Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
//: âManchmal denke ich, ich bin ein Krebsâ, sagt sie unvermittelt. DrauĂen regnetâs und irgendwie klingt sie ironisch dabei. Er entgegnet nichts.
Was ist auch eine passende Antwort darauf? Manchmal redet sie einfach irgendetwas, er weiĂ nicht, was sie will, wovon sie spricht, obwohl er es vielleicht gern tĂ€te. So nickt er nur und als ihm etwas einfĂ€llt, das er antworten kann, fĂ€llt er ihr ins Wort. Verschmitzt sagt er und findet sich ganz pfiffig dabei:â Aber dein Sternzeichen ist doch Jungfrau.â Sinnend sagt sie: âIch spiele dieselben Töne, vor und zurĂŒck.â Einen bösen, vielleicht sogar enttĂ€uschten Blick spĂ€ter verlĂ€sst sie das Zimmer. Er ruft ihr hinterher: âIch gehe gleich einkaufen. Brauchst du noch etwas Bestimmtes?â, weil ihm nichts einfĂ€llt, was er sonst Sinnvolles sagen könnte. /
Er sitzt am Tisch, ĂŒber die Zeitung gebeugt, als sie ins Zimmer kommt. Im Zweiviertel tanzt sie bis etwa gegen neun, wie immer ein wenig aus dem Tritt. Immer dieselben sechs Schritte, doch stets fehlt ein Takt. Sie spĂŒrt es, ist musikalisch. Er schaut kurz hoch, lĂ€chelt sie an. Wie wenn man ein HĂŒndchen belĂ€chelt, drauĂen vor der BĂ€ckerei. Gleich wird er zum Einkaufen gehen wie jeden Samstag, wird sie fragen. Fragen, ob sie noch etwas Besonderes braucht. Vielleicht tut sie das, aber dafĂŒr mĂŒsste er nicht gehen. Sie zieht den Stuhl zurĂŒck, setzt sich. Schaut aus dem Fenster, vergleicht das FrĂŒher mit dem Heute und sagt: âManchmal denke ich, ich bin ein Krebs.â Sein Gesicht ist blank, so mĂŒssen sie die Rollen tauschen. Die Dame fĂŒhrt, Takt 5 in Vorbereitung. âIch spiele dieselben Töne, vor und zurĂŒck.â Er fĂ€llt ihr ins Wort, sagt etwas Sinnloses. Er kann nicht tanzen, konnte es nie. Wenn beide fĂŒhren, kann man nicht tanzen. Sie erhebt sich und geht, wieder fehlt ein Takt. /
Vor der Anrichte, mit statt des weiĂen heute anderem Geschirr in HĂ€nden, streicht sie mit dem Finger ĂŒber das Muscheldekor am Tellerrand. âIch möchte mal wieder verreisen, ans Meer fahren, hineinspringen, schwimmen, mich treiben lassenâ, sagt sie, wĂ€hrend er, wie jeden Samstag, so wie er es versprochen hat vor langer Zeit und nicht mehr weiĂ, warum, geschĂ€ftig mit KĂŒchentuch und Salzkartoffeltopf hantiert. âSchau, was es heut zu Mittag gibtâ, erwidert er und weiĂ nicht, was im Gesagten wieder Falsches war, als sie sich wortlos setzt und im Schollenfilet stochert, als sei es voller GrĂ€ten. /
Er werkelt mit den Töpfen, geĂŒbte HĂ€nde, den RĂŒcken ihr zugewandt, so bestĂ€ndig, so sicher in dem, was er tut. Ihr schwindelt vom Drehen im Kreis, sie kann es nicht mehr ertragen, immer dieselben Töne, mit Stand der Sonne ist die Tide gestiegen, die Wellen schlagen im FĂŒnfachtel zu Mittag. Sie greift nach dem Geschirr, dem Blauen, denn heute ist ihr nach ein wenig mehr Farbe, vergleicht das Heute mit dem Morgen, sagt: âIch möchte mal wieder verreisen, ans Meer fahren, hineinspringen, schwimmen, mich treiben lassen.â Er ist beschĂ€ftigt, gieĂt die Kartoffeln ab, wedelt den Dampf beiseite mit dem KĂŒchentuch, hat kein GefĂŒhl in den Beinen fĂŒr die Musik, die spielt. Sie holt das Besteck aus der Schublade, schiebt den Stuhl zurĂŒck, setzt sich, stochert in ihrem Fisch, jeder Bissen schmeckt nach tausend GrĂ€ten und wieder fehlt ein Takt. /
Sie hat den Kaffee aufgesetzt. Er betrachtet sie, sie sieht traurig aus. Redet nicht, holt die Kekse aus dem KĂŒchenschrank stattdessen, und das schmerzt. Sie kann mit ihm doch ĂŒber alles sprechen. Warum sagt sie nie, was sie bewegt? Sie gieĂt ihm einen Kaffee ein, nimmt sich selbst einen Teebeutel, als sei sie krank. Dann spricht sie doch und sein Herz klopft, weil er hofft, sie sagt jetzt, was ihr fehlt. âMir ist ein bisschen schwummerig. Der Kreislauf wohl. Oder ich habe einen Sonnenstich. Ich war bis gerade im Garten. Habe die Beete umgegraben und Unkraut gezupft.â Er mustert sie und ist erleichtert, dass es nur das ist und nichts Schlimmeres. /
Er betrachtet sie, als sie ihm einen Kaffee eingieĂt, sein Blick ist verschlossen, als denke er ĂŒber etwas Wichtiges nach, das sie nichts angeht. Jetzt zur Teezeit geht die Melodie noch immer im FĂŒnfachtel, doch das Wasser rauscht ĂŒber sie hinweg, denn sie hat ihren Stand gefunden, ihre Scheren im Boden vergraben. âMir ist ein bisschen schwummerig. Der Kreislauf wohl. Oder ich habe einen Sonnenstich. Ich war bis gerade im Garten. Habe die Beete umgegraben und Unkraut gezupftâ, sagt sie, nur um sich zu vergewissern, dass sie noch da ist. Wieder fehlt ein Takt, aber es ist ihr egal, sie hat sich ins UnabĂ€nderliche gefĂŒgt, hat erkannt, dass sie beide einfach nicht tanzen können. / ://
/ Still. So still. Kurz vor Mitternacht. Verebbte Melodie, bewegungs-, drehungslos.
Der verkrĂŒppelte Walzer schweigt still. Unterbrochen nur von seinen regelmĂ€Ăigen AtemzĂŒgen.
Stillstand. Wie angetĂ€ut. DĂŒmpeln im Hafen. Warten auf klĂ€rendes Wetter. Nur Treibgut auf zu seichter See.
Tanzen. Am Hochzeitstag. Das waren Zeiten. Als man noch sprach. Als man nicht sprechen musste. Weil ohne Worte alles ausgesprochen war.
Leer. So leer. Etwas, er fehlt. Sie streichelt sein Haar. Haucht leicht einen Kuss darauf. âSchatz, wir mĂŒssen redenâ, sagt sie.
âReden und den Walzer zuende tanzen.â /
Letzte Aktualisierung: 27.06.2008 - 20.00 Uhr Dieser Text enthält 5287 Zeichen.