Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Mai 2008
Zukunftsvision
von Patricia Radda

Wir haben im Keller einen Raum, den Bekannte von mir immer „Meditationsraum" nennen. Er ist kreisrund und ganz weiß ausgemalt. Der Parkettboden sieht schon alt aus, weil wir ihn nie pflegen. An der Wand gibt es Regale und Fächer mit den Namen der Kinder darauf. „Meine" Kinder sitzen mit mir am Boden im Kreis. Auf dem alten, runden Flickenteppich. Vor uns steht ein Teller mit Obst, der fast leer gegessen ist. Nur ein paar einsame Apfelstücke warten im übrig gebliebenen Saft der Orangen. Meine Kinder diskutieren über ein Thema, das sie schon bestimmt ein Dutzend Mal besprochen haben: die Umwelt. Witzigerweise fällt ihnen dazu immer etwas Neues ein. Oder zumindest ein neuer Ansatz. Ich schreibe ihre Hauptargumente mit. Emanuel schreit fast. „Ja, ja, schon klar! Ihr spinnt doch komplett! Außerdem redet die Rosie nur wieder scheinheilig daher! Aber überleg doch mal: Sollen wir deswegen nie mehr Kakao, Kaffee, Schokolade oder Bananen kaufen?!?" Ich muss lachen. „Schade, Bananen mag ich besonders gern." Sie lachen mit mir und beruhigen sich etwas. Später gehen wir hinauf ins Erdgeschoss zum Küchentisch und teilen Pro und Contra in Gruppen. Alle sind dafür, dass man die Umwelt schützen muss. Aber keiner will auf irgendetwas verzichten. Sie einigen sich darauf, dass sie bei diesem wichtigen Thema nicht in Gruppen arbeiten können. Sandro schaut mich streng an und sagt: „Das mit den Gruppen ist ja sonst okay, aber hier hat jeder individuelle Meinungen, die er wenn's geht auch den anderen reindrücken will." Er sagt das ruhig und ernst, außerdem ahmt er meinen Tonfall nach. Und „individuell" ist mein wohl am meisten gebrauchtes Wort. Ich stimme zu, was bleibt mir auch anderes übrig? Emanuel möchte alleine im Liegen auf der Couch im Wohnzimmer schreiben. Ich gebe ihm eine Schreibunterlage und kümmere mich nicht mehr um ihn. Er muss alleine sein, wenn er gerade eine Idee hat. Um seine Gedanken zu ordnen.

Ich überlege. Vor sechs Jahren schon kam seine Mutter zu mir und jammerte, dass er während der ganzen ersten Klasse weder schreiben noch lesen gelernt hätte. Emanuel wollte in den ersten drei Wochen bei mir auch nicht schreiben und lesen. Es hat ihn nicht interessiert. Er hat die ganzen Wortspiele mitgemacht, aber ansonsten wirkte er etwas abwesend und leicht verzweifelt. Ich sprach ihn darauf an. Er sagte: „Das Alphabet ist bestimmt nützlich und so aber schau: Es hat 26 Buchstaben und auch noch Klein- und Großbuchstaben. Das sind 52 Buchstaben und dann hat meine große Schwester auch noch gesagt ich muss dann später noch Schreibschrift lernen das sind dann schon 104 Buchstaben! Das sind doch viel zu viele!" Mir wurde klar, was er die ganze erste Klasse gemacht hatte: gerechnet! An dem Tag setzten wir uns hin und malten zusammen Muster in den Sand des Sandtabletts. Irgendwann, Stunden später schrieb er seinen Namen in den Sand. In Schreibschrift, weil er sie am Schönsten fand.

Pünktlich um halb fünf läutet Rosies Mama an der Haustür. Eines nach dem anderen werden meine Kinder abgeholt. Ich räume auf, sammele die Hefte ein. Jetzt kommt das Schönste. Ich lese alles durch. Emanuel schreibt, wie immer, über Wale. Er baut sie in jede Geschichte ein. Sein Standpunkt ist interessant. „Die Natur bestimmt alles anhand einer einfachen Nahrungskette. Der Mensch zerstört die Natur, weil er in diese Kette eingreift, wann und wo er es gerade will!" Wale sollen Fisch fressen, Menschen können ja schließlich auch Pflanzen essen, und Beeren. Das klingt gut, so habe ich auch immer gedacht. Ich klettere vorsichtig auf die kleine Leiter, die wir immer im Eck stehen haben. Ganz oben im Regal steht ein Karton mit uralten Geschichten von mir. Ich setze mich auf den Boden und erinnere mich. Erste Manuskripte, die ich an Verlage schickte, die erste positive Antwort gleich vom ersten Verlag, die ich aber wieder absagte, weil ich mir den Produktionskostenzuschuss nicht leisten konnte. Eine Geschichte, wie ich in 12 Jahren sein werde. Ich hatte damals gerade die Idee, Kindern kreatives Schreiben beizubringen. Meine Träume damals. Ich wollte Kurse besuchen, die mich dazu berechtigen sollten, Kindern etwas beizubringen oder zumindest zu betreuen. Oh Gott, diese Zeit damals. Ich war glücklich. Aber ich begriff es nicht so recht. Ich hoffte inständig, dass ich immer so viel Glück hatte wie damals gerade. Und ich war unglücklich, weil ich Angst hatte, dass alles bald vorbei geht. Dieses Flehen, das alles noch besser wird. Dankbar und wütend zugleich zu sein, ist nicht so einfach.

Die Haustür ist aufgegangen, mein Freund ist gekommen, ich nehme ihn erst richtig wahr, als er sich hinter mich setzt. Er legt mir vorsichtig die Hände auf den Rücken, auf die Schultern, aber ich erschrecke trotzdem. Er strahlt so viel Wärme aus, obwohl es draußen eiskalt ist. Ich lehne mich an ihn, er schlingt seine Arme um mich, streichelt vorsichtig meinen großen, harten Bauch. Es tut gut, ein fast schon sichtbares Baby zu haben. Und überhaupt- schwanger zu sein hat ungeahnt positive Auswirkungen. Plötzlich ist auch seine Mutter netter zu mir und ich bin nicht mehr die unglaublich böse Beinahe-Schwiegertochter, sondern nur noch ein bisschen verrückt.

Ich räume den Karton wieder ein, er hebt ihn hinauf. Wir gehen in die Küche. Ich schenke Orangensaft in zwei Gläser, er holt etwas von der Kellerstiege. Ich rolle mit den Augen, weil ich denke, er holt sich Bier. Aber er holt eine wunderbare Torte hinauf. Er zündet eine Kerze an und gratuliert mir zum 30.Geburtstag. Er singt sogar Happy Birthday und ich fange zu kichern an, weil es einsam und leise und falsch klingt. Die Torte ist selbst gemacht, allerdings von meinem Vater, denn der ist selbsternannter Weltmeister im Kakaokuchen backen. Später, zum Abendessen, kommen meine Geschwister und meine Eltern. Meine Mutter bringt Lisa mit, das kleine Mädchen aus der Nachbarschaft, das ich nach der Geburt betreut habe. Sie wohnt öfter bei uns als bei ihren Eltern, also tut es gut sie dazuhaben. So oft fühle ich mich einsam, ganz ohne meine vier Geschwister. So groß ist das Haus, so leise. Natürlich genieße ich meistens die Stille, natürlich bin ich froh, manchmal mehr als nur ein kleines Zimmer für mich allein zu haben.

Ist mein Leben besser oder schlechter geworden? Ich weiß es noch nicht, es geht ja immer weiter.

Letzte Aktualisierung: 23.05.2008 - 10.44 Uhr
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