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Mai 2008
Vom Weggehen und Ankommen
von Iris Keller

Wir alle wollten weg, Hauptsache weg von Zuhause. Nach 19 Jahren war das Mindesthaltbarkeitsdatum unserer Stadt abgelaufen. Sie war zu klein geworden. Oder sind wir über sie hinausgewachsen? Das Abi in der Tasche, alle Möglichkeiten standen offen. Hauptsache weg.
Etwas Neues musste her, denn die Hirschstraße kannte ich aus Sicht des Kinderwagens, von der Hand der Mama und später vom nächtlichen Nachhauselaufen nach einer Party. Tausend Mal bin ich sie auf und ab gelaufen. Ich wollte nicht mehr Zuhause sein, mein Teppich hatte schon Risse und die Tapete war zerlöchert.
Da waren die immer wiederkehrenden Bräuche. Mamas Plätzchen ödeten mich an, der Tannenbaum sowieso, das Weihnachtskonzert, das meine Schwester und ich stets geben mussten und Papas Fragen, wann wir endlich fertig seien. Weg, Hauptsache weg. Mein eigenes Leben aufbauen. Kein Essen mehr um Punkt sechs. Eigener Kühlschrank, eigener Herd, eigener Rhythmus.
Wir alle zogen los. So weit wie es die Grenzen unseres Horizonts zuließen: Polen, England oder die Fidschi-Inseln.

Wo ist Heimat? Wie wählt man sie? Kriterien wie: Stadt der besten Freundin, Panorama, Einwohnerzahl, Arbeitslosenquote, Amtssprache?
Nicht zu vergessen ist nur: Der Alltag holt jeden ein.

Es kam mir so unwirklich vor, wenn ich an all die Abschiede dachte. Melodramatik war da, in jedem Wort. Wann war das?
Zeit hatte für mich eine andere Bedeutung. Sie zu messen wäre Blödsinn gewesen. Zahlen waren ohne Bedeutung. Verlorene Zeichen im Zeitgefüge.
Ich wusste nicht, wie viel Zeit bereits vergangen war, wie viel noch vor mir lag.
Meine Zeit lief dreifach ab: Einmal das Hier, einmal das Zuhause, einmal das In-Mir.
Meine Gedanken sprangen im Kreis – oder im Dreieck?
Und ich schwebte. Schwebte in mir, zwischen Hier und Zuhause.
Ab wann wird Heimat zur Fremde und umgekehrt?

„Wird Zeit, dass du wieder kommst“, hatte Mama am Telefon gesagt.
Verstohlen wischte ich mir eine Träne ab. Zuviel Melodramatik. Vermissen war nicht cool genug.

Manchmal fügten sich Gesichter nicht mehr zusammen. Ich dachte an die Farbe der Augen, an Haare oder den Schwung der Lippen. Es waren nur noch Fotos an der Wand, keine Gedankenbilder mehr.

Ich schwebte. Schwebte zwischen Gedanken und Zeit, zwischen Heimat und Fremde und mir und mir und mir.
Ich wollte so gern eine Uhr. Eine Uhr mit drei Zeigern: einen für das Hier, einen für das Dort und einen für In-Mir-Drin.

„Wird Zeit, dass du wieder kommst“, sagte Mama am Telefon. Es war Weihnachten.
Wir alle trafen uns wieder. Wieder im alten Zuhause und erzählten von unseren Abenteuern. Von neuen Städten, neuen Freunden, neuen Lieben und neuen Gerüchen.
Wir alle trafen uns wieder und erinnerten uns. Und Fotos wurden wieder zu Gedankenbildern und dann stellte sich etwas Neues ein. Unerwartet: Wir vermissten. Vermissten die Fremde.
Und auf einmal hatte ich meine Uhr gefunden. Und ich schwebte nicht mehr. Und die Zeit lief so wie immer, Ewigkeiten wurden zu Minuten und der Alltag hob seinen Hut. Fremde und Heimat wurden eins. Und umgekehrt. Egal ob auf den Fidschi-Inseln, in England oder Polen: Jeder hatte seine Uhr gefunden, ich hatte sie gefunden. Nicht die Uhr der Fremde, nicht die Uhr Zuhause. Die Uhr in mir, die Uhr, die alles vereinte: Vermissen und Angekommen sein, Gedanken und Zeit, den Geruch gestrichener Wände und zerlöcherte Tapeten.

Letzte Aktualisierung: 18.05.2008 - 17.05 Uhr
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