Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Mai 2008
Unverhofft
von Hannelie Fischer

Beim Aufwachen dachte er gleich daran, dass es wieder Freitag war. Das beflügelte ihn, denn sein Leben war eingeteilt in lauter Wochen, die von Freitag bis Montag dauerten. Was dazwischen lag, war warten auf das nächste Erwachen am Freitag. Denn erstens war das der Tag, an dem er seine Lohntüte empfing und zweitens folgten zwei lange, freie Tage. Obwohl er nicht viel Geld bekam, hatte er doch Mühe, es in zwei Tagen weitgehend auszugeben. Zwar hatte er es jedes Mal geschafft, aber es war oft genug nicht einfach gewesen. Er war eigentlich anspruchslos. Und er lebte allein, ein Zustand, den er gern geändert sähe. Vielleicht hatte er sich nicht genügend um jemandes Gunst und Hand bemüht, aber er meinte, es lohne sich nicht, denn sowieso würde ihn keiner wollen. Schnell sprang er aus dem Bett. Er fühlte sich frisch und trank seinen Kaffee wie jeden Freitag nur zum Vergnügen. Sonst tat er es, um einigermaßen wach zu sein. Um Viertel vor acht lief er spritzig genug die Treppe hinunter, zwei, drei Stufen überschlagend – ein Privileg, das er sich an diesem einen Wochentag stets gönnte. Und als er sich gar pfeifen hörte, da war er sicher – es musste ein besonderer Tag sein. Er fühlte sich neu, nicht einmal jung, nur neu, als hätte er lange in einem Schrank gelegen und darauf gewartet, hervorgeholt zu werden, weil etwas Besonderes geschah.
Was er arbeitete, gefiel ihn nicht. Er bemühte sich, nicht daran zu denken. Nach zwanzig Jahren, die er jetzt schon dieselbe Arbeit tat, hatte er sich auch fast daran gewöhnt. Er hätte lieber etwas anderes angefangen, damals, als er mit vierzehn Jahren das erste Mal am Fließband stand. Aber er hatte seinen Eltern geglaubt, als sie sagten, es wäre das Beste, gleich gut zu verdienen und nicht zu viel Zeit zu vergeuden, Dinge zu lernen, die ohnehin niemanden interessierten. Und nun war er zu alt, um noch von Vorne zu beginnen. Aber er schob die trüben Gedanken von sich und ließ sich um die Ecke treiben, wo sein Bus warten würde. Als er um eine Nasenlänge zu spät kam, freute er sich schon gedämpfter und schalt sich einen Narren, sich so hinreißen zu lassen. Er hatte gepfiffen. Und gleich kam schon der erste Schatten, der großen Ereignissen vorauseilt. Als er im nächsten Bus saß, war sein Jubel zu einer normalen Freitagsstimmung zusammen geschrumpft. In der Fabrik erwartete ihn schon ein Brief. Er war nicht so töricht, an eine Gehaltserhöhung zu glauben, aber als er seine Kündigung las und noch einmal las, da war er doch verwirrt. Er sprühte kein Lied mehr. Aber sein Triumph war dennoch groß, weil es wirklich ein besonderer Tag war, dieser Freitag, Freitag, der 13..... Bis dahin las er das Schreiben ein drittes Mal. Und lachte.

Letzte Aktualisierung: 10.05.2008 - 09.54 Uhr
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