Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Heidi Eleonora Wiench IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Mai 2008
Der Brief
von Heidi Eleonora Wiench

„Aufstehen, genug geschlafen.“
„Wo bin ich?“
„Du hast die Nacht bei uns verbracht, komm hoch, du musst noch das Protokoll unterschreiben.“
Meine Beine sind schwer wie Blei und mir kommt es vor, als hätte es sich ein Pelztier in meinen Mund gemütlich gemacht.
Ich folge dem Uniformierten den gekachelten Flur entlang. Mein Kopf dröhnt und ich zittre vor Kälte.
Der Wachmann klopft an eine Tür, öffnet sie und schiebt mich in das Zimmer. Benommen stehe ich vor einem Schreibtisch.
„Junger Mann, reißen Sie sich zusammen und setzen Sie sich hin“, sagt der Polizist dahinter, wischt sich Brotkrümel vom Mund und fügt hinzu: „Wir werden noch einmal Ihre Personalien und die Vorkommnisse der letzten Nacht durchgehen, dann unterschreiben Sie das Protokoll und können vorläufig nach Hause.“
Er nimmt ein Formular aus dem Drucker.
Protokoll Nr. 741388 mit heutigem Datum. Personalien Täter: Stephan Richter, geboren 19.10.87, wohnhaft in 20099 Hamburg, Hansaplatz 4, wurde am 20.05. diesen Jahres von einer Polizeistreife in der Strasse Pulverteich 1 festgenommen. Er hatte den Wirt der Gaststätte „Bierbar Rustikal“ tätlich angegriffen, konnte aber von zwei anderen Gästen überwältigt werden welche ihn, der gerufenen Streife, überstellten. Beide Personen stehen als Zeugen zur Verfügung. Der Wirt erlitt einen Nasenbeinbruch und wurde dem Krankenhaus Altona überstellt. Personalien des Opfers sowie der Zeugen, siehe Anhang. Der unter Alkoholeinfluss stehende Stephan Richter wurde in Gewahrsam genommen.
„Ist das bis hierhin richtig?“, dumpf hallt seine Stimme in mir wider.
„Ja, denke schon“, antworte ich, während in meinem Magen ein Boxkampf stattfindet.
„Dann lesen Sie es noch mal durch und wenn alles so der Wahrheit entspricht unterschreiben Sie es“, sagt er, schiebt mir das Papier über den Tisch und beißt, von seinem belegten Brötchen ab.
Mir wird schlecht.
Durch den Schleier vor meinen Augen versuche ich das Geschriebene zu entziffern, doch meine Gedanken schweifen ab.
Nie wollte ich werden wie mein Vater. Bin es am Ende doch geworden?

„Stephan, ich habe die Post mit hoch gebracht, da ist ein Brief für dich dabei“
„Tina, ihr seid schon wieder zurück?! Wie ist die Vorsorgeuntersuchung gelaufen?“, rief ich und stand von meinem Platz am Computer auf, um meine Frau und meine Tochter zu begrüßen.
„Hallo Schatz, gib uns einen Kuss!“, sagte Tina und küsste mich zärtlich. „Es ist alles in Ordnung mit unserem Wonneproppen. Sieht sie nicht hübsch aus!?“
„Ihr seid beide super hübsch, ich liebe Euch, ich bin so glücklich, dass ich euch habe! Ein Brief für mich?“
„Ja, hier ist er…, hast du einen Job gefunden, Stephan?“
„Nein noch nicht, irgendwie braucht im Moment keiner einen Tischler, der gerade seine Ausbildung abgeschlossen hat. Vier Bewerbungen habe ich raus geschickt, ich gebe nicht auf, dass weißt du doch...“, antwortete ich und starrte auf den Umschlag in meiner Hand.
„ Ist alles in Ordnung Schatz, du bist ganz blass?“
„Mach dir keine Sorgen. Ich werde den Brief im Wohnzimmer lesen.“
Niedergeschlagen ließ ich mich in unser altes Sofa fallen und sah mich um.
Das war unser Zuhause. Tina nannte es immer – unser kleines Nest -. Die bunten Blumen auf der Fensterbank strahlten Zuversicht und Freude aus. Es war ein herrlicher Tag heute, voller Sonnenschein und Licht, doch in mir hatte sich Dunkelheit ausgebreitet.


„ Mama…, er darf dich nicht schlagen!“
Wie oft hatte ich diese Worte in meinen ersten fünfzehn Lebensjahren wiederholt, ich wusste es nicht mehr.
Ich war sechs Jahre alt, als mein Vater arbeitslos wurde. Er resignierte völlig, ließ sich gehen und fing an zu trinken. Jede Kleinigkeit, die im nicht passte, ließ er an uns aus. Wenn er sich wieder auf meine Mutter stürzte, sie schlug und beschimpfte, stellte ich mich mutig vor sie. Doch es half nichts, ich war noch zu klein. Er schubste mich einfach weg und wenn das nicht nutzte, bekam ich auch meinen Anteil an den Schlägen ab.
So vergingen die Jahre. Meine Mutter und ich gingen ihm, so gut es ging, aus dem Weg. Jeden Abend saß sie an meinem Bett, sprach beruhigend auf mich ein, doch ich sah ihre Tränen, die sie vor mir zu verbergen versuchte.
Konnte sich ein Mensch an Misshandlungen gewöhnen?
Als ich fünfzehn Jahre alt war, schlug ich zurück. Mein Vater stürzte und brach in Tränen aus. Sofort war meine Mutter da, kniete sich hin und nahm ihn in ihre Arme.
Erst jetzt erkannte ich, dass sie ihn niemals verlassen würde.
Ich musste raus aus diesem Teufelskreis.
Einen Monat später haute ich ab.
Ich schlief unter Brücken oder in Kellereingängen. Bettelte auf der Strasse um etwas Geld und so oft ich konnte rief ich meine Mutter an. Ihre Stimme war immer traurig, doch sie versicherte mir, dass alles in Ordnung sei. Jedes Mal stellte sie mir die gleiche Frage - Wann kommst du nach Hause? -
Ich konnte nicht zurückgehen! Ich konnte es nicht ertragen meine Mutter so erniedrigt zu sehen und ich wollte nicht noch einmal meinen Vater schlagen.
Er war doch mein Vater!
Dann eines Tages, traf ich Tina.
Sie kümmerte sich um die Straßenkids. Brachte ihnen zu Essen und Kleidung und half jedem von ihnen wo sie nur konnte.Wir freundeten uns an. Sie brachte mich in einer Wohngemeinschaft unter und ich half ihr bei der Arbeit auf der Strasse. Tina und ich wurden unzertrennlich.
Nach zwei Jahren zogen wir in eine gemeinsame Wohnung
Es war ein fantastisches Gefühl gebraucht zu werden und helfen zu können.
Meine Mutter rief ich später noch ein einziges Mal an. Sie sollte wissen, wo ich war und, dass es mir gut ging, aber ich bat sie auch, mich nicht anzurufen oder mir zu schreiben. Ich wollte meine eigene Familie gründen. Eine Familie, die ohne Gewalt und Aggressionen leben würde.

Der Briefumschlag in meinen Händen zitterte. Ich setzte mich auf, öffnete ihn und fing an zu lesen.
Lieber Stephan, ich möchte dir mitteilen, dass dein Vater gestorben ist. Der Krebs hat ihn aufgefressen. Ich hoffe, es geht dir gut. Ich weiß, dass du nicht willst, dass ich dir schreibe, doch ich dachte, du solltest es wissen. Bitte melde dich. Ich vermisse dich.
Deine, dich immer liebende Mutter.
„Ich geh kurz spazieren!“ rief ich Tina zu und stürmte aus dem Haus.
Ohne Ziel lief ich durch die Strassen. Die Sonne brannte heiß in meinem Gesicht und mir wurde schwindelig. Was war mit mir los? Warum fühlte ich mich so schuldig? ER hatte uns doch geschlagen, getrunken und uns jahrelang misshandelt!
Ich musste meinen Kopf frei kriegen und ging in eine Kneipe.

„Herr Wirt, geben Sie mir noch ein Bier und einen Korn!“ lallte ich und der Barhocker schwankte unter mir.
„Ich denke Du hast genug. Geh nach Hause und legt dich aufs Ohr, Junge.“
„He, Alter, das kann ich immer noch selbst entscheiden, und außerdem, bin ich nicht Ihr JUNGE“, wütend schwenkte ich den leeren Bierkrug durch die Luft.
„Na komm schon, ich werde Dir ein Taxi rufen und dann raus hier“, der Wirt war um den Tresen herum gekommen und packte mich am Arm.
Ich sprang von meinem Barhocker hoch, der nach hinten umfiel und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. Er strauchelte nach hinten und hielt sich seine blutende Nase.
An mehr konnte ich mich nicht erinnern.
Jetzt war es also doch passiert.
Jetzt bin ich wie er.

Immer noch starrte ich auf das Protokoll.
„Unterschreiben Sie jetzt? Oder finden Sie es so gemütlich bei uns?“, die gleichgültige Stimme des Polizisten holt mich ein. „Na, das hat ja gedauert, dachte schon, Sie können nicht lesen…“, und mit monotoner Stimme fügt er hinzu:„Sie können gehen, Sie werden die Vorladung zur Gerichtsverhandlung per Post bekommen. Hier sind Ihre Sachen.“
Hastig raffe ich meine Brieftasche und mein Telefon zusammen, stopfe alles in meine Jacke und stürze aus dem Polizeirevier.
`Nein, ich darf es nicht zulassen, nie wieder werde ich Alkohol trinken. Ich habe meine…, meine eigene Familie…! Nur eine Person fehlt noch…`
Mit zittrigen Fingern hole ich mein Handy aus der Tasche und wähle.
„Mama.? Ich bin’s! Hast Du Lust, uns morgen zu besuchen? Ich möchte Dir Deine Enkelin vorstellen."

Letzte Aktualisierung: 07.05.2008 - 11.46 Uhr
Dieser Text enthält 7959 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2022 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.