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Juli 2008
Nie wieder
von Sabine Poethke

Haben Sie sich schon einmal überlegt, wie es einer Mutter geht, die ihren straffällig gewordenen Sohn im Gefängnis besucht? Einer Frau, deren Mann dort einsitzt? Oder gar wie sich ein Kind fühlt, das seinen Vater nur dort treffen kann? Ich habe mich mit Betroffenen unterhalten …

„Ich möchte aber nicht namentlich erwähnt werden. Es ist so schon schlimm genug.“ Maria K.* schaut zu Boden. Unruhig rührt sie in ihrem schwarzen Kaffee herum.

Ich habe meinen Block vor mir und schweige sie zuerst abwartend an. „Lassen Sie sich Zeit“, sage ich nach einer Weile. „Und erzählen Sie, was Sie loswerden möchten.“

„Das erste Mal kamen sie morgens, es klingelte so gegen 6 Uhr. Ich lief in den Flur und sah schon, während ich hinunterging, von der Treppe aus durch das kleine Fenster die Polizisten. Mein Gott, dachte ich, was ist denn passiert? Ich öffnete und bevor ich einen Ton sagen konnte, stürmten drei Grüne an mir vorbei. Einer in Zivil hielt mir einen Ausweis und ein rosa Blatt entgegen.
Wo ist das Zimmer ihres Sohnes Mike*? Ist er zu Hause, fragte er, und ich antwortete automatisch: das mittlere, oben.
Sie weckten Mike, durchwühlten sein Zimmer, fanden wohl nicht, was sie gehofft hatten zu finden. Nach fünfzehn Minuten klickten Handschellen.
Wir führen ihn dem Haftrichter vor, hieß es, und einer drückte mir eine Visitenkarte mit einer Telefonnummer in die Hand.
Was hat er denn gemacht, wollte ich wissen. Doch sie antworteten nichts außer: Melden Sie sich dort, wenn Sie Fragen haben. Mein Sohn sagte auch nichts. Er sah mich nicht mal an.“

Ich sehe von meinem Blatt auf, weil Maria K. wieder still ist; ihre Hand zittert, abwesend wischt sie mit ihrem Zeigefinger in einem Kaffeefleck auf dem Tisch herum. Ihre Augen sind ganz rot und schimmern wässrig. Ohne etwas zu sagen schaue ich sie fragend an.

„Er soll andere Jugendliche erpresst und genötigt haben. Handys und Geld hat er angeblich abgezogen. Der Richter wies U-Haft an, setzte sie allerdings unter Auflagen aus. Keinen Kontakt zu Mittätern - wie das Wort schon klingt - und Geschädigten. Eine Nacht verbrachte er in der Zelle, dann durfte ich ihn abholen. Was ist dran, wollte ich wissen. Aber Mike schüttelte nur den Kopf. Warum, fragte ich ihn, aber auch da blieb er stumm. Später dann saßen wir am Tisch und tranken Milchkaffee und er sagte: Es war Scheiße, ich weiß. Aber alles war ich nicht. Kannste glauben, Mutti. Noch mal nicht. Noch mal nicht – garantiert!“

Maria K. kratzt sich verlegen am Hals.

„Eine Woche später standen sie das zweite Mal vor der Tür. Es war wieder zeitig vor dem Aufstehen. Ihr Klingeln riss mich aus dem Schlaf, und als ich ein paar Männer da unten vor der Tür sah, wurde mir ganz heiß. Oh mein Gott, dachte ich, was hat er nun schon wieder gemacht? Vielleicht wollten die Leute aber gar nicht zu Mike, immerhin trugen sie Zivilklamotten … Ich öffnete und ein ruppiger Typ, Marke Italo mit Goldkettchen, wollte mich zur Seite stoßen.
Halt mal, wer sind Sie und was machen Sie hier, fragte ich harsch. Ach, was soll ich lange reden, die erstürmten mir quasi das Haus. Die Handschellen schlossen sich so fest um Mikes Handgelenke, dass er weinte. Und sie führten meinen Jungen ab wie einen Schwerverbrecher.
Hören Sie nicht, dass ihm das Metall in die Handgelenke schneidet, rief ich ihnen nach.
Hättest du ihn erzogen, müssten wir ihn nicht mitnehmen, war die Antwort, die mich traf.
Als ob du als Elternteil mit Erziehung und Reden gegen das Geschwätz von Kumpels bei deinem Kind heutzutage noch ankommst. Wenn ich sage weiß und der Kumpel sagt schwarz – dann ist es schwarz, selbst wenn es wirklich weiß ist. Als Mutter bist du da vollkommen machtlos.
Um meine Selbstachtung nicht zu verlieren und mein Leben von dieser Erniedrigung nicht beeinflussen zu lassen - schließlich war nicht ich straffällig geworden und hatte dies auch nicht von meinem Sohn gewünscht - legte ich Beschwerde beim Abteilungsleiter der Zivilpolizisten ein. Es war mir eine Freude, dem Italo-Goldkettchen-Mann ausrichten zu lassen, dass ich nicht glaubte, dass ihm seine Mutter so ein Benehmen beigebracht habe! ... Das können Sie mir glauben! Aber es änderte nichts an der Tatsache, dass mein Sohn ein Krimineller war.
Was nun folgte war ein tränenreiches halbes Jahr - denn er hatte die Auflagen nicht beachtet und mit den Auflagen eines Richters spielt man nicht - während dessen Verlauf wir ihn alle zwei Wochen in der Untersuchungshaft besuchten. Es war nicht leicht, ihn in den Besucherraum einmarschieren zu sehen. Gewiss nicht. Aber, wenn die Inhaftierten zurück in die Zellen mussten, war das noch schlimmer. Mike ließ meine Hand beinahe nicht los, seinem Vater schaute er immer nur kurz in die Augen und beide hatten mit ihren Tränen zu kämpfen; mindestens so wie ich auch.
Auf der Heimfahrt heulten wir, und ich durfte mir nicht einmal vorstellen, wie es Mike nach unseren Besuchen ging. Hoch und heilig versprach er uns in seinen Briefen und auch bei den Besuchen, dass er nie wieder so etwas Dummes macht.
Das Urteil ergab ein Jahr und sieben Monate auf Bewährung, der Richter sprach von Hoffnung und Chance, und als die Handschellen dieses Mal klickten, war es, weil sie geöffnet wurden. Reumütig stand er da, mein Junge. Und glücklich dazu.
Er lief neben mir zum Auto, durfte gleich mit nach Hause. Erst am kommenden Tag holten wir seine sieben Sachen aus der Justizvollzugsanstalt ab und kehrten ihr damit den Rücken.
Das passiert mir nicht noch einmal, hier will ich nie wieder rein, sagte Mike, und er sah ernst aus dabei.
Das wünsche ich mir für dich, antwortete ich. Eins sag ich dir: Einmal eine neue Chance bekommt jeder von mir. Verhaust du die, hast du meine Unterstützung auch nicht mehr. Ein zweites Mal wirst du mich nicht in der Haftanstalt antreffen – selbst, wenn ich dort nur als Besucher bin, ist es für mich grauenvoll! Das Leben ist nicht ganz so einfach, das merken wir alle irgendwann. Nicht nur schwarz oder weiß. Viel grau ist dabei. Um Erfolg zu haben, musst du etwas leisten. Am besten bei einer Sache, die dir Spaß macht. Das ganze Leben besteht aus Arbeit, Kampf und den Pausen dazwischen. Und diese Zeit musst du dir so angenehm wie möglich gestalten. Genießen. Halt dich an die Regeln der Gesellschaft, an einen gewissen Rahmen der Norm – und du bekommst keine strengeren auferlegt und wirst gezwungen, dich dann an diese zu halten. Sei so frei wie man sein kann.
Mike nickte und steckte sich eine Zigarette an. Ich weiß. Keine Dummheiten machen bringt keine Aufschluss- und Wegschließzeiten mehr. Ich habs kapiert!“

„Was macht ihr Sohn heute? Er scheint ja verstanden zu haben, worauf es ankommt.“ Ich habe fleißig auf meinem Block notiert, was Maria K. erzählt hat. Drei Seiten habe ich vollgekritzelt. Die modisch gekleidete Frau mir gegenüber mit dem dunkelblonden Kurzhaarschnitt trinkt Kaffee. Hmm, macht sie und schluckt. Dann seufzt sie.

„Er sitzt ein. Vier Jahre und sechs Monate Gesamtfreiheitsstrafe. Hat kurz darauf schlimmer weitergemacht als vorher. Dabei hätte jeder geschworen, dass Mike es verstanden hat und es ihm eine Lehre gewesen ist, wenn auch eine harte.“

Sie habe ihn das erste halbe Jahr nicht gesehen, sagt Maria K. mit zitternder Stimme, zu tief saß der Schock. Danach ist sie ihn wieder besuchen gefahren. Sein Vater hat ihn bis heute nicht mehr gesprochen. Sie könne das verstehen, meint sie, und auch wieder nicht. Schließlich seien sie doch seine Eltern und er ihr Kind. Im Moment steht seine Entlassung kurz bevor. Nie wieder will er in den Knast, hat Mike ihr gesagt. So etwas Bescheuertes tut er nicht mehr.
Ich habe verstanden, hat er gesagt.
Und es erinnerte Frau K. beinahe zu sehr an die Worte, die sie von ihm schon beim letzten Mal gehört hatte.

* Die Namen sind von der Autorin frei gewählt und haben keinerlei Bezug zu existierenden Personen
Sabine Poethke

Letzte Aktualisierung: 27.07.2008 - 21.47 Uhr
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