Ganz schön bissig ...
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Juli 2008
Der Rauswurf
von Susanne Ruitenberg

Hans fuhr den Audi auf seinen gewohnten Platz. Vollgetankt, bar aller persönlichen Gegenstände; sogar in der Waschanlage war er gewesen. Umparken sollten sie die Kiste gefälligst selbst. Dagmar würde ihn nachher mit dem Kombi abholen.
Mit einer energischen Handbewegung knallte er die Tür zu und wandte sich Richtung Hauptgebäude. „Vogt Getriebe“ stand in verschnörkelten Neonbuchstaben über dem Eingang. Darunter „Jürgen Vogt KG., Raunheim.“ Jürgen aber lag unter einer dicken Erdschicht und ruhte in Frieden. Sohnemann Patrick, „Practical Patty“, wie er sich selbst nannte, hatte vor achtzehn Monaten den Laden übernommen. Da kam er frisch von der Berufsakademie, den Kopf voll gestopft mit neumodischen Ideen. Masterstudium nannte sich das, eine Farce; nicht mal Diplomarbeiten schrieben die. Was Patrick nicht daran gehindert hatte, alles umzukrempeln: Die Verkaufsgebiete neu sortiert, langjährige Kundenbeziehungen mit einer Handbewegung vom neu aufgehängten Whiteboard gewischt. Vokabeln wie „Area Restructuring“, „Progressive Management“, „Yield Analysis“ hielten Einzug in die Montagsbesprechung – die natürlich jetzt Sales-Meeting genannt wurde. Ob Patty die Begriffe überhaupt selbst verstand?
Der alte Müller am Empfang nickte ihm wie gewohnt zu, als er das Gebäude betrat. Hans grüßte zurück und fuhr mit dem Aufzug in den zweiten Stock. An seinem Büro hing noch das Messingschild: „Hans Meister, Verkaufsleiter.“ Er zog einen Karton unter dem Schreibtisch hervor und sammelte die Reste von über fünfundzwanzig Jahren Arbeitsleben ein. So jung waren sie gewesen, er und Jürgen. Wer weiß, welche Karriere er gemacht hätte, ohne ihre Begegnung an der Fachhochschule. Die gemeinsamen Jahre hätte er jedoch nicht missen wollen.
Hans nahm das Bild von der Wand. Es zeigte ihn und Jürgen, als Vogt Getriebe Zehnjähriges gefeiert hatte; im Hintergrund ein blonder Steppke: Patrick. Er legte es in den Karton, auf die Fotos von Dagmar mit den Kindern. Zum Schluss sammelte er die Pokale von der Fensterbank. „Vogt Kegelabend“ stand auf allen. 1. Platz auf den meisten.
„Ja, die kannst du mitnehmen. Kegeln werden wir mit Sicherheit nicht mehr. Das ist so was von mega out!“
Hans‘ Kopf schnellte herum. Da stand er in der Tür, Patty; durchgestylt, den Blackberry in der Hand, das Blondhaar gestuft, gegelt, einen Dreitagebart im Gesicht.
„Und was führst du Schönes ein? Bungeejumping für die alte Elfriede von der Buchhaltung? Free Climbing in der Fertigung?“
„Deinen Zynismus kannst du dir für Dagmar aufsparen. Weißt du, ich bin froh, dass du nie mit eingestiegen bist. Paps hat es dir ja weiß Gott oft genug angeboten. Ich weiß auch, warum er mich noch die nächsten Jahre bei seinem alten Kumpel Schmitting unterbringen wollte. Damit ihr zwei hier weiter in eurem Sud vor euch hinköcheln und den Fortschritt verpennen könnt. Jeglichen Ehrgeiz hattet ihr beide schon lange verloren. Na ja, man soll nicht schlecht von den Toten reden und so, aber für die Firma war es das Beste, was passieren konnte, wenn du verstehst, was ich meine. Wir können die Globalisierung nicht stoppen, also müssen wir mitschwimmen auf der großen neuen Welle.“
„Und dabei über Leichen gehen?“
„Ach Hans, mach mal halblang. Viele Mittelständler nehmen eine Private Equity Firma mit ins Boot.“
„Die sie ausquetscht wie eine Zitrone und anschließend die leere Schale fallen lässt. Das Angebot von Huber Getriebe …“
Patrick prustete los. „Die wollten sich nur selbst sanieren mit einer Fusion. Ihre marode Fertigung können sie behalten. Nein, Jackson PE ist die richtige Wahl.“
„Wir haben immer nur diesen merkwürdigen Anwalt - wie hieß er gleich? - Kersten gesehen. Der Geschäftsführer heißt Murugan, ich weiß nicht einmal, aus welchem Land der kommt. Firmensitz Cayman Islands, das sagt schon alles!“
„Mag ja sein, aber die Firma ist solide und es sind keine Heuschrecken, auch, wenn du das immer behauptest. Diese kleine Bremsbeläge-Klitsche war fast insolvent, als Jackson sie übernommen hat. Jetzt läuft sie wieder. In zwei Jahren spätestens wird PAT Drives an der Spitze sein.“
„Den alten Namen wirfst du also auch über Bord?“
„Natürlich! Vogt, das klingt nach fünfziger-Jahre-Mief. Schließlich wollen wir international groß raus kommen. Wenn du hier fertig bist, gib einfach deine Schlüssel unten ab. Den Papierkram schicke ich dir. Hab’s eilig, Kersten und Murugan kommen gleich. See you!“ Weg war er. Hans schüttelte den Kopf. Er hatte diesen Kerl als Kind auf den Knien gewiegt, und jetzt das!
Es klopfte am Türrahmen.
„Dieter, komm rein.“
„Hans, ich hab‘ gehört, was dieser Schnösel dir alles an den Kopf geworfen hat. Das ist eine Frechheit, dich nach fünfundzwanzig Jahren – ich meine, das ist gar nicht erwiesen, dass der Abrechnungsfehler von dir kam. Hör mal, ich kenne einen tollen Arbeitsrichter, der könnte …“
Hans legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Lass gut sein. Was soll das bringen? Wieder einstellen würde er mich sowieso nicht.“
„Ja, aber du bekämst eine Abfindung.“
„Die er dann an eurem Urlaubsgeld wieder einspart. Ich brauche kein Geld, wir haben die kleine Erbschaft von Dagmar, und ich habe verschiedene Ideen.“
„Wenn du meinst.“
„Ja. Außerdem vergisst er eines, unser lieber Juniorchef: Man sieht sich im Leben immer zwei Mal.“
Dieter runzelte die Stirn, als müsse er ein schweres mathematisches Problem lösen. Fast schüchtern streckte er die Hand aus. „Wie dem auch sei. Hans, ich wünsche dir alles Gute. Und vergiss nicht, wenn ich was tun … ich meine, du kannst mich immer anrufen.“
„Danke, Dieter. Leb wohl.“
Hans nahm seinen Karton unter den Arm und schlurfte den Flur entlang. Aus allen Zimmern kamen sie, viele langjährige Kollegen. Einen Ausstand hatte er nicht gegeben. Keiner sagte etwas, sie starrten ihn an, als wäre er ein Aussätziger. Er beschleunigte seine Schritte. Erst im Foyer merkte er, dass er die Luft angehalten hatte, und stieß sie mit einem Seufzen aus. Ein letztes Mal nickte er Müller zu und ging durch die altmodische Drehtür. Dagmar stand schon auf dem Besucherparkplatz. Er warf den Karton auf den Rücksitz und stieg ein. Sie drehte ihren Kopf zu ihm und gab ihm einen Kuss. „Alles klar?“
„Ja. Ab in die Metropole.“
Sie rauschten auf der A3 entlang, die Skyline mit dem Messeturm kam in Sicht. Dagmar lenkte den Wagen nach Sachsenhausen und parkte in der Tiefgarage. Mit dem Aufzug fuhren sie in den sechsten Stock. Die Tür hatte kein Firmenschild. Dagmar tippte den Code und sie traten ein. Hinter zwei Umzugskartons kam Marion zum Vorschein. „Hallo Paps. Wir sind fast fertig. Sorry für das Chaos …“
„Lass gut sein, das Auspacken läuft dir nicht weg.“
Gemeinsam schlängelten sie sich den Flur entlang zum Konferenzraum. Auf der Leinwand lief eine Power Point Präsentation mit bunten Diagrammen und hübschen Fotos in einer Endlosschleife. Sie nahmen Platz und warteten.

Eine halbe Stunde später summte der Türöffner. Jonas Murugan betrat den Raum. Hans sprang auf. „Na, Bruderherz, wie lief es?“
Jonas grinste und deutete hinter sich. „Lass es dir von Vetter Petter berichten. Anwälte sind besser im Labern.“
Peter Kersten stürmte hinein und warf seine Aktenmappe auf den Tisch. „Hol den Sekt!“
„Er hat unterschrieben?“
„Ja, Hans, Practical Patty hat unterschrieben. Er ist draußen. Er weiß es nur noch nicht.“
Hans warf sich in einen der bequemen Ledersessel und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Meine Lieben, ich möchte mich selbst für den Oscar für die beste schauspielerische Leistung vorschlagen. Du, Peter, bekommst ihn für die Planung und was dich betrifft, Jonas“, er zwinkerte ihm zu, „ich werde nie wieder darüber lästern, dass du bei der Hochzeit Lakshmis Namen angenommen hast. Ich danke euch allen.“
Dagmar schob einen Teewagen mit Sektgläsern und kalten Platten herein.
Hans nahm ein Glas und hob es in die Höhe. „Wir stoßen an auf die Gründung der deutschen Filiale von Jackson PE, vormals Cayman Islands. Auf Niedler Bremsbeläge, die ein gutes Übungsobjekt waren.“
Bevor er weitersprechen konnte, tippte Dagmar ihr Glas gegen seines und rief: „Last but not least sprechen wir einen Toast aus auf den neuen Geschäftsführer von Vogt Getriebe, und möge die Firma noch lange zum jährlichen Kegelturnier rufen.“
Hans nippte an seinem Sekt, sah in die Runde und kicherte plötzlich los. „Ich habe ja immer gesagt, dass diese Masterstudien nichts taugen.“

Letzte Aktualisierung: 27.07.2008 - 16.21 Uhr
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