr, um zu sehen, wie es ihr ging. Sie lebte in einer Siedlung, die, von jeder Bauaufsicht befreit und vom örtlichen Energieversorger unfreiwillig mit Strom beliefert, direkt unterhalb eines gutfrequentierten Bahndammes lag. Diese Kulisse überdeckte mit ihrem fast unentwegten Quietschen den gelegentlichen Lärm aufdringlich kinderschwenkender Kirchenmänner oder betreten blickender Sozialpolitiker, die sich nur hierhin verirrten, wenn eine Kamera vom Lokalfernsehen sie begleitete. In dieser Mischung aus Schrebergartenkolonie und Favelas schuf die Blumendame mit der Kraft ihres freundlichen Lächelns und großer Beharrlichkeit eine Bleibe, die sie stolz ihren „Palast“ nannte. An der Tür sagte sie mir, dass ich erst der vierte Mensch sei, den sie herein lasse. Die siedlungsübliche Deckenhöhe von gerade mal zwei Metern war gewöhnungsbedürftig, wenn man 1,81 groß ist. Mit der jugendlich modernen Einrichtung und einer offenen Küche konnte und wollte sie nicht verdecken, dass ihr eigentlicher Stolz hinter einer Türe lag, die einen Spalt offen stand. Außer einem mattgrauen Blinken drang aber durch den Schlitz nichts in den Wohnraum. Ich sah wohl immer wieder hin, während sie mir von ihrem Glück erzählte, nicht mehr mein Kunde zu sein, als sie unvermittelt fragte:
„Wollen Sie mal einen Blick hinein werfen? Mein ganzer Stolz. Mein Zuhause!“
„Was ist denn das hier, wenn dort drin Ihr Zuhause liegt?“, fragte ich sie und schwenkte die ausgestreckte Hand über das Sofa hinweg in Richtung Küche.
„Kommen Sie, es gibt Fragen, die beantworten sich von selbst!“
So war es dann auch. Hinter der Standardtür aus dem Baumarkt funkelte mich der blasse Marmor an, den sie vor einigen Wochen in einer sprichwörtlichen Nacht- und Nebelaktion, und damit dem Blick ihrer Nachbarn entzogen, hier herein geschafft und mit Hilfe eines Freundes verarbeitet hatte. Eine Badewanne astronomischen Ausmaßes, geformt wie eine flach abfallende, glattwandige Muschel, in deren Seiten diverse Wasserstrahler und Luftdüsen eingelassen waren. Mit der Hand huschte sie über eine Fläche am Rand der Wanne. Violette Lampen im Boden der Wanne begannen ihr farbsattes Lichtspiel im Konzert mit einigen weißen und die Strahlen der sanft rotierenden Birnchen verschlungen sich ineinander.
„Sie können sich nicht vorstellen, wie es ist, wenn man drin liegt und die Lichter durch das milchige Wasser quirlen!“
Da hatte sie recht, ich konnte es nicht.
„Wenn ich im Blubberwasser liege, dann besteht die Welt aus genau dieser Muschel. Und ich komme mir vor, wie eine Perle.“
Der Nachhall dieser Selbstsicht brachte mir die Frage, was für mich Zuhause ist? Damals, nach dem Einbruch in meine Erdgeschosswohnung fühlte sich für ein paar Wochen nichts wie vorher an. Obwohl ich in meinen wieder gut verschlossenen vier Wänden inmitten meiner Möbel und all der anderen Sachen saß, stellte sich ein Gefühl von Zuhause einfach nicht ein. Wie ein Popel in der Nase, ein kratzendes Wäscheschild im Hemd, ein Steinchen im Schuh, so fühlte ich mich, ... daheim und doch wie ein Fremdkörper. Zuhause, so spekulierte ich damals, ist vielleicht die uneingeschränkte Freiheit der Entscheidung, wann und wo es sich für jeden einfach wie Zuhause anfühlt. Zuhause ist kein Begriff, den irgendein Gesetzbuch konkret in einen Rahmen gießt. Es ist ein Wort, das sich wohltuend individuell gestalten lässt. Es kann überall sein, ganz gleich ob mit Dach über dem Kopf, auf dem Gipfel eines Berges oder in der Muschel eines Marmorbades..
Vielleicht auch auf dem Pflaster einer Fußgängerzone, so genau weiß ich das nicht. Ich muss den jungen Mann unbedingt fragen, wie er das sieht. Auf den 50 Metern, bevor ich ihn erreiche, werde ich den Schein schon in der Hosentasche haben und ihn anlächeln. Wenn es einer verdient hat, dann er.

Letzte Aktualisierung: 01.05.2008 - 22.54 Uhr
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